In der Dunkelheit von Edith Nesbit - 02
Kapitel II
Es verging über ein Jahr, bevor ich Haldane wiedersah. Ich hatte einige Zimmer in Albany, habe sie bis zum heutigen Tag, und er fand sich dort eines Morgen früh ein, in der Tat sehr früh – vor dem Frühstück. Ja in der Tat. Und wenn er vorher schon grässlich aussah, wirkte er jetzt fast gespenstisch. Sein Gesicht schien mitgenommen und schmal, wie eine Austernschale, die seit Jahren zweimal am Tag am Ufer des Meeres alle Kiesel abbekommen hat. Seine Hände waren dünn wie Vogelkrallen, und sie zitterte wie eingefangene Schmetterlinge.
Ich begrüßte ihn mit begeisterter Herzlichkeit und nötigte ihm Frühstück auf. Diesmal würde ich keine Fragen stellen, beschloss ich. Denn ich sah wohl, dass keine nötig waren. Er würde mir Alles von sich aus erzählen. Er wollte es mir sagen. Er war nur deshalb hierher gekommen, um es mir zu erzählen, und für nichts anderes.
Ich zündete die Spirituslampe an – machte Kaffee und ein bisschen Konversation. Ich aß und trank und wartete darauf, dass er anfange. Und dies war es, mit dem er begann:
»Ich werde«, sagte er, »mich selbst töten. O erschrick nicht.« Ich nehme an, ich hatte irgend etwas von mir gegeben oder seltsam geschaut. »Ich werde es weder hier noch in deiner Gegenwart ausführen, sondern nur dann, wenn ich es unbedingt muss. Wenn ich es nicht mehr länger ertrage. Irgend jemanden muss ich es doch einmal erzählen. Denn ich möchte mich nicht als das einziges Lebewesen fühlen, das davon weiß. Ich kann dir doch vertrauen, oder?«
Ich murmelte etwas beruhigendes.
»Ich möchte, dass du, wenn du nichts dagegen hast, dein Wort darauf, dass du keiner Seele etwas erzählst, so lange ich lebe. Danach … kannst du es jedem mitteilen, wenn dir danach ist.« Ich gab ihm mein Wort.
Er saß still mit Blick auf das Feuer. Dann zuckte er mit den Schultern.
»Schon erstaunlich, wie schwierig es ist, es auszusprechen«, begann er und lächelte. »Aber Tatsache ist, dass du das Vieh kennst, George Visger.«
»Ja«, sagte ich. »Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit ich zurück kam. Jemand erwähnte mir gegenüber, er wäre zu einer Insel oder sonst wohin verschwunden, um den Kannibalen den Vegetarismus zu predigen. Jedenfalls ist er aus dem Weg – was für ein Pech für ihn.«
»Ja«, erwiderte Haldane, »er ist aus dem Weg geräumt. Aber er predigt nichts mehr. Denn Fakt ist: er ist tot.«
»Tot?« war alles, an was ich zur Erwiderung denken konnte.
»Ja«, sagte er, »Es ist nicht allgemein bekannt, aber er ist es.«
»Woran ist er gestorben?« fragte ich, obwohl es mich nicht wirklich kümmerte. Die bloße Tatsache war für mich bereits gut genug.
