Das Simulationsargument | Sind wir real? (2019)
Wir sind nichts anderes als Programme in einer
Simulation.
Das war im Wesentlichen die Grundidee des erfolgreichen Films „The Matrix" von 1999.
Was dort aber ein dystopischer Science Fiction Entwurf war, stellt für den Oxford Philosophen
Nick Bostrom eine ernstzunehmende, ja existenzielle Frage dar.
Er argumentiert, dass wir entweder quasi sicher eine Simulation sind – oder aber demnächst
aussterben werden.
Wie genau die Simulationshypothese argumentiert und wie tief der Kaninchenbau reicht, zeigen
wir euch im heutigen Video.
Ich bin Ronny – willkommen bei Raumzeit.
Bostrom geht in seinem Argument davon aus, dass es für die Zukunft genau drei Szenarien
geben kann, von denen eines eintreffen muss.
Im ersten Szenario ist eine Simulation des menschlichen Bewusstseins unmöglich oder
aber die menschliche Zivilisation hört auf zu existieren, bevor eine derartige Simulation
technisch möglich ist.
Im zweiten Szenario erreichen wir diese Stufe, entscheiden uns aber dafür, keinerlei Simulationen
der menschlichen Spezies zu erschaffen.
Im dritten Szenario schließlich wird die Menschheit der Zukunft computergestützte
Simulationen der Menschheit beziehungsweise der menschlichen Vergangenheit durchführen.
Da sich Bostrom stets auf die Wahrscheinlichkeit von Simulationen bezieht, ist seine philosophische
Vorgehensweise hier nicht anfechtbar.
In der Tat muss einer der drei Entwürfe eintreten.
Bostrom geht dabei konkret vom Spezialfall der Ahnensimulation aus.
Dies bedeutet, dass konkrete geschichtliche Zeiträume und Epochen simuliert und durchgespielt
werden.
Beispielsweise könnte man die Zeit der Hochkulturen simulieren – 1000e Male – um letztlich
zu erfahren, in wie vielen Fällen und unter welchen Umständen die Ägypter tatsächlich
ihre berühmten Pyramiden konstruieren.
Natürlich muss es nicht bei derartigen Ahnensimulationen bleiben.
Entsprechende Software könnte auch schlicht Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen – sei
es als Spiel, welches eine authentische historische Epoche kreiert oder als Lebenssimulation,
die es mir ermöglicht, qua virtueller Realität für einige Zeit in die Welt von „Die Sims
42“ einzutauchen.
Schaut man sich die einzelnen Argumente von Bostrom genauer an, kommt man schnell zu einigen
recht verblüffenden Einsichten, die dramatische Implikationen für unsere Existenz und die
Zukunft der Menschheit mit sich bringen.
Beginnen wir mit Szenario I.
In Zukunftsentwurf I gehen wir davon aus, dass eine komplexe Simulation einer Welt und
der sie bewohnenden Individuen inklusive ihres Bewusstseins nicht möglich ist, weil es entweder
technische Hürden gibt oder aber die Menschheit vorher zugrunde gehen wird.
Bostrom argumentiert, ähnlich wie wir es im KI Video getan haben, dass die Simulation
eines Bewusstseins technisch in absehbarer Zeit möglich ist.
Dabei führt er zunächst das philosophische Argument der Substrat-Unabhängigkeit ins
Feld.
Ein Bewusstsein ist nach dieser – breit akzeptierten – Denkrichtung nicht an ein
bestimmtes Träger-Medium, konkreter – an ein biochemisch arbeitendes Gehirn – gebunden.
Vielmehr ist es denkbar, ein Gehirn mit seinen Synapsen durch einen ausreichend leistungsfähigen
Computer zu simulieren, was in der Emergenz von Bewusstsein resultieren muss.
Selbst die Existenz von Neurotransmittern, Wachstumsfaktoren von Nervenzellen sowie der
Einfluss anderer Chemikalien schränkt das Argument nicht ein, da diese lediglich einen
EINFLUSS auf die eigentliche synaptische Aktivität haben, und somit ebenso simulierbar sind.
