RAF - Die Rote Armee Fraktion I Geschichte
. In diesem Video geht es um eine deutsche Terrorgruppe, deren Aktionen Westdeutschland vor allem in den 1970er-Jahren in Atem halten:
die Rote Armee Fraktion oder RAF, wie man auch sagt.
Wer damals zur Post geht, Geld abhebt oder in einem anderen Amt vorbeischaut, sieht diese Fahndungsplakate hier.
Aber wer sind diese Leute? Was wollen sie?
Und weshalb sucht die Polizei nach ihnen?
Alles das jetzt.
Die Vorgeschichte beginnt im Jahr 1968.
68, das steht für die weltweite Studentenbewegung.
Für den Wunsch nach einem gesellschaftlichen Umbruch.
Der akute Auslöser ist in vielen westlichen Staaten der Krieg der Vereinigten Staaten von Amerika in Vietnam.
Die Bilder vom entlaubten Regenwald und verbrannten Kindern rütteln gerade die jungen Menschen im Westen auf.
Sie demonstrieren für Frieden, gegen den Militarismus der USA
und gegen die kapitalistische Weltordnung, die zu Ungleichheit und Krieg führt, wie sie sagen.
Im damaligen Westdeutschland kommen weitere Punkte dazu.
Zum einen regiert in Bonn seit 1966 die Große Koalition.
CDU/CSU und SPD regieren gemeinsam, gab es damals auch schon.
Das bedeutet, dass im Bundestag 468 Abgeordnete der Koalition gegen nur 50 Abgeordnete der FDP stehen, die einzige Oppositionspartei.
Die parlamentarische Opposition ist also winzig.
Damals sitzen nur drei Parteien im Bundestag, bzw. vier, wenn man die CSU dazuzählt.
Daher hat die Koalition natürlich eine haushohe Mehrheit, mit der man auch das Grundgesetz, die Verfassung ändern kann.
Aus Sorge, dass die Große Koalition zu viel Macht an sich reißt
und vielleicht sogar die Demokratie einschränkt, gründet sich die APO, die Außerparlamentarische Opposition.
Diese jungen Leute wenden sich aber nicht nur gegen die Politik, sondern gegen die Gesellschaft der Bundesrepublik im Allgemeinen.
Und dass die Vergangenheit
und der Faschismus nicht richtig aufgearbeitet wurden.
Die Studierenden protestieren und stellen alle Institutionen, die Parteien, Kirchen, Universitäten, Banken, das Justizsystem, die Polizei, die Gewerkschaften, die Schule und sogar die Familie mit ihren alten Wertvorstellungen und Regeln infrage.
Dabei kochen die Emotionen hoch.
Nicht selten kommt es zu gewalttätigen Zusammenstößen, die Polizei löst Versammlungen und Demonstrationen auf.
Zwei Ereignisse bewegen die Protestierenden besonders.
Erstens, die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten am Rande der Demonstration.
Und zweitens das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke, der das Gesicht und - man kann sagen - die Stimme der 68er ist.
Anfang April 1968 schlagen mitten in der Nacht in Frankfurt am Main die Brandmeldeanlagen von zwei Kaufhäusern an.
Zwei Feuer wurden gelegt.
Die Brandstifter sind Andreas Baader und Gudrun Enßlin.
Gemeinsam mit zwei Komplizen.
Sie haben politische Motive.
In Vietnam brennen Dörfer, nun brennen in Frankfurt Kaufhäuser.
Symbole für den Kapitalismus, Ausbeutung und Unterdrückung.
Baader und Enßlin tauchen ab.
Das bedeutet, sie gehen in den Untergrund, verstecken sich vor der Polizei.
Denn beide sind zu Gefängnisstrafen verurteilt.
Aber Baader wird geschnappt.
Am 14. Mai 1970 wird er mit Einsatz von Waffengewalt befreit.
Gudrun Enßlin und der Rechtsanwalt Horst Mahler planen die Aktion.
