Gottloses Deutschland? Warum die Kirchen ein Problem haben
Ihr seid in der Stadt unterwegs und kommt an eine schöne, alte Kirche.
Für einen kurzen Moment
bleibt ihr vor der Kirche stehen und schaut nach oben zum Turm.
Dann öffnet ihr die schwere Holztür, tretet ins Innere
und schaut euch dort nach einem Gebrauchtwagen um.
Ein Autohaus in der Kirche, klar, das klingt seltsam,
aber genau das könnte es im Jahr 2060 geben.
Denn viele Gebäude
wird man für ihren eigentlichen Zweck nicht mehr brauchen.
Kirche, wie wird das so in 30-40 Jahren aussehen?
Wie wird sich das gesellschaftlich entwickeln, wenn immer weniger
sich mit dem evangelischen oder katholischen Glauben identifizieren?
Genau darum geht's jetzt.
Ich komme aus einem kleinen Dorf bei Karlsruhe, Oberweier heißt das,
malerisch am Rande des Schwarzwalds gelegen.
Ein sehr katholisches Dorf.
Ich war in einem katholischen Kindergarten,
während der Grundschulzeit waren wir in kath.Gottesdiensten,
und die Kommunion war eines der Highlights
im Leben eines jungen Menschen, natürlich v.a. wegen der Geschenke.
Für mich war das etwas schwierig,
weil ich evangelisch bin und mich immer etwas als Außenseiter fühlte.
Aber für mich war damals klar: Deutschland ist ein Land,
in dem die Kirche viele Bereiche des Lebens bestimmt,
weil es bei uns im Dorf der Fall war.
Während es in Oberweier die Katholische Kirche gewesen ist,
war es in anderen Gegenden Deutschlands die Evangelische Kirche,
Hessen oder Niedersachsen z.B.
Rund 2/3 aller Deutschen waren damals, Anfang der 1990er
noch Mitglied in einer der beiden Kirchen.
Allerdings war genau das die Zeit, in der sich einiges geändert hat.
Diese 2/3 waren im Vergleich zu den Jahrzehnten zuvor gar nicht so gut.
Und es sollte noch viel heftiger kommen.
Während 1953 noch fast 90% aller Menschen
in der Bundesrepublik Deutschland Kirchenmitglied waren,
waren es 2018 nur noch etwas mehr als die Hälfte, Tendenz weiter fallend.
Immer weniger Menschen sagen: Die Kirche ist super, da mache ich mit.
Und immer mehr kehren dieser Institution den Rücken zu.
Sowohl die Deutsche Bischofskonferenz als auch die Evangelische Kirche
in Deutschland veröffentlichten neulich neue Zahlen.
Die zeigen einen klaren Trend: Es geht abwärts.
Diesen Trend bestätigt auch eine Prognose
des Forschungszentrums Generationen- verträge der Uni Freiburg.
Die besagt: 2060 wird der Anteil der Kirchenmitglieder an der Bevölkerung
von derzeit 54% auf 29% gesunken sein.
Rund 40% der Mitglieder sind dann älter als 65 Jahre.
Aber Kirchenmitglied sein, was bedeutet das genau?
Im Prinzip genau das, was der Begriff sagt.
Man ist Mitglied, also Teil der Institution Kirche.
Heißt: Man bekennt sich zu seinem ev. oder kath. Glauben,
indem man Teil der Gemeinschaft wird,
die repräsentativ für diesen Glauben steht.
Der Eintritt erfolgt in der Regel durch die Taufe.
Damit stehen einem verschiedene Privilegien offen:
Man darf z.B. unter bestimmten Umständen am Abendmahl teilnehmen,
man darf kirchlich heiraten und bekommt eine kirchliche Beerdigung.
Gleichzeitig gibt es auch eine wichtige Pflicht:
Man muss etwas bezahlen.
Für Kirchenmitglieder wird die "Kirchensteuer" fällig.
Das ist ein Anteil der Einkommenssteuer von 8% oder 9%,
je nach Bundesland.
Dazu bekommt die Kirche jedes Jahr rund eine halbe Milliarde vom Staat
als Ausgleich für die Enteignungen unter Napoleon.
Das ist bis heute gültig,
auch wenn es immer wieder abgeschafft werden sollte.
