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2020-7 Imported from YouTube, Provisorische Moral · René Descartes | Grundsätze

Provisorische Moral · René Descartes | Grundsätze

Philosophie, das ist die Liebe zur Weisheit.

Auch bekannt als Fach für allgemeine Fragen, wie: Was ist Weisheit?

Vorläufige Antwort: Weisheit ist ein tieferes Verständnis von Zusammenhängen aller Art.

Aber was ist der letzte Grad einer solchen Weisheit? Wann ist diese erreicht?

Darüber schreibt der Philosoph René Descartes im Zusammenhang mit seiner »provisorischen Moral«.

In diesem Beitrag geht's darum, was Descartes im 17. Jahrhundert damit gemeint hat,

warum die Idee dahinter heute noch gut zu gebrauchen ist, und was Werte, die letztlich allen

Moralvorstellungen zugrunde liegen, überhaupt sind.

Descartes war nicht nur ein Autor und Denker, sondern auch ein Forscher, der mit Licht experimentierte

und tote Tiere in Teile zerlegte, um zu sehen, wie das Leben so tickt. Ein Mann der Wissenschaft also,

die im 16. und 17. Jahrhundert erst so richtig ins Rollen kam. Wohin sie die Menschheit mal führen würde,

das stand (und steht ja noch) in den Sternen. Doch ohne Ziel keine Richtung, also was will

die Wissenschaft eigentlich, auf lange Sicht? Descartes schrieb:

Das Zitat stammt aus seinen »Prinzipien der Philosophie« (1644) und die Übersetzung

aus Dominik Perler Buch über Descartes, das eine Literaturgrundlage für diesen Beitrag hier war.

Wer Descartes' Werke mal in der berühmten französisch-lateinischen Gesamtausgabe von Adam & Tannery lesen oder auch nur durchblättern möchte, kann das im Internet Archive unter archive.org tun

– einfach »oeuvres de descartes« eingeben und zack, alle Bände stehen

zum Stöbern bereit. Unten gibt's einen Link zu der Seite.

Wir behalten hier und heute den Fokus auf der provisorischen Moral (im Original: morale par provision),

kein einzelnes Werk, sondern ein Thema bei Descartes. Um ihn Person geht's ein andermal.

Descartes sagt also, eine vollkommene Moral sei nicht ein Ziel von vielen, sondern das eine Ziel,

worauf alle Wissenschaften hinarbeiteten. Andersherum heißt das, was er sagt: Ohne Wissenschaften gibt es

keine vollkommene Moral. Da die Wissenschaften weder zu seiner noch zu unserer Zeit am Höhepunkt

oder Ziel angelangt sind, dürfen wir die genaue Beschreibung, wie eine solche vollkommene Moral

denn aussehen soll, von Descartes nicht erwarten.

Was er stattdessen bereitstellt, das ist eine provisorische Moral. Das Wort »provisorisch«

kommt vom lateinischen »providere«: voraussehen, in der Ferne sehen. Wenn wir etwas in der Ferne

erkennen können, jedoch voraussehen, dass es noch länger auf sich warten lässt, obwohl es durchaus

wichtig ist – dann brauchen wir eine vorläufige Lösung, bis dieses Etwas da ist.

»Provisorisch« meint also: vorläufig. Und Moral ist so eine Sache, auf die sich schlecht warten lässt.

Was ist Moral überhaupt? Moral ist ein innerer Kompass, dessen Nadel sich von einem Pol abgestoßen

und zum anderen hingezogen fühlt. Wenn dieser Kompass richtig eingestellt ist, dann fühlen wir uns

zum Guten hingezogen und vom Schlechten abgestoßen. Moral ist also ein Gefühl dafür,

was gut und was schlecht ist. Aber was sind schon Gefühle? Der Kopf würde auch gerne wissen,

was gut und schlecht und falsch und richtig ist. Nun, das lässt sich nicht so easy beantworten, aber vorläufig

weise ich darauf hin, dass wir in diesem und im nächsten Beitrag über Werte sprechen werden

– und dass danach bestenfalls klarer wird, was »gut« und was »schlecht« ist oder zumindest sein könnte.

Descartes beschreibt die provisorische Moral in seiner Abhandlung über die Methode von 1637.

