Rosa Luxemburg und der humane Sozialismus
MANUSKRIPT
Zitatorin:
Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.
Erzählerin: Dieses Zitat stammt von einer der scharfsinnigsten und mutigsten Frauen der deutschen Geschichte: Rosa Luxemburg. Am 15. Januar 1919 erschlug ein Freikorps-Soldat sie mit seinem Gewehrkolben. Sie hatte versucht, einer sozialistischen Revolution in Deutschland zum Sieg zu verhelfen. Es war das grausame Ende einer Frau, die sich mit aller Kraft gegen den Krieg und für eine gerechte Gesellschaft eingesetzt hatte.
Ansage: „Rosa Luxemburg und der humane Sozialismus“ von Michael Reitz.
Erzählerin: Die Herkunft dieser sozialistischen Politikerin, die berühmt war für ihre Kampfeslust und gefürchtet wegen ihrer scharfen Zunge, ist gutbürgerlich. Rozalia Luxenburg wird am 5. März 1871 im polnischen Zamość als letztes von fünf Kindern eines wohlhabenden jüdischen Holzhändlers geboren. Polen ist damals zwischen Russland, dem Deutschen Reich und der österreichischen k.u.k-Monarchie aufgeteilt. Rosas Geburtsstadt liegt im russischen Teil Polens. Das Zarenreich ist eines der feudalsten und autoritärsten Systeme im damaligen Europa. Um der Enge der Provinz zu entkommen, zieht die Familie nach Warschau. Rosas Vater will, dass seine Tochter auf eine höhere Schule geht, erzählt die Berliner Schriftstellerin Unda Hörner. Unter dem Titel „1919 – Das Jahr der Frauen“ hat sie über Rosa Luxemburg geschrieben.
Unda Hörner: Rosa Luxemburg hat das genutzt und hat dann eben später das auch immer so verstanden, dass Bildung nicht etwas ist, was einer höheren Tochter gut steht, sondern wenn man Bildung hat, hat man auch eine bestimmte gesellschaftliche Verantwortung.
Erzählerin: Ein Beamter der Meldebehörde in Warschau macht das „n“ im Familiennamen irrtümlich zu einem „m“ – Luxenburg wird zu Luxemburg, Rozalia nennt sich später Rosa. Als Kind kann sie mit ihren Spielkameraden nicht draußen herumtollen. Sie ist von Geburt an behindert, wird nur 1,46 Meter groß und behält ihr Leben lang einen schweren Gehfehler. Doch ihren Kleinwuchs und die Behinderung macht Rosa durch enorme intellektuelle Leistungen wett:
Unda Hörner: Das hat ihr aber auch letztendlich diesen Sinn fürs Autodidaktische eingebracht. Dadurch, dass sie als Kind schon ebenso eingeschränkt war in ihrer Bewegungsfreiheit, hat sie sich total gestürzt auf Lektüre, auf das Erlernen von Sprachen. Also das hängt sicherlich ursächlich zusammen, diese körperliche Beeinträchtigung und die Geistesbildung.
Erzählerin: Auf dem Warschauer Mädchengymnasium ist Rosa Luxemburg bald die beste Schülerin. Sie lernt spielend leicht, vor allem Fremdsprachen: Deutsch, Französisch und Englisch. Aber auch politische Schriften interessieren sie schon als junges Mädchen. Texte von Friedrich Engels und Karl Marx nimmt sie begeistert auf, zumal alles, was nach Rebellion riecht, im besetzten Polen auf fruchtbaren Boden fällt.
Bereits als Sechzehnjährige schließt sie sich einer von der russischen Obrigkeit verbotenen sozialistischen Gruppe an, die sich „Zweites Proletariat“ nennt. Deshalb muss sie nach dem Abitur vor der zaristischen Polizei fliehen. Mit finanzieller Unterstützung ihres Vaters reist sie in die Schweiz. Dort studiert sie zunächst Philosophie, Mathematik und Botanik, bevor sie zu Rechtswissenschaft und Nationalökonomie wechselt. Sie liest „Das Kapital“ von Karl Marx und steht in engem Kontakt mit sozialistischen Emigranten. Einer von ihnen ist der Litauer Leo Jogisches, mit dem sie jahrelang in wilder Ehe zusammenlebt.
