Antek Pistole - Janoschs Traumstunde
Janoschs Traumstunde
Die Welt ähm ich meine alles ist nicht so einfach. Mal ist es so, aber es ist auch wiederum so nämlich umgekehrt
Man muss immer alles in Betracht ziehen. Man muss über alles nachdenken und über alles reden
Nun reden wir doch mal über alles Leute. Reden wir mal über alles was vorkommt. Was hier vorkommt was da vorkommt was sonst wo vorkommt
Reden wir zuerst einmal über mich
Ja. Ich bin der Waldbär und der Ansager in dieser wunderbaren lehrreichen Sendung
Außer mir gibt es noch ein paar Vögel, ein paar Bäume, Fliegen, Jungs und Mädels und Räuber
Jawohl und Räuber
Und zwar Pistole. Antek Pistole
Aber der ist gar kein Räuber. Er ist ein...ich sags nicht. Also Antek Pistole
Vor mehr als siebzig Jahren lebte in dem Land Margarenien in einem Dorf hinter den Wäldern ein Mann mit Namen Antek Pistole
Er war ein Besenbinder. Manchmal hänselten ihn die Bier-und Schnapstrinker in dem Wirtshaus
Mensch Antek da heißt einer so schön Pistole und was ist er? Bloß ein Besenbinder
Wenn nämlich einer Semmel heißt, muss er Bäcker werden. Und wenn einer Ziehharmonika heißt Kapellmeister. Ist doch klar. Und wenn einer Karpfen heißt dann Angler. Ist doch ganz einfach
Der Antek Pistole ließ sie reden, denn im Wirtshaus wird viel dummes Zeug geredet
Ich ein Räuber werden? dachte er. Wozu denn? Und in der Tat wozu denn? Sein Vater hieß schon Antek Pistole und war deswegen auch kein Räuber gewesen
Und sein Vater hieß auch Antek Pistole und war auch kein Räuber gewesen
Und dessen Vater hieß auch Antek Pistole und war auch kein Räuber gewesen
Keiner war ein Räuber gewesen
Antek Pistole machte jeden Tag seine fünf Besen
Verkaufte sie. Kaufte sich für das Geld Brot, etwas Speck und eine Flasche Bier. Das gab ihm Kraft für den nächsten Tag
Da machte er wieder seine fünf Besen, verkaufte sie und von dem Geld kaufte er sich...und das hätte so weiter gehen können
Wenn nicht...und jetzt fängt ein kolossaler Roman an
In dem Dorf nämlich hinter den Wäldern in Margarinien lebten damals nur dreihundertelf Leute
Und du kannst dir ausrechnen, wie lange es dauerte da hatte jeder einen Besen
Macht nichts, sagte Antek Pistole. Besen werden immer gebraucht, denn Dreck gibt es überall. Ich arbeite auf Vorrat
Bald wurde der Vorrat immer größer und die Besen standen überall herum
Wenn seine besten Freunde ihn kommen sahen, versteckten sie sich hinter der Gardine und machten die Augen zu
Denn er trug immer einen Besen bei sich, um ihn vielleicht noch bei jemanden unter zu stellen
Bald fand er niemand mehr, mit dem er ein Wort hätte reden können
Bei gutem Wetter konnte Antek die Bauern auf den Feldern sehen
Dann schlich er sich bis ganz in ihre Nähe, um ein bisschen mit ihnen zu reden. Wenn er auf zwölf Meter heran kam, versteckten sie sich
Da war er betrübt, weil keiner mehr mit ihm reden wollte
Eines schönen kalten Morgens noch bevor der Hahn auf dem Mist krähte, wachte Pistole auf
Das Kreuz drückte ihn. Die letzten Besen von gestern hatte er nirgendwo unterbringen können
Und da war es aus
Ich werde ein Räuber und Punkt
Schluss
Aus
Wenn ich so heiße ist das meine Schuld?
Wer Pistole heißt, muss ein Räuber sein. Und jeder muss sein, was er sein muss. Punkt. Schluss. Aus
Keiner wird mich daran hindern
Es dauerte nicht lange da begegnete er einem Fremden
Wie gehts? fragte Pistole. Wo gehen Sie hin? Warum sind Sie zu Fuß? Wo kommen Sie her?