Darin geht es, wie in späteren Werken Descartes', um dessen Projekt, die Wissenschaften quasi einzureißen

und auf ein neues Fundament aufbauen zu wollen – und schon in dieser Schrift, nicht erst in den

berühmten Meditationen, findet sich übrigens der Satz »Ich denke, also bin ich.«

Doch auch darum geht's ein andermal.

Wer eine Unterkunft einreißt, stellt Descartes jedenfalls fest, braucht eine Bleibe für die Zwischenzeit,

bis die neue Unterkunft steht.

Kurzum: Descartes will, während er nach der Wahrheit sucht, nicht in Untätigkeit gefangen sein.

Deshalb stellt er vier Grundsätze auf, die Maximen seiner provisorischen Moral sozusagen.

Diese vier Grundsätze lassen sich wie folgt zusammenfassen:

So weit, so vage – das sind die Grundsätze der provisorischen Moral, wie sie Descartes

im 17. Jahrhundert aufgestellt hat. Perler weist darauf hin, dass Descartes sich mit diesen Grundsätzen

(trotz seinem Hinweis zur Religion) nicht auf ein theologisches Fundament stütze, sondern auf

das Individuum. Damit grenze sich Descartes von einer mittelalterlichen Tradition ab, die das höchste Ziel

des Menschen in einem glücklichen Leben nach dem Tode sah – worauf auch das moralische Handeln

ausgerichtet sein sollte. Descartes hingegen nahm einen weltlichen Standpunkt ein:

An Prinzessin Elisabeth, mit der Descartes im Briefverkehr stand, schrieb er mal:

»Glück besteht in einer vollkommenen Zufriedenheit des Geistes und in einem inneren Wohlbefinden.«

Die Werte, die Descartes in seinen vier Grundsätzen vertritt, sind – ich sag' mal: – Folgsamkeit, Hingabe,

Selbstkontrolle und Wissbegier. Hier machen wir Halt und wollen versuchen, die Idee

einer provisorischen Moral in die Gegenwart zu holen – denn wie gesagt, die Wissenschaften sind ja

immer noch nicht fertig mit der Welterklärung. Wir haben einerseits so viele Fragen und so wenig Ahnung und sind

andererseits mitten ins Leben geworfen und müssen ja irgendwie klar-kommen und Dinge tun,

ohne sicher zu wissen, was richtig ist. Darum ist so eine provisorische Moral immer noch eine tolle Idee.

Obwohl Descartes' Grundsätze zwar so allgemein formuliert sind, dass sie sich heute wie damals

als Leitfaden anbieten, bleiben sie aber unbegründet und unbestimmt. Warum sollten wir uns danach richten

und was genau demzufolge tun? Das sind Fragen, die jede einzelne Person bzgl. ihrer Vorstellungen

dessen betreffen, wie sich Menschen verhalten müssten. Im vorherigen Beitrag habe ich etwa

einfach so vorausgesetzt, ein Mensch solle an sich selbst den Anspruch stellen, gerecht sein zu wollen.

Wozu sollte das gut sein? Wie lässt sich so ein Gefühl von Herzen mit dem Kopf begründen? Mal überlegen...

Mit der Gerechtigkeit ist das so 'ne Sache. Das Leben ist nicht gerecht, warum sollten wir es sein?

Eben, weil das Leben nicht gerecht ist. Und als kleine Zugabe aus demselben Grund,

warum manche Tiere ihre Genitalien lecken: Weil wir's können! Also das mit der Gerechtigkeit,

nicht das mit den Genitalien. Gemeint ist keine höhere, gottgegebene oder metaphysisch erhoffte Gerechtigkeit,

sondern eine philosophisch begründete Gerechtigkeit à la Habermas z. B. – Gerechtigkeit mit Blick

auf die »Kooperationsbereitschaft kommunikativ vergesellschafteter Subjekte«.

Das sind wir. Mag sein, dass du in einer Situation lebst, in der es dir egal sein kann, ob Gerechtigkeit herrscht.