Musik: Die „Internationale“ (instrumental) Zitator: Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt! Das Recht, wie Glut im Kraterherde, nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit dem Bedränger, Heer der Sklaven, wache auf! Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger, alles zu werden, strömt zu Hauf!
Erzählerin: Die sogenannte „Internationale“ wird Ende des 19. Jahrhunderts zum Kampflied der revolutionären Arbeiterbewegung. Überall in Europa rebellieren Menschen, die für geringe Löhne teilweise bis zu vierzehn Stunden in Fabriken schuften müssen, deren Kinder hungern und verwahrlosen und deren Bildungschancen gleich Null sind.
Zitator: In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Parteien. Die Müßiggänger schiebt beiseite, denn diese Welt muss unser sein!
Erzählerin: Die Wohnsituation in Arbeitervierteln ist oft unerträglich. In Berlin beispielsweise leben um 1900 40 Prozent der Familien in Wohnungen, in denen fünf, sechs oder mehr Menschen in einem Raum zusammengepfercht sind. Die Schwindsucht grassiert, ein Großteil der Arbeiterkinder ist unterernährt. In Neukölln, Moabit oder Friedrichshain gibt es sogenannte „Wärmehallen“ – Obdachlosenunterkünfte, die nicht selten mehrere Tausend Menschen pro Tag wenigstens vor dem Erfrieren retten.
Immer wieder kommt es zu Streiks und Aufständen, die blutig niedergeschlagen werden – auch in Rosa Luxemburgs Heimat. Sie will dem nicht tatenlos zusehen: Mit drei jungen Männern gründet sie in der Schweiz eine sozialdemokratische Partei für Polen. Die junge Frau wird schnell bekannt in der europäischen Sozialdemokratie. Auf Kongressen geht sie keinem Streit aus dem Weg, hat vor Autoritäten nicht die geringste Angst und verfügt über enormes rhetorisches Talent. Oft muss sich die kleinwüchsige Frau bei ihren Reden auf einen Stuhl oder eine Obstkiste stellen, damit sie überhaupt vom Publikum gesehen wird.
Rosa Luxemburg will eine sozialistische Gesellschaft, die ohne Zwang auskommen soll. Der Historiker Jörn Schütrumpf hat eine Biografie über Rosa Luxemburg geschrieben. Sie war der Meinung, sagt er:
Jörn Schütrumpf: Ohne Rechtsstaat, ohne Versammlungsfreiheit, ohne Redefreiheit war für sie ein Kampf um Sozialismus überhaupt nicht denkbar. Sie wollte keine Parteiführerin sein – sie war übrigens auch nie Parteiführerin –, sondern sie wollte Leute befähigen, selber ihre eigenen politischen Interessen zu erkennen und selber sich zu organisieren und selber diese Sachen durchzusetzen.
Erzählerin: Andernfalls, meint Rosa Luxemburg, könnten die Massen missbraucht werden von Politikern, die eigene Ziele verfolgen. Durch eine Scheinheirat wird die Sozialistin Bürgerin des Deutschen Kaiserreichs. Die SPD ist damals die größte und stärkste sozialdemokratische Partei Europas, außerdem finden im Deutschen Reich bald Wahlen statt. Die mittlerweile promovierte Juristin wirbelt sofort Staub auf in der deutschen Sozialdemokratie.
Ernst Piper: Sie kam in Berlin an, war noch nie zuvor in Deutschland gewesen und ist schnurstracks ins Büro der SPD marschiert.
Erzählerin: Der Historiker Ernst Piper hat im November 2018 eine umfangreiche Biografie zu Rosa Luxemburg verfasst.