So nehmen die Kirchen in Deutschland
momentan jedes Jahr rund 12 Mrd.Euro ein,
mit denen sie sich ihren kompletten Apparat finanzieren.
Heißt: die Gehälter von Pfarrern und Gemeindeangestellten,
Unterhalt von Kirchen, teilweise Kindergärten, Schulen u.v.m.
Obwohl die Zahl der Kirchenmitglieder seit Jahren sinkt,
finanziell sieht es immer noch gut aus.
Wir Deutschen verdienen gerade ziemlich ordentlich.
Dementsprechend hoch sind auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer.
Auf lange Sicht wird sich aber auch das ändern.
Bei der Prognose aus Freiburg wären 2060 rund 25 Mrd.Euro im Jahr nötig,
um die gleiche Zahl von Angestellten und Gebäuden
wie heute bezahlen zu können.
Da sind wir beim entscheidenden Punkt:
Das, was momentan noch selbstverständlich ist,
die Kirche mitten in der Gesellschaft,
wird in nur wenigen Jahrzehnten
vermutlich in dieser Form nicht mehr existieren.
Aber warum eigentlich? Warum finden es immer weniger Leute spannend,
Teil der christlichen Glaubensgemeinschaft zu sein?
Hat kaum noch jemand Bock auf Gott? Das kann man schon so sagen.
Laut der aktuellen Shell-Jugendstudie
würden sich nur noch 1/3 der 15-25-jährigen Deutschen
als gläubig bezeichnen.
Vor 3-4 Jahrzehnten war das ganz anders.
Auch insgesamt nimmt der Hang zum Glauben ab.
Knapp 60% aller Deutschen
würden sich heute noch als gläubig bezeichnen.
Aber allein das ist es nicht,
was dazu führt, dass die Kirchen Mitglieder verliert.
Die Ursachen liegen noch viel tiefer. Das zeigt u.a. eine Studie,
die das Bistum Essen vor einiger Zeit veröffentlichte.
Die Gründe, laut dieser Studie und anderen Untersuchungen, sehen so aus.
1.: der demographische Wandel. Die Gesellschaft wird immer älter.
Und es gibt deutlich mehr Beerdigungen als Taufen.
Heißt, brutal gesagt: Den Kirchen sterben die Leute weg.
Nicht nur auf diese Weise gehen Mitglieder verloren.
Auch durch Austritte.
Das hat mit den nächsten Ursachen zu tun.
2.: Es gibt eine Art Entfremdung von der Kirche.
Gerade junge Menschen, das zeigt die Studie aus Essen,
fühlen sich immer weniger mit der Kirche verbunden.
Es gibt so viel anderes, was man um sich herum hat.
Da spielen Glaube und Kirche nur eine untergeordnete Rolle.
Entscheidend aber ist auch das Weltbild,
was vor allem die Kath.Kirche immer noch vermittelt:
Homosexualität als Sünde, kein Sex vor der Ehe, allgemeines Frauenbild.
Das ist für viele Menschen inzwischen weltfremd und wird abgelehnt.
3.: die Skandale.
Wenn ich euch frage, was ist das Erste, an das ihr denkt,
wenn ihr das Wort Kirche hört,
werden viele von euch wohl sagen: Missbrauch.
Tatsächlich gab es v.a. in der Kath.Kirche
über viele Jahrzehnte alleine in Deutschland rund Tausende von Fällen,
in denen Priester oder andere Kirchenangestellte
sich an Jugendlichen vergangen haben.
Nicht nur in Deutschland gab es solche Fälle, weltweit.
Als das nach und nach herauskam,
hat die Kirche oft gemauert und ihre Leute geschützt.
Das kam nicht wirklich gut an.
Dazu kommt eine Reihe weiterer kleinerer und größerer Skandale:
Geldverschwendung,
wie im Fall des ehem.Limburger Bischofs Tebartz-van Elst,
der sich einen Bischofssitz für rund 30 Mio.Euro renovieren lassen wollte.
Der Ruf der Kirche ist deshalb nicht unbedingt der beste.
Und dann ist da noch, 4., das Geld.
Wer von euch arbeitet und Geld verdient,
wird sich wohl mal gefragt haben:
Warum finanziere ich eine Institution,
mit der ich kaum etwas zu tun habe?
