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Sternengeschichten 130-249, Folge 136 – Astronomische Nobelpreise

Folge 136 – Astronomische Nobelpreise

Folge 136 – Astronomische Nobelpreise.

Der Nobelpreis gilt als wichtigste Auszeichnung in der Wissenschaft; als der Preis, der das meiste Ansehen bringt und für die bedeutendsten Erkenntnisse verliehen wird. Wenn es in der Wissenschaft überhaupt so etwas wie echte Promis gibt, dann gehören die Nobelpreisträger auf jeden Fall dazu. Andererseits ist der Rummel um die Nobelpreise vielleicht auch ein wenig übertrieben. Denn es gibt sehr viele wichtige wissenschaftliche Leistungen und vor allem viele bedeutende Forscherinnen und Forscher, die nicht ausgezeichnet worden sind und vermutlich werden ebenso viele auch in Zukunft nie für ihre wichtigen Beiträge ausgezeichnet werden. Das liegt an den Regeln, die für die Preisverleihung gelten und die zu einer Zeit aufgestellt worden sind, als die Wissenschaft noch ein wenig anders ablief als heute.

Der Nobelpreis heißt nicht so, weil er besonders nobel ist, sondern weil er vom schwedischen Erfinder und Industriellen Alfred Nobel gestiftet worden ist. Nobel wurde reich, weil er das Dynamit erfand. Im 19. Jahrhundert nutzte man im Bergbau für Sprengungen Nitroglycerin und das war enorm gefährlich. Es reichten schon geringste Erschütterungen, um es zur Explosion zu bringen und bei seinem Einsatz und seinem Transport starben regelmäßig viele Menschen. Nobel fand nach vielen Experimenten eine Möglichkeit, das flüssige Nitroglycerin so mit anderen Stoffen zu mischen, dass eine Masse entstand, die sich leicht und ungefährlich transportieren ließ, aber trotzdem mit großer Wucht gezielt zur Explosion gebracht werden konnte: Das Dynamit.

All das Geld, das er mit dieser Erfindung im Laufe seines Lebens verdient hatte, vermachte er nach seinem Tod einer speziellen Stiftung. Das Geld sollte gewinnbringend angelegt werden und mit den Zinsen sollte jedes Jahr ein Preis finanziert werden. In seinem Testament erklärte Nobel genau, wer diesen Preis bekommen sollte und warum:

“Mit meinem verbleibenden realisierbaren Vermögen soll auf folgende Weise verfahren werden: das Kapital, das von den Nachlassverwaltern in sichere Wertpapiere realisiert wurde, soll einen Fonds bilden, dessen Zinsen jährlich als Preis an diejenigen ausgeteilt werden sollen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben. Die Zinsen werden in fünf gleiche Teile aufgeteilt: ein Teil an denjenigen, der auf dem Gebiet der Physik die bedeutendste Entdeckung oder Erfindung gemacht hat; ein Teil an denjenigen, der die wichtigste chemische Entdeckung oder Verbesserung gemacht hat; ein Teil an denjenigen, der die wichtigste Entdeckung in der Domäne der Physiologie oder Medizin gemacht hat; ein Teil an denjenigen, der in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert hat; und ein Teil an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat. (…) Es ist mein ausdrücklicher Wille, dass bei der Preisverteilung die Zuteilung nicht an irgendeiner Nationalität festgemacht wird, so dass der Würdigste den Preis erhält, ob er Skandinavier sei oder nicht.”

Die Verwandtschaft von Nobel war natürlich nicht besonders begeistert darüber – vor allem, weil sie selbst leer ausging und nichts vom Vermögen abbekamen. Auch der schwedische König Oskar II kritisierte den Preis stark, weil er nicht wollte, das er an Ausländer verliehen werden kann. Aber am Ende wurde das Testament anerkannt, die Nobelstiftung wurde im Jahr 1900 gegründet und seitdem werden jedes Jahr die heute berühmten Preise verliehen. Beziehungsweise fast jedes Jahr, denn in der Zeit vom Beginn des 1. bis zum Ende des 2. Weltkriegs wurde die Preisverleihung oft ausgesetzt und der Friedensnobelpreis wurde auch danach noch öfter nicht verliehen, da man sich auf keine passenden Kandidaten einigen konnte.

