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Dinge Erklärt – Kurzgesagt, Geoengineering: Der Klima-Cheat?

Geoengineering: Der Klima-Cheat?

Wir schreiben das Jahr 2090 und die Menschheit steht am Abgrund.

Jahrzehntelange Hitzewellen und Dürren

haben zu Ernteausfällen geführt, während die Ozeane sich erwärmen

und die Menschen immer weniger Fisch fangen können.

In den Tropen verhungern Millionen und der Krieg um Ressourcen

zwingt weitere Millionen Richtung Norden zu fliehen.

Während sich die Lage weiter rasant verschlechtert,

erlassen die Regierungen in einem Akt der Verzweiflung

einen Notfallplan.

Es ist bei weitem nicht sicher,

dass ein so düsteres Szenario eintreten wird.

Aber da die globale Führungsriege es bisher nicht geschafft hat,

etwas gegen den Klimawandel zu tun, ist es auch nicht auszuschließen.

In der nahen Zukunft könnte es also notwendig werden,

etwas Radikales auszuprobieren,

um den rasanten Klimawandel zu verlangsamen: Geoengineering.

Eingriffe von so riesigem Ausmaß, dass sie Jahrhunderte

menschlicher Zerstörung rückgängig machen könnten.

Oder sie machen alles noch viel schlimmer.

Was ist Geoengineering?

Ist es eine valide Option und was, wenn es schief geht?

*Intro*

Geoengineering-Techniken reichen von fantastischen Ideen,

wie z.B. gigantische Lichtsegel im All zu installieren,

oder mit Salz künstliche Wolken zu säen,

hin zu noch absurderen Ideen, wie die Ozeane mit Eisen zu düngen

und damit Billionen von Algenzellen zu erzeugen.

In diesem Video konzentrieren wir uns auf einen Eingriff,

der tatsächlich noch zu unseren Lebzeiten stattfinden könnte:

Stratosphärische Aerosol Injektion.

Ein klobiger Begriff, der bedeutet,

hoch in der Atmosphäre Zeug zu versprühen,

um Sonnenlicht abzuschirmen.

Die Sonne aussperren:

CO2 wärmt den Planeten nicht von alleine auf.

Fast die gesamte Energie auf der Erde kommt von der Sonne

in Form von elektromagnetischer Strahlung.

Ca. 71 % dieser Energie wird von der Erdoberfläche

und der Atmosphäre aufgenommen.

Die aufgenommene Energie wird als Infrarotstrahlung wieder abgegeben.

Und CO2 kann diese Infrarotstrahlung

für eine Weile in unserer Atmosphäre gefangen halten.

Man kann diesen Effekt damit vergleichen,

sich morgens noch mal in seine Decke zu kuscheln.

Selbst in einem sehr kalten Raum

gibt jeder Körper Infrarot- strahlung ab, die in der Luft

zwischen Körper und der Decke gespeichert wird,

und für das warme und gemütliche Gefühl sorgt.

Eine Möglichkeit, den Planeten abzukühlen,

wäre also Energie daran zu hindern,

unter unserer Planeten-Decke zu bleiben.

Das passiert bereits auf natürliche Weise.

Ca. 29 % der Sonnenstrahlung, die auf die Erde trifft,

wird von hellen Oberflächen wie Eis, Wüsten, Schnee oder Wolken

zurück ins All reflektiert.

Mehr Reflektion, weniger Energie, weniger Erwärmung.

Wir können uns dabei an der Natur orientieren:

Insbesondere an der Eruption des Pinatubo von 1991,

dem zweitgrößte Vulkanausbruch des 20. Jahrhunderts.

Neben der massiven Zerstörung und fast 900 Toten,

haben Wissenschaftler eine starke Auswirkung

auf das globale Klima festgestellt.

Die Explosion schleuderte Millionen Tonnen Partikel und Gas

bis in die Stratosphäre, wo sie eine Zeit lang festhingen.

Der interessante Faktor für Geoengineering

war dabei Schwefeldioxid, ein unsichtbares, übelriechendes Gas.

Hoch oben in der Atmosphäre

hat es einen Nebel aus Schwefelsäure-Tröpfchen erzeugt,

der sich mit Wasser vermischt und riesige Schleier gebildet hat.

Diese Schleier haben das Sonnenlicht,

das die Erdoberfläche erreichte, um ca. 1% verringert

und die Temperaturen sind weltweit um 0.5°C gesunken.

Erst nach drei Jahren hat dieser kühlende Effekt aufgehört.

Wir Menschen könnten diesen Prozess imitieren,

indem wir Schwefelpartikel direkt in die Stratosphäre sprühen.

Einigen Studien und Wissenschaftlern zufolge,

wäre das überraschend einfach umzusetzen

und wir bräuchten nicht mal neue Technologien dafür.

Laut einer Studie,

wäre es auch ziemlich billig im Vergleich zu den Kosten,

die ein rasanter Klimawandel verursachen würde.

Eine kleine Flotte spezialisierter Flugzeuge

könnte einmal im Jahr Aerosole entlang des Äquators verteilen,

von wo aus sie sich um die ganze Erde ausbreiten würden.

