In der Dunkelheit von Edith Nesbit - 01
Vielleicht war es eine Art Wahnsinn. Oder vielleicht war er wirklich das, was man ›heimgesucht‹ nennt. Oder es könnte sein – auch wenn ich gar nicht erst so tue, als ob ich es verstünde, – dass sich durch intensives Leiden in einer sehr nervösen und hochsensiblen Natur eine Form von sechsten Sinn herausbildet. Etwas führte ihn immer zielsicher dorthin, wo sie gerade waren. Und für ihn waren sie alle der Eine.
Er erzählte mir zunächst den ersten Teil der Geschichte, – den Letzte habe ich dann mit meinen eigenen Augen gesehen.
Kapitel I
Haldane und ich waren schon seit unserer Schulzeit Freunde. Was uns zuerst zusammenführte war unser gemeinsamer Hass auf Visger, der auch aus unserem Teil des Landes stammte. Seine Leute kannten unsere Familien von Zuhause her, so wurde er mit uns zusammengesteckt, als er ankam. Er war die unerträglichste Person, ob als Junge und erwachsener Mann, den ich je gekannt habe. Er weigerte sich, zu lügen. Das war soweit in Ordnung, aber er wusste einfach nicht, wann man besser aufhören sollte. Wenn er gefragt wurde, ob irgend ein Kerl irgendwas angestellt hatte, außerhalb der Geländes gewesen sei oder irgend einen andere Art von Streich ausheckte, dann antwortete er: »Ich weiß es nicht, Sir, aber ich glaube schon.« Aber eigentlich wußte er rein gar nichts, dafür sorgten wir schon. Doch seine Vermutungen trafen immer zu. Ich erinnere mich daran, dass ich und Haldane ihm einmal seinen Arm verdrehten, damit er mir beichtete, woher er das mit der Kirschbaum-Unternehmung wusste, und er sagte nur: »Ich wußte es nicht, ich fühle mich einfach – ganz sicher. Und ich hatte recht, siehst du?« Was sollen Sie mit einem solchen Jungen bloß anfangen?
Wir wuchsen zu Männern heran. Wenigstens Haldane und ich. Visger wuchs nur zu einem Tugendbold heran. Er war Vegetarier und Abstinenzler, und ein Alles-aus-Wolle-Kerl und christlicher Wissenschaftler, und all die Dinge, die Moralapostel halt sind, aber er war kein gewöhnlicher Tugendwächter. Er kannte alle möglichen Dinge, die er eigentlich nicht gewusst haben konnte, zumindest nicht auf normale und anständige Weise. Es war ja nicht so, dass er Dinge herausfand. Er wusste sie einfach. Als ich einmal sehr unglücklich war, kam er in mein Zimmer – es war für uns alle das letzte Jahr in Oxford – und sprachen über Dinge, die ich von mir selbst kaum wußte. Das war auch der eigentliche Grund, warum ich in jenem Winter nach Indien ging. Es war schlimm genug, unglücklich zu sein, auch ohne diese Bestie, die über alles Bescheid wußte.
Ich war über ein Jahr fort gewesen. Gerade zurück, dachte ich viel darüber nach, wie lustig es wäre, den alten Haldane wieder zu sehen. Wenn ich aber an Visger dachte, falls überhaupt, dann wünschte ich, dass er tot wäre. Aber eigentlich habe ich nicht viel über ihn nachgedacht.
Ich wollte Haldane wirklich wiedersehen. Er war immer so ein lustiger Kerl – scherzhaft und freundlich, einfach, ehrenhaft, nervös und voller handfester Begeisterung. Ich sehnte mich danach, ihn zu treffen, das Lächeln in seinem lustigen blauen Augen, sein Blick aus einem Netz von Falten, die das Lachen um sie herum gewebt hatte, wollte sein lustiges Gelächter hören, und den festen Griff seiner großen Hand spüren. Ich ging direkt von den Docks zu seinen Gemächern im Grays Inn, und dort fand ich ihn auch; aber kalt, blass, anämisch, mit trüben Augen, einer schlaffen Hand und blassen Lippen, die ohne Herzlichkeit lächelten und ein Willkommen ohne Freude ausstießen.
Er war umgeben von einem Durcheinander ungeordneten Möbel und persönliche Gegenstände, von denen die Hälfte verpackt war. Einige große Boxen waren bereits mit Schnüren gebunden, und es gab außerdem Bücherkisten, die gefüllt und nur noch auf das Vernageln der äußeren Bretter warteten.
»Ja, ich ziehe um«, sagte er. »Ich kann es nicht mehr ertragen, dieses Zimmer! Irgend etwas geht hier in ihnen um – etwas teuflisches geht hier um. Morgen gehe ich fort.«
Die Herbstdämmerung erfüllte die Ecken mit Schatten. »Du hast die Pelze bekommen«, sagte ich, nur um irgend etwas zu sagen, denn ich sah diese in einer großen Kiste zusammengeschnürt neben den anderen liegen.