An der Durchführung beteiligen sich fünf Frauen und ein Mann.
Mit dabei ist auch Ulrike Meinhof.
Die Täter gehen in den Untergrund, leben versteckt als gesuchte Verbrecher.
Sie rufen zur Gründung einer Roten Armee auf, einer Stadt-Guerilla.
Also einer militanten bewaffneten Gruppe, die den Freiheitskampf gegen ein unterdrückendes Regime aufnimmt.
Das ist die Gründungstunde der RAF.
Die Mitglieder der RAF sehen sich selbst als Freiheitskämpfer.
Sie stehen in politischer Opposition zum Staat BRD und wollen diesen Staat verändern.
Allerdings glauben sie, dass eine solche Veränderung mit den normalen Mitteln einer politischen Opposition
nicht möglich ist.
Sie setzen also nicht auf Proteste
und darauf, die Mehrheit bei Wahlen zu erringen.
Die RAF will das gesamte politische System kippen und arbeitet aus dem Untergrund.
Sie verteilen Flugblätter, aber sie legen auch Brände, überfallen Banken, entführen und ermorden Menschen.
1971 überfallen Mitglieder der RAF mehrere Banken, um an Bargeld zu kommen.
Die Polizei fahndet nach den Mitgliedern der Gruppe, es gibt Festnahmen.
Dabei sterben auch Polizisten, Unbeteiligte und RAF-Terroristen.
Im Mai 1972 verübt die RAF kurz hintereinander sechs Bombenanschläge.
Und wieder gibt es Tote.
U.a.werden die Zentrale des Springer-Verlags, der die Bild-Zeitung rausgibt
und das Hauptquartier der US- Streitkräfte in Europa angegriffen.
Die Polizei ist nicht untätig und sie schafft es schnell, zehn RAF-Leute festzunehmen, auch Baader, Enßlin und Meinhof.
Insgesamt sitzen schon 30 RAF-Leute im Gefängnis.
Die Linksextremisten reagieren.
Die "Bewegung 2. Juni" bildet sich.
Der 2. Juni war der Todestag von Benno Ohnesorg.
Die Bewegung kidnappt einen prominenten CDU-Politiker.
Um ihn freizubekommen, lässt die Bundesregierung fünf Gefangene Terroristen frei, damit die ins Ausland ausfliegen können.
Weil das so gut funktioniert hat, versucht die RAF eine Gefangenen- Freilpressung im größeren Stil.
In der deutschen Botschaft in Stockholm nimmt sie Geiseln, um weitere Gefangene freizupressen.
Aber die Bundesregierung beschließt, sich auf kein Handeln mehr einzulassen.
Die Situation eskaliert, zwei Geiseln werden ermordet.
Ende Mai 1975 beginnt der "Stammheim-Prozess".
Stammheim ist ein Stadtteil von Stuttgart, dort steht ein Gefängnis.
Im Hochsicherheitstrakt dieses Gefängnisses sitzen bis zu neun RAF-Leute.
Sie sind wegen Mordes und versuchten Mordes angeklagt.
Der Prozess ist auch ein großes Medienspektakel.
Die Angeklagten treten immer wieder in Hungerstreik, einer stirbt deshalb sogar.
Sie sagen, sie befinden sich im Krieg mit dem Staat.
Die Gefangenen werden im Gefängnis abgehört, was illegal ist.
Sie sitzen in Einzelhaft und Isolationshaft.
Die Verteidiger erklären sich in den Medien, machen politische Aktionen.
Sie schmuggeln Nachrichten und sogar drei Pistolen zu den Gefangenen.
Es gab einige Anwälte, die selbst in den RAF-Terrorismus abrutschen.
Andere haben später Karriere gemacht.
Otto Schily wird später SPD-Bundesinnenminister.
Hans-Christian Ströbele wird Bundestagsabgeordneter für die Grünen.