Substrat-Unabhängigkeit postuliert ebenso, dass ein menschliches Bewusstsein auf eine
abiotische Ebene transferiert werden kann – also eine Art Mind-Upload.
Wenn also ein Bewusstsein simuliert werden kann, was ist dann mit der umgebenden Welt?
Diese Frage stellt sich schon aktuell fast nicht mehr, wenn man sich nur die Fortschritte
ansieht, welche in Computerspielen in den letzten 40 Jahren gemacht wurden.
Von der gefeierten Tennis-Simulation Pong bis zu den heutigen Battlefields ist eine
Evolution auszumachen, die schlicht dramatisch ist.
Wirft man gar einen Blick auf die aktuellen Versuche einer Lebenssimulation, etwa die
Sims 5, dann erkennt man schnell, dass hier im Grunde der Weg zur vollständigen Simulation
der conditio humana längst beschritten wurde und in großen Schritten voran geht.
Und wer jetzt einwirft, dass es unmöglich innerhalb unseres Universums einen Computer
geben kann, der das gesamte Universum bis hinunter zur Quantenebene simulieren könnte,
der hat Recht – allerdings müsste das die Simulation auch gar nicht leisten.
Das Innere eines Steins etwa – um ein simples Beispiel zu wählen – muss nur dann simuliert
werden, wenn es auch jemanden gibt, der sich für dieses Innere interessiert.
Wird uns die Rechenleistung zur Verfügung stehen?
Das ist sehr wahrscheinlich.
Auch abseits von Moore's Law muss man lediglich akzeptieren, dass die Entwicklung weiter geht
– die Geschwindigkeit ist irrelevant.
Bereits jetzt gibt es Entwürfe wie etwa den von Eric Drexler, der einen zuckerwürfelgroßen
Chips konzipierte, welcher zu 10 hoch 21 Operationen pro Sekunde in der Lage wäre oder gar die
Jupiter-Brains, die Robert Bradbury in einem Aufsatz von 2002 vorstellte.
Jupiter-Brains sind planetengroße Computer mit einer Leistung von 10 hoch 42 Operationen
pro Sekunde.
Diese Zahl kommt von Bradbury, nicht von uns.
Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass ein menschliches Bewusstsein mit einer Rechengeschwindigkeit
von 10 hoch 14 bis 10 hoch 17 Operationen pro Sekunde realisiert werden könnte.
Konservativ gerechnet könnte also bereits Drexlers Minicomputer viele tausend Menschen
simulieren, der von Bradbury hingegen Quadrillionen.
Was aber, wenn wir vorher untergehen?
Kosmisch ist das eher unwahrscheinlich.
Die Erde ist in einer extrem ruhigen Ecke der Milchstraße geparkt – in den nächsten
200 Lichtjahren bedrohen uns weder Supernovae noch Gamma-Raybursts oder monströse Magnetare.
Asteroideneinschläge von katastrophalem global bedrohlichem Ausmaß werden jenseits von YouTube
nicht erwartet … es bleibt der Mensch selber.
Unser hausgemachtes Risiko der Selbstauslöschung ist natürlich schwer abzuschätzen – nicht
zuletzt aufgrund von Unwägbarkeiten wie Nanotechnologie und künstlicher Intelligenz.
Wer sich für das Thema interessiert, kann sehr gerne einen Blick in unser Video zu Szenarien
des Weltuntergangs werfen.
Machen wir mit Szenario 2 weiter.
Ahnensimulationen sind möglich, aber zukünftige Generationen entscheiden sich dagegen.
Damit dies zutrifft, muss es eine recht geradlinige Entwicklung der menschlichen Zivilisation
beziehungsweise kosmischer Zivilisationen geben und zwar hin zu einem Standpunkt, von
dem aus man das Simulieren einer Spezies als ethisch verwerflich betrachtet.
