Mein Nachbar im Freibad und die Telefonbücher in Brigits Wohnung
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Herzlich willkommen zur zweiten Sendung „Zukker im Leben“ vom 8. September 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Ich hoffe,Sie hatten einen schönen Sommer! Ich bin nicht in die Ferien gefahren, weil ich den Sommer über gerne in Zürich bleibe. Ich war viel im Freibad und da habe ich auch meinen Nachbarn Tom getroffen. Mit einer Frau.Ich habe Ihnen das letzte Mal versprochen, dass ich bei ihm klingeln werde, aber ich habe mich nicht getraut. Und jetzt ist alles sehr kompliziert. Davon werde ich Ihnen erzählen. Und ich habe Ihnen ja auch versprochen, dass ich mit meiner Nachbarin Brigit einen Kaffee trinke.Das habe ich gemacht und Sie werden mir nicht glauben, was ich da herausgefunden habe. Viel Vergnügen!
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Ich stehe gerade in der Umkleidekabine und probiere den zehnten Bikini an. Ich weiss auch nicht, warum ich jedes Jahr denke, dass ich extra einen neuen kaufen muss, wenn der vom letzten Jahr eigentlich immer noch gut passt. Nach einer halben Stunde ist der Fall klar: Ich kaufe mir keinen neuen Bikini sondern einen Badeanzug. Knallrot. Wie Pamela Anderson in Baywatch. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich keine blonden Haare, aufgespritzte [1] Lippen und operierte Brüste habe. Heute ist es dreissig Grad heiss und ich bin auf dem Weg ins Mythenquai. Das ist das schönste Freibad in der Stadt. Grosse Bäume, ein kleiner Sandstrand und eine grosszügige Wiese, auf der sich die Menschen gut verteilen,damit man nicht wie Sardinen nebeneinander liegt [2]. Ich suche mir einen schattigen Platz unter einem Baum. Neben mir sitzt ein älteres Ehepaar in weissen Plastikstühlen, vor ihnen eine Kühltruhe in der sie Proviant [3] für mindestens zwei Tage haben. „Würden Sie kurz auf meine Sachen aufpassen?“, die beiden nicken vertrauenserweckend [4] und ich gehe ins Wasser. Ich schwimme an einem aufblasbaren Einhorn vorbei und streife ein Krokodil aus Plastik. Ich möchte mich auf dem Floss [5] in die Sonne legen. Heute habe ich vergessen, die Kontaktlinsen einzusetzen und die Brille habe ich in meiner Handtasche gelassen. Deshalb kann ich nur Umrisse [6] auf dem Floss erkennen, aber je näher ich komme, desto lauter höre ich das helle Lachen einer Frau. Die Stufen der Leiter am Floss sind rutschig. Ungeschickt klammere ich mich fest und bevor ich mit dem einen Bein auf dem Floss bin, sehe ich wer hier liegt: Tom! Ich habe es vermutet, aber jetzt habe ich endlich Gewissheit [7]: Tom sieht aus wie ein Adonis[8]. Die Frau neben ihm liegt mit ihrem Kopf auf seiner Brust und krault[9] ihm seinen Drei-Tage-Bart. Ich verliere den Halt, rutsche auf der Leiter aus und falle rückwärts ins Wasser. Ich tauche unter und möchte sofort ertrinken. Dann tauche ich wieder auf, huste, weil ich Wasser geschluckt habe und ziehe mich am Rand des Flosses hoch, nur so weit, dass ich die beiden beobachten kann, ohne dass sie mich sehen. Ich denke: Mein Tom! Hier auf dem Floss mit einer anderen Frau. Das darf doch nicht wahr sein! Warum habe ich mich nicht getraut bei ihm zu klingeln? Jetzt ist es zu spät, jetzt hat er eine Freundin! Obwohl, es ist bestimmt seine beste Freundin!Nein, so ein attraktiver Mann ist sicher nicht Single! Das ist seine Freundin, sie wohnen einfach nicht zusammen, weil jeder seinen Freiraum [10] braucht. Dann denke ich, es könnte auch seine Schwester sein! Gut, seine Halbschwester, weil sie sich überhaupt nicht ähnlich sehen, aber auf jeden Fall nicht seine Freundin. Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Sie wissen jetzt auch, was ich besonders gut kann! Mir die Welt so zurecht legen, wie ich sie gerne hätte! Die Frau neben Tom steht auf, kommt zum Rand des Flosses und springt elegant ins Wasser. „Aua!“, ich schreie ganz laut. Sie ist mir auf die Finger gestanden. Bevor mich jemand erkennt, tauche ich ab und schwimme so schnell ich kann an Land zurück. Das ältere Ehepaar schaut mich mit grossen Augen an und bietet mir ein kaltes Bier an. „Sie sehen aus, als hätten Sie gerade ihren Ehemann mit einer anderen Frau gesehen“, lacht der Mann. „Ja, so ungefähr“, sage ich und trinke die Bierflasche in grossen Schlucken [11] aus und verabschiede mich.