Über die Auswahl der Kategorien wurde schon von Anfang an diskutiert. Es gibt drei Preise für Naturwissenschaften: Physik, Chemie und Medizin bzw. Physiologie. Dazu noch einen Preis für Literatur und einen für den Frieden. Warum Nobel sich gerade für diese fünf Bereiche entschieden hat, ist bis heute nicht klar. Schon von Jugend an hat er sich sehr für Literatur interessiert und vor seinem Tod sogar selbst ein Theaterstück verfasst. Außerdem war ein überzeugter Gegner des Kriegs und kommunizierte intensiv mit der Friedensaktivistin Bertha von Suttner. Dass er sich also entschied, friedensschaffende Aktivitäten und Literatur auszuzeichnen erscheint nicht überraschend. Aber warum er von all den verschiedenen Naturwissenschaften gerade Physik, Chemie und Medizin ausgewählt hat und andere wie Biologie, Astronomie oder Mathematik ignoriert hat, bleibt unbekannt.

Es hält sich zwar hartnäckig das Gerücht, dass Nobel einmal in eine Frau verliebt war, die ihn wegen eines Mathematikers verlassen hat bzw. das Nobels Frau ihn mit einem Mathematiker betrogen hat. Aber das sind wirklich nur Gerüchte – und Nobel war nicht einmal verheiratet. Nobels Entscheidung war vermutlich rein persönlich und Chemie, Physik und Medizin waren für ihn diejenigen Wissenschaften, in denen er am meisten Potential sah, der Menschheit den meisten Nutzen zu bringen. Das war damals auch durchaus verständlich. Heute wird unser Alltag massiv von den Erkenntnissen der Biologie und der Genetik bestimmt; auch die Astronomie und Geophysik spielen eine wichtige Rolle, zum Beispiel wenn es um Raumfahrtechnik und all ihre Auswirkungen auf die Kommunikation geht oder die Erdbeobachtung aus dem All und ihre Erkenntnisse zu Umweltverschmutzung und Klimawandel. Aber damals dominierten Physik und Chemie und Astronomie und Biologie mussten erst auf die technischen Errungenschaften des nächsten Jahrhunderts warten, um ihr ganzes Potential entfalten zu können.

Die Erkenntnisse der modernen Biologie werden mittlerweile oft im Rahmen des Chemie oder Medizin-Nobelpreises gewürdigt und Astronomen sind unter den Preisträgern für Physik zu finden. Nur die Mathematiker gehen immer noch leer aus (haben aber dafür ihre eigenen bedeutenden Preise, wie zum Beispiel die Fields-Medaille).

Bis sich das Nobelkomitee aber dazu durchgerungen hatte, auch Astronomie zu berücksichtigen, dauerte es ein wenig. Einer, der so einen Preis auf jeden Fall verdient hätte war Edwin Hubble. Seine Entdeckung, dass das Universum viel größer ist als man dachte und nicht nur aus unserer eigenen Galaxie besteht und sich außerdem auch noch ausdehnt gehört zu den bedeutendsten Leistungen des 20. Jahrhunderts. Hubble selbst setzte sich auch immer sehr dafür ein, dass auch Astronomen einen Nobelpreis erhalten können. Aber als es dann im Jahr 1953 endlich so weit war, starb er und konnte den für ihn vorgesehenen Preis nicht mehr entgegen nehmen. Denn eine der vielen Regeln der Nobelstiftung besagt, dass ein Preis nicht posthum verliehen werden kann.

Seit damals wurden aber immerhin 14 Astronomen mit dem wichtigen Preis ausgezeichnet. 1974 bekamen die britischen Astronomen Astronomen Martin Ryle und Antony Hewish den Preis für ihre grundlegenden Arbeiten zur Radioastronomie. Ryle leitete eine Arbeitsgruppe, die einen Katalog von Radioquellen im Universum erstellte und dabei auch die Quasare entdeckte, über die ich schon in Folge 52 ausführlich gesprochen habe. Mit der von dieser Gruppe entwickelten Technik war es möglich, die Position der Radioquellen extrem genau zu bestimmen. So gelang es auch Ende der 1960er Jahre den ersten Pulsar zu entdecken und zu lokalisieren. Diese Leistung brachte Ryle und Hewish den Nobelpreis ein und die Entscheidung des Komitees wird bis heute kritisiert, weil dabei der wichtige Beitrag der Studentin Jocelyn Bell übergangen wurde, die die eigentliche Entdeckerin des ersten Pulsars war.

