Spezielle Relativitätstheorie I - Warum Zeit nicht gleich Zeit ist (2018)
Das Raumzeit-Team bekennt sich endlich zu seinem Namen. Wir beginnen heute mit unserer
Reihe zur Relativitätstheorie Albert Einsteins – jener Theorie, der die Menschheit die
bekannteste aller Gleichungen verdankt. Jene Theorie, welche zusammen mit der Quantenmechanik
die Physik des 20. Jahrhunderts revolutionierte und bestimmte. Unsere Zielsetzung ist dabei
einfach: wir wollen heute einen Teil der speziellen Relativitätstheorie vorstellen und zwar so,
dass man sie versteht. Und nur ein bisschen Mathematik, versprochen. Kleines bisschen.
Jetzt aber los. Ich bin Ronny. Willkommen bei Raumzeit.
Einstein veröffentlichte seinen Aufsatz zur „Elektrodynamik bewegter Körper“ in seinem
annus mirabilis, seinem Wunderjahr, 1905. Den Begriff spezielle Relativitätstheorie
benutzte Einstein erst 1915, als er der Welt die Allgemeine Relativitätstheorie vorstellte.
Um die spezielle Relativitätstheorie, die wir gelegentlich mit SRT abkürzen werden,
zu verstehen, ist ein Minimum an physikalischen Begrifflichkeiten notwendig.
Der erste Begriff, der immer wieder auftaucht, ist Inertialsystem. Das klingt sehr intellektuell,
beschreibt aber letztlich nur ein System, z.B. ein Raumschiff, einen Menschen oder einen
Asteroiden, welches sich in einer gleichförmigen Bewegung befindet. Es kann stillstehen, 50
km/h schnell sein oder sich mit halber Lichtgeschwindigkeit bewegen. Solange das System nicht beschleunigt
oder gebremst wird, gilt es als Inertialsystem. Für solche Inertialsysteme ging Einstein
von genau zwei Grundüberlegungen aus. Erstens: alle physikalischen Gesetze gelten ohne Einschränkungen
in jedem Inertialsystem. Das ist für uns alle intuitiv nachvollziehbar: egal ob wir
im Bett liegen, in einem Zug fahren oder im Flugzeug reisen: wenn wir einen Stift fallen
lassen, dann fällt dieser nach unten. Genau genommen könnten wir nicht einmal feststellen,
dass wir uns bewegen. Und überhaupt ist das mit dem still im Bett liegen ja so eine Sache.
Wir liegen eigentlich auf einem rotierenden Ball, welcher einen Stern umkreist, der mit
220 Kilometer pro Sekunde durch die Milchstraße rast – bewegungslos ist anders. Also nochmal
die erste Prämisse Einsteins: in allen Inertialsystemen existieren die gleichen physikalischen Gesetze.
Die zweite Prämisse sagt, dass die Lichtgeschwindigkeit c immer gleich ist, egal für welchen Beobachter,
egal in welchem System. Im Klartext: egal ob ich meine Taschenlampe aus dem Sessel heraus
anmache oder in der International Space Station die mit 7.66 km/s fliegt: ich und jeder andere
Beobachter sehen einen Lichtstrahl, der sich mit 300.000 km/s bewegt. Nicht langsamer,
nicht schneller. Diese beiden Prämissen leiten an sich ganz
logisch zur Speziellen Relativitätstheorie hin. Machen wir mal ein Experiment. Wir brauchen
zwei Inertialsysteme, sagen wir mal, Sandy und Dr. Fred. Sandy sitzt gerade in einem
geparkten Raumschiff und Dr. Fred schaut ihr vom Boden aus zu. Beide haben exakt identische
Uhren bei sich – ganz besondere Uhren. Sie besteht aus einem Spiegel oben und einem Spiegel
unten. Zwischen beiden Spiegeln bewegt sich ein Photon auf und ab (könnte auch ein Lichtstrahl
sein, aber ein Photon ist besser zu animieren und klingt cooler.) Bei Uhren laufen absolut
synchron und das Licht benötigt aus Gründen der Vereinfachung genau 1 Sekunde hoch und
1 Sekunde runter. Sehen wir hier. Zur Erinnerung – das Photon bewegt sich mit 300.000 km/h,
mit c, mit Lichtgeschwindigkeit. Das findet auch Einstein unproblematisch,
denn beide Inertialsysteme (Sandys Raumschiff und Dr. Freds Parkbank) sind gleich schnell
– sie bewegen sich nicht. Was aber, wenn Sandy ihr Fusionsionentriebwerk zündet und
etwas später mit halber Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist? Jetzt haben wir zwei Inertialsysteme,
die sich relativ zueinander unterschiedlich schnell bewegen. Was ist mit den Uhren? Erstmal
genau das, was wir erwarten würden. Fred sieht seine Uhr genauso ticken wie zuvor.