Mal hierher, mal dorthin. Wie es gerade auskommt mein Herr
Eine Antwort und Rede, die nichts bedeutet. Geschwätz
Für einen, der sich in der Welt auskennt ein sicheres Zeichen dafür, dass der Mann nicht in Ordnung war
Aber Antek Pistole kannte sich nicht in der Welt aus
Dieser Fremdling hier war der berühmte und überall gesuchte Taschendieb Oktober Schablitski. Blitzschnellster Dieb und unverschämtester Ganove jenseits der Wälder
Dort, aber nicht hier
Also erkannte ihn Pistole nicht. Lud ihn auch noch ein
Bitte dann nehmen Sie doch Platz. Lassen Sie uns ein Stück zusammen reiten. Ein Weg zu zweit ist nicht schlecht
Der Fremde ritt nicht weit mit
Sie müssen wohl rechts ab? Dann muss ich links. Stieg ab und lief schnell nach rechts davon
Für einen, der sich in der Welt auskennt wieder ein Alarmzeichen
Pistole kannte sich in der Welt nicht aus
Er ritt friedlich weiter. Der Fremde war längst über alle Berge
Da griff Pistole in seine Taschen, wollte etwas essen da waren sie leer. Ratzekahl. Leer geklaut. Oh verflucht
Das war das erste mal, dass Pistole in seinem Leben fluchte
Er griff nach hinten. Es fehlte ein Stück von seiner Jacke. Der ganze Rücken war weg
Oh verflucht. Verflucht! Verflucht! Dreimal verflucht
Pistole war ein Flucher geworden
Und dann ritt er weiter
Sein Zorn dauerte nicht lange, denn Margarinier sind friedlich und er sagte sich: Macht nichts. Leergeld ist teuer
Wenigstens habe ich viel gelernt. Man muss hinten sitzen beim Stehlen
Es dauerte nicht lange da sah er wieder so einen Mann vor sich hergehen. Steigen Sie nur auf werter Herr Graf
Seien Sie mein Gast auf einem kleinen Stück gemeinsamen Wegs
Vorne bitte, sagte Pistole
Denn dieses mal würde er hinten sitzen
Jetzt versuchte Pistole, wie er es gelernt hatte, dem Bauern hinten ein Stück von der Jacke abzutrennen. Aber so ein Besenbinder ist keine Damenschneiderin und er schnitt den Bauern in den Rücken
Der haute ihm eine rein, was für Pistole wieder sehr schmerzlich war, denn so ein Bauer ist stark wie drei Bären
Wenn Du dich festhalten willst Wandersmann, sagte der Bauer, dann nicht an meiner Jacke. Sie reißt so leicht auf weißt du
Verflucht! Verflucht! Verfluchter Mist!
Das Fluchen war ihm zu einer lieben Gewohnheit geworden
Am nächsten Morgen war der Zorn verflogen und er sagte sich: Macht nichts. Lehrgeld ist teuer und wenigstens habe ich viel gelernt
Man muss lügen, muss sagen die Taschen voller Geld
Das erweckt Vertrauen. Genau so werde ich es machen
Er war noch nicht weit geritten, da sprang so aus dem Gebüsch so ein verfluchter Kerl
Halt! brüllte er
Was hast du in den Taschen du Ameise?