Dir geht's gut. Aber du bist sicher klug genug, zu erkennen: Das kann sich ändern,

von einen Tag auf andern. Und dann, wenn du Hilfe brauchst, dann zahlt sich so eine Investition

in eine gerechte Gesellschaft plötzlich aus. Macht also auch aus egoistischer Sicht Sinn,

die Gerechtigkeit als Richtschnur im Leben. Wie eine Versicherung, in die du nicht mit Geld einzahlst,

sondern mit anderen Wertträgern. Aber was soll das überhaupt sein, ein Wert?

Der Philosoph Georg Simmel definiert einen Wert als ein Objekt, das von einem Subjekt – du, ich, andere –

als etwas erkannt wird, das in einiger Distanz und zugleich begehrenswert ist. Von Wert ist für dich

also etwas, das du haben willst, aber (aufgrund der Distanz) nicht haben kannst.

Nun schreibt Simmel über Geld und Wert im Allgemeinen. Im Folgenden geht's um eine bestimmte

Art von Werten, nämlich persönliche und soziale Werte. Solche Werte will ich

als Eigenschaften definieren, als Merkmale, die wir Menschen zuschreiben.

Ein persönlicher oder sozialer Wert ist eine Eigenschaft, die wir haben wollen im Sinne von

»uns aneignen und dauerhaft verinnerlichen«, weil sie uns für uns selbst oder die Gesellschaft

nützlich, vorteilhaft, zuträglich erscheint. Persönliche Werte können Fleiß oder Wissbegier sein,

die für die einzelne Person vorteilhaft sind. Soziale Werte können Respekt oder Hilfsbereitschaft sein,

die sich für eine soziale Gemeinschaft als nützlich erweisen mögen.

Wenn ich Werte hier als »dauerhafte Eigenschaften« bezeichne, meine ich nicht, dass sich ein Mensch sowas

wie Fleiß nicht aneignen könne, wenn dieser Wert scheinbar (!) nicht gegeben ist.

Erstens sind Werte subjektiv, also für Andere ja etwas anderes als für mich. Zweitens würde ich sagen,

dass in jedem Menschen etliche Eigenschaften veranlagt sind, von denen einige zur Geltung kommen

und andere verdrängt oder vergessen werden – ähnlich wie bei den Fähigkeiten, um die es im Beitrag

über persönliche Stärken geht.

Um eine Fähigkeit zur Geltung zu bringen, gilt es, tätig zu sein und mit bestimmten Aktivitäten

diese Fähigkeit auszuüben. Um eine Eigenschaft zur Geltung zu bringen, genügt es, einfach nur zu sein,

auf eine bestimmte Weise.

Nun ist ein Mensch selten nie einfach nur, sondern macht meist irgendwas. Eigenschaften und Fähigkeiten

sind fest ineinander verwoben, genauso wie Werte und Taten.

Bei der Frage nach den Stärken steht das »was« im Fokus, bei den Werten das »warum«,

die Motivation, die von deinen Eigenschaften ausgeht. Warum handelst du auf diese oder jene Weise?

Das ist nur eine andere Art zu fragen: »Was sind deine Werte?«

Da ist gewiss auch viel Sprachakrobatik im Spiel,

für die du mich gerne schelten kannst, wenn dir bessere Bestimmungen vorschweben.

Auf diese Frage jedenfalls – Was sind deine Werte? – brauchst du eine Antwort, wenn du dich an eine

provisorische Moral halten willst, als Richtschnur für dein Handeln, solange der letzte Grad der Weisheit

noch nicht in Sicht ist. Im nächsten Beitrag geht es genau darum, wie sich gesellschaftliche Grundwerte

begründen und eigene Werte finden lassen. Wenn wir an das Vier-Säulen-Modell zurückdenken, aus dem Beitrag

»Ein Jahr, das dein Leben verändern kann«, dann kümmern wir uns gerade um den Bereich Soziales.

Dieser Bereich umfasst auch deine Privatsphäre, dieser mehr oder weniger geschützte, intime Bereich

für dich selbst. Trotzdem bist du ja nicht allein, mit deinem Recht auf eine solche Privatsphäre

– jeder Mensch um dich herum hat, in Abgrenzung zum gemeinsamen Raum, auch eine und ein Recht darauf.

Deshalb sind dein privates Leben und deine persönlichen Werte thematischer Bestandteil

unseres sozialen Miteinanders. Mehr dazu, wie gesagt, beim nächsten Mal. Ich sage danke und bis bald.

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