Ernst Piper: Am liebsten wollte sie mit August Bebel sprechen, das war schließlich der oberste Vorsitzende. Der war gerade nicht da, dann hat sie sich eben mit dem Auer begnügt, mit dem Generalsekretär, und hat es offensichtlich verstanden, ihn in kürzester Zeit zu beeindrucken und für sich einzunehmen. Das ist ihr ja gelungen.
Erzählerin: Rosa Luxemburg organisiert den Wahlkampf der SPD in der Provinz Posen, dem polnisch sprechenden Teil des deutschen Reiches – und hat ungeheuren Erfolg. Die Sozialdemokraten vervierfachen dort ihren Stimmenanteil. Rosa Luxemburgs Bericht an die Parteispitze gibt einen Eindruck davon, wie mühselig und teilweise gefährlich das im obrigkeitshörigen Kaiserreich gewesen sein muss:
Zitatorin: Die Abhaltung öffentlicher Versammlungen war unmöglich und die ganze Agitation bloß auf Flugblattverteilung reduziert. Bei den Wahlen selbst war der Druck der Polizei so groß, dass bei dem einzelnen Arbeiter wirklich Mut dazu gehörte, einen sozialdemokratischen Stimmzettel abzugeben oder während der Wahl für uns zu wirken.
Jörn Schütrumpf: Per se ist die Arbeiterklasse für Rosa Luxemburg nicht revolutionär gewesen. Es war für Rosa Luxemburg die soziale Gruppe, die am ehesten für revolutionäre Veränderungen gewinnbar war. Und darauf zielte ihre ganze Politik, die ja im Kern Bildungspolitik war … Die Frau hat an der Parteischule systematisch Leute ausgebildet. Immer mit dem Ziel, dass der Einzelne erkennt, dass konsequentes Handeln die einzige Möglichkeit darstellt, auf Dauer diese Gesellschaft so zu verändern, dass sie für alle Seiten lebensfähig und lebenswert ist.
Erzählerin: Die deutsche Sozialdemokratie zerfällt Anfang des 20. Jahrhunderts in zwei verfeindete Lager. Auf der einen Seite die, die eine Revolution zumindest theoretisch nicht ausschließen und an der Alleinherrschaft der arbeitenden Klasse festhalten – im marxistischen Jargon an der „Diktatur des Proletariats“. Auf der anderen Seite die sogenannten Revisionisten, die das erkämpfen wollen, was uns heute als Sozialstaat selbstverständlich erscheint: keine Revolution, sondern schrittweise Reformen, die das kapitalistische System nicht grundsätzlich in Frage stellen. Rosa Luxemburg hat ihren eigenen Kopf. Sie lehnt die reformistische Position ebenso ab wie eine Revolution, die über Leichen geht, erzählt ihr Biograf Ernst Piper:
Ernst Piper: Sie war dann die Anführerin des relativ kleinen Linken Flügels, der sozusagen den Marxismus nicht nur immer auf den Lippen geführt hat, sondern das auch ernst nehmen wollte. Und dann kam es ebenso ab 1905 wirklich zunehmend zu Meinungsverschiedenheiten, etwa in der Frage des Massenstreiks, ob man von dem immer nur redet und ob er nun in Resolutionen vorkommen soll oder auch in der politischen Praxis.
Erzählerin: Rosa Luxemburg sieht Streik als Mittel, die herrschende Ordnung umzustoßen. Im Januar 1905 kommt es zu einer heute fast vergessenen Revolte in Russland.