Vier Jahre später, im Jahr 1978 wurde der Physik-Nobelpreis an die Amerikaner Arno Penzias und Robert Wilson verliehen. Sie erbrachten mit ihrem Radioteleskop den ersten Nachweis für die Existenz der kosmischen Hintergrundstrahlung und konnten so das damals immer noch umstrittene Urknallmodell bestätigen. Auch diese Preisverleihung wurde und wird allerdings kritisiert: Denn Penzias und Wilson haben die Hintergrundstrahlung zwar tatsächlich entdeckt; es war ihnen aber lange nicht klar, WAS sie da entdeckt hatten. Die Arbeit der Physiker und Astronomen, die zuvor die entsprechenden Theorien entwickelt haben und die die Beobachtung dann auch erklären konnten, wurde nicht gewürdigt.

1983 gab es den nächsten Preis für astronomische Forschung. Der Inder Subrahmanyan Chandrasekhar bekam den Preis für seine unbestritten fundamentalen und wichtigen Beiträge zum Verständnis der Entwicklung von Sternen. Er teilte sich den Preis mit dem Amerikaner William Fowler, der ebenso fundamentale und wichtige Arbeit leistete und erklären konnte, wie im Inneren von Sternen bei der Kernfusion die verschiedenen chemischen Elemente entstehen. Diese Arbeit machte Fowler aber nicht alleine sondern gemeinsam mit Margaret Burbidge und ihrem Ehemann Geoffrey Burbidge und dem berühmten Astronomen Fred Hoyle, den ich in Folge 22 der Sternengeschichten ausführlich vorgestellt habe. Die drei gingen allerdings leer aus.

Das lag unter anderem auch daran, dass ein Nobelpreis nie an mehr als drei Personen verliehen werden kann. Im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert mag diese Regelung noch Sinn gemacht haben, aber heute findet Forschung fast immer nur im Team statt und wichtige Erkenntnisse werden kaum noch von Einzelpersonen ohne irgendwelche Unterstützung gemacht. Das sieht man vor allem bei den aktuellen Preisen sehr gut. Bevor ich aber dazu komme, muss ich noch kurz die astronomischen Preise aus den Jahren 1983 und 2002 erwähnen. 1983 wurden Russell Hulse und Joseph Taylor ausgezeichnet. Sie beobachteten den Doppelpulsar PSR 1913+16 und konnten zeigen, dass sich der Abstand zwischen diesen beiden Himmelskörpern exakt so verändert, wie er es nach den Vorhersagen der allgemeinen Relativitätstheorie tun sollte. Die sagt ja die Existenz von Gravitationswellen vorher, die immer entstehen, wenn sich schwere Massen durch den Raum bewegen und ihn dabei verformen. Durch die Abgabe dieser Wellen verlieren die Himmelskörper Bewegungsenergie und kommen sich näher und genau das konnten Hulse und Taylor messen. Der Preis des Jahres 2002 wurde für eine eher technische Leistung vergeben, die aber nicht minder wichtig war: Riccardo Giaconi bekam ihn für seine Arbeit bei der Entwicklung von Teleskopen und Satelliten mit denen sich Röntgenstrahlung im Weltall beobachten ließ. Die Röntgenastronomie ist heute ein unverzichtbarer Teil der astronomischen Forschung und vieles, was wir zum Beispiel über schwarze Löcher oder die Entwicklung von Galaxien wissen, wissen wir nur dank der Instrumente, an deren Bau Giaconi beteiligt war.

Das war er aber nicht alleine; genau so wenig wie die beiden Preisträger des Jahres 2006 alleine für die Erkenntnisse des COBE-Satelliten verantwortlich waren. In diesem Jahr bekamen John Mater und George Smoot den Physik-Nobelpreis für die Beobachtung der kosmischen Hintergrundstrahlung vom Weltall aus verliehen und für die Bestätigung, dass diese Strahlung tatsächlich genau die kleinen Variationen aufweist, die vom Urknallmodell vorhergesagt werden. An so einem Projekt wie dem COBE-Satelliten arbeiten hunderte Menschen mit und auch die wissenschaftliche Arbeit in der die nobelpreiswürdige Entdeckung verkündet wurde, hat neben George Smoot auch noch 28 weitere Autoren. Aber den Preis dürfen eben nur höchstens drei Leute bekommen.

