Sind wir die Aliens? | Das Fermi-Paradoxon: Teil 14 (2019)
Was wäre, wenn das Leben seinen Ursprung nicht hier gehabt hat, sondern irgendwo da
draußen.
Wenn es äonenlang durch den Kosmos driftete, um dann zu einem jungen Planeten zu gelangen,
der ihm die Möglichkeit bot, sich zu entfalten.
Was, wenn die Bausteine des Lebens längst im Staub um den Protostern Sonne harrten und
so Teil der sich formierenden terrestrischen Planeten wurden?
Was gar, wenn eine außerirdische Zivilisation – absichtlich oder nicht – das Leben auf
die Erde brachte?
Wären wir dann nicht selbst die Aliens?
Gäbe es dann ein Fermi-Paradoxon?
Betrachten wir das Konzept der Panspermie mal genauer – ich bin Ronny – willkommen
bei Raumzeit.
Der Begriff Panspermia bzw.
Panspermie heißt im Altgriechischen so viel wie Samen überall – und was hier völlig
unbeabsichtigt wie ein Titel eines drittklassigen Pornos klingt, bezeichnet die Hypothese, dass
es im gesamten Universum Leben geben könnte – getragen von interstellarem Staub, von
Kometen, Asteroiden – in eisigen Zwergplaneten und Monden und vielleicht sogar in kontaminierten,
längst verlassenen Raumschiffen.
Dass die Bausteine des Lebens – Aminosäuren – das All durchqueren und bis zu unseren
Planeten gelangen können, ist Konsens unter Wissenschaftlern.
Ein NASA Team unter Michel Nuevo argumentierte in einem Aufsatz im August 2018, DNA ähnliche
Moleküle könnten sich unter den richtigen Bedingungen sogar im Weltraum selbst formieren,
und zwar dann, wenn Wassereis und Methanol ultravioletter Strahlung ausgesetzt werden.
Entsprechende Moleküle wurden in Meteoriten gefunden und die bisherige Forschung weist
darauf hin, dass sie sich in der Kälte des Alls gebildet hatten.
Die Grundbausteine der biologischen Existenz könnten so unabhängig von einem habitablen
Planten entstehen und zu späteren Wiegen des Lebens getragen werden.
Und selbst das ist nicht unbedingt nötig.
Leben kann Planeten auch verlassen – per Anhalter auf ausgeworfenen Trümmern.
Kanadische Wissenschaftler mit Hauptautor Martin Beech haben kürzlich geschätzt, dass
in den letzten 550.000.000 Jahren mindestens 10 Milliarden Tonnen Erdmaterial ins All geschleudert
wurden und die Fluchtgeschwindigkeit erreichten – das heißt nicht nur, dass potenziell
eine Menge irdischen Lebens in die Galaxis getragen wurde sondern im Umkehrschluss auch,
dass dies natürlich in ähnlichem Maße für andere Planeten gelten kann.
Und wenn Milliarden von Planeten Milliarden Tonnen von Masse in den Kosmos speien, dann
könnte es im interstellaren Raum vor Leben nur so wimmeln.
Aber Vorsicht – hier sind eine ganze Menge Bedingungen involviert.
Einen Planeten zu verlassen, heißt bei weitem nicht, das Sonnensystem zu verlassen.
Dafür muss ein Objekt schließlich genug beschleunigt werden, um die Gravitation des
Sterns zu überwinden.
Und selbst wenn dies gelingt, dann gilt es eine Hundertausende, vermutliche Millionen
Jahre lange Reise durch den interstellaren Raum zu bestehen, um schließlich vermutlich
in einem Stern oder schwarzen Loch zu enden – die Chance für ein beliebiges Objekt,
schließlich einen habitablen Planeten zu erreichen sind unfassbar gering.
Aber sie sind nicht gleich Null.
Und damit haben wir das Recht, zu fragen, ob es denn grundsätzlich vorstellbar ist,
dass Leben eine derartige interstellare Reise überhaupt überstehen kann.
Die verschiedenen Panspermie-Hypothesen stellen unter anderem Mikroben in den Raum, welche
ihren Planeten verließen, durch das All reisen und Jahrtausende oder Jahrmillionen später
das Leben auf eine neue Welt tragen.
Man ist sich mittlerweile weitgehend einig, dass dies im Inneren von Meteroiden oder Kometen
passieren muss.
Komplexe Zellen wie RNS oder DNS können im Weltraum ohne Schutz nicht dauerhaft bestehen.
Grundsätzlich vermögen einige Extremophile, also Lebewesen, die unter extremen Bedingungen
existieren können, die Kälte des Raums und das Vakuum überstehen, gegen kosmische Strahlung
in Form von ionisierten Teilchen, UV-Strahlung und Röntgenstrahlung haben aber auch sie
keine Chance.