Geld. Viertausend. Kühe verkauft. Pistole war ein Lügner geworden
Er war ein Flucher geworden und ein Lügner
Dann zeig her
Er strauchte, beutelte ihn wie ein Kartoffelsack
Nichts, sagte der Strauchdieb. Nichts und gelogen
Das habe ich mir gedacht, aber ich werde es dir zeigen. Einen armen ehrlichen Strauchdieb belügen! Und haute ihn windelweich
Pistole wehrte sich nicht. Schmerzen machen einem Margarinier fast nichts aus und schließlich hatte der Strauchdieb ihm ja praktisch nichts geklaut
Er bekam bald großen Hunger, denn sein Reiseproviant war weg. Und die Ziege konnte er nicht mehr melken, weil der Topf weg war
Ohne viel Federlesens ging er ins nächste Haus
Pistole guckte in den Schrank, holte den Winterschinken heraus und nahm das Brot
Er hatte gestohlen. Er war erst ein Flucher geworden und dann ein Lügner und jetzt ein Dieb
Aber das letzte nicht lange, denn inzwischen kam der Bauer zurück und brachte Nachbarn mit, die den Pistole windelweich hauten
Ihm das Fell gerbten und ihn zur Tür hinaus warfen
Froh konnte er sein, dass er überhaupt noch laufen konnte
Er ritt auf seiner Ziege weiter. Bald verrauchte sein Zorn und er sagte sich: Wenigstens eines habe ich gelernt
Dass es nämlich egal ist, was man gelernt hat, weil es nichts nutzt. Genau so ist das
Gegen Abend kamen sie zu einem Wäldchen. Der Magen knurrte wieder und zum Glück fing Pistole eine Taube
Der gute Taubenduft lockte zwei Landstreicher an. Den Fuhrmann Schiedlow und Elias, der war Trompeter
Pistole lud die Landstreicher zum Essen ein
Was diese sich nicht zwei mal sagen ließen, klar
Dann erzählte Elias kleine Geschichten aus der großen Welt, denn ein Trompeter kommt überall herum
Als Antek Pistole ganz tief seufzte und sie ihn fragten warum, erzählte er, dass er auf dem Weg sei ein berühmter Räuber zu werden
Da pfiffen sie durch die Zähne wie Schurken es tun, wenn sie einen Plan haben und sagten: Das machen wir schon. Und: Lass uns nur machen
Am nächsten Tag spannten die beiden Halunken die Ziege an und überfielen den Antek Pistole
Sagten: Das muss sein Freund. Du wirst schon sehen, wir machen dich berühmt
Als sie dann in das nächste Dorf kamen, sang Elias durch die Trompete, dass ein großer Räuber das Land verwüste und das Vieh und die Weiber verängstige
Dass er Hungersnot und Elend in die Hütten bringe und Brand stifte und die Sparstrümpfe stehle
Damals gab es noch kein Radio und keine Zeitung und die Landleute waren froh, wenn jemand mit der Trompete gefahren und Neuigkeiten verkündete
Die Haare standen ihnen aus Furcht zu Berge, als sie die schreckliche Geschichte hörten
Und diesen wilden Räuber Antek Pistole haben wir überwältigt, ich und der Schiedlow
Hier! Sie stellten den Antek Pistole gut sichtbar auf
Als Antek Pistole sah, dass alle sich vor ihm fürchteten, fühlte er zum ersten mal in seiner Brust ganz deutlich seinen Ruhm
Nur die beiden Halunken Elias und Schiedlow lachten sich ins Fäustchen, denn die Landleute holten die gesparten Groschen hervor, weil sie von jetzt an ihre Hütten nicht mehr verschließen mussten wegen des Räubers
Antek Pistole bekam nicht eine einzige Kopeke
Schiedlow sagte zu ihm: Du hast den Ruhm und was ist mehr wert? Ruhm oder Geld? Ruhm! Also hast du mehr bekommen
Mit der Zeit kamen sie durch fast alle Dörfer und zeigten den Pistole gegen Geld
Vor ihnen lief die Kunde von dem Räuber her, der das Land beinahe in Hungersnot und Elend gestürzt hätte und Pistole wurde sehr berühmt
Aber noch berühmter wurden Elias und Schiedlow. Und sie wurden auch reich
Aber unehrlicher Reichtum stinkt
Deshalb zogen sie nicht einmal mehr die Mütze vom Kopf, wenn jemand sie freundlich grüßte
Elias wurde immer fauler und sang am Ende nur noch ganz wenig auf der Trompete
Überwältigter Räuber Pistole von mir und auch von Schiedlow, Geld hier in die Mütze
Da war aber einer, der hatte sich das lange von weitem mitangesehen. Der starke Sansi. Der Leo Sansi war ein Gewaltmensch. Und seit über drei Jahren steckbrieflich gesucht
Er hatte alles sehr genau gesehen. Und er hatte die ganze Zeit im Kopf nachgerechnet
