Generationenschiffe | Leben und Sterben im All (2019)
Generationenschiffe, Archen, die Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre durch das All gleiten,
sind vielleicht unsere einzige realistische Möglichkeit, Menschen zu anderen Sternen
zu bringen.
Über sie wird in der populärwissenschaftlichen Presse regelmäßig geschrieben – meist
allerdings in wenig aufschlussreichen Beiträgen.
Generationenschiffe stellen zwar absurde technologische Anforderungen, in erster Linie aber werfen
sie soziologische und ethische Probleme auf.
Wie und warum schickt man Menschen auf eine Reise ohne Wiederkehr?
Ich bin Ronny, willkommen bei Raumzeit.
Klären wir zunächst mal den Begriff.
Ein Generationenschiff bezeichnet ein Raumfahrzeug, welches so lange unterwegs ist, dass seine
Besatzung mehrere Generationen umfassen muss.
Schaffen wir es, mit durchschnittlich 5% der Lichtgeschwindigkeit nach Proxima Centauri
zu reisen, bräuchten wir immer noch etwas 100 Jahre.
Bei dieser Reisedauer würden jene, die die Erde verlassen, die Ankunft nie erleben.
Es gäbe eine Generation, die mehrheitlich nie etwas anderes kennen wird als den interstellaren
Raum und jene schließlich, die dereinst am Ziel eintreffen, kennen die Erde nur noch
aus Erzählungen und Videoaufnahmen.
Es gibt durchaus andere Konzepte.
Sie alle sind aber aktuell ausnahmslos dem Science-Fiction Bereich zuzuordnen.
Schläfer-Schiffe etwa sollen eine Besatzung transportieren, welche sich in einer Art Kälteschlaf
befindet.
Was wir beispielsweise aus der Alien-Reihe kennen, ist momentan biologisch nicht vorstellbar.
Jedenfalls nicht bei komplexen Organismen wie dem Menschen.
Anders bei Embryos, diese können kryokonserviert werden.
Embryonenschiffe verfolgen daher das Konzept einer noch ungeborenen Besatzung, welche erst
am Zielort aufgetaut und dann z.B. von Robotern aufgezogen wird, um einst eine neue Welt in
Besitz zu nehmen.
Dieses Konzept ist ethisch so fragwürdig, dass wir es zumindest heute nicht diskutieren
werden.
Die Besatzung von Methusalem-Schiffen schließlich gehört zu einer Menschheit, die das Geheimnis
der Unsterblichkeit entdeckt oder zumindest ihr Leben deutlich verlängert hat.
Sie könnten sehr viel längere Reisen unternehmen – aber auch hier bewegen wir uns noch im
Reich einer biologischen Science-Fiction Vorstellung.
Tatsächlich besteht die einzige jetzt vorstellbare Variante für eine Reise zu den Sternen in
der Nutzung von Generationenschiffen und bevor jemand fragt: tatsächlich forscht das Pentagon
seit 2011 an einem Konzept für ein solches Schiff, welches von einem besonders kreativen
Geist „100-year-starship“ getauft wurde.
Und diese hundert Jahre sind mutig – um auch nur 1% c zu erreichen, müssten wir unser
Schiff auf 3000 Kilometer pro Sekunde beschleunigen – 200 mal schneller als unsere aktuellen
Raumschiffe.
Und selbst mit dieser absurden Geschwindigkeit bräuchten wir immer noch fast 500 Jahre bis
zu unserem stellaren Nachbarsystem.
Fast alle Beiträge zu solchen Raumfahrzeugen beschäftigen sich daher mit der Frage der
Umsetzbarkeit.
Was muss man bauen, wie schnell soll es sein, wie stark muss eine Panzerung, wie leistungsfähig
die Energieversorgung sein.
Das sind alles notwendige Fragen, aber wir betrachten so das Omega vor dem Alpha.
Diese Faktoren hängen nämlich untrennbar mit der Größe der Besatzung zusammen.
Daher werden wir in der heutigen Episode zunächst die Reisenden und den Grund ihrer Reise betrachten
– in der nächsten Folge schließlich wird es um technische Fragen gehen, angefangen
bei der Konstruktion bis hin zur Versorgung.
Warum wollen wir Menschen zu anderen Sternen bringen?
Das ist das erste – und prominente Fragezeichen im Zusammenhang mit einem Generationenschiff.
Kolonisation als Ziel ist hier eher fragwürdig, denn das Sonnensystem bietet genug Platz,
Energie und Ressourcen für Milliarden von Jahren – selbst wenn die Sonne dereinst
zum roten Riesen wird, kann man auf Raumhabitate oder Monde um die Gasriesen ausweichen.
Und Milliarden von Jahren ist aus der Perspektive der Menschheit quasi mit einer Ewigkeit gleichzusetzen.
Als Spezies gibt es uns schließlich kaum mehr als eine Viertelmillion Jahre – seit
10.000 Jahren betreiben wir Ackerbau – seit 100 Jahren benutzen wir Radiowellen.
Was ist mit dem Wunsch nach Expansion?
Ausbreitungsdrang scheint dem Homo Sapiens einprogrammiert.
Seit Anbeginn unserer Existenz ist unsere Geschichte eine von Wanderungen, Entdeckungen
und Eroberungen neuer Lebensräume.
Aber es stellt einen Unterschied dar, ob ich ein Meer überquere, ein Gebirge überwinde
oder eben das Nichts zwischen den Sternen.
Ein Generationenschiff zu betreten, impliziert das Bewusstsein, im leeren Dunkel zu sterben
ohne je das Ziel zu erreichen oder in die Heimat zurückkehren zu können.
