Der Vampir von Jan Neruda
Ein Ausflugsdampfer brachte uns von Konstantinopel aus an die Küste der Insel Prinkipo und dort gingen wir von Bord. Die Anzahl der Passagiere war nicht groß. Es gab eine polnische Familie, bestehend aus einem