Wenn man für einen einzigen Räuber so viel bekommt, dann bekommt man für drei Räuber drei mal so viel
Er rechnete noch einmal genau nach und es stimmte
Dann stelllte er sich mitten in den Weg und schlug Elias und Schiedlow wie der Blitz nieder
Das war für den Sansi eine Leichtigkeit, denn er war so stark wie zwei Zugochsen
Keiner erkannte den Leo Sansi, denn die Landleute konnten damals noch keine Steckbriefe lesen und Polizei gab es nur in großen Dörfern
Er brüllte überall: Dies hier sind die drei Räuber. Elias, Schiedlow und Pistole
Der Pistole ist der Räuberhauptmann, das weiß jeder
Ich habe alle drei persönlich und mit eigener Kraft gefangen
Und in diesen Topf hier kommt das Geld
Die Leute machten sogar Schulden, damit er genug Geld bekam. Aber nie war der starke Sansi zufrieden
Er sagte sich: Wo mehr Leute sind, muss auch mehr Geld sein. Und zog in immer größere Dörfer
In den großen Dörfern gab es damals auch noch keine Zeitung, aber es gab Extrablätter. In denen stand alles drinnen über den Sansi
Mit Bild. Und das hatte er nicht bedacht
Deshalb geschah es, dass die Leute in den großen Dörfern ihn auf den ersten Blick erkannten
Noch hatte er kein Geld gesammelt, da war er auch schon angezeigt
Heimlich wurde Alarm gegeben und der berühmte Polizeigeneral Claudius Wobeck marschierte mit seinen Leuten los
Sie marschierten mit einem schönen Lied auf den Lippen durch die Straßen. Damit Leo Sansi keinen Verdacht schöpfen und sich aus dem Staube machen konnte
Der starke Sansi hatte gerade noch Zeit zu sagen: Verdammt nochmal. An die Extrablätter habe ich nicht gedacht
Da war er auch schon in ein dichtes Handgemenge verwickelt
Alle Leute aus dem Dorf kämpften
Am Ende siegte die Polizei
Antek Pistole aber war während des Straßengetümmels unbemerkt aus dem Dorf gegangen und war schon lange wieder auf dem Weg zum großen Wald
Antek Pistole rief in den finsteren Wald rein: In diesem Wald bin ich der größte Räuber
Wie man in den Wald hinein ruft, so ruft es zurück. Und es rief zurück: Bin ich der größte Räuber
Ein wunderschönes Echo, dachte der Pistole
Aber es war kein Echo
Es war Ede Schiereck, ein berüchtigter Strauchdieb und Räuber, der allerdings die Jacke eines biederen Leiermanns angezogen und einen Leierkasten umgehängt hatte, damit man ihn nicht erkannte
Und als Ede Schiereck den Pistole rufen hörte, schlich er sich in seine Nähe und überfiel ihn von hinten
Er raubte ihm alles. Das Hemd, die Hose und den Hut. Und schlug sich wieder in die Büsche
Antek Pistole aber hatte genug davon ein Räuber zu sein
Er zog Ede Schierecks Jacke an, hängte den Leierkasten um und ging wieder zurück zu den Leuten
Der Ede Schiereck aber trieb sein Unwesen in der ganzen Gegend
Er erschreckte die Weiber
Und jagte das Vieh auseinander
Er zertrat die Blumen in den Gärten und schlug Löcher in die Häuser
In der Eile hielt ihn aber jeder für den Antek Pistole, was auch kein Wunder war, weil er dessen Kleider trug
Währendessen zog Antek Pistole mit seinem Leierkasten auf alle Jahrmärkte und sang die ungeheuerliche Geschichte von dem berühmten Räuber aus dem finsteren Wald
Es haust im Wald in seiner Höhle ein Räuber schrecklich anzuschauen. Säuft jede Nacht dort mit Gegröhle bis in das lichte Morgengrauen
Er lauert meist hinterm Gestrüppe, bewaffnet auf den Wandersmann. So mancher Mensch liegt als Gerippe im Gras entlang der Eisenbahn
Er packt den Menschen beim Genicke und fordert Leben oder Geld und schon im nächsten Augenblicke liegt tot das Opfer auf dem Feld
Den Leuten standen die Haare zu Berge
Und wenn sie sich fürchteten dann fühlte Antek Pistole wieder ganz deutlich in der Brust seinen großen Ruhm
Wenn der Jahrmarkt aber vorbei ist, geht Antek Pistole mit seinem Leierkasten wieder weiter. Die Erde drückt ihn an den Sohlen
In den Nächten ist es ihm manchmal, als ob die Leute wieder Besen brauchten
Antek Pistole. Besenbinder. Räuber. Leierkastenmann
Ach Freunde das ist doch bei mir persönlich ja ganz genauso
Ich bin gar nicht der Waldbär, ich bin eine Prinzessin
Verzaubert, ja
Und wer mich küsst, der wird erlöst