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H P Lovecraft - Kurzgeschichten, Dagon - 02

Dagon - 02

Auf einmal wurde meine Aufmerksamkeit von einem riesigen, einzigartigen Objekt auf dem gegenüberliegenden Hang eingefangen, das etwa hundert Schritte vor mir steil aufragte; ein Objekt, das im nun darauf fallenden Licht des aufsteigenden Mondes weißlich glänzte. Ich versicherte mich bald, dass es sich lediglich um einen riesigen Felsbrocken handelte, doch war ich mir eines gewissen Eindrucks bewusst, dass seine Kontur und Position nicht vollständig das Werk der Natur waren. Eine nähere Prüfung erfüllte mich mit Eindrücken, die ich nicht auszudrücken vermag, denn trotz seiner enormen Größe und seinem Standpunkt in einem Abgrund, der am Meeresboden geklafft hatte seit die Welt jung war, erkannte ich ohne jeden Zweifel, dass das sonderbare Objekt ein wohlgeformter Monolith war, dessen gewaltige Masse Bearbeitung und vielleicht Verehrung von lebenden und denkenden Kreaturen erfahren hatte.

Benommen und verängstigt, doch nicht ohne eine Art wissenschaftliche Neugier oder die Freude des Archäologen, betrachtete ich meine Umgebung näher. Der Mond stand nun fast im Zenit und schien unheimlich und klar über den gewaltigen Steilhängen, die die Schlucht säumten und offenbarte, dass ein entlegenes Gewässer am Grund floß, sich in beide Richtungen außer Sicht wand und fast zu meinen Füßen plätscherte während ich am Hang stand. Jenseits der Spalte wuschen die Wellen den Fuß des zyklopischen Monolithen, an dessen Oberfläche ich nun sowohl Inschriften als auch grobe Bildhauereien erkannte. Das Geschriebene stand in einem System von Hieroglyphen, die mir unbekannt waren, die wie nichts aussahen, das ich je in Büchern gesehen hatte und die zum größten Teil aus stilisierten aquatischen Symbolen, wie Fischen, Aalen, Kraken, Krustentieren, Mollusken, Walen und ähnlichem bestanden. Mehrere Zeichen repräsentierten offensichtlich Meereslebewesen, die der modernen Welt unbekannt waren, doch deren verwesende Formen ich auf der aus dem Ozean gestiegenen Ebene erkannt hatte.

Es waren jedoch die Bildschnitzereien die mich am meisten faszinierten. Aufgrund ihrer enormen Größe war eine Reihe von Basreliefs klar, deren Themen den Neid eines Doré erregt hätten, über das Wasser hinweg sichtbar. Ich glaube, sie sollten Menschen darstellen --- zumindest eine Art Menschen, obwohl die Kreaturen sich wie Fische vergnügend in den Wassern einer Meeresgrotte dargestellt, oder huldigend an einer Art monolithischem Schrein abgebildet waren, der sich ebenfalls unter den Wellen zu befinden schien. Von ihren Gesichtern und Formen wage ich nicht im Detail zu sprechen, denn die bloße Erinnerung daran bringt mich der Ohnmacht nahe. Grotesk jenseits der Vorstellungskraft eines Poe oder eines Bulwer, waren sie abscheulich menschlich in ihren Konturen trotz Schwimmhäuten an Händen und Füßen, furchtbar breiter, hängender Lippen, glasiger, hervortretender Augen und anderer Merkmale, die ich mir ungern ins Gedächtnis zurückrufe. Kurioserweise schienen sie völlig außer Proportion zu ihrem Hintergrund gemeißelt zu sein, denn eine der Kreaturen war beim Töten eines Wals zu sehen, der kaum größer war als sie selbst. Ich bemerkte, wie gesagt, ihre Hässlichkeit und seltsame Größe, doch dann beschloss ich, dass sie lediglich die erfundenen Götter eines primitiven Stammes von Fischern oder Seefahrern waren, eines Stammes, dessen letzte Nachkommen untergegangen waren, noch bevor der erste Vorfahre des Piltdown-Menschen oder des Neandertalers geboren wurde. Ehrfürchtig vor diesem unerwarteten Einblick in eine Vergangenheit jenseits der Vorstellung der wagemutigsten Anthropologen stand ich grübelnd da, während der Mond sich seltsam in dem stillen Kanal vor mir spiegelte.

