Kapitel 3. Das Leben der fremden Stadt
Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt die Augen öffnet, liegt es in einem weißen Bett in einem großen Zimmer. Heidi steht auf und geht zum Fenster. Es sieht nur Mauern und Fenster. Wo ist der Himmel, wo sind die Berge? Traurig setzt sich Heidi auf einen Stuhl und wartet.
Nach dem Frühstück kommt der Lehrer und gibt Klara und Heidi Unterricht. So vergehen viele Tage. Mit Heidi ist es lustig, und Klara langweilt sich nicht mehr. Heidi erzählt oft von der Alp und dem Leben dort. Dann wird es immer traurig und sagt: „Aber morgen muss ich wirklich nach Hause!“
Bei jedem Essen liegt ein Brötchen neben dem Teller. Heidi isst seine Brötchen nie, es nimmt sie heimlich mit in sein Zimmer: Sie sind für die Großmutter.
Aber Fräulein Rottenmeier findet die Brötchen im Kleiderschrank. Entsetzt ruft sie: „Was muss ich sehen, Adelheid! Wir müssen diese alten Brötchen sofort wegwerfen!“
„Nein“, ruft Heidi voller Angst. „Die Brötchen sind für die Großmutter!“ Es fängt an zu weinen und kann nicht mehr auf hören.
„Heidi, weine nicht so“, sagt Klara. „Wenn du dann nach Hause gehst, gebe ich dir viele frische Brötchen für die Großmutter.“
Erst da wird Heidi wieder froh.
Wenige Tage später kommt ein Gast: Klaras Großmama. Sie ist sehr nett. Großmama hat ein großes, buntes Buch mitgenommen. Sie sehen sich zusammen die Bilder an. Großmama fragt Heidi: „Und, kannst du lesen?“
„O nein, man kann das Lesen nicht lernen, es ist zu schwer, der Peter hat es mir gesagt.“
„So? Du musst nicht alles glauben, was ein Peter sagt. Wenn du lesen lernst, schenke ich dir dieses Buch, und dann kannst du alle Geschichten darin lesen. Das willst du doch?“
Jetzt übt Heidi jeden Tag die Buchstaben. Schon nach einer Woche kann es lesen. Und am Abend findet es auf seinem Teller das große Buch mit den schönen Bildern.
„Jetzt gehört es dir“, sagt Großmama.
Von jetzt an sitzt Heidi am liebsten mit dem Buch auf einem Stuhl und liest Geschichten. Nach einigen Wochen reist Großmama wieder ab. Es wird still im Haus. Heidi isst fast gar nichts mehr, und am Abend weint es leise im Bett und denkt an die Alp.
So vergeht lange Zeit. Heidi weiß nie, ob Sommer oder Winter ist, denn die Häuser vor dem Fenster sehen immer gleich aus. Man sieht kein Gras und keine Blumen, keine Tannen und keine Berge.
Herbst und Winter vergehen, und es wird wieder wärmer. Im Haus Sesemann passieren seit einiger Zeit seltsame Dinge. Jeden Morgen steht die Haustür weit offen, und niemand weiß, warum. Am Abend schließt man die Tür jetzt doppelt zu. Aber es nützt nichts: Am Morgen steht sie wieder offen. Fräulein Rottenmeier hat große Angst. Sie bittet die zwei Diener Johann und Sebastian, eine Nacht unten im Zimmer bei der Haustür zu verbringen. Auch die Diener haben große Angst. Sie trinken so viel Likör, dass sie müde werden und einschlafen. Um ein Uhr nachts öffnet Johann die Augen. Ist etwas passiert? Er steht auf und geht leise zur Haustür. Sie steht offen, und auf der Treppe sieht er eine weiße Gestalt! Sofort läuft er in das Zimmer zurück und schließt die Tür mit dem Schlüssel ab. Voller Angst erzählt er Sebastian: „Auf der Treppe war ein Gespenst – husch, und dann war es weg!“ Am Morgen erzählen sie, was Johann gesehen hat. Jetzt hat auch Klara große Angst. Fräulein Rottenmeier schreibt Herrn Sesemann einen Brief. Zwei Tage später steht er vor der Tür: „So, wie geht es dem Gespenst, Fräulein Rottenmeier?“, fragt er.
"Herr Sesemann, lachen Sie nicht. Hier passieren jede Nacht schlimme Dinge."
Sesemann lädt seinen Freund Doktor Classen ein. Sie setzen sich in das Zimmer bei der Haustür und plaudern den ganzen Abend. Dann schlägt die Uhr eins.
"Pst, hörst du? ", fragt Classen leise.
Jemand öffnet die Haustür! Die beiden Männer stehen auf und treten leise in den Korridor. Durch die offene Haustür scheint Mondlicht herein. Eine weiße Gestalt steht reglos in der Tür.
"Wer ist da? ", ruft der Doktor laut. Das Gespenst schreit leise auf und dreht sich um. Es ist Heidi.
"Was machst du hier? ", fragt Sesemann.
Heidi antwortet: "Ich weiß es nicht."
Der Doktor fragt: "Hast du geträumt?"
"Ja … jede Nacht träume ich das Gleiche: dass ich beim Großvater bin und die Tannen höre … Und dann gehe ich zur Tür und sehe den Himmel. Aber wenn ich erwache, bin ich immer noch in Frankfurt."
"Ist es denn beim Großvater auf der Alp nicht ein wenig langweilig?"
"O nein, dort ist es schön, so schön! ", sagt Heidi und fängt an zu weinen.
Der Doktor sagt freundlich: "So, noch ein klein wenig weinen und dann froh schlafen. Morgen wird alles gut."
Als Heidi im Bett ist, sagt er zu Sesemann: "Das Kind hat Heimweh! Es ist ganz mager und krank und muss sofort zurück nach Hause auf die Alp! Mein Arztrezept lautet: Morgen reist das Kind ab."