Ulrike Meinhof begeht in ihrer Zelle Selbstmord.
Und dieser Selbstmord wird von den Sympathisanten der RAF als Mord durch den Staat dargestellt.
Der Prozess geht weiter, die Angeklagten werden für schuldig befunden
und zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.
1977 wird die "2. Generation" der RAF richtig aktiv.
Als Anführerin gilt Brigitte Mohnhaupt.
Nach der Aktion in der Botschaft in Stockholm organisieren die Terroristen eine Reihe von Anschlägen
und Entführungen, die als der Deutsche Herbst bekannt sein.
Der Chef der Deutschen Bank Jürgen Ponto wird noch im Juli erschossen.
Hanns Martin Schleyer, ein wichtiger Industrie-Manager, wird entführt.
Seine Begleiter werden erschossen.
Die Entführer verlangen, dass die RAF-Häftlinge freigelassen werden, ansonsten würden sie Herrn Schleyer hinrichten, wie sie sagen.
Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt von der SPD bildet einen Krisenstab, dem auch Politiker der mitregierenden FDP und der Opposition aus CDU/CSU angehören.
Die wichtigsten Politiker der Bundesrepublik arbeiten also eng zusammen gegen die RAF.
Es geht um die Frage, ob die Regierung der BRD erpressbar ist.
Sie hat ja schon einmal einen Austausch durchgezogen.
Daraufhin haben es die Terroristen gleich wieder so probiert.
Bundeskanzler Schmidt erkennt, dass man so nicht weiterkommt.
Gegen Terroristen kann man nur knallhart vorgehen, meint er.
Wenn man sich einmal erpressen lässt, wird man immer wieder erpresst.
Die Hoffnung ist, dass das Versteck von Hanns Martin Schleyer aufgespürt wird und dass der Entführte befreit werden kann.
Da kommt es zu noch einer Entführung.
Vier palästinensische Terroristen wollen ihre Waffenschwestern und -brüder von der RAF unterstützen.
Deshalb entführen sie eine Boeing 737 der Lufthansa, die auf den Namen Landshut getauft ist.
Ein Ferienflieger, der Urlauber von Mallorca nach Deutschland zurückfliegen soll.
Weil im Libanon Flughäfen gesperrt werden, geht es weiter nach Dubai, dann in den Oman und schließlich nach Mogadischu.
Das ist die Hauptstadt von Somalia.
Fünf Tage sind die Passagiere schon in der Hand der Geiselnehmer.
Und die Lage wird immer schwieriger.
Die Bundesregierung will nicht nachgeben.
Sie setzt darauf, die Geiseln zu befreien.
Sie schickt eine Sondereinheit der Bundespolizei, die Grenzschutzgruppe 9 hinterher.
Die GSG 9, kurz zuvor gegründet, greift das Flugzeug auf dem Rollfeld kurz nach Mitternacht an.
Drei Terroristen werden erschossen, eine gefangen genommen.
Alle 90 Geiseln überleben.
Der Pilot war schon vorher von den Terroristen umgebracht worden.
Die geglückte Rettung so vieler Geiseln wird in Deutschland gefeiert, aber nicht von der RAF.
Die Inhaftierten Andreas Baader und Jan-Carl Raspe erschießen sich in ihren Zellen.
Gudrun Enßlin hängt sich auf.
Und Irmgard Möller überlebt ihren Selbstmordversuch mit einem Messer.
Nach 1,5 Monaten Geiselhaft wird auch Hanns Martin Schleyer ermordet.
Die RAF verkündet den Mord mit zynischen Worten:
Der deutsche Herbst stellt den Höhepunkt der Terrorwelle dar.
Das zeigt sich auch im Straßenbild.
In den Ballungsräumen tauchen sichtbar bewaffnete Polizisten auf.
Es gibt Personenkontrollen.
Und als neues Instrument der Polizei wird die "Rasterfahndung" eingeführt.
