https://m.youtube.com/watch?v=O2Z9HQYcbHY
. Woche für Woche treffen mein Team und ich interessante Menschen, die sich uns total öffnen
und einen tiefen Einblick in ihr Leben geben.
Das finde ich wunderschön.
Oft frage ich mich, wie geht es diesen Menschen
Monate oder Jahre, nachdem das Video online gegangen ist?
Was hat sich in deren Leben verändert?
Euch interessiert das auch immer.
Deshalb treffe ich heute Orintha.
Sie hat als Prostituierte gearbeitet.
Michael hat sich während der Reihe
"Darf ich für Sex bezahlen" kennengelernt.
Hi. - Hi, okay.
- Ich bin's. - Ich bin Orintha.
Ich lass dich kurz rein. Ich hab gerade einen Kunden.
- Was wollte der jetzt z. B.?
Girlfriend Sex, so was.
- Girlfriend Sex ist mit streicheln?
- Streicheln, küssen. Was machst du mit deiner Freundin?
- Was haben wir hier alles? Wir haben Gleitgel.
Kondome. - Kondome und ganz viele noch hier.
*Sie lacht.*
Was hält dich davon ab, einfach aufzuhören?
Ich liebe meinen Job. Es macht einfach so Spaß.
Offenbar hat sie in der Zwischenzeit
ihre Haltung zum Job bisschen geändert.
Denn eines weiß ich schon,
Orintha arbeitet nicht mehr als Prostituierte.
Warum das so ist und was sie jetzt stattdessen macht,
das soll sie mir heute mal erzählen.
Wir sind verabredet in einem Erotik-Massage-Studio.
*Tür summt.*
Hi. - Hi.
- Schön, dich zu sehen.
*entspannte Musik*
Erzähl mal, was ist nach dem Video, das ist gut zwei Jahre her, passiert?
Ich bin mit einer Kollegin zusammengezogen.
Sie hat irgendwann die Miete nicht mehr gezahlt.
Ich hab so Rechnungen von Sachen, die sie bestellt hat, bekommen,
auf meinen Namen, und denke: Das hab ich nie bestellt!
Dann habe ich meinen Freund kennengelernt zu dieser Zeit.
Und er so: Okay, gehen wir zur Polizei. Ermitteln wir.
Wir haben rumtelefoniert
und rausgefunden, es war meine Mitbewohnerin.
Dann ist sie abgehauen.
Ich stand dann vor ganz vielen Rechnungen
und hatte einen richtig krassen Zusammenbruch.
Ich habe am ganzen Körper Schuppenflechte bekommen.
Ich konnte nicht mehr arbeiten.
Also für Sex Geld verlangen. - Okay.
Das war so ein richtig krasser Tiefpunkt.
Dann habe ich gemerkt, mein Freund liebt mich sehr
zur damaligen Zeit.
Da habe ich dann gesagt, okay, wie wär's mit erotischen Massagen?
Weil mir Kolleginnen davon erzählt haben.
Dass das ganz schön ist, dass man selbstbestimmt arbeiten kann.
Dass man entscheiden kann, was man machen möchte.
Meine Meinung hat sich dann in diesem erotischen Massageding
so krass gechanged ...
Wie hat sich dein Verhältnis zur Prostitution so krass verändert?
Es hat sich in dem Sinne verändert,
dass ich mich selber auch lieben gelernt habe.
Meinen Körper und auch mich mehr gespürt habe.
Früher war das so, ich hab mich nicht gespürt, meinen Körper nicht gespürt.
Ich habe mich nicht wertgeschätzt und viel durch Bestätigung gemacht.
- Mhm.
Durch meinen Freund habe ich gemerkt, ich bin liebenswert.
Mich mag man, man hat mich gern.
Bei jedem Menschen, mit dem du schläfst,
bleibt immer ein Stück von dir zurück.
So, das war mein … mein Ding dann,
was ich dann so bisschen realisiert hab.
Und dass viele Leute, die Pay-Sex nutzen,
eigentlich ganz oft Geborgenheit, Nähe oder Zärtlichkeit wollen.