Wenn das so ist, geht es euch wie vielen, die aus der Kirche austreten.
Die Kirchensteuer ist einer der am häufigsten genannten Austrittsgründe.
Oft als Konsequenz daraus,
dass man sich mit der Kirche nicht mehr wirklich verbunden fühlt.
Die Frage ist: Was macht das mit einer Gesellschaft,
die vom Christentum trotz allem immer noch sehr geprägt ist.
Immerhin feiern wir Weihnachten und Ostern,
haben christliche Feiertage usw.
Um in die Zukunft zu schauen,
reicht es, in der Gegenwart zu bleiben.
Ein kluger Satz, aber er stimmt.
Nämlich dann, wenn man den Blick in Richtung Ostdeutschland wirft,
den Teil Deutschlands, in dem Glauben allgemein und Kirchen im Speziellen
viele Jahrzehnte eine untergeordnete Rolle spielten.
Teilweise wurde das auch staatlich verfolgt, nämlich in der DDR-Zeit.
Ostdeutschland gilt als die gottloseste Region der Welt.
Nur in Teilen Asiens gibt es noch ungefähr so viele Atheisten
wie in Sachsen oder Sachsen-Anhalt.
In der Region Leipzig-Halle
gehören z.B. mehr als 80% der unter 30-Jährigen keiner Konfession an.
Bei den 55-59-Jährigen sind es sogar mehr als 90%.
Insgesamt sind in den "neuen Bundesländern"
mehr als 2/3 der Menschen nicht Mitglied in einer Kirche.
Statt Kommunion oder Konfirmation
gibt es dort teilweise die aus der DDR übrig gebliebene,
nicht-religiöse Jugendweihe.
Außer an Weihnachten und Ostern
sind die Kirchen bei Gottesdiensten weitgehend leer.
Und, auch das ist interessant, der ADAC, also der Automobilclub,
hat, wenn die Zahlen stimmen, die ich fand, mehr Mitglieder
als die Ev. und die Kath. Kirche in Ostdeutschland zusammen.
Interessant dabei ist übrigens: Gerade in den Regionen,
in denen der christliche Glaube kaum vorhanden ist,
gibt es viele Menschen, die sich öffentlich um den Zustand
unseres "Christlichen Abendlandes" sorgen.
In Dresden z.B., die Stadt, die Pegida bekannt gemacht hat,
sind ungefähr nur 20% Angehörige einer christlichen Konfession.
Ähnlich sieht es in ländlicheren Gegenden Sachsens aus,
wo es teilweise nicht mal 10% Christen gibt.
Hat das gesellschaftliche Auswirkungen? Schwierig zu sagen.
Denn das alles ist ja nicht seit gestern so,
sondern eine ganze Weile.
Soziologen beobachten, dass religiöse Rituale
durch andere Dinge ersetzt werden, die Sinn stiften sollen
und so in vielen Bereichen eine Art Ersatzreligion sind.
Die einen glauben eben an Gott, an die Kirche,
die anderen daran, dass ihr Fußballverein
wieder in der 1.Liga spielt, um es vereinfacht zu sagen.
Es gibt auch schon Langzeitstudien, die die Tatsache,
dass Glaube in Ost-Deutschland kaum eine Rolle spielt, untersuchen.
Mehr dazu habe ich euch unten in der Infobox verlinkt.
Heißt: Die Kirchen und Deutschland verlieren immer mehr Mitglieder,
aus unterschiedlichen Gründen.
Klar ist: Vieles hängt damit zusammen,
dass sie die Leute nicht mehr richtig erreichen.
Ob sich daran noch was ändert, ist die große Frage.
Momentan sieht es eher nicht danach aus.
Vielleicht seht ihr das ganz anders.
Was müssten die Kirchen machen, um den Trend zu stoppen?
Was müsste passieren, damit ihr sagt:
Ich werde Mitglied oder bleibe Mitglied?
Schreibt es unten in die Kommentare.
Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk (2010)
Hier findet ihr ein Video über Martin Luther,
der eine große Rolle spielt,
wenn es um die Entwicklung der Kirchen in Deutschland geht.
Und noch was aktuelles Video von mir: "Ist Facebook wirklich bald tot?".
Danke fürs Zuschauen, bis nächstes Mal.