Warum Schönheit uns glücklich macht!
Vieles kann schön sein.
Landschaften, Gesichter, Kunst, herausragende Architektur,
die Sterne am Himmel oder einfach nur die Spiegelung der Sonne
in einer leeren Flasche.
Schönheit ist nicht wirklich greifbar.
Eigentlich existiert sie nur in unseren Köpfen.
Vereinfacht könnte man sagen, dass wir etwas als schön empfinden,
wenn uns seine Farbe, Form oder Proportion anspricht
oder Freude macht.
Schönheit ist eine zutiefst menschliche Erfahrung
und begleitet uns schon seit Millionen von Jahren.
Sogar unsere ersten Werkzeuge haben wir symmetrisch geformt.
Forscher versuchten, einen praktischen Grund
für diese schönen und unnötig aufwändigen Formen zu finden,
konnten aber keinen finden.
Es scheint so, als hätten die Menschen damals ihre Werkzeuge
tropfenförmig gestaltet, weil es ihnen einfach besser gefiel.
Im Lauf unserer Geschichte
hat sich die Definition von Schönheit gewandelt.
Ideale haben sich verschoben oder sogar ins Gegenteil verkehrt.
Aber jenseits von Geschmack und Zeitgeist gibt es Dinge,
die niemals aus der Mode kamen.
Der goldene Schnitt, Symmetrie oder fraktale Muster
tauchen überall in Kunst und Architektur auf.
Von den ersten Kulturen bis heute.
Es scheint, als hätten die Menschen ein angeborenes Schönheitsempfinden.
Die Muster, die immer wieder auftauchen,
stammen alle aus der Natur.
Sie haben unseren Vorfahren beim Überleben geholfen.
Und sind deshalb zu einem Teil von uns geworden.
Fraktale z.B. finden wir überall in der Natur.
In Schneckenhäusern, Blüten, Wellen oder Wolken.
Diese Dinge und Phänomene zu identifizieren
und richtig zu bewerten, war für uns überlebenswichtig.
Kündigen diese Wolken Regen an?
Kann ich in diesem Gewässer schwimmen? Kann ich das essen?
Auch Symmetrie kommt immer wieder vor.
In der Natur bedeutet sie: Alles ist so, wie es sein soll.
Stämme, Bäume, Blätter und Blüten wachsen alle symmetrisch.
Und ein Hirsch mit einem beeindruckenden Geweih
ist wahrscheinlich eine gute Fleischquelle.
Eine missgebildete Weizenähre sollte man besser nicht essen.
Ein symmetrisches Gesicht
gehört wahrscheinlich einem gesunden, fruchtbaren Partner.
Weil Symmetrie so häufig in Fauna und Flora auftaucht,
erkennt unser Gehirn sie sehr schnell.
Sie half schon unseren Vorfahren dabei, ihre Umgebung zu beurteilen
und schneller auf Gefahren zu reagieren.
Was uns beim Überleben hilft, aktiviert das Belohnungszentrum
in unserem Gehirn.
Erkennen wir Anzeichen für Sicherheit und Nahrung, fühlen wir uns gut.
Unser Sinn für Schönheit hat sich wahrscheinlich
aus dieser Erkennung von Mustern entwickelt.
Aber er geht mittlerweile weit darüber hinaus.
Wir Menschen haben anscheinend einen Instinkt für Schönheit entwickelt,
der fest in uns verankert ist.
Er bleibt sogar erhalten,
wenn andere Prozesse in unserem Gehirn nicht mehr funktionieren.
Alzheimer-Patienten wurden aufgefordert,
die Schönheit von Gemälden zu bewerten.
Das Experiment wurde zwei Wochen später wiederholt.
Die Patienten hatten die Gemälde schon lange vergessen,
aber bewerteten ihre Schönheit wieder in derselben Rangordnung.
Man könnte behaupten, dass das noch nicht viel aussagt,
Menschen urteilen eben nach ihrem individuellen Geschmack.
Aber weitere Studien konnten beweisen,
dass es für Schönheit einen kleinsten gemeinsamen Nenner geben muss.
In verschiedenen Experimenten sollten Menschen
echte von falschen abstrakten Gemälden unterscheiden.
Manche waren Originale von Mondrian und Pollock,
die nach strikten Regeln wie Fraktalen aufgebaut waren.
Andere waren Imitationen, die nicht diesen Regeln folgten.
Die meisten konnten die Originale erkennen.