»Pelze?« erwiderte er. »Oh ja. Danke vielmals. Ja, ich hab die Pelze bekommen.« Er lachte, aus Höflichkeit nehme ich an, denn es handelte sich um keinen Scherz über die Pelze. Sie waren zahlreich und besonders fein, die besten, die ich für Geld bekommen konnte, und ich hatte sie zu einer Zeit verpacken und verschicken lassen, als mein Herz sehr wund war. Er stand nur da und sah mich an, sagte aber nichts.
»Komm hier raus und iss ein kleines Abendessen mit mir«, sagte ich so fröhlich wie möglich.
»Zu beschäftigt«, antwortete er nach der kleinstmöglichen Pause, und einem Blick durch den ganzen Raum – »schau, ich bin wirklich schrecklich froh, dich zu sehen, aber, warum gehst du nicht rasch rüber und holst das Abendessen hierher. Ich selbst esse immer nur schnell zwischendurch – du siehst ja, wie es hier aussieht.«
Ich ging. Als ich zurück kam, hatte er einen Platz in der Nähe des Feuers freigeräumt, und zog seinen großen Klapptisch heran. Wir aßen dort bei Kerzenlicht. Ich versuchte, lustig zu sein. Er, da war ich mir sicher, versuchte, sich amüsieren zu lassen. Es ist uns beiden nicht gelungen. Seine traurigen Augen beobachteten mich die ganze Zeit über, außer in jenen flüchtigen Momenten, wenn er, ohne den Kopf zu wenden, einen Blick über die Schulter zurück zu den Schatten warf, die um den kleinen beleuchteten Platz, an dem wir saßen, den Raum füllten.
Als wir gegessen hatten und ein Diener gekommen war, um das Geschirr abzutragen, blickte ich Haldane sehr bestimmt an, so dass er mitten in einem sinnlosen Witz innehielt, und fragend auf mich schaute. »Nun?« sagte ich.
»Du hörst mir gar nicht zu«, bemerkte er gereizt. »Was ist los?«
»Das solltest du wohl besser mir erzählen«, sagte ich.
Er schwieg, warf wieder einen dieser verstohlenen Blicke auf die Schatten, und bückte sich, um das Feuer so weit zu schüren – das ahnte ich – damit es jeden Winkel des Raumes erleuchtete.
»Du bist total durcheinander«, erwiderte ich fröhlich. »Wo hast du deine Finger drin? Wein? Karten? Spekulationen? Eine Frau? Falls du es mir nicht sagen willst, dann wenigstens einem Arzt. Warum, mein Lieber, bist du bloß so ein Wrack?«
»Du bist mir hier an diesem Ort ein wahrlich netter Freund«, sagte er und lächelte ein mechanisches Lächeln, das nicht angenehm anzusehen war.
»Ich bin der Freund, den du brauchst, denke ich,« erwiderte ich. »Glaubst du, ich bin blind? Etwas ist schief gelaufen oder du hast irgendetwas genommen, Morphium, vielleicht? Außerdem brütest du über irgend etwas nach, solange, dass du nun jedes Maß verloren hast. Raus mit der Sprache, alter Junge. Ich wette um einen Dollar mit dir, dass es nicht so schlimm ist, wie du denkst.«
»Wenn ich es nur dir oder jemand anderen erzählen könnte«, antwortete er langsam, »dann wäre es nicht so schlimm, wie es jetzt ist. Wenn ich es jemanden erzählen könnte, dann dir! Aber so wie die Dinge stehen, hab ich dir schon mehr gesagt, als irgend jemandem zuvor.«
Ich konnte nicht mehr aus ihm herausbekommen. Aber er bedrängte mich zu bleiben – würde mir sein Bett gegeben haben und sich selbst auf den Boden gelegt, so sagte er. Aber ich hatte ja mein Zimmer im Victoria reserviert, und erwartete Briefe. So verließ ich ihn ziemlich spät, während er auf der Treppe stand, die eine Kerze über die Balustrade haltend, um mir den Weg nach unten zu leuchten.
Als ich am nächsten Morgen zurückkehrte, war er verschwunden. Männer wuchteten sein Mobiliar in einem großen Lastkarren, auf den jemand ›Pantechnicon‹ in großen Buchstaben gepinselt hatte.
Er hinterließ beim Portier keine Adresse, und fuhr in einer Droschke mit zwei Portmanteaux davon – Richtung Waterloo meinte der Portier.
Nun ja, ein jeder Mann hat das Recht auf sein eigenes Sorgen-Monopol, falls er es sich so aussucht. Und ich besaß meine eigenen Probleme, welche mich beschäftigt hielten.