In der Teilchenphysik, die vom Nobelkomitee besonders oft ausgezeichnet wird, ist das besonders dramatisch. Neue und wichtige Entdeckungen können hier mittlerweile fast nur noch mit riesigen Teilchenbeschleunigern gemacht werden, an denen Teams die aus mehreren tausend Leuten bestehen können, arbeiten. Als im Jahr 2013 die beiden theoretischen Physiker Francois Englert und Peter Higgs für ihre Arbeit zum Higgs-Mechanismus ausgezeichnet wurden, war das zwar absolut gerechtfertigt, aber auch ein wenig seltsam. Denn einerseits lag die Arbeit, die sie auf diesem Gebiet geleistet hatten, schon Jahrzehnte zurück. Und ihre Vorhersagen konnten nur deswegen bestätigt und damit mit einem Preis ausgezeichnet werden, weil tausende Wissenschaftler am großen Beschleuniger LHC jahrelang geforscht und gearbeitet hatten, bis der Nachweis des Higgs-Teilchens schließlich gelang. Eigentlich hätte das komplette Europäische Kernforschungszentrum CERN den Preis verdient. Aber obwohl beim Friedensnobelpreis regelmäßig Organisationen wie der Weltklimarat, die Europäische Union oder die Internationale Atomenergie-Organisation ausgezeichnet werden, können bei den Wissenschaftspreisen weiterhin nur Einzelpersonen gewürdigt werden.

Auch die lange Wartezeit, die zwischen einer wissenschaftlichen Leistung und ihrer Auszeichnung vergeht, kann durchaus kritisiert werden. Eigentlich hatte Nobel in seinem Testament ja explizit gesagt, dass die Preise “an diejenigen ausgeteilt werden sollen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben”. “Im vergangenen Jahr” – und nicht “irgendwann vor vielen Jahrzehnten”. Natürlich hat sich auch hier die Realität der Forschung verändert und es ist heute eben nicht immer sofort absehbar, welche wissenschaftlichen Resultate sich irgendwann als enorm bedeutsam herausstellen und welche nicht. Gerade die physikalische Grundlagenforschung offenbart ihre revolutionären Anwendungsmöglichkeiten oft erst lange später. Aber wenn das Nobelkomitee in diesem Fall bereit ist, den Wortlaut des Testaments zu ignorieren, dann könnte sie das ja auch anderweitig tun und nicht mehr nur wenige Einzelpersonen aus großen Forscherteams auswählen.

Das passierte auch beim letzten Mal, als ein Nobelpreis für astronomische Entdeckungen verliehen wurde. Im Jahr 2011 bekamen Saul Perlmutter, Adam Riess und Brian Schmidt den Physik-Preis für die Entdeckung, dass sich das Universum immer schneller und immer schneller ausdehnt, anstatt langsamer zu werden, wie man bis dahin dachte. Was die Ursache für diesen Effekt, den man “dunkle Energie” nennt (und den ich Folge 26 der Sternengeschichten ausführlich erklärt habe) ist, weiß man zwar immer noch nicht aber die Entdeckung war durchaus bedeutend genug, um gewürdigt zu werden. Aber auch hier waren natürlich viel mehr Leute als nur die drei Preisträger beteiligt.

Über die Nobelpreise wird sicherlich auch in Zukunft weiter gestritten werden. Aber auch das macht einen Teil des Reizes aus, der von dieser Auszeichnung ausgeht. Gerade weil die Vergabekriterien nicht immer logisch sind und von all den verdienstvollen Entdeckungen nur ein kleiner Teil tatsächlich gewürdigt werden kann, ist der Rummel um diejenigen, die ihn dann tatsächlich erhalten, um so größer. Die Astronomie war jedenfalls seit 2011 nicht mehr an der Reihe. Aber wer weiß: Das kann sich schon bei der nächsten Preisverleihung ändern…


Folge 136 – Astronomische Nobelpreise Episode 136 - Astronomical Nobel Prizes Episodio 136 - Premios Nobel de Astronomía

Folge 136 – Astronomische Nobelpreise.

