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Der Biograph, Bevor Netflix berühmt wurde… | KURZBIOGRAPHIE

Bevor Netflix berühmt wurde… | KURZBIOGRAPHIE

40 Dollar Strafe wegen eines zu spät zurückgebrachten Films.

Das kann doch nicht wahr sein, ärgert sich Reed Hastings,

und gründet vor mehr als 20 Jahren seine eigene Online-Videothek:

Netflix.

Wir alle lieben solche Geschichten.

Sie sind so simpel und klingen fast schon romantisch.

Doch so einfach ist es nicht,

erinnert sich Marc Randolph, der Mitgründer des Unternehmens.

Man müsse aktiv nach guten Ideen suchen

und würde nicht einfach über sie stolpern.

Na gut, wie sieht dann

die wahre Gründungsgeschichte von Netflix aus, Marc Randolph?

Januar 1997.

Marc Randolph geht schon auf die 40 zu,

als er grade gekündigt wird.

Gefeuert, entlassen.

Der Grund: Das Unternehmen, für das er arbeitet,

erschaffen und geleitet von einem Mann namens Reed Hastings,

wurde von einem größeren Unternehmen gekauft.

Marc wird jetzt nicht mehr gebraucht.

Anders als erwartet,

gibt es jedoch keine Verabschiedungszeremonie mit Kollegen

oder ein trauriges Zusammenpacken der Habseligkeiten vom Schreibtisch.

Nein, Marc Randolph wird Silicon-Valley-artig entlassen.

Denkt sich Marc.

Ihm ist sofort klar: Genug mit dem Angestelltendasein.

Die Zeit werde ich nutzen, um mein eigenes Unternehmen zu gründen.

Nun, Reed Hastings geht es ähnlich,

auch von ihm trennt man sich auf vergleichbare Weise.

Doch will er als frischgebackener Multimillionär

erst mal kein neues Business starten, erinnert sich Marc.

Ein harter Cut scheint auch ausgeschlossen,

denn Reed, der Vollblut-Entrepreneur,

will einen Fuß in der Tür zur Start-up-Welt lassen.

So sagt er zu Marc, einem langjährigen Kollegen:

Aber muss man dafür nicht erst mal aktiv

nach einer guten Idee suchen, Marc?

Richtig, machen sie ja.

Die Männer leben damals in derselben Stadt.

Jeden Tag fahren sie in einer Fahrgemeinschaft ins Büro.

Also nutzen sie die Autofahrten fortan für Brainstorming-Sessions.

Jeden Tag besprechen sie ihre Einfälle.

Dutzende Ideen, nein Hunderte, behauptet Marc.

Mit diesen Ideen geht er in sein Büro,

nützt das Whiteboard und das schnelle Internet und recherchiert.

Am Ende des Tages setzt er sich wieder ins Auto

und berichtet Reed, was er alles herausgefunden hat.

So geht das jeden Tag,

Inspiration ziehen sie dabei aus dem Alltag.

Doch die meisten Ideen waren schrecklich, erinnert sich Marc.

Er braucht oft nur wenig Zeit, um zu checken, wo die Schwachstellen sind.

Gründe, warum auch Idee Nummer 87 nicht funktionieren wird.

Einer ihrer Einfälle ist schließlich ein Videoverleih per Post.

Eine große Branche.

Sogar 1997 wären im Videomarkt wohl schon Milliarden umgesetzt worden,

während der Big Player zu der Zeit

womöglich ein lukratives Geschäftsfeld zu übersehen scheint.

Also fängt Marc mal wieder an zu recherchieren,

doch damals gab es Filme

noch auf diesen großen, unhandlichen Kassetten.

Die waren meist teuer, zerbrechlich und schwer.

Schnell wird ihm klar,

das wird nicht funktionieren.

Und so wird auch diese Idee bald wieder begraben.

Bis Reed, etwa zwei Monate später,

ganz nebenbei von dieser neuen Technologie namens "DVD" erzählt.

Entwickelt für Filme, dünn und leicht,

in der Größe einer Musik-CD.

Das bringt die beiden Männer auf eine Idee.

DVDs gibt es in den USA zu dem Zeitpunkt noch keine,

also fahren sie zu einem Musikgeschäft und kaufen eine CD.

Dann besorgen sie sich einen günstigen Briefumschlag,

packen die CD da rein,

schreiben Reeds Adresse drauf und verschicken sie.

Direkt am nächsten Tag, als Marc zu seinem Kollegen ins Auto steigt,

sagt Reed nichts.

Er hält nur den Briefumschlag mit der unbeschädigten CD hoch,

die in weniger als 24 Stunden bei ihm zu Hause angekommen war.

Kostenpunkt: eine läppische Briefmarke.

Zum ersten Mal sagen sie sich:

Schon ein paar Monate später

stellt Reed einen Scheck über 1,9 Millionen Dollar aus.

Marc beginnt, eine handvoll Leute einzustellen

und ein kleines Büro zu mieten.

Dort verbringen sie ein halbes Jahr damit, die erste Website zu bauen.

Eine Website, die heutzutage fast jeder

in weniger als 30 Minuten erstellen könnte, gibt Marc rückblickend zu.

Na ja, gut, ist ja auch schon eine ganze Weile her.

Am 14. April 1998

geht dann die Netflix-Homepage in den USA an den Start.

Marc erinnert sich,

das, was man da damals sehen konnte,

hatte nur sehr wenig mit dem Netflix der Gegenwart zu tun.

Eine der Hauptgründe: kein Streaming.

Wenn sich die Kunden einen Netflix-Film ansehen wollten,

bekamen sie ihn als DVD zugeschickt, mit zwei Tagen Lieferzeit.

Genau wie in stationären Videotheken

gab es Rückgabefristen und Versäumnisgebühren.

So ziemlich der einzige Unterschied hätte darin bestanden,

dass alles online ablief, sagt Marc.

Doch an diesem 14. April 1998 denkt noch niemand drüber nach,

wie Netflix neun Jahre später

sein Geschäftsmodell auf Streaming umstellen kann.

Wie sie über Algorithmen zu besseren Videoempfehlungen kommen können.

Wie man eines Tages mit Vorwürfen zur Steuervermeidung umgehen

oder während einer Corona-Pandemie

für eine Überlastung der Internetbandbreite sorgen wird.

Nein, an diesem 14. April 1998 fragt sich Marc Randolph lediglich:

Kann das wirklich funktionieren?

Eine Frage, die sich Netflix vor Kurzem

bei der Einführung des Konkurrenten Disney Plus womöglich noch stellt.

Warum es für sie eng werden könnte, hat Walulis bereits diskutiert.

Und eine weitere interessante Biografie

ist hier ebenfalls verlinkt.

Bis zur nächsten Inspiration.

Der Biograf.

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