Meeresböden: Neues Eldorado oder Schiffswrack der Zukunft? |
Die Tiefsee fasziniert die Menschheit seit Jahrhunderten, in ihrer Schönheit und in ihrer Rätselhaftigkeit.
Ab 1000 Metern Tiefe herrschen Dunkelheit, Kälte und enormer Druck, ein weitgehend unerforschtes Milieu.
Wir kennen erst zwei bis drei Prozent der Artenvielfalt in den Ozeanen. Wir waren öfter auf dem Mond als auf dem Meeresgrund.
Es wäre an der Zeit, dass wir uns der Erkundung dieser Welt verschreiben und die Reichtümer erforschen, die da in mehreren Kilometern Tiefe schlummern.
Seit dem 19. Jahrhundert ist bekannt, dass am Meeresgrund auch tonnenweise Eisen, Kupfer, Nickel und Kobalt liegen.
Metalle, die im Zuge des Klimawandels unverzichtbar geworden sind, um aus den fossilen Energiequellen auszusteigen und die globale Erderwärmung zu begrenzen.
Kein Wunder, dass Staaten und Unternehmen immer begehrlicher danach schielen.
Wir können nicht akzeptieren, dass ein so wichtiger Teil des Planeten unerforscht bleibt.
Unsere ausschließlichen maritimen Wirtschaftszonen ermöglichen es, uns dort Forschung zu betreiben.
Eine außergewöhnliche Chance, das Leben zu verstehen und vielleicht auch an seltene Metalle zu kommen.
Im Fokus steht die Clarion-Clipperton-Zone im Zentralpazifik.
Dort ist der Meeresboden mit Manganknollen übersät, Kartoffelgroße Erzstücke, die neben Mangan auch andere seltene Metalle enthalten.
Laut Seerecht liegt die Zone in internationalen Gewässern.
Das heißt, kein Staat kann die örtlichen Bodenschätze für sich beanspruchen.
Anders als in den ausschließlichen Metallen, die wir in der Zone haben, sind die Zonen in den öffentlichen Gewässern.
Anders als in den ausschließlichen Wirtschaftszonen, die 200 Seemeilen vor den Küsten enden.
Um Konflikte zu vermeiden, werden Erkundungs- und Erschließungslizenzen von einer Institution der Vereinten Nationen vergeben.
Diese internationale Meeresbodenbehörde arbeitet auch an einem Kodex für den Tiefseebergbau.
Doch bislang konnten sich die Staaten nicht einigen.
Unter den Ländern, die eine Erschließungslizenz für die Clarion-Clipperton-Zone haben,
sind pazifische Inselstaaten, die finanziell sehr schwach sind, aber große ausschließliche Wirtschaftszonen haben.
Einer davon ist Nauru. Ein ganz spezieller Fall, denn das Land wurde Anfang des 20. Jahrhunderts durch den Phosphatabbau komplett verwüstet.
Inzwischen sind die Phosphatvorkommen längst aufgebraucht und Nauru sucht eine neue Einkommensquelle.
Es verfolgt eine rein finanzielle Logik.
Weil es schnell gehen soll, nutzt Nauru eine Rechtslücke.
Wenn die internationale Meeresbodenbehörde ihr Regelwerk nicht bis Juli 2023 vorlegt, kann Nauru die Erschließung und den Abbau starten.
Es ist klar, dass der Kodex bis zu diesem Termin nicht vorliegen wird.
Es gibt allerdings einen Auslegungsstreit zwischen den Juristen, was die rechtlichen Konsequenzen angeht.
Darf wirklich einfach mit dem Abbau begonnen werden, auch wenn es noch keine Regeln gibt?
Oder sind Übergangsbestimmungen zu beachten?
Die Aussicht, dass noch dieses Jahr mit dem Abbau begonnen werden könnte, beunruhigt Umweltaktivisten.
Sie fordern zumindest ein Moratorium, wie schon 2022 am Rande der UN-Meereskonferenz in Lissabon.
Das Leben auf der Erde hängt ganz und gar von den Ozeanen ab. Ich will, dass der Tiefseebergbau weltweit komplett verboten wird.
Die Roboter, die das Erz aus dem Meeresboden reißen und an die Oberfläche befördern, werden unvermeidlich Ökosysteme zerstören, über die wir zudem noch sehr wenig wissen.
Wir wissen genau, was der Erzabbau an Land aus einem Gebirge macht. Und das wird unter Wasser nicht anders sein.
Die Folgen werden genau die gleichen sein.
Besonders problematisch ist, dass wir über die Ebenen der Tiefsee noch viel zu wenig wissen, um die Auswirkungen der Förderungen punkto Biodiversität einschätzen zu können.
Wir wissen nicht, ob die Organismen, die dort leben, nur dort vorkommen oder auch anderswo.
Und auch nicht, wie sie mit anderen Lebensformen interagieren. Da haben wir eine echte Wissenslücke, und das ist ein Problem.