Der Nobelpreis gilt als wichtigste Auszeichnung in der Wissenschaft; als der Preis, der das meiste Ansehen bringt und für die bedeutendsten Erkenntnisse verliehen wird. Wenn es in der Wissenschaft überhaupt so etwas wie echte Promis gibt, dann gehören die Nobelpreisträger auf jeden Fall dazu. Andererseits ist der Rummel um die Nobelpreise vielleicht auch ein wenig übertrieben. Denn es gibt sehr viele wichtige wissenschaftliche Leistungen und vor allem viele bedeutende Forscherinnen und Forscher, die nicht ausgezeichnet worden sind und vermutlich werden ebenso viele auch in Zukunft nie für ihre wichtigen Beiträge ausgezeichnet werden. Das liegt an den Regeln, die für die Preisverleihung gelten und die zu einer Zeit aufgestellt worden sind, als die Wissenschaft noch ein wenig anders ablief als heute.

Der Nobelpreis heißt nicht so, weil er besonders nobel ist, sondern weil er vom schwedischen Erfinder und Industriellen Alfred Nobel gestiftet worden ist. Nobel wurde reich, weil er das Dynamit erfand. Im 19. Jahrhundert nutzte man im Bergbau für Sprengungen Nitroglycerin und das war enorm gefährlich. Es reichten schon geringste Erschütterungen, um es zur Explosion zu bringen und bei seinem Einsatz und seinem Transport starben regelmäßig viele Menschen. Nobel fand nach vielen Experimenten eine Möglichkeit, das flüssige Nitroglycerin so mit anderen Stoffen zu mischen, dass eine Masse entstand, die sich leicht und ungefährlich transportieren ließ, aber trotzdem mit großer Wucht gezielt zur Explosion gebracht werden konnte: Das Dynamit.

All das Geld, das er mit dieser Erfindung im Laufe seines Lebens verdient hatte, vermachte er nach seinem Tod einer speziellen Stiftung. Das Geld sollte gewinnbringend angelegt werden und mit den Zinsen sollte jedes Jahr ein Preis finanziert werden. In seinem Testament erklärte Nobel genau, wer diesen Preis bekommen sollte und warum:

“Mit meinem verbleibenden realisierbaren Vermögen soll auf folgende Weise verfahren werden: das Kapital, das von den Nachlassverwaltern in sichere Wertpapiere realisiert wurde, soll einen Fonds bilden, dessen Zinsen jährlich als Preis an diejenigen ausgeteilt werden sollen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben. Die Zinsen werden in fünf gleiche Teile aufgeteilt: ein Teil an denjenigen, der auf dem Gebiet der Physik die bedeutendste Entdeckung oder Erfindung gemacht hat; ein Teil an denjenigen, der die wichtigste chemische Entdeckung oder Verbesserung gemacht hat; ein Teil an denjenigen, der die wichtigste Entdeckung in der Domäne der Physiologie oder Medizin gemacht hat; ein Teil an denjenigen, der in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert hat; und ein Teil an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat. (…) Es ist mein ausdrücklicher Wille, dass bei der Preisverteilung die Zuteilung nicht an irgendeiner Nationalität festgemacht wird, so dass der Würdigste den Preis erhält, ob er Skandinavier sei oder nicht.” (...) It is my express will that the awarding of the award is not tied to any nationality, so that the most worthy receives the award whether he is Scandinavian or not. "

Die Verwandtschaft von Nobel war natürlich nicht besonders begeistert darüber – vor allem, weil sie selbst leer ausging und nichts vom Vermögen abbekamen. Auch der schwedische König Oskar II kritisierte den Preis stark, weil er nicht wollte, das er an Ausländer verliehen werden kann. Aber am Ende wurde das Testament anerkannt, die Nobelstiftung wurde im Jahr 1900 gegründet und seitdem werden jedes Jahr die heute berühmten Preise verliehen. Beziehungsweise fast jedes Jahr, denn in der Zeit vom Beginn des 1. bis zum Ende des 2. Weltkriegs wurde die Preisverleihung oft ausgesetzt und der Friedensnobelpreis wurde auch danach noch öfter nicht verliehen, da man sich auf keine passenden Kandidaten einigen konnte.