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Heute Morgen wurde ich von einem seltsamen Geräusch geweckt. Als würde jemand Steine aufeinander stapeln [12] und durch die Wohnung schieben. Dann ist es stillund ich höre ein schweres Seufzen [13]. Brigit wohnt über mir und weil sie nicht mehr ganz jung ist, mache ich mir Sorgen, ob ihr vielleicht etwas passiert ist.Bevor ich meinen ersten Kaffee trinke, ziehe ich mich an, gehe zu ihr hoch und drücke auf die Klingel. Ich klingle ein zweites und drittes Mal.„Ist alles in Ordnung, liebe Brigit?“, ich klopfe an die Wohnungstüre. Jetzt sehe ich in der Milchglasscheibe der Türe ihren Schatten näher kommen. „Was willst Du?“, Brigit schaut vorwurfsvoll [14] durch das kleine Fenster in der Türe. Ich lächle sie an und frage, ob wir einen Kaffee trinken möchten. Brigit wird nervös, als hätte ich sie bei etwas ertappt [15]. „Ich habe gerade sehr viel zu tun! Komm in einer Stunde wieder, dann trinken wir einen Kaffee!“. Ich weiss doch, dass sieeigentlich sehr viel Zeit hat, weil sie nicht nur keine Arbeit hat, sondernweil sie auch sehr einsam ist. Ich will mich eigentlich nicht aufdrängen[16], aber irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl. Nach einer Stunde stehe ich wieder vor ihrer Türe. Sie öffnet ganz zögerlich [17] und geht direkt in die Küche. Ich traue meinen Augen nicht! Im Flur stapeln sich Telefonbücher. Nicht zehn oder zwanzig, nein hunderte Telefonbücher.Ich setzte mich auf den freien Stuhl in der Küche. Brigit räumt einen Plastiksack nach dem anderen vom Küchentisch und stopft sie in einen Schrank, aus dem ihr etwa dreissig Plastiksäcke entgegen kommen. Ich weiss gar nicht was ich sagen soll. „Das kann ich alles noch brauchen“,Brigit lächelt mich entschuldigend an. „Die Menschen sind viel zu verschwenderisch [18] und werfen immer alles weg!“ dann hält mir Brigit einen Vortrag über Nachhaltigkeit und Recycling und ich werde ganz traurig beim Anblick ihrer Wohnung, die voller unnützer [19] Dinge ist.„Darf ich Dir einen Schnaps anbieten?“ Brigit steht auf und geht in ihr Wohnzimmer. Sie schiebt die Stofftiere zur Seite, damit ich mich auf das Sofa setzen kann. „Normalerweise trinke ich vormittags keinen Alkohol, aber das ist eine Ausnahmesituation!“, sagt Brigit. Meine Augen brennen plötzlich ganz stark, bis ich merke, dass überall auf dem dunkelgrünen Ledersofa Katzenhaare liegen. Nicht zwei, drei Haare, nein büschelweise[20] liegen Haare auf dem Sofa und auf dem Teppich. „Mein Kater Mio ist vor zwei Jahren gestorben.“ Brigit schaut ganz traurig. „Ich habe die Wohnung seit diesem Tag nicht mehr geputzt, damit ich ihn nicht vergesse.“ Für einen Moment hoffe ich, dass ich hier Teil der Fernsehsendung „Die versteckte Kamera [21]“ bin und gleich jemand kommt und lacht und sagt, das ist alles nur eine Inszenierung [22]. Aber es passiert leider gar nichts. Brigit trinkt nochmals einen Schnaps und bittet mich dann zu gehen, sie hätte doch noch sehr viel zu tun.