Und das funktionierte mit den Bildern beider Künstler,
obwohl ihre Stile sehr unterschiedlich sind.
In einem weiteren Experiment sollten Probanden
zwischen abstrakten Kunstwerken
und abstrakten Gemälden von Kindern oder Tieren unterscheiden.
Auch hier erkannten sie, welche Bilder sorgfältig geplant
und welche zufällig entstanden waren.
Auch wenn es uns schwerfällt, Schönheit und das, was sie ausmacht,
zu definieren, können wir sie doch erkennen, wenn sie uns begegnet.
Heute haben wir uns fernab von der Natur
und dem täglichen Überlebenskampf unsere eigene Welt geschaffen.
Die Gegenstände, die uns umgeben, haben wir selbst geformt.
Alles, was wir tragen, benutzen und betrachten.
Als wir uns auf der Erde ausgebreitet haben,
haben wir uns eine komplett künstliche Umgebung geschaffen.
Dabei haben wir Schönheit oft außer acht gelassen
und uns nur um Funktionalität, Kosten und Effizienz gekümmert.
Wir haben alles zugebaut mit Wohnblocks aus Beton,
in denen keiner wohnen möchte.
Und haben hässliche U-Bahn-Stationen, unansehnliche öffentliche Gebäude
und weitläufige Einkaufszentren errichtet.
Ein langweiliger Betonklotz neben dem anderen.
Der Mensch mag keine Monotonie.
Mit Eye-Tracking-Software kann man zeigen, dass Menschen
sich auf die Details und Ornamente von Architektur konzentrieren.
Und über fade Wände schnell hinweggehen.
Aber sie sind nicht nur langweilig anzusehen,
sie machen uns sogar unglücklich.
In Experimenten mit Hautsensoren konnte man sehen,
dass wir uns unwohl fühlen,
wenn wir auf große, eintönige Fassaden blicken müssen.
Diese Art der Langeweile kann unsere Herzfrequenz
und unser Stresslevel erhöhen.
Und der Umkehrschluss scheint auch zuzutreffen:
In den letzten Jahrzehnten stellten immer mehr Studien fest,
dass ästhetisch ansprechende Umgebungen unser Wohlempfinden,
unser Verhalten, unsere kognitiven Fähigkeiten
und unsere Stimmung verbessern können.
Unser Körper und unser Gehirn reagieren nachweislich auf alles,
was uns umgibt.
Schönheit hat einen so großen Einfluss auf unser Wohlbefinden,
dass man nützliche Dinge durch eine schöne Gestaltung
deutlich verbessern kann.
2017 untersuchte ein Krankenhaus Faktoren,
die zur Genesung von Patienten beitragen,
und fand heraus, dass Kunst in den Aufenthaltsräumen
Wohlbefinden und Zufriedenheit der Patienten steigert.
Eine weitere Studie hat untersucht, wie gut sich Patienten
in einem Krankenhaus mit zwei unterschiedlichen Stationen erholen:
Einer sehr alten, schäbigen, und einer neu renovierten Station.
Es stellte sich heraus, dass die Patienten
auf der neu renovierten Station weniger Schmerzmittel benötigten
und durchschnittlich zwei Tage früher entlassen wurden
als die Patienten, die auf der alten Station untergebracht waren.
Die schönere Umgebung sorgte dafür,
dass sie sich physisch besser fühlten.
Schönheit beeinflusst uns auch im Alltag
und kann sich dort auf unser Glückslevel auswirken.
Eine Studie, die die Hauptfaktoren für Glück bei Erwachsenen
untersuchte, stieß auf ein überraschendes Ergebnis:
Neben Gesundheit und einem harmonischen Familienleben
wird das individuelle Glück davon beeinflusst,
wie schön man die Stadt findet, in der man lebt.
Schönheit kam sogar noch vor Sauberkeit und Sicherheit.
Was können wir also daraus lernen?
Wir wissen, dass wir Menschen über Millionen Jahre hinweg
extrem für visuellen Input und die Wahrnehmung unserer Umgebung
sensibilisiert wurden.
Unser Schönheitsempfinden ist ein wichtiger Teil von uns.
Und wir sind gerade erst dabei herauszufinden,
wie sehr uns Schönheit tatsächlich beeinflusst.
Sie liefert uns wichtige Informationen über unsere Umwelt.
Vielleicht würde es sich also lohnen,
ihr mehr Raum in der von uns geschaffenen Welt zu geben.
Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk, 2019