Dann sah ich es plötzlich. Mit nur einem leichten Brodeln, das seinen Aufstieg an die Oberfläche ankündigte, glitt das Ding in Sicht über den dunklen Wassern. Riesig, Polyphem gleich und abgrundtief hässlich, schoss es wie ein gewaltiges, Alpträumen entstammendes Monster zu dem Monolithen, um den es seine gigantischen, schuppigen Arme warf, während es seinen scheußlichen Kopf senkte und einige bedächtige Töne ausstieß. Ich glaube, da wurde ich wahnsinnig.

An meinen hektischen Aufstieg über den Hang und die Klippe und an meiner deliriösen Reise zurück zum gestrandeten Boot, erinnere ich mich nur flüchtig. Ich glaube, ich sang zu großen Teilen und lachte eigentümlich, wenn ich nicht fähig war, zu singen. Ich habe undeutliche Erinnerungen an einen großen Sturm, einige Zeit nachdem ich das Boot erreicht hatte, jedenfalls weiß ich, dass ich Donnerschläge und andere Geräusche gehört hatte, die die Natur nur in ihren wildesten Stimmungen von sich gibt.

Als ich aus den Schatten auftauchte, war ich in einem Hospital in San Francisco, hierher gebracht vom Kapitän eines amerikanischen Schiffes, das mein Boot mitten im Ozean aufgelesen hatte. In meinem Fieberwahn hatte ich viel geredet, doch fand ich, dass man meinen Worten nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Von einer Landerhebung im Pazifik wussten meine Retter nichts, noch hielt ich es für nötig, auf etwas zu beharren, von dem ich wusste, dass sie es nicht glauben könnten. Ich suchte einmal einen berühmten Ethnologen auf und amüsierte ihn mit eigenartigen Fragen bezüglich der uralten, philistäischen Legende von Dagon, dem Fischgott, doch bald erkannte ich, dass er hoffnungslos konventionell war und drängte ihn nicht weiter mit meinen Nachforschungen.

Es ist nachts, besonders wenn der Dreiviertelmond abnimmt, dass ich das Ding vor mir sehe. Ich habe Morphium ausprobiert, doch die Droge verschaffte mir nur kurzlebigen Nachlass und zog mich in ihre Umklammerung als einen hoffnungslosen Sklaven. Darum werde ich nun allem ein Ende setzen, nachdem ich diesen vollständigen Bericht zur Information oder zum verächtlichen Amüsement meiner Mitmenschen verfasst habe. Oft frage ich mich ob es nicht alles nur ein reines Hirngespinst gewesen sein kann --- eine bloße Fieberlaune während ich durch die Sonne geschwächt und verrückt in dem offenen Boot lag nach meiner Flucht von dem deutschen Kriegsschiff. Dies frage ich mich, doch erscheint mir immer nur eine abscheulich lebhafte Vision als Antwort. Ich kann nicht an die Tiefsee denken ohne zu erzittern vor den namenlosen Dingen, die genau in diesem Moment auf ihrem schleimigen Grund kriechen und zappeln, ihre uralten Steingötzen anbeten und ihre eigenen widerwärtigen Abbilder in unterseeische Obelisken aus von Wasser durchdrungenem Granit schnitzen. Ich träume von einem Tag an dem sie sich über die Wellen erheben um in ihren stinkenden Fängen die Überbleibsel einer mickrigen, durch Krieg entkräfteten Menschheit herab zu ziehen --- von einem Tag an dem das Land versinken und der Meeresboden aufsteigen wird in Mitten von allumfassendem Pandämonium.

Das Ende ist nah. Ich höre ein Geräusch an der Tür, wie von einem gewaltigen, glitschigen Körper, der dagegen trampelt. Es wird mich nicht finden! Gott, diese Hand! Das Fenster! Das Fenster!

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