Eine identische Beobachtung macht Sandy im Raumschiff. Erinnern wir uns an die Prämissen:
physikalische Gesetze sind in beiden Systemen identisch. Beide sehen also eine Uhr, die
1 Sekunden anzeigt. Doch jetzt ändern wir etwas Entscheidendes.
Wir ermöglichen so jene Beobachtung, die letztlich die spezielle Relativitätstheorie
definiert! Sandy fliegt nun an Dr. Freds Position vorbei. Fred steht noch immer da. Während
des Vorbeifluges sieht Sandy das Photon in ihrer Uhr normal auf und ab gehen. Auch Fred
sieht sein Photon genauso auf und ab gehen. – Doch nun blickt Fred auf die vorbeifliegende
Sandy und deren Uhr. Zu schnell?
Hier nochmal etwas langsamer. Jetzt? Das Photon, dessen Bewegungen für
Sandy ganz normal verlaufen, muss aus Dr. Freds Perspektive eine längere Wegstrecke
zurücklegen. Eine längere Wegstrecke bedeutet mehr Zeit. Das ist doch aber gar nicht möglich!
Wenn nämlich die Lichtgeschwindigkeit für jeden Beobachter immer identisch ist (das
war Einsteins zweite Prämisse), dann gibt es hier ein Problem. Das Licht hat offensichtlich
in der gleichen Zeit eine längere Strecke als das Licht in Dr. Freds Uhr zurücklegen
müssen. Das geht aber nicht, denn beide Lichtstrahlen sind ja exakt gleich schnell – und zwar
für jeden Beobachter … Lösen wir das auf: Geschwindigkeit definiert
sich in der Physik als Quotient V aus Distanz d durch Zeit t.
Da V des Photons aber immer gleich sein muss, nämlich 300.000 Kilometer pro Sekunde, muss
sich die andere Variable verändert haben. Die Zeit.
Dr. Freds Beobachtung lässt sich nur dann erklären, wenn die Zeit auf Sandys Uhr langsamer
verging. Und das ist keine optische Täuschung. Sandy nimmt alles an Bord ihres Schiffes so
wahr wie immer, ihre Uhr geht auch ganz normal. Tatsächlich aber liefen alle physikalischen
& biologischen Prozesse in Sandys Schiff verlangsamt ab. Und wie langsam? Hier bemühen wir mal
ein wenig Mathematik – ist aber einfach, versprochen.
Schauen wir nochmal auf den Vorbeiflug von Sandy und ihre Lichtuhr. Und stop. Wenn wir
hier ein Dreieck einzeichnen, dann seht ihr sicher, dass dieses rechtwinklig ist. Und
wir brauchen diese lange Seite hier … Moment, kramen wir im Schulwissen – richtig, Satz
des Pythagoras. Wem diese Herleitung jetzt zu mathematisch wird, der kann einfach die
nächste Minute überspringen. Wir lösen vorsichtshalber mal Mathematikalarm aus.