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Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen am 22. September auf podclub.ch oder in der App wieder von meinen Nachbarn erzählen darf. Ich hoffe sehr, dass Tom mich im Freibad nicht erkannt hat und ich wünsche mir,dass die Frau wirklich seine Halbschwester ist. Ich muss mir zudem überlegen, wie ich Brigit helfen könnte. Sie ist so einsam, dass es mir fast das Herz bricht. Vielleicht sollte ich mit ihr ein Hausfest organisieren, damit sie eine Aufgabe hat? Schauen Sie doch in der Zwischenzeit bei Instagram unter #PodClubNora und #zukkerimleben vorbei oder üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Auf Wiederhören! Glossar: Zukker im Leben (D) [1] aufgespritzt: mit einer Spritze etwas künstlich vergrössen
[2] wie Sardinen nebeneinander liegen: sehr eng, sehr nahe, dicht nebeneinander liegen, wie Sardinen in der Büchse
[3] der Proviant: auf eine Reise, Wanderung mitgenommener Vorrat an Lebensmitteln
[4] vertrauenserweckend: schnell Vertrauen gewinnend; Vertrauen einflössend
[5] das Floss: flaches, aus zusammengebundenen schwimmfähigen Materialien (wie Holz, Bambus, Schilf o.?Ä.) zur Beförderung von Personen und Waren
[6] die Umrisse: äussere, rings begrenzende Linie, wodurch sich jemand oder etwas von seiner Umgebung abhebt
[7] die Gewissheit haben: sicher sein, Sicherheit bekommen, keine Zweifel mehr haben
[8] der Adonis: schöner junger Mann, griechischer Gott in der griechischen Mythologie, Sinnbild für Schönheit
[9] kraulen: mit den Fingern etwas streicheln
[10] der Freiraum: Möglichkeit zur Entfaltung eigener Kräfte und Ideen, Raum für sich selber haben
[11] der Schluck: grosszügig, schnell trinken
[12] aufeinander stapeln: eines auf das andere legen
[13] das Seufzen: ein Ausdruck von Kummer und Sorge, meist hörbares Geräusch
[14] vorwurfsvoll: anklagend, einen Vorwurf machen
[15] jemanden bei etwas ertappen: jemanden bei heimlichem oder verbotenem Tun überraschen
[16] sich jemandem aufdrängen: hartnäckig sein, unaufgefordert Hilfe anbieten
[17] zögerlich: abwartend, unentschlossen, langsam
[18] verschwenderisch: sehr grosszügig, überaus reichhaltig, über alle Massen
[19] unnütz: unnötig
[20] büschelweise: in Büscheln, Büschel = loses Bündel von etwas
[21] die versteckte Kamera: als versteckte Kamera wird ein Medienformat für Unterhaltungssendungen bezeichnet, bei dem ahnungslose Personen mit absurden oder lustigen Situationen konfrontiert werden, die eigens für sie arrangiert wurden.
[22] die Inszenierung: ein in einer bestimmten Weise in Szene gesetztes Theaterstück