Über die Auswahl der Kategorien wurde schon von Anfang an diskutiert. Es gibt drei Preise für Naturwissenschaften: Physik, Chemie und Medizin bzw. Physiologie. Dazu noch einen Preis für Literatur und einen für den Frieden. Warum Nobel sich gerade für diese fünf Bereiche entschieden hat, ist bis heute nicht klar. Schon von Jugend an hat er sich sehr für Literatur interessiert und vor seinem Tod sogar selbst ein Theaterstück verfasst. Außerdem war ein überzeugter Gegner des Kriegs und kommunizierte intensiv mit der Friedensaktivistin Bertha von Suttner. Dass er sich also entschied, friedensschaffende Aktivitäten und Literatur auszuzeichnen erscheint nicht überraschend. Aber warum er von all den verschiedenen Naturwissenschaften gerade Physik, Chemie und Medizin ausgewählt hat und andere wie Biologie, Astronomie oder Mathematik ignoriert hat, bleibt unbekannt.

Es hält sich zwar hartnäckig das Gerücht, dass Nobel einmal in eine Frau verliebt war, die ihn wegen eines Mathematikers verlassen hat bzw. das Nobels Frau ihn mit einem Mathematiker betrogen hat. Aber das sind wirklich nur Gerüchte – und Nobel war nicht einmal verheiratet. Nobels Entscheidung war vermutlich rein persönlich und Chemie, Physik und Medizin waren für ihn diejenigen Wissenschaften, in denen er am meisten Potential sah, der Menschheit den meisten Nutzen zu bringen. Das war damals auch durchaus verständlich. Heute wird unser Alltag massiv von den Erkenntnissen der Biologie und der Genetik bestimmt; auch die Astronomie und Geophysik spielen eine wichtige Rolle, zum Beispiel wenn es um Raumfahrtechnik und all ihre Auswirkungen auf die Kommunikation geht oder die Erdbeobachtung aus dem All und ihre Erkenntnisse zu Umweltverschmutzung und Klimawandel. Aber damals dominierten Physik und Chemie und Astronomie und Biologie mussten erst auf die technischen Errungenschaften des nächsten Jahrhunderts warten, um ihr ganzes Potential entfalten zu können.

Die Erkenntnisse der modernen Biologie werden mittlerweile oft im Rahmen des Chemie oder Medizin-Nobelpreises gewürdigt und Astronomen sind unter den Preisträgern für Physik zu finden. Nur die Mathematiker gehen immer noch leer aus (haben aber dafür ihre eigenen bedeutenden Preise, wie zum Beispiel die Fields-Medaille).

Bis sich das Nobelkomitee aber dazu durchgerungen hatte, auch Astronomie zu berücksichtigen, dauerte es ein wenig. Einer, der so einen Preis auf jeden Fall verdient hätte war Edwin Hubble. Seine Entdeckung, dass das Universum viel größer ist als man dachte und nicht nur aus unserer eigenen Galaxie besteht und sich außerdem auch noch ausdehnt gehört zu den bedeutendsten Leistungen des 20. Jahrhunderts. Hubble selbst setzte sich auch immer sehr dafür ein, dass auch Astronomen einen Nobelpreis erhalten können. Aber als es dann im Jahr 1953 endlich so weit war, starb er und konnte den für ihn vorgesehenen Preis nicht mehr entgegen nehmen. Denn eine der vielen Regeln der Nobelstiftung besagt, dass ein Preis nicht posthum verliehen werden kann.

Seit damals wurden aber immerhin 14 Astronomen mit dem wichtigen Preis ausgezeichnet. 1974 bekamen die britischen Astronomen Astronomen Martin Ryle und Antony Hewish den Preis für ihre grundlegenden Arbeiten zur Radioastronomie. Ryle leitete eine Arbeitsgruppe, die einen Katalog von Radioquellen im Universum erstellte und dabei auch die Quasare entdeckte, über die ich schon in Folge 52 ausführlich gesprochen habe. Mit der von dieser Gruppe entwickelten Technik war es möglich, die Position der Radioquellen extrem genau zu bestimmen. So gelang es auch Ende der 1960er Jahre den ersten Pulsar zu entdecken und zu lokalisieren. Diese Leistung brachte Ryle und Hewish den Nobelpreis ein und die Entscheidung des Komitees wird bis heute kritisiert, weil dabei der wichtige Beitrag der Studentin Jocelyn Bell übergangen wurde, die die eigentliche Entdeckerin des ersten Pulsars war.