»Du weißt doch noch, was für ein einmischender Kerl er immer war. Immer alles wusste. Vier Augen Gespräche – und er legte Alles offen und posaunte es hinaus. Nun, zwischen mir und jemand anderes mischte er sich auch ein – erzählte ihr einen Haufen Lügen.«
»Lügen?«
»Na ja, einige Dinge waren wahr, aber so, wie er es erzählte, klang Alles wie Lügen. Du weißt schon.« Das tat ich wirklich. Und so nickte ich. »Daraufhin warf sie mich raus. Und dann starb sie. Und wir waren nicht einmal mehr Freunde. Ich konnte sie nicht mehr sehen – bevor … ich konnte nicht einmal … Oh, mein Gott … Aber ich kam zur Beerdigung. Er war auch da. Ihre Familie hatte ihn darum gebeten. Später ging ich zurück in mein Zimmer, setzte mich und dachte nach. Da kam er plötzlich herein.«
»Aaah, und ob er das tun würde. Das ist genau das, was ihm mal wieder ähnlich sieht. Dieses Vieh! Ich hoffe, du ihn rausgeschmissen!«
»Nein, habe ich nicht. Ich wollte mir anhören, was es war, weswegen er zu mir gekommen sei. Er kam, ohne Zweifel, um zu erklären, dass so alles zum Besseren wäre. Und dass er die Dinge, die er ihr gegenüber erwähnt hatte, eigentlich nicht wirklich wusste. Er hatte sie nur erahnt. Ganz zufällig lag er richtig – verdammt sei er. Welches Recht hatte er, sich so etwas auszudenken, mh? Und er meinte, so wäre es das beste, weil es außerdem noch Fälle von Wahnsinn in meiner Familie gäbe. Das habe er auch herausgefunden …«
»Und ? Gibt es die?«
»Falls ja, dann weiß ich nichts davon. Und das wäre nun der Grund, warum es für alle so am besten sei. Also erwiderte ich: ›vor dem hier gab es keinen Wahnsinnigen in meiner Familie, aber nun gibt es ihn‹. Ich packte ihn am Hals. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn wirklich töten wollte; ob ich die Ansicht hatte, ihn zu töten. Wie auch immer, ich habe ihn getötet. Was sagst du nun?«
Ich sagte nichts. Es ist gar nicht so leicht, so plötzlich etwas Taktvolles und Passendes zu bemerken, wenn die dein ältester Freund erzählt, dass er ein Mörder sei.
»Als ich nun endlich meine Hände von seiner Kehle löste, was in etwa so schwierig war, wie den Griff von einer galvanischen Batterie zu entfernen, fiel er wie ein Sack auf den Kamin-Läufer. Und ich erkannte, was ich getan hatte. Wie kommt es, dass Mörder jemals gefunden werden?«
»Sie sind zu sorglos, nehme ich an«, fand ich mich bemerken, »sie beginnen, ihre Nerven zu verlieren.«
»Ich nicht,« sagte er. »ich war nie ruhiger. Nein, ich setzte mich in den großen Sessel und blickte ihn an, … und legte mir Alles zurecht. Mein Verstand war nie klarer. Er war gerade auf dem Weg zu dieser Insel – das wusste ich. Er hatte jedermann sein Lebewohl gesagt, soviel hatte er mir mitgeteilt. Es war nirgendwo Blut, das ich hätte loswerden müssen – wenn überhaupt, dann nur ein Hauch davon an der Ecke seines schlaffen Mund. Er hatte nicht vor, unter seinem eigenen Namen zu reisen, wegen der Reporter. Ein Herr Soundso würde sein Gepäck nicht abholen und seine Kabine leer bleiben. Niemand würde vermuten, dass Herr Soundso Sir George Visger, FRS, sei. Es war alles so deutlich, so einfach. Es gab nichts, loszuwerden, außer den Mann. Keine Waffe, kein Blut, und dann … hab ich ihn beseitigt. Und alles schien in Ordnung.«
»Wie?«
Er lächelte listig.
»Nein, nein«, erwiderte er; »hier ziehe ich die Grenze. Es ist nicht so, dass ich dein Ehrenwort bezweifle, aber du hast wie im Schlaf gesprochen, oder als ob du Fieber hättest oder so. Nein, nein. Solange du nicht weißt, wo der Körper ist – verstehst du das? – solange bin ich auf der sicheren Seite. Selbst wenn du beweisen könntest, dass ich all dies erzählt habe – was du nicht kannst, dann ist es doch nur die kranke Ausgeburt meines armen, verworrenen Verstandes, verstehst du?«