Ist Religion eine Geisteskrankheit?
Religion ist eine psychische Erkrankung, genauer gesagt eine neurologische Störung. Diese
stark umstrittene These vertreten einige bekannte Wissenschaftler darunter Richard Dawkins und
Sigmund Freud. Haben wir Religion bisher womöglich nur aufgrund ihrer großen Verbreitung verharmlost?
Oder brauchen wir den Glauben sogar, um gesund und glücklich zu sein?
„Leidet ein Mensch an einer Wahnvorstellung, so nennt man es Geisteskrankheit. Leiden viele
Menschen an einer Wahnvorstellung, dann nennt man es Religion.“ - Robert M. Pirsig
Die These ist natürlich sehr kontrovers, deshalb möchte ich sie so sachlich und objektiv
wie möglich behandeln. Dazu schauen wir uns unterschiedliche Positionen von Philosophen,
Psychologen und anderen Wissenschaftlern an. Damit ihr nicht nur eine Sicht auf die Thematik
habt, solltet ihr das Video unbedingt bis zum Ende anschauen, denn es gibt gute Argumente,
dass Religion sowohl krank als auch gesund macht. Dabei liegt es wie immer an euch zu
entscheiden, welche Argumente euch überzeugen. Religion als Krankheit
„Ich betrachte die Religion als Krankheit, als Quelle unnennbaren Elends für die menschliche
Rasse.“ - Bertrand Russell Die Idee Religion als Krankheit zu sehen,
ist nicht neu. Bereits der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud sah besonders
monotheistische Religionen, als eine Geisteskrankheit, genauer gesagt als „eine universelle Zwangsneurose“
an. Man muss hier erwähnen, dass die Begriffe Geisteskrankheit und Zwangsneurose in der
Psychologie nicht mehr gebräuchlich sind. Man spricht stattdessen von psychischen Störungen
und Zwangserkrankungen. Eine psychische Störung führt zu Veränderungen
der Wahrnehmung, des Denkens oder Fühlens und bringt in der Regel auch Probleme im täglichen
Leben mit sich. Eine Zwangsstörung ist eine spezielle psychische Erkrankung, die vorliegt,
wenn eine Person einen inneren Drang hat etwas zu denken oder zu tun. Dagegen können sich
Betroffene nicht selbstständig wehren und müssen die Beeinträchtigungen im Alltagsleben
in Kauf nehmen. Für Freud ist der Grund für eine solche Störung die „Verdrängung einer
Triebregung“. Der entscheidende Unterschied ist lediglich die Art der Triebe, die bei
einer Neurose sexueller und bei Religion egoistischer Herkunft ist. Doch warum sollte Religion eine
solche Zwangserkrankung sein? Seiner Auffassung nach unterdrückt ein religiöser
Mensch unbewusst innere Triebe aus Angst vor einer drohenden Bestrafung durch Gott. Diese
lassen sich auf unbewältigte Kindheitskonflikte zurückführen, die das Erwachsenwerden der
Menschen verhindern. Der Psychoanalytiker meint, dass religiöse Menschen wie Kinder
ihr Wunschdenken nutzen, um ihre Wirklichkeit zu bewältigen. Ihre Vorstellung von Gott
ist für Freud die Erfüllung des kindlichen Wunsches nach Schutz durch einen übermächtigen
Vater. Die Furcht vor dem Urteil Gottes löst dann die egoistischen Triebe im Menschen aus,
die sich in Selbstsorge und Selbstpflege zeigen. Zur Beruhigung des entstandenen Schuldbewusstseins
dient schließlich die neurotische Zwangshandlung, wie ein Gebet oder eine andere religiöse
Handlung. Auch der Evolutionsbiologe Richard Dawkins
sieht religiöse Handlungen und Überzeugungen als das Ergebnis einer kindlichen Indoktrination.
In seinem Bestseller „Der Gotteswahn“ vergleicht der Evolutionsbiologe Religion
mit einem Virus, der Gläubigen in der Kindheit eingepflanzt wurde und sie seitdem verfolgt.
In „das egoistische Gen“ schreibt er: „Glaube ist in der Lage, Menschen zu derart
gefährlichem Wahnsinn zu treiben, daß er sich in meinen Augen als eine Art Geisteskrankheit
qualifiziert.“ Die Psychologie zieht hier aber eine eindeutige Grenze zwischen religiösem
Glauben und religiösem Wahn. Während der Glauben eine einigermaßen realistische Selbsteinschätzung
ermöglicht, neigen Menschen mit religiösem Wahn zu einer überheblichen Selbsteinschätzung
und behaupten religiöse Überzeugungen zu Wissen und nicht zu Glauben. Religiöse Wahnsymptome
lassen sich bei vielen psychischen Störungen, wie Schizophrenie, Psychosen oder Depressionen
wiederfinden. Religiöser Wahn selbst ist also keine psychische Störung, sondern nur
das Symptom anderer Erkrankungen. Ist es also womöglich komplett falsch Religion
als eine psychische Erkrankung bzw. Zwangsneurose zu bezeichnen?