Was haben wir: wir wissen, wie weit Sandys Uhr in dieser Zeit gekommen ist: diese Distanz
ergibt sich aus der Geschwindigkeit ihres Raumschiffs v multipliziert mit der Zeit Tsandy,
die Fred beobachtete – nennen wir das also vTsandy. Dann haben wir die senkrechte Seite
des Dreiecks. Das ist die Distanz zwischen den Spiegeln bzw. die Strecke, die das Licht
in Zeit tfred zwischen den Spiegeln zurücklegt, also Lichtgeschwindigkeit c mal Zeit auf Freds
Uhr. Und wir wollen schließlich die Zeit herausfinden, die das Licht aus Freds Sicht
für die Distanz benötigte – das ist die Hypotenuse, also Lichtgeschwindigkeit c mal
Zeit TSandy. Erstmal nicht verwirren lassen – wir schreiben das mal als Gleichung auf:
v mal groß T zum Quadrat plus c mal klein T zum Quadrat ist gleich c mal groß T zum
Quadrat.
Wir wollen gerne die Zeit erfahren, die aus Freds Perspektive für Sandy vergangen sein
muss, wir stellen also die Gleichung nach Groß-T um. Wir lassen auch ab jetzt das kleine
Fred und Sandy unter den Ts weg – groß T ist die gedehnte Zeit, klein t ist die Zeit
auf Freds Uhr. Zuerst bringen wir unser v groß T nach rechts
und rechnen die Klammern aus. So erhalten wir
Nun dividieren wir durch c Quadrat. So kürzt sich das c² rechts zu 1.
Um nun groß T zu erhalten, bringen wir die gesamte Klammer nach links und ziehen noch
die Wurzel. Geschafft. Wir erinnern uns, dass Freds Uhr genau eine
Sekunde von unten nach oben benötigte, also können wir für klein t 1 einsetzen. Und
mit nur einem klitzekleinen Bisschen Mathematik können wir jetzt für jede Geschwindigkeit
ausrechnen, wie die Zeit für Sandy vergeht. Wenn Sandy wie in unserem Beispiel mit 50%
der Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist, sieht unsere Gleichung so aus:
Während für Dr. Fred also genau 1 Sekunde vergeht, sieht er, dass Sandys Uhr für einen
Tick 1,1547 Sekunden benötigt. Würde Sandys Raumschiff mit 99,9% der Lichtgeschwindigkeit
fliegen, dann erhöht sich der Wert rapide. 1 Sekunde in Sandys Raumschiff scheint dann
für Dr. Fred 22 Sekunden lang zu sein. Und damit haben ihr soeben aus unserem simplen
Beispiel den wichtigen Lorentzfaktor errechnet,
den Physiker meist schlicht Gamma nennen. So wird er auch geschrieben: γ – Fachbegriffe
mal dahingestellt: Ihr könnt nun mithilfe des Lorentzfaktors errechnen, wie die Zeit
durch die Relativität zweier Bezugssysteme verzerrt wird.
Kann man sowas eigentlich nachweisen? Ja, absolut … die Relativitätstheorie ist eine
der am besten experimentell bewiesenen Theorien. Als beliebtes Beispiel werden oft die GPS
Satelliten herangezogen. Sie bewegen sich mit ungefähr 3km/s also 0,001% der Lichtgeschwindigkeit
relativ zur Erde. Und wir können beobachten, dass für jede Sekunde auf der Erde 1,0000005
Sekunden auf einem GPS Satelliten vergehen. Pro Tag sind das 0,04 Sekunden. Da GPS Satelliten
aber eine äußerst präzise Zeit angeben müssen, um zu funktionieren, müssen ihre
Atomuhren täglich etwas vorgestellt werden – auf die Zeit der Menschen.
Und wer jetzt immer noch da ist und keine Schweißausbrüche hat, der kann uns schreiben,
ob das nun wirklich verständlich war und ob wir mit der Relativitätstheorie weiter
machen sollen. Die kann nämlich auch die Distanz zwischen den Sternen schrumpfen lassen,
nukleare Fusion erklären und uns zeigen, dass ein Ereignis in unserer Vergangenheit
in der Zukunft eines anderen liegen kann … Bitte was? Wirklich …
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