Während sich hier sicherlich genug Idealisten finden ließen, bleibt die Frage nach den
notwendigen üppigen Ressourcen zunächst offen.
Als Investment scheidet ein Generationenschiff aus.
Bis es ankommt, wird es weder die Geldgeber noch deren Firmen geben.
Genaugenommen weiß man ja nicht mal, was am Ziel ankommen wird.
Die Motivation der Reisenden, ihre Form des Zusammenlebens – all dies kann und wird
sich ändern.
Wahrscheinlich wird sogar die Evolution an Bord des Schiffes in den hunderten oder tausenden
Jahren eine Spezies hervorbringen, die sich mehr oder minder deutlich von den Menschen
unterscheidet.
Und für all diese Unsicherheiten müssten wir ungeheure Mengen an Ressourcen in Form
von Rohstoffen und Energie aufbringen.
Realistisch scheint letztens ein Szenario, in der ein systembedrohendes Ereignis bevorsteht
oder zumindest möglich scheint und der einzige gangbare Weg zur Bewahrung irdischen Lebens
sein Exodus an Bord von Sternenarchen ist.
So ein Ereignis könnte etwa eine drohende Supernova in unmittelbarer Nähe sein oder
ein Stern, der dem Sonnensystem gefährlich nahekommt.
Derartige Ereignisse sind gegenwärtig und auch für die nächsten Millionen Jahre weitestgehend
auszuschließen – gäbe es da nicht Gliese 710, der in etwa 1,4 Millionen Jahren ein
nahes Rendezvous mit der Sonne haben wird aber die Menschheit wohl nicht existentiell
bedroht.
Sehr viel weiter aber reicht unsere Prognosefähigkeit nicht – ein entsprechendes Szenario ist
also zumindest denkbar.
Aber egal ob eine Gruppe von Idealisten als Teil einer Überflussgesellschaft schon bald
aufbricht oder eine Schar von Verzweifelten, die vor dem drohenden Ende allen Lebens in
die Weiten des Kosmos flüchten, ein ethischer Imperativ bleibt: biete deinen Nachfahren,
die zu einer Lebenszeit an Bord eines Schiffes verdammt sind ohne je gefragt worden zu sein,
ein Leben, das lebenswert ist.
Und das bringt uns zur Frage des Wie.
Wer geht und unter welchen Bedingungen.
Erst letztes Jahr erschien eine Untersuchung, nach der ein Minimum von 90 Personen reisen
müsse, um genügend genetische Varianz bei optimaler Partnerverteilung sicher zu stellen.
Der Beitrag lässt dabei unglaublich vieles außer Acht.
Zum einen ist es natürlich möglich, kyrokonservierte Eizellen und Spermien mitzuführen und so
die Minimalzahl erheblich zu senken.
Zum anderen, und das wiegt schwerer, ignoriert der Aufsatz die wichtige soziale Komponente.
Eine 90-Personen Gruppe wäre auf Dauer vermutlich nicht sozial stabil.
Der Psychologe Robin Dunbar ermittelte, dass Menschen etwa 150 soziale Kontakte von Bekanntschaften
bis zu engen Freunden pflegen können (auch wenn die Zahl im Einzelfall zwischen 100 und
250 schwankt.)
Diese als Dunbars Zahl bekannte Größe bietet vermutlich auch einen sinnvollen Anhalt für
die Größe der Besatzung.
Erweitert man das obere Ende der Skala um etwa 50%, um auch nach bedrohlichen Ereignissen
– zum Beispiel einer Epidemie – weiterbestehen zu können, benötigen wir eine Besatzung
von mindestens 350-400 Personen.
Diese Gruppe besteht aus denjenigen, die das Schiff bedienen und warten, aus den Ärztinnen,
Pflegern, Landwirten und Ingenieuren, die für das Überleben der Menschen an Bord zuständig
sind und einer großen Gruppe an Pädagoginnen, denn von primärer Bedeutung ist die Weitergabe
des Wissens der Menschheit an die nachfolgenden Generationen.
Diese 400 Menschen müssen – das steht außer Frage – ein Leben führen können, welches
dem Leben auf der Erde in quasi nichts nachsteht.
Sie benötigen reichhaltige und frische Nahrung, eine erdähnliche Gravitation, Tageslicht,
Unterhaltung und natürlich ein gewisses Maß an Natur – Wälder, Seen, Parks.
Es wird vielleicht nun auch deutlich, warum es sinnvoll ist, sich zuerst über die Menschen
an Bord Gedanken zu machen, bevor man an die technische Konzeption geht.
Erst nach unserer Betrachtung der Voraussetzungen, die wir als Menschen mitbringen, haben wir
eine Vorstellung von den Dimensionen einer solchen Arche.
Sie muss hunderte von Menschen unter erdähnlichen Bedingungen durchs All tragen – und sie
muss alles, wirklich alles, was man auf der Reise braucht, mit sich führen.
Wie so ein Koloss aussehen kann, wie groß er sein muss, wie man ihn vor kosmischer Strahlung
schützt und ob so etwas auch nur im Ansatz realistisch ist, werden wir in der nächsten
Folge betrachten.
Für heute bedanken wir uns bei unseren galaktischen Overlords Rico Wittke, Dimitar Jauch und Tobias
Sternberg – stellvertretend für all unsere Patrons – für ihre sensationelle Unterstützung,
ohne die Videos wie dieses nicht möglich wären.
Wie immer sagen wir euch allen danke fürs Zuschauen und – in diesem Sinne – 42!