Vier Jahre später, im Jahr 1978 wurde der Physik-Nobelpreis an die Amerikaner Arno Penzias und Robert Wilson verliehen. Sie erbrachten mit ihrem Radioteleskop den ersten Nachweis für die Existenz der kosmischen Hintergrundstrahlung und konnten so das damals immer noch umstrittene Urknallmodell bestätigen. Auch diese Preisverleihung wurde und wird allerdings kritisiert: Denn Penzias und Wilson haben die Hintergrundstrahlung zwar tatsächlich entdeckt; es war ihnen aber lange nicht klar, WAS sie da entdeckt hatten. Die Arbeit der Physiker und Astronomen, die zuvor die entsprechenden Theorien entwickelt haben und die die Beobachtung dann auch erklären konnten, wurde nicht gewürdigt.

1983 gab es den nächsten Preis für astronomische Forschung. Der Inder Subrahmanyan Chandrasekhar bekam den Preis für seine unbestritten fundamentalen und wichtigen Beiträge zum Verständnis der Entwicklung von Sternen. Er teilte sich den Preis mit dem Amerikaner William Fowler, der ebenso fundamentale und wichtige Arbeit leistete und erklären konnte, wie im Inneren von Sternen bei der Kernfusion die verschiedenen chemischen Elemente entstehen. Diese Arbeit machte Fowler aber nicht alleine sondern gemeinsam mit Margaret Burbidge und ihrem Ehemann Geoffrey Burbidge und dem berühmten Astronomen Fred Hoyle, den ich in Folge 22 der Sternengeschichten ausführlich vorgestellt habe. Die drei gingen allerdings leer aus.

Das lag unter anderem auch daran, dass ein Nobelpreis nie an mehr als drei Personen verliehen werden kann. Im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert mag diese Regelung noch Sinn gemacht haben, aber heute findet Forschung fast immer nur im Team statt und wichtige Erkenntnisse werden kaum noch von Einzelpersonen ohne irgendwelche Unterstützung gemacht. Das sieht man vor allem bei den aktuellen Preisen sehr gut. Bevor ich aber dazu komme, muss ich noch kurz die astronomischen Preise aus den Jahren 1983 und 2002 erwähnen. 1983 wurden Russell Hulse und Joseph Taylor ausgezeichnet. Sie beobachteten den Doppelpulsar PSR 1913+16 und konnten zeigen, dass sich der Abstand zwischen diesen beiden Himmelskörpern exakt so verändert, wie er es nach den Vorhersagen der allgemeinen Relativitätstheorie tun sollte. Die sagt ja die Existenz von Gravitationswellen vorher, die immer entstehen, wenn sich schwere Massen durch den Raum bewegen und ihn dabei verformen. Durch die Abgabe dieser Wellen verlieren die Himmelskörper Bewegungsenergie und kommen sich näher und genau das konnten Hulse und Taylor messen. Der Preis des Jahres 2002 wurde für eine eher technische Leistung vergeben, die aber nicht minder wichtig war: Riccardo Giaconi bekam ihn für seine Arbeit bei der Entwicklung von Teleskopen und Satelliten mit denen sich Röntgenstrahlung im Weltall beobachten ließ. Die Röntgenastronomie ist heute ein unverzichtbarer Teil der astronomischen Forschung und vieles, was wir zum Beispiel über schwarze Löcher oder die Entwicklung von Galaxien wissen, wissen wir nur dank der Instrumente, an deren Bau Giaconi beteiligt war.

Das war er aber nicht alleine; genau so wenig wie die beiden Preisträger des Jahres 2006 alleine für die Erkenntnisse des COBE-Satelliten verantwortlich waren. In diesem Jahr bekamen John Mater und George Smoot den Physik-Nobelpreis für die Beobachtung der kosmischen Hintergrundstrahlung vom Weltall aus verliehen und für die Bestätigung, dass diese Strahlung tatsächlich genau die kleinen Variationen aufweist, die vom Urknallmodell vorhergesagt werden. An so einem Projekt wie dem COBE-Satelliten arbeiten hunderte Menschen mit und auch die wissenschaftliche Arbeit in der die nobelpreiswürdige Entdeckung verkündet wurde, hat neben George Smoot auch noch 28 weitere Autoren. Aber den Preis dürfen eben nur höchstens drei Leute bekommen.