Religion als Gesundheit „Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen:
eine, wenn's ihm gut geht und eine, wenn's ihm schlecht geht. Die letzte heißt Religion.“
– Kurt Tucholsky Einige religionspsychologischen Studien haben
ergeben, dass hochreligiöse Menschen Schmerzen und Leiden besser verarbeiten können. Kann
Religion überhaupt eine Krankheit sein, wenn sie uns helfen kann Krankheiten besser zu
überstehen? Der Sozialpsychologe Erich Fromm zählte den
Glauben zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Für ihn ist Religion das Gegenteil einer
Krankheit. Sie ist notwendig damit wir nicht krank werden. Fromm sieht das religiöse Bedürfnis
als ähnlich existenziell, wie Nahrung oder Sexualität. Diese gesundheitsfördernde Wirkung
tritt aber nur ein, wenn Religion nicht autoritär sondern „humanistisch“ wirkt. Hatte er
mit seiner Behauptung Recht? Was sagt die heutige Psychologie dazu?
Der Psychiater und Psychotherapeut Bonelli hat zahlreiche Studien ausgewertet und festgestellt,
dass Suchterkrankungen, Depressionen und Suizid bei religiösen Menschen seltener vorkommen
als bei Atheisten. Religion schafft also tatsächlich eine gewisse psychische Stabilität, man spricht
auch von Resilienz, und hat deshalb ziemlich wahrscheinlich eine positive Wirkung auf die
psychische Gesundheit. Auch Bonelli räumt ein, dass neurotische
bzw. extrinsische Religiosität den Einzelnen krank machen kann. Extrinsisch heißt so viel,
wie nach außen gerichtet. Der Grund für ihren Glauben kann zum Beispiel sein, dass
er nur zum Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen, zur Sicherung eines glücklichen Lebens oder
als moralische Instanz benutzt wird. Diese Art der Religiosität kann bis hin zum Fundamentalismus
oder Fanatismus führen und ist schädlich für das Wohlbefinden der Psyche. Wer hingegen
ein intrinsisch motiviertes Gottesbild hat, also aus inneren Überzeugungen an ihn glaubt,
dem kann seine Religiosität laut Bonelli tatsächlich zu besserer mentaler Gesundheit
verhelfen. Die genannten Statistiken zeigen natürlich
nur Korrelationen auf und keine Kausalitäten. Nur weil Du Atheist bist, musst Du nicht zwangsläufig
unglücklicher sein. Denn Psychische Gesundheit und Glück lassen sich, wie Bonelli meint,
häufig nicht auf den Glauben an Gott an sich zurückzuführen, sondern viel mehr auf die
sozialen Beziehungen, die bei religiösen Menschen meist stärker ausgeprägt sind,
als bei Atheisten. Auch Richard Dawkins ist sich dessen bewusst,
dass religiöse Menschen glücklicher sind und zitiert in seinem Bestseller „der Gotteswahn“
George Bernard Shaw: „die Tatsache, dass ein gläubiger Mensch glücklicher ist als
ein Skeptiker, trägt zur Sache nicht mehr bei als die Tatsache, dass ein betrunkener
Mensch glücklicher ist als ein nüchterner“. Der Biologe hat dahingehend Recht, dass das
individuelle Glück für den Wahrheitsgehalt der Religionen unbedeutend ist. Für unsere
psychologische Betrachtungen hingegen, ist das Glück sehr wohl relevant. Denn wenn psychische
Störungen zu Belastungen und Leid führen, Religionen aber glücklicher machen, kann
man sie dann überhaupt als psychische Erkrankung bezeichnen?
Fazit Ist Religion jetzt also eine psychische Erkrankung?
Zum Teil ja, zum Teil nein. Die heutige Psychologie sieht vor allem religiösen Wahn als ein Symptom
einer psychischen Störung an. Ein großes Problem in diesem Zusammenhang ist Fundamentalismus
und religiöse Erziehung. Wenn Menschen sich hingegen aus innerer Überzeugung für religiösen
Glauben entscheiden, kann Religiosität sogar einen positiven Einfluss auf die Psyche haben.
Doch jetzt seid ihr gefragt! Welche Meinung überzeugt euch? Lasst uns zusammen sachlich
in den Kommentaren diskutieren. Du interessierst dich für Psychologie und
Philosophie? Dann solltest Du diese Videos unbedingt anschauen!