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2020-7 Imported from YouTube, Was bist du?

Was bist du?

. Bist du dein Körper? Na ja, irgendwie schon.

Aber gibt es eine Grenze, ab der das nicht mehr stimmt?

Wieviel von dir selbst kannst du wegnehmen,

bevor du aufhörst, du zu sein?

Und macht diese Frage überhaupt Sinn?

*Titelmelodie*

Rein physisch bestehst du aus Zellen.

Billionen davon,

mindestens zehnmal mehr, als es Sterne in der Milchstraße gibt.

Eine Zelle ist ein Lebewesen,

eine Maschine, die aus über 50.000 verschiedenen Proteinen besteht.

Sie hat kein Bewusstsein, keinen Willen, keine Bestimmung.

Sie existiert einfach.

Aber sie ist trotzdem eine lebendige Einheit.

Deine Zellen bilden zusammen komplexe Strukturen.

Sie sammeln Nahrung und Ressourcen, transportieren Dinge,

untersuchen die Umgebung und so weiter.

Wenn man dem Körper Zellen entnimmt,

können Sie unter den richtigen Umständen einige Zeit weiterleben.

Deine zählen können also auch ohne dich überleben.

Aber du nicht ohne sie.

Wenn wir alle Zellen wegnehmen, dann gibt es kein Du mehr.

Aber wo ist die Grenze, ab der ein Haufen Zellen aufhört, du zu sein?

Was ist zum Beispiel mit Organspende?

Millionen deiner Zellen leben jetzt plötzlich in jemand anderem weiter.

Bedeutet das, dass ein Teil von dir jetzt Teil von jemand anderem ist?

Oder hält der andere Körper nur einen Teil von dir am Leben?

Oder stellen wir uns folgendes Experiment vor:

Du tauschst mit einer anderen Person die Zellen aus,

eine nach der anderen.

Dein Körper bekommt eine Zelle von anderen Person,

die Person dafür eine Zelle von dir.

An welchem Punkt ist die Person du geworden?

Würde sie das überhaupt jemals werden?

Oder ist das nur ein sehr langsamer und scheußlicher Weg,

sich zu teleportieren?

Lasst uns das Ganze noch komplizierter machen.

Wir glauben zwar, dass unser Selbst unveränderlich ist,

aber fast alle deine Zellen werden im Laufe seines Lebens sterben.

250 Millionen deiner Zellen sind gestorben, seit du angefangen hast,

dieses Video zu schauen.

Zwischen einer und drei Millionen pro Sekunde.

Innerhalb von sieben Jahren werden fast alle deine Zellen

mindestens einmal ausgetauscht.

Jedesmal, wenn deine Zellen ausgetauscht wurden,

bist du ein bisschen anders als vorher.

Ein Teil von dir stirbt also ständig.

Wenn du Glück hast und alt genug wirst,

hatte dein Körper grob eine Million Milliarden Zellen.

Das, was du für dein Selbst hältst, ist also nur eine Momentaufnahme.

Aber manchmal hören unsere Zellen auf zu funktionieren

und wollen nicht mehr sterben.

Das stellt die Vorstellung unseres Körpers als Einheit weiter infrage.

Das nennen wir Krebs.

Krebszellen kündigen den biologisch sozialen Vertrag mit dem Körper

und werden dadurch quasi unsterblich.

Krebs ist kein Eindringling von außen.

Krebs ist ein Teil von dir, dem sein eigenes Überleben

wichtiger ist als deins.

Man könnte aber auch sagen, dass eine Krebszelle

nur ein weiteres Lebewesen in dir ist, das überleben will.

Wer könnte ihm das übel nehmen?

Eine schaurige Geschichte ist die von Henrietta Lacks.

Sie starb im Jahr 1951 sehr jung an Krebs.

Normalerweise sterben Zellen im Labor nach ein paar Tagen,

was Forschung extrem schwierig macht.

Doch Henriettas Krebszellen waren unsterblich.

Sie wurden über Jahrzehnte immer wieder vermehrt

und retteten so unzählige Leben.

Henriettas Zellen leben immer noch.

Aus ihnen wurden bisher mindestens 20 Tonnen Biomasse erzeugt.

Henrietta ist seit Jahrzehnten tot,

aber rund um die Welt leben Teile von ihr weiter.

Wieviel von Henrietta steckt in diesen Zellen?

Was macht eine deiner Zellen überhaupt zu einem Teil von dir?

Vielleicht die Informationen, die in der DNA gespeichert sind.

Bis vor kurzem hat man noch geglaubt,

dass alle Zellen in deinem Körper im Prinzip dieselbe DNA haben.

Aber das ist falsch. Dein Genom ist veränderlich.

Es verändert sich über die Zeit durch Mutation und Umwelteinflüsse.

Das gilt vor allem für dein Gehirn.

Neueste Studien besagen, dass ein einzelnes Neuron

im Gehirn eines Erwachsenen über 1000 Mutationen haben kann,

die benachbarte Zellen nicht haben.

Aber wieviel du steckt überhaupt in deiner DNA?

Circa acht Prozent des menschlichen Genoms stammen von Viren,

die unsere Vorfahren infiziert haben und mit uns verschmolzen sind.

Mitochondrien, die Kraftwerke unserer Zellen waren mal Bakterien,

die mit den Vorfahren unserer Zellen verschmolzen sind.

Sie haben immer noch ihre eigene DNA.

Eine normale menschliche Zelle

hat Hunderte nicht menschliche Eigenschaften.

Und trotzdem ist sie menschlich.

Das ist alles ziemlich verwirrend, schalten wir mal einen Gang runter.

Du bestehst also aus Billionen kleiner Teile,

die aus noch mehr kleinen Teilen bestehen, die sich ständig verändern.

Alle diese kleine Dinge sind nicht statisch, sondern dynamisch.

Ihre Zusammensetzung, der Zustand ändern sich ständig.

Vielleicht sind wir also nur ein selbsterhaltendes System

ohne klare Grenzen,

dass sich irgendwann seiner selbst bewusst geworden ist

und jetzt eine Vorstellung von Raum und Zeit hat.

Aber eigentlich existieren wir nur genau jetzt in diesem Moment.

Wo hat dieses System seinen Ursprung?

Bei deiner Zeugung?

Als die ersten Menschen gelebt haben?

Als sich das Leben auf unserer Erde ausgebreitet hat?

Oder als die Elemente, aus denen dein Körper besteht,

in einem Stern geschmiedet wurden?

Unsere Gehirne mögen eindeutige Antworten.

Die verschwommenen Grenzen der Realität sind schwer zu verstehen.

Vielleicht sind Anfang und Ende, Leben und Tod, du und ich

gar nicht eindeutig.

Vielleicht sind die Übergänge fließend.

Sie verlieren sich in unserem verwirrenden

und wunderschönen Universum.

Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk 2020

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