Würdest du zurückblickend sagen, das war bei dir auch so?
Dass du dadurch total viel Bestätigung gesucht hast
und die jetzt nicht mehr brauchst?
Im Endeffekt wollte ich nur Nähe, Geborgenheit und Nähe.
Ich habe deswegen Pay-Sex angeboten.
Ich hab gar nicht gemerkt, dass mich das ständig verletzt.
Wir haben uns hier in diesem Massagestudio getroffen,
und ich hab keine Ahnung, wie so ein Termin hier abläuft.
Wir haben so eine Art Hausdame.
Die macht halt für uns die Wäsche und regelt das mit den Terminen.
Sie bringt auch die Getränke zu dem Gast.
Dann kommen wir halt rein und reden mit dem Menschen erst mal.
Ihr setzt euch dahin und quatscht? - Genau, dann quatschen wir.
Manche sind super aufgeregt, haben totale Angst.
Dann nimmt man denen die Angst.
Dann klärt man auch, welche Massagenarten es gibt.
Wenn die jetzt z. B. eine Deep-Tissue wollen … - Eine was?
Deep Tissue, ach, sorry.
Also 'ne feste Massage, mit Druckpunkt.
Wenn ich an Erotikmassagen denke, denke ich nicht an Rückenschmerzen.
Es gibt welche, die finden das toll.
Wenn die da hinkommen und erst mal den Rücken durchgeknetet bekommen.
Und dann zum Schluss halt Vorderseite Massage komplett.
- Okay. - Genau.
Geht es denn für die Leute auch um Orgasmus oder geht es für die darum,
eine halbe Stunde einfach Genitalien massieren?
Das kommt halt wirklich auf den Menschen an, wer da vor dir ist.
Bei mir kommen oft Menschen, die sehr einsam sind.
Die oft kuscheln wollen, die einfach Nähe möchten.
Dann führe ich teilweise echt auch nur Kuschelmassagen durch.
Dass ich die einfach in den Arm nehm.
Wie oft bist du denn jetzt hier? Arbeitest du jeden Tag hier?
Dreimal bis fünfmal die Woche.
Ist das wie davor, dass du im Prinzip ein Zimmer mietest?
Nee, das ist anders.
Ich bin hier und wenn jemand kommt und mit mir einen Termin macht,
zahlt er einmal die Zimmermiete an die Besitzerin.
Und ich nehme das Massagegeld quasi von dem Menschen.
Und wie ist das so finanziell
im Vergleich zu dem, was du vorher gemacht hast?
Es ist viel weniger, natürlich.
Aber es ist viel angenehmer.
Was kostet so eine Massage?
Für eine Stunde sind es 100 Euro.
Das sind immer 50 Euro Zimmermiete und 50 Euro bekommt die Masseurin.
*ruhige Musik*
Diese kleine Spielwiese erinnert mich
an meine Erfahrung im Swingerclub.
- Du kannst es dir so vorstellen, meist fängt man auf dem Bauch an.
Ich fang dann so an, ich hab ein Tuch
und mach dann eine Art Ritual, so bisschen.
Dann leg ich das Tuch drauf.
Sind die dann nackt?
Die sind nackt, die Frau, und der Mann auch.
- Du auch? - Ich bin auch nackt, genau.
Das fängt an wie eine normale Massage,
geht dann aber weiter bis in den Intimbereich?
- Genau und da ...
Ich persönlich mache meistens die Lingam-Massage.
- Lingam? - Ja.
Eine bewusste, achtsame Mass... Penis-Massage.
Sehr langsam.
Wie lang geht das so?
Das kann von 20, bis 30, bis 45 Minuten, bis eine Stunde gehen,
so eine Penismassage.
Aber viele sind sehr ungeduldig auch.
Ungeduldig meinst du, weil die Leute dann zum Höhepunkt kommen wollen?
Allgemein ungeduldig.
Viele sind sehr ungeduldig, ja. - Okay.