Indem er die Meeresboden aufwühlt, wird der Tiefseebergbau außerdem riesige Staubwolken erzeugen.
Wie werden sich diese Sedimentwolken verhalten? Wo werden die Strömungen sie hintragen? Wie werden sie sich auswirken? Das alles wissen wir nicht genau.
Das Problempotenzial ist groß, aber nur schwer zu diskutieren. Wir wissen ja noch nicht einmal genau, welche Abbautechniken eingesetzt werden sollen.
Allein in der Clarion-Clipperton-Zone haben Meeresbiologen in den letzten 50 Jahren mehr als 5000 zuvor unbekannte Spezies entdeckt.
Ihre Beschreibung und Klassifizierung erfordert Zeit und immer seltenere Kompetenzen.
Doch stattdessen fließen Forschungsgelder eher in Start-ups, die auf technische Innovation setzen.
Im großen Stil finanziert wird vor allem die Technologie, als wäre sie die einzige Antwort auf alle Fragen.
Aber Wissensfortschritt erfordert vor allem Gehirnschmalz, also Menschen, die nachdenken, die sich die Organismen im Detail anschauen und wissenschaftliche Kenntnisse produzieren.
In den Augen der Biologen kann die Wissenschaft trotzdem nur ein Teil der Lösung sein. Denn die Problematik geht über die Umweltauswirkungen hinaus.
Die Grundfrage richtet sich an die Gesellschaft und geht über das hinaus, was wir als Biologen sagen können.
Sie lautet, warum brauchen wir überhaupt so viele mineralische Rohstoffe? Ist es vernünftig, so viele Ressourcen zu verbrauchen?
Frankreich ist ein Sonderfall unter den EU-Ländern.
Denn dank seiner Überseegebiete verfügt es über die zweitgrößten Hoheitsgewässer der Welt, weit vor Russland, Australien oder Großbritannien.
Dazu tragen besonders seine Inseln im Pazifik bei.
Französisch-Polynesien, Neukaledonien, Wallis und Futuna, sowie die unbewohnte Insel Griechenland,
sichern Frankreich eine riesige ausschließliche Wirtschaftszone mit hohem Rohstoffpotenzial.
Das Paris prinzipiell ausbeuten könnte, ohne auf jegliche Genehmigungen angewiesen zu sein.
Frankreich entwickelt seit 2009 eine meereswirtschaftliche Gesamtstrategie.
Seit 2015 auch die Europas- und Internationalen.
Frankreich entwickelt seit 2009 eine meereswirtschaftliche Gesamtstrategie.
Seit 2015 auch eine spezifische Strategie für Tiefseebergbau, die alle fünf Jahre aktualisiert wird.
In der letzten Aktualisierung 2020 lag der Schwerpunkt ganz eindeutig auf der Entwicklung von Fördertechniken.
Die Bewahrung der Ökosysteme war nur Beiwerk, das Herzstück war der baldige Abbau.
Vor kurzem ist unser Präsident dann aber plötzlich von dieser Linie abgerückt.
Frankreich befürwortet ein Verbot des Tiefseebergbaus.
Ich stehe dafür ein und werde diese Position in den internationalen Gremien vertreten.
Damit schwenkt Paris letztendlich auf die Position ein, die die Überseegebiete selbst schon seit Jahren vertreten.
Doch auf den Pazifikinseln wird Frankreich immer noch teilweise als Kolonialmacht angesehen, der man nur beschränkt vertrauen kann.
Die Bevölkerung dort hat zwei Negativbeispiele vor Augen.
Das eine ist die Insel Nauru, die der Phosphatabbau völlig verwüstet hat.
Das andere ist Mourouroa. Dort geht es nicht um Bergbau, sondern um Atomversuche und vor allem um die Lügen des französischen Zentralstaats.
Für viele Pazifikinseln ist der Tiefseebergbau also nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische und sogar identitäre Frage.
Eine andere Auswirkung der Kolonialgeschichte zeigt sich am Beispiel Wallis und Futuna.
Viele Bewohner dieser Inseln sind zum Arbeiten nach Neukaledonien gekommen.
Sie haben dort zwei widersprüchliche Beobachtungen gemacht.
Sie haben einerseits die Schäden gesehen, die der Bergbau angerichtet hat, vor allem in den Jahren vor 2000, als Umweltauflagen noch kaum eine Rolle spielten.
Andererseits haben sie aber auch festgestellt, dass die Rohstoffvorkommen der kanakischen Unabhängigkeitsbewegung in Neukaledonien eine Grundlage geben, auf die sie sich bei ihrer Emanzipation stützen kann.
Ist die Tiefsee also das neue Eldorado, das den Energiewandel möglich macht oder das nächste Katastrophengebiet der Menschheit?
Eine erste Trübungswolke aus Ungewissheit und Sorge wirbelt der Tiefseebergbau jedenfalls schon jetzt auf.