Laut einiger Prognosen, könnten Injektionen von 5 bis 8 Megatonnen

im Jahr genug Sonnenlicht reflektieren,

um den Temperaturanstieg zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten.

Das würde uns wertvolle Zeit verschaffen,

um fossile Brennstoffe aufzugeben.

Leider könnte es zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen.

Es gibt bei Aerosol-Injektionen ein paar mögliche Haken:

Die Niederschlagsmuster könnten sich verändern,

was die Ernte beeinträchtigen und zu Hungersnöten führen könnte.

Im schlimmsten Fall wären Milliarden Menschen betroffen.

Außerdem haben die Säure-Wasser- Schleier nach dem Vulkanausbruch

von 1991 nicht nur die Oberfläche der Erde abgekühlt,

sondern auch die Stratosphäre aufgeheizt.

Wie sich herausgestellt hat, ist Säure schlecht für die Ozonschicht.

Das Ozonloch über der Antarktis

hat dadurch seine bisherige Maximalgröße erreicht.

Über Jahrzehnte Schwefelsäure zu injizieren,

könnte einen ähnlichen Effekt haben.

Wissenschaftler haben bereits vorgeschlagen,

eine Kombination verschiedener Mineralien zu benutzen,

die einen weitaus geringeren Einfluss auf das Ozonloch hätten,

aber wir brauchen mehr Forschung und Experimente,

um sicher zu gehen, dass das funktioniert.

Selbst wenn wir die Ozonschicht nicht zerstören, gibt es andere,

weitaus gefährlichere Probleme.

Politiker und Firmenchefs könnten den Kühlungseffekt

als Entschuldigung nutzen, um den Wechsel

zu einer kohlenstoffneutralen Wirtschaft zu verzögern.

Aber auch wenn Geoengineering die Erderwärmung verlangsamt,

bläst die Menschheit ja weiterhin zusätzliches CO2 in die Atmosphäre.

Mehr CO2 in der Luft bedeutet, dass die Ozeane mehr davon aufnehmen,

was sie wiederum versauern lässt.

Das ist bereits jetzt tödlich für Ökosysteme wie Korallenriffe.

Je länger das so weiter geht,

desto schlimmer werden die Auswirkungen sein.

Und damit nicht genug:

Sobald wir erst einmal angefangen haben,

Partikel in so riesigem Ausmaß in die Atmosphäre zu pumpen,

müssen wir vielleicht ziemlich lange damit weitermachen,

denn ein abruptes Ende könnte schwerwiegende Folgen haben.

Wenn nämlich die Menschheit weiterhin die Atmosphäre

mit CO2 anreichert,

aber gleichzeitig die Sonneneinstrahlung abblockt,

damit der Planet sich nicht aufwärmt,

dann sitzen wir auf einer Zeitbombe.

Sobald wir mit Geoengineering aufhören,

setzt der natürliche Kreislauf wieder ein

und die Erde wärmt sich wieder auf.

Aber nachdem der Planet ein paar Jahrzehnte

künstlich kühl gehalten wurde,

während immer noch riesige Mengen CO2 ausgestoßen wurden,

erhitzt er sich jetzt viel, viel schneller.

Ein Temperaturanstieg, der heute 50 Jahre dauern würde,

könnte in nur 10 Jahren stattfinden.

Ein derartiger Temperaturanstieg in dieser kurzen Zeit

würde so heftig in alle größeren Systeme der Erde eingreifen,

dass es unmöglich wäre, sich anzupassen.

Im schlimmsten Fall wären dramatische Hungersnöte

und die schnelle Zerstörung der Ökosysteme die Folge.

Im besten Fall begreift die Welt endlich das Ausmaß

der existenziellen Gefahr durch den Klimawandel.

Dann könnte uns Geoengieering

ein bis zwei überlebenswichtige Jahrzehnte verschaffen,

um unsere Wirtschaft umzustellen

und vielleicht sogar CO2 aus der Atmosphäre zu holen.

Z.B. mit Hilfe von weiteren Geoengineering-Methoden.

Zusammenfassung:

Geoengineering ist ein beängstigendes Konzept.

Es ist keine Lösung für den Klimawandel

und es könnte sogar ein willkommener Vorwand

für die fossile Brennstoff-Industrie sein,

um das Ende der fossilen Energie-Ära rauszuzögern.

Geoengineering wurde in den letzten Jahrzehnten

sehr kontrovers diskutiert.

Die resultierende Skepsis hat weitere Experimente verhindert,

die noch nötig wären, um die Technologien besser zu verstehen.

Aber Geoengineering nur deshalb kategorisch abzulehnen,

wäre sehr kurzsichtig.

Die traurige Wahrheit ist, dass wir bereits

ein Geoengineering-Experiment durchführen.

Wir testen gerade, wie schnell sich die Erde verändert,

wenn wir ca 40 Milliarden Tonnen CO2 jedes Jahr ausstoßen.

Dieses Experiment ist dabei, so richtig interessant zu werden.

Hoffentlich werden wir niemals auf Geoengineering angewiesen sein.

Aber wenn uns in Zukunft nichts anderes übrig bleibt,

dann sollten wir lieber gut vorbereitet sein.

Oder eine panische Menschheit könnte aus Versehen

den Selbstzerstörungsknopf drücken.

Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk (2020)

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