Prostitution ist so, hast du gesagt,
man wird als Ware gesehen, ne?
Würdest du sagen, hier ist es ganz anders?
Ich würde sagen,
zu 70 % wirst du als Ware gesehen, zu 30 % als Mensch.
Es ist leider nicht anders, es ist einfach diese Sexualisierung.
Kamen denn hier schon Freier, die du von früher kennst?
Die mit den Erwartungen kamen, eigentlich macht sie doch dasselbe?
Sie labelt es nur anders?
Ganz, ganz, ganz viele.
Und einmal einer ist richtig wütend geworden.
Er kennt mich halt von drüben, von der Wohnung, wo ich gearbeitet hab.
Und ich so: "Du, mach ich nicht."
Und er total wütend mit seinem Aktenkoffer:
"Was soll das jetzt?", und ist gegangen.
Und ich war auch total dankbar nach der Reaktion,
dass ich gesagt habe, nein.
*ruhige Musik*
Arbeitest du nur mit den Händen oder mit dem ganzen Körper?
Es gibt eine Kunst, die nennt sich "body to body".
Ich finde, das ist eine Kunst.
Du massierst mit deinem reinen Körper.
Und ähm ...
Schon sehr intim, man liegt auf dem anderen drauf?
Ja, das ist halt superkrass.
Weil du einfach auf einem Menschen rumgleiten kannst
und krasse Sachen … - Der ist eingeölt?
Ja, genau.
Und dann rutschst du eben auf dem Menschen rum
und kannst total schöne Sachen machen.
Das macht Spaß.
Ich massiere immer gerne so, künstlerisch.
Ja, das ist doch auch mega anstrengend,
den ganzen Tag mit dem Körper zu arbeiten?
Das macht total Spaß. Du kannst so verrückte Sachen machen.
Das ist halt total kreativ.
- Ist das, was du jetzt hier machst,
auch das, was du langfristig machen willst?
Oder was ist so deine Vision?
Ich finde Massagen an sich superinteressant.
Also einfach am Körper.
Das könnte ich mir vorstellen, das nebenbei zu machen,
mit Menschen, die ich gut finde, denen ich das gerne geben möchte.
Und auch selber bestimmen möchte, wen ich massiere und wen nicht.
Was ich aber eigentlich möchte, ist, gerne Leute ...
Keine Sexualtherapeutin, sondern eher sexueller Berater.
- Aha.
Wie würdest du das definieren? Wer kommt da zu dir? Was ...
Das, was ich tagtäglich auf Instagram mache. - Mhm.
Also tagtäglich schreiben mir Leute:
"Ich habe einen zu kleinen Penis."
"Ich glaube, ich hab das und das ..."
"Weil du diesen Beruf gemacht hast, glaub ich, dass du dich auskennst."
- Aufklärungsarbeit eigentlich? - Ja, im Endeffekt, ja.
So bisschen den Leuten die Unsicherheit nehmen.
Hat sich deine Einstellung zur Frage, die Michael dir damals gestellt hat,
"Darf ich für Sex bezahlen?", auch irgendwie geändert?
Du darfst, wenn du dir dessen bewusst bist.
- Aha. Was du mit der anderen Person anstellst?
Und den Menschen als Menschen siehst.
Wenn du ihn als Ware siehst, lass es!
Ich glaube, vielleicht es vielen auch einfach egal.
Ja, es ist vielen egal.
- Egal, was mit ihr ist. - Ich will einfach nur ficken.
Solche habe ich auch da.
Ich bezahl, da muss ich mich damit nicht beschäftigen.
Das ist eben nicht der Fall, egal in welcher Dienstleistungsbranche.
Du solltest den Menschen als Menschen behandeln. - Mhm.
Ich find's megaspannend zu sehen,
wie sich die Menschen weiterentwickeln,
die wir auf dem Kanal kennengelernt haben.
Wen sollen wir als Nächstes treffen? Schreibt mir das in die Kommentare.
Und hier oben gibt's die Videos von Orintha,
falls ihr sie noch nicht gesehen habt.
Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk (2020)