In der Teilchenphysik, die vom Nobelkomitee besonders oft ausgezeichnet wird, ist das besonders dramatisch. Neue und wichtige Entdeckungen können hier mittlerweile fast nur noch mit riesigen Teilchenbeschleunigern gemacht werden, an denen Teams die aus mehreren tausend Leuten bestehen können, arbeiten. Als im Jahr 2013 die beiden theoretischen Physiker Francois Englert und Peter Higgs für ihre Arbeit zum Higgs-Mechanismus ausgezeichnet wurden, war das zwar absolut gerechtfertigt, aber auch ein wenig seltsam. Denn einerseits lag die Arbeit, die sie auf diesem Gebiet geleistet hatten, schon Jahrzehnte zurück. Und ihre Vorhersagen konnten nur deswegen bestätigt und damit mit einem Preis ausgezeichnet werden, weil tausende Wissenschaftler am großen Beschleuniger LHC jahrelang geforscht und gearbeitet hatten, bis der Nachweis des Higgs-Teilchens schließlich gelang. Eigentlich hätte das komplette Europäische Kernforschungszentrum CERN den Preis verdient. Aber obwohl beim Friedensnobelpreis regelmäßig Organisationen wie der Weltklimarat, die Europäische Union oder die Internationale Atomenergie-Organisation ausgezeichnet werden, können bei den Wissenschaftspreisen weiterhin nur Einzelpersonen gewürdigt werden.

Auch die lange Wartezeit, die zwischen einer wissenschaftlichen Leistung und ihrer Auszeichnung vergeht, kann durchaus kritisiert werden. Eigentlich hatte Nobel in seinem Testament ja explizit gesagt, dass die Preise “an diejenigen ausgeteilt werden sollen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben”. “Im vergangenen Jahr” – und nicht “irgendwann vor vielen Jahrzehnten”. Natürlich hat sich auch hier die Realität der Forschung verändert und es ist heute eben nicht immer sofort absehbar, welche wissenschaftlichen Resultate sich irgendwann als enorm bedeutsam herausstellen und welche nicht. Gerade die physikalische Grundlagenforschung offenbart ihre revolutionären Anwendungsmöglichkeiten oft erst lange später. Aber wenn das Nobelkomitee in diesem Fall bereit ist, den Wortlaut des Testaments zu ignorieren, dann könnte sie das ja auch anderweitig tun und nicht mehr nur wenige Einzelpersonen aus großen Forscherteams auswählen.

Das passierte auch beim letzten Mal, als ein Nobelpreis für astronomische Entdeckungen verliehen wurde. Im Jahr 2011 bekamen Saul Perlmutter, Adam Riess und Brian Schmidt den Physik-Preis für die Entdeckung, dass sich das Universum immer schneller und immer schneller ausdehnt, anstatt langsamer zu werden, wie man bis dahin dachte. Was die Ursache für diesen Effekt, den man “dunkle Energie” nennt (und den ich Folge 26 der Sternengeschichten ausführlich erklärt habe) ist, weiß man zwar immer noch nicht aber die Entdeckung war durchaus bedeutend genug, um gewürdigt zu werden. Aber auch hier waren natürlich viel mehr Leute als nur die drei Preisträger beteiligt.

Über die Nobelpreise wird sicherlich auch in Zukunft weiter gestritten werden. Aber auch das macht einen Teil des Reizes aus, der von dieser Auszeichnung ausgeht. Gerade weil die Vergabekriterien nicht immer logisch sind und von all den verdienstvollen Entdeckungen nur ein kleiner Teil tatsächlich gewürdigt werden kann, ist der Rummel um diejenigen, die ihn dann tatsächlich erhalten, um so größer. Die Astronomie war jedenfalls seit 2011 nicht mehr an der Reihe. Aber wer weiß: Das kann sich schon bei der nächsten Preisverleihung ändern…