Zum ersten Mal taucht eine Gruppe der russischen Sozialdemokraten auf, die sich
„Bolschewiki“ nennt, vom russischen Wort „bolschinstwo“ für Mehrheit. Ihr Vordenker Wladimir Iljitsch Lenin hatte auf dem Parteitag 1903 durchgesetzt, dass sich russische Sozialdemokraten als Berufsrevolutionäre verstehen sollten: straff und zentralistisch von oben nach unten organisiert, wie eine militärische Einheit. Mit der ihr eigenen Respektlosigkeit macht sich Rosa Luxemburg lustig über Lenin, den sie „Akrobat“ nennt – und über sein Programm:
Zitatorin: Der kühne Akrobat übersieht dabei, dass das einzige Subjekt, dem jetzt diese Rolle des Lenkers zugefallen, das Massen-Ich der Arbeiterklasse ist, dass sich partout darauf versteift, eigene Fehler machen zu dürfen. Und schließlich sagen wir doch unter uns offen heraus: Fehltritte, die eine wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermesslich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten „Zentralkomitees“.
Erzählerin: Auch die eigene Partei nimmt Rosa Luxemburg ins Visier. In zahlreichen Reden kämpft sie gegen den Kuschelkurs der SPD mit den Mächtigen im Kaiserreich, der sich immer stärker durchsetzt. Jörn Schütrumpf erzählt:
Jörn Schütrumpf: Rosa Luxemburg war eine Praktikerin. Und Rosa Luxemburg war eine hervorragende Rednerin, sowohl im Polnischen als auch im Deutschen. Die Frau füllte Säle. Wenn die Luxemburg dort sprach, war dort kein Platz zu bekommen. Und sie arbeitete mit den Menschen.
Erzählerin: In Berlin organisiert sie Demonstrationen, als der Balkankrieg 1913 zu einem gesamteuropäischen Krieg zu werden droht. Auf einer Versammlung sagt sie:
Zitatorin: Wenn uns zugemutet wird, die Mordwaffen gegen unsere französischen oder anderen ausländischen Brüder zu erheben, so erklären wir: „Nein, das tun wir nicht!“
Erzählerin: Bereits 1904 war Rosa Luxemburg wegen Majestätsbeleidigung sechs Wochen in Haft gewesen. Nach ihrer Rede im Februar 1914 wird sie zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt, die sie allerdings zunächst nicht antreten muss.
Sie lässt sich auch jetzt nicht unterkriegen. Vor allem, als die deutschen Sozialdemokraten ihre historisch gesehen größte Anpassungssünde begehen: ihre Zustimmung zu den sogenannten Kriegskrediten. Sie machen es dem deutschen Kaiser im August 1914 möglich, den Ersten Weltkrieg zu beginnen. Unmittelbar danach gründet Rosa Luxemburg mit einigen Genossen die parteiinterne Opposition „Gruppe Internationale“. In ihr sammeln sich die Kriegsgegner der SPD. Unter anderem der einzige Abgeordnete der Partei, der gegen die Kriegskredite gestimmt hatte: Karl Liebknecht.
Jörn Schütrumpf: Sie ging davon aus, dass es einen ganzen Komplex von Einflüssen auf bürgerlich- feudaler Seite gab – Kirche, Bildung, Armee – die alle darauf hinwirkten, dass die Leute staatsfromm blieben, dass sie ihre eigenen Interessen nicht erkannten, dass sie zu möglichst niedrigen Löhnen arbeiteten, und dass sie möglichst lange Arbeitszeiten hatten.
Erzählerin: Die Gruppe wird später unter dem Namen ihrer Zeitschrift „Spartakus“ bekannt, die Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gemeinsam herausgeben. Ab Februar 1915 verbüßt sie ihre Haftstrafe. Als sie nach einem Jahr entlassen wird, stehen auf der Straße vor dem Gefängnis mehrere Tausend Menschen, die ihr zujubeln.
Bereits drei Monate nach ihrer Entlassung steckt man Rosa Luxemburg erneut ins Zuchthaus, diesmal für zweieinhalb Jahre. Zynisch nennt die Justiz diese Strafe „Schutzhaft“. Die kleinwüchsige Frau ist zur ernsten Bedrohung des deutschen Militarismus geworden. Doch auch im Zuchthaus verliert sie weder ihren Kampfgeist noch ihren Lebensmut. In einem Brief an ihre Freundin Sonia, die Ehefrau Karl Liebknechts, schreibt sie:
Zitatorin: So ist das Leben und so muss man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.