Daten, die in den orbital durchgeführten Experimenten ERA, BIOPAN, EXOSTACK und EXPOSE
gesammelt wurden, zeigten, dass Zellen binnen Sekunden sterben, wenn sie der Weltraumumgebung
ausgesetzt werden – ihre DNS wurde quasi sofort in ihre einzelnen Basen zerlegt.
Die gleichen Zellen allerdings überlebten nachweislich für mindestens sechs Jahre,
wenn sie in Lehm oder Meteroitenstaub eingehüllt wurden.
Dies spricht für die Lithopanspermia – Hypothese, nach der Organismen, die im inneren von Steinen
existieren – so genannte Endolithen – die einzigen sind, welche für Panspermie in Frage
kommen.
Solche Endolithen müssen natürlich auch weitere Hürden überwinden.
Ganz oben auf der Liste sind die Temperaturen und Kräfte, welche auf sie während des Verlassens
des Heimatplaneten, des Eintritts in die Atmosphäre eines anderen und letztlich beim Aufprall
auf sie wirken.
Experimente, bei denen man diese Bedingungen testete, involvierten unter anderem Tests
mit Hochgeschwindigkeitsgeschossen, Bakterien, die auf der Außenhülle einer Rakete ins
All geschossen wurden und schließlich auch – die ESO kannte bei seinem STONE Experiment
keine Gnade – als Mitreisende auf dem Hitzeschild von Foton-Kapseln den Widereintritt in die
Atmosphäre proben durften.
Diese Experimente zeigten, dass die Extremsituationen von Start und Eintritt durchaus zu bewältigen
sind – allerdings nur für Endolithen.
Tests mit oberflächig sitzenden Cyanobakterien etwa schlugen fehl – keines von ihnen überlebte
die Hitze des Wiedereintritts.
Panspermia ist also durchaus – selbst auf interstellaren Skalen – vorstellbar, muss
aber gleichzeitig eine geraume Zahl an beträchtlichen Hürden überwinden.
Möglich aber ist es, dass interstellare Besucher wie Oumuamua in ihrem Inneren den Samen eines
fernen Sonnensystems tragen und vielleicht dereinst zu einem jetzt noch leblosen Planeten
tragen .. Ihr erinnert euch, dass ich am Anfang auf
Raumschiffe hinwies.
Das war kein Einwurf, um die Spannung zu steigern, sondern beschreibt einige ernsthafte Denkrichtungen
der Panspermie-Befürworter.
Die Saat des Lebens könnte unabsichtlich zu uns gekommen sein – etwa als Resultat
einer Müllentsorgung durch interstellare Besucher – eine These, die 1960 vom Astronomieprofessor
Thomas Gold angestoßen wurde.
Häufiger hört man die Idee einer gerichteten, absichtlichen Panspermie.
Der Grundgedanke dahinter ist, dass außerirdische aus ethischen Gründen das Leben möglichst
weit verbreiten wollen und aktiv in der Galaxie verbreiten.
Der Physiker, Molekularbiologe und Nobelpreisträger Francis Crick war Begründer dieser Hypothese
– er räumte natürlich ein, dass Leben möglicherweise seinen Ursprung auch hier
auf der Erde hat.
Absurd ist der Gedanke keineswegs – es wurde berechnet, dass wir im Rahmen des Breakthrough
Starshot Projekts eine Flotte von lichtsegelbetriebenen Sonden das Alpha Centauri System mit Leben
versorgen könnte, wenn wir insgesamt nur wenige Milligramm Biomasse mitschicken würden.
Ein Nachweis einer derartigen gerichteten Panspermie durch Aliens steht hingegen aus.
Eine Publikation von 2013, in der ein Team von Physikern argumentierte, sie hätten einen
klaren mathematischen und semiotischen Code in unserer DNS gefunden.
Dieser Aufsatz allerdings wurde bis dato nicht akzeptiert.
Panspermia ist eine spannendes Hypothese, die in direkter Konkurrenz zur Abiogenese
– der Entstehung des Lebens aus nichtlebender Materie – hier auf dem Planeten steht.
Sollten sich die Hinweise auf Panspermia als Ursprung des irdischen Lebens verdichten,
hätten wir einen weiteren handfesten Hinweis auf die Existenz außerirdischen Lebens in
unseren Händen.
Wir hoffen, diese Episode hat euch gefallen.
Im nächsten Teil zum Fermi-Paradox werden wir uns dann mit Kategorie beschäftigen und
mit der Simulationstheorie starten.
Wir danken unseren Unterstützern auf Patreon, ganz besonders unseren Galaktischen Overlords
Rico Wittke, Tobias Sternberg und Dimitar Jauch.
Wie immer sagen wir euch danke fürs Zuschauen und – in diesem Sinne – 42!