Warum, so könnte man fragen, soll ich menschliches Leid erzeugen, wenn ich es ebenso lassen kann.
Dementgegen steht freilich unsere heutige philosophische Einschätzung, dass unsere
Existenz mit all ihren Fehlern und all ihrem Leid ein großes ethisches Gut darstellt.
Das Universum ist ein besseres mit den Menschen darin – so die Denkweise.
Mehr noch, es müsste nicht nur ethisches Prinzip sein sondern auch sozial so verankert
und potenziell durch Gesetze so sanktioniert, dass Ahnensimulationen tatsächlich nicht
durchgeführt werden.
Nichtsdestominder bleibt das Szenario an sich denkbar.
Szenario 3 freilich birgt die interessantesten Erkenntnisse.
Simulationen sind in diesem Szenario möglich UND werden durchgeführt.
Es ist davon auszugehen, dass es eine große Zahl solcher Simulationen geben wird – sei
es aus wissenschaftlichen Gründen oder schlicht zum Zwecke der Unterhaltung.
Ein Blick auf die heutigen Simulationen, sei es im wissenschaftlichen Bereich, in der Welt
der Spiele bis hin zum recht skurrilen Reich des Reality-TV zeigt uns, dass wir schon heute
begeistert sind vom Konzept.
Wenn aber in der Zukunft tausende, vielleicht gar Millionen oder Milliarden von Simulationen
der menschlichen Existenz laufen, dann wirft das eine beängstigende Gewissheit auf: wir
können nicht mehr behaupten oder gar wissen, Teil der einen, nicht simulierten, ursprünglichen
Welt zu sein.
Vielmehr müssten wir bereits bei 1000 aktiven Simulationen davon ausgehen, dass wir mit
einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 1000 oder 99,9% zu einer der Simulationen gehören.
Steigt die Zahl der zukünftigen Simulationen, dann grenzt es an eine philosophische und
statistische Gewissheit, dass weder wir noch unsere Welt das Original sind.
Wir sind dann die SIMS.
Kommen wir auf das eingangs genannte entweder/oder Szenario zurück.
Wenn wir, so Bostrom, davon ausgehen, dass die Menschheit weiter existiert und die Fähigkeit
erlangen wird, die oben skizzierten komplexen Simulationen durchzuführen, dann sind wir
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Teil einer Simulation.
Wenn wir hingegen keine Simulation sind, dann wird die Menschheit untergehen, bevor sie
die Fähigkeit zu solchen Simulationen erlangt.
Natürlich gibt es die Möglichkeit, dass wir aus Desinteresse oder ethischen Gründen
auf derartige Simulationen verzichten – die brachiale Erkenntnis aber wird dadurch kaum
geschmälert.
Anders als im Film „The Matrix“ gibt es aber keine rote Pille – ein Auftauchen in
die reale Welt ist nicht möglich.
Weltuntergang oder Nicht-Existenz – so lauten ganz banal die Optionen, denen wir uns gegenübersehen.
Das macht verständlich, warum Bostroms Argumentation 2003 derart viel Aufmerksamkeit erregte.
Kann man auf irgendeine Weise erkennen, dass wir Teil der Simulation sind?
Können wir die Programmierer entlarven?
Gibt es einen Glitch in der Matrix?
Gibt es Kritik an Bostroms Argument?
Mehr noch – was hat die Simulationshypothese eigentlich mit dem Fermi-Paradoxon zu tun?
All das sind Fragen für unsere nächste Folge, welche sich direkt nächste Woche anschließen
wird.
Wir danken unseren Patrons – insbesondere unseren Galaktischen Overlords Rico Wittke,
Dimitar Jauch und Tobias Sternberg – die uns tatkräftig auf Patreon unterstützen
und Videos wie dieses hier möglich machen.
Allen anderen sagen wir – real oder nicht – danke fürs Zuschauen und in diesem Sinne:
42!