Erzählerin: Im Zuchthaus verfasst Rosa Luxemburg Aufsätze, die Freunde herausschmuggeln und illegal publizieren. Darunter auch eine Broschüre, in der sie scharf mit der SPD abrechnet. Sie ist nach ihrer Auffassung zu einer staatstragenden Partei geworden, die ab Oktober 1918 auch an der Regierung beteiligt ist. Zuvor hatten die deutschen Sozialdemokraten alle Kriegsgegner aus der Partei ausgeschlossen. Einige von ihnen gründen daraufhin die „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“, kurz USPD. Rosa Luxemburg nennt die ausschließlich männliche Führungsspitze der SPD zwar „alte Gichtonkel“. Doch sie befürchtet, dass der deutschen Arbeiterbewegung mit der Aufspaltung der Sozialdemokratie die Zähne gezogen werden.
Jörn Schütrumpf: Rosa Luxemburg hatte vor nichts so viel Angst wie vor der Sekte. Und sie hat auch im Krieg, noch aus dem Gefängnis heraus, an ihre Freunde draußen geschrieben, dass es Unsinn ist, aus der Partei auszutreten. Man müsse die Partei zurückerobern. Aber sie ist dann schweren Herzens, weil die Mehrheit ihrer Spartakus-Gruppe das so wollte, dann in diese USPD gegangen, als eigene Gruppe. Sie wäre lieber in der SPD geblieben.
Erzählerin: In der Haft erlebt Rosa Luxemburg die russische Oktoberrevolution. Die Bolschewiki putschen sich an die Macht. Jetzt sollen Arbeiter- und Soldatenräte Russland führen. Rosa Luxemburg feiert einerseits die Zerschlagung kapitalistischer Eigentums- und Machtverhältnisse. Andererseits sieht sie auch die Gefahr einer Alleinherrschaft der Bolschewisten. Sie ist entsetzt über das, was sie in den in ihre Zelle eingeschmuggelten Zeitungen liest: Massenverhaftungen, Pressezensur und offener Terror gegen die Opposition gehören bald zum revolutionären Alltag. Unter diesem Eindruck verfasst Rosa Luxemburg eine Schrift, die heute zu den brillantesten Analysen der bolschewistischen Revolution und ihrer schweren Geburtsfehler zählt. Darin heißt es:
Zitatorin: Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt. Das öffentliche Leben schläft allmählich ein. Ein Dutzend hervorragender Köpfe und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen und vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen.
Erzählerin: Rosa Luxemburg verabscheut die Gewalt und den brutalen Terror der Bolschewisten. Allerdings, meint ihr Biograf Ernst Piper, ist sie darin nicht konsequent.
Ernst Piper: Sie sagt, wenn das Proletariat an die Macht kommen will, dann wird das Bürgertum seine Machtposition nicht freiwillig aufgeben und ihre Schriften müssen wohl so verstanden werden, das eine sozialistische Demokratie eine ist, wo vereinfacht gesagt zwar viele mitbestimmen und mitreden dürfen, aber eben nicht alle, oder jedenfalls vorübergehend nicht alle.
Erzählerin: Für Rosa Luxemburg ist die bolschewistische Herrschaft nichts anderes als eine Variante bürgerlicher Tyrannei. Ihre eigene Auffassung von einer Herrschaft der Arbeiter beschreibt sie so:
Zitatorin: Sozialistische Demokratie beginnt mit dem Moment der Machteroberung durch die sozialistische Partei. Sie ist nichts anderes als die Diktatur des Proletariats. Aber diese Diktatur besteht in der Art der Verwendung der Demokratie, nicht in ihrer Abschaffung.