Der deutsche Herbst ist eine wahnsinnige Belastungsprobe für die Bundesrepublik Deutschland.
Bei wichtigen Managern der Industrie, hohen Beamten und Politikern werden zu Hause kugelsichere Glasscheiben eingesetzt.
Viele bekommen gepanzerte Fahrzeuge wegen möglicher Bombenattentate.
Die Kinder werden auf dem Schulweg von Personenschützern begleitet.
Viele Bürger befürworten damals eine Wiedereinführung der Todesstrafe.
Gegen die Terroristen entstehen Rachegefühle.
Sympathisanten aus dem politisch linken Lager wiederum verhärten sich in ihrer Haltung gegen den Staat.
Sie fürchten, dass sich Westdeutschland zu einem Polizeistaat entwickelt.
Das Ziel der 2. RAF-Generation ist die "Big Raushole", wie die Terroristen das nennen.
Die Befreiung ihrer GesinnungsgenossInnen.
Nachdem die fehlgeschlagen ist, konzentriert sich die RAF auf Bombenanschläge.
Z.B.auf Einrichtungen und Personen des US-Militärs.
Banken werden überfallen, geheime Waffenlager angelegt.
Die Bedrohung ist also noch da, aber nicht mehr so stark wie vorher.
Das Leben im Untergrund ist schwierig und zermürbend.
Zehn Terroristen setzen sich in die DDR ab und werden dort von der Stasi in die Gesellschaft eingegliedert.
Ab 1982 arbeitet die RAF verstärkt mit anderen linksterroristischen Gruppen in Europa zusammen.
Bis 1993 kommt es zu zehn weiteren RAF-Morden.
Es trifft Industrie- oder Bankmanager und Politiker.
Bis heute weiß man über diese 3. Generation am wenigsten.
Es gab vielleicht 20 aktive Terroristen und vielleicht 200 oder mehr Unterstützer.
1993 wird die Führungsspitze der RAF festgenommen oder getötet.
Am 20. April 1998 verkündet die RAF gegenüber einer Nachrichtenagentur ihre Selbstauflösung.
Nach drei Mitgliedern fahndet das Bundeskriminalamt heute noch.
Sie begehen offenbar immer wieder Überfälle, um sich zu finanzieren.
Was ist die Bilanz?
Zunächst einmal 34 RAF-Morde und über 200 Verletzte.
Im Vergleich zu den Toten, die der islamistische Terror in den letzten Jahren in Europa gefordert hat, ist das wenig.
Aber trotzdem ist der Terror der RAF grausam und brutal.
Damit will sie den Rechtsstaat zwingen, auch brutal zu werden, gegen das Recht zu handeln.
Und dann wäre der Rechtsstaat kaputt.
Aber dazu kommt es nicht.
Trotz der schwierigen Lage schafft es das politische, polizeiliche und rechtliche System der Bundesrepublik die Balance zu halten.
Und damit wird die RAF besiegt.
Entscheidend ist, dass der Staat und die Bürger den Rechtsstaat nicht aufgeben.
Die Namen der Terroristinnen und Terroristen kennt man.
Die Namen der prominenten Opfer auch.
Aber die ganz normalen Leute, die durch die RAF starben, sind heute weitgehend vergessen.
Ja, das war ein ganz schön langes Video, aber es ging um komplizierte Dinge.
Viele haben sich so ein Video gewünscht.
Jetzt würde mich interessieren, wie ihr das mit der RAF seht.
Hat der Staat richtig reagiert?
Oder sagt ihr: Nein, er hätte auf die Terroristen zugehen sollen?
Was wäre eurer Meinung nach die beste Lösung gewesen?
Schreibt es gerne unten in die Kommentare.
Zum Thema Terrorismus findet ihr auch ein Video von mir hier.
Auf meinem Kanal Mr Wissen to go.
Und ein weiteres Video rund um diese Zeit hier unten.
Danke fürs Zuschauen. Bis zum nächsten Mal.
Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk (2019)