Erzählerin: Fabrikbesitzer, Bankiers oder Militärs sind für Rosa Luxemburg Gegner einer so verstandenen Demokratie. Denn sie benutzten den Staat und die Gesellschaft, meint sie, allein für ihre Zwecke. Ab 1914 sind sie für einen Krieg verantwortlich, der an Barbarei und Grausamkeit alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. In Frankreich und Flandern vegetieren deutsche und französische Soldaten in Schützengräben, in denen Ratten Leichen anfressen und der Gestank von Verwesung und menschlichen Exkrementen unerträglich ist. Tagelang bleiben Truppen ohne Wasser und Nahrung. In mörderischen Artilleriebombardements werden oft an einem Tag Tausende Soldaten in Stücke gerissen. Der Schriftsteller Karl Rosner schreibt 1916 in sein Fronttagebuch:
Zitator: Es fehlt der ernste Glaube, aus dieser Hölle zu entkommen. Überall liegen Tote und Leichenteile. Kein einziger Verwundeter. Da ein Arm, dort ein Fuß, zum Teil halb verschüttet. Uniformfetzen und Fleischteile, alles blutbesudelt. Wie harmlos erscheint dagegen die Schilderung der Schrecken in Dantes „Inferno“.
Erzählerin: Die Soldaten lassen sich diesen Irrsinn nicht länger gefallen. Am 3. November 1918 meutern in Kiel Tausende Matrosen der Marine, bald gründen sich überall im Reich Arbeiter- und Soldatenräte. In der Hauptstadt Berlin streiken die Arbeiter, gehen zu Hunderttausenden auf die Straße und fordern den Rücktritt von Kaiser Wilhelm dem Zweiten. Rote Fahnen bestimmen das Stadtbild. Am 9. November wird die Abdankung des Monarchen bekanntgegeben, noch am gleichen Tag ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die Republik aus. Zwei Stunden später proklamiert der Spartakist Karl Liebknecht die freie sozialistische Republik Deutschland. Die bisher zerstrittenen sozialdemokratischen Parteien SPD und USPD bilden unter dem SPD-Kanzler Friedrich Ebert eine Übergangsregierung. Diese will eine parlamentarische Demokratie, und wird vom Militär unterstützt. In Berlin beginnt ein Kampf um die Macht zwischen der provisorischen Regierung und den Räten. Auf welcher Seite steht Rosa Luxemburg, die bis zum Beginn der Revolution im Gefängnis gesessen hatte? Ihr Biograf Ernst Piper sagt:
Ernst Piper: Ich glaube, dass man schon sagen kann, dass sie eigentlich für so eine Dualität gewesen ist, aber sie hat gesagt, bevor eben diese Sozialdemokraten, diese Regierungssozialisten, wie sie sie genannt hat, hier alles wieder abwürgen und sozusagen das Feuer der Revolution austreten, bevor es überhaupt richtig zu lodern angefangen hat, wollen wir erst mal die Räteherrschaft etablieren und dann kann man später immer noch darüber nachdenken, ob man ein allgemeines Parlament wählt und versuchen das Parlament selbst als Agitationsbühne zu benutzen.
Erzählerin: Im Dezember 1918 tagt in Berlin der Reichsrätekongress. Er lehnt die Schaffung einer deutschen Sowjetrepublik ab und plädiert für die parlamentarische Demokratie. Aus der Spartakusgruppe entsteht am 30. Dezember 1918 die Kommunistische Partei – mit gerade mal 50 Mitgliedern. Sie ist ein Sammelbecken für Abenteurer und politischen Dilettantismus. Was sie allerdings nicht davon abhält, sich für die Elite der Arbeiterbewegung zu halten. Rosa Luxemburg will nicht bei den Sozialdemokraten bleiben. Schweren Herzens schließt sie sich der Kommunistischen Partei an und schreibt für deren Kampfblatt, die „Rote Fahne“.
Hunger und Mangel an Heizmaterial treiben zu Jahresbeginn 1919 bei klirrender Kälte erneut Hunderttausende auf die Berliner Straßen. Da der von den Unabhängigen Sozialdemokraten gestellte Polizeipräsident von Friedrich Ebert abgesetzt worden war, hatten sie zu den Protesten aufgerufen – ohne jedoch so etwas wie einen Aktionsplan zu haben. Was nun folgt, ist organisierter Massenmord. Jörn Schütrumpf:
Jörn Schütrumpf: Wir haben jetzt eine Reihe von Untersuchungen, die zeigen also, dass es vor allem Polizeispitzel waren, die dann in den Massen riefen: Auf ins Zeitungsviertel! Und dann besetzten die Leute das Zeitungsviertel – strategisch gesehen völlig unsinnig.
Erzählerin: Das Viertel ist längst umstellt vom Militär. Mit unglaublicher Brutalität geht vor allem die „Gardekavallerie Schützendivision“ gegen die Demonstranten vor. Mit Maschinengewehren feuern sie in die Menge, Gefangene werden auf offener Straße gefoltert und hingerichtet. Als sich sieben Parlamentäre der Aufständischen zu Verhandlungen bereit erklären, weiße Fahnen hissen und auf die Straße treten, werden sie mit Bajonetten erstochen. Nach einigen Tagen bricht der Aufstand zusammen. Obwohl sie nicht zur Revolte aufgerufen hat, steht Rosa Luxemburg nun ganz oben auf der schwarzen Liste der Militärs. Am 15. Januar 1919 wird sie mit Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck, dem späteren Präsidenten der DDR, verhaftet. Man verschleppt sie in das Hauptquartier der Schützendivision in der Nähe des Bahnhofs Zoo. Nach einer kurzen Befragung zerren die Soldaten Karl Liebknecht in ein Auto und misshandeln ihn schwer, bevor sie ihn im Tiergarten erschießen. Wilhelm Pieck kommt mit dem Leben davon, weil er die Verstecke seiner noch nicht verhafteten Genossen verrät. Als Rosa Luxemburg das Gebäude verlässt, erwartet sie dort ein Soldat, der ihr mit dem Gewehrkolben den Kopf einschlägt. Ihre Leiche wirft man von einer Brücke aus in den nahegelegenen Landwehrkanal. An dieser Stelle hängt heute eine Gedenktafel mit einem Zitat von ihr:
Zitatorin: Die Missachtung des Lebens und die Brutalität gegen den Menschen lassen die Fähigkeit des Menschen zur Unmenschlichkeit erkennen. Sie kann und darf kein Mittel irgendeiner Konfliktlösung sein und bleiben.
Musik: „Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin“ (beginnt mit Kommandos)
Erzählerin: Das ist das traditionelle Totenlied der revolutionären Arbeiterbewegung. In der DDR wurde es auf von der SED verordneten Umzügen und Paraden jedes Jahr am 15. Januar, dem Todestag Rosa Luxemburgs, gespielt – eine ziemliche Heuchelei. Denn nach der Theorie des offiziellen Marxismus-Leninismus war Rosa Luxemburg eine Dissidentin. Für sie war ein menschlicher Sozialismus nur durch die Spontaneität der Massen zu erreichen. Und nicht durch elitäre Berufsrevolutionäre, die mit Parteitagsbeschlüssen festlegen, was das Volk zu tun hat. Rosa Luxemburg hätte auch niemals die Einschränkung der Presse- und Versammlungsfreiheit gutgeheißen, wie sie in der DDR üblich war. Sie wurde zur Märtyrerin der Arbeiterbewegung erklärt, die sich zwar redlich bemüht, aber angeblich große Fehler gemacht habe. Erst 1971 erschienen ihre Schriften in der DDR. Liest man die folgende Passage, dann versteht man, warum dies erst so spät geschah.
Zitatorin: Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie hasst und verabscheut den Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte. Sie ist kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln, sondern die Aktion der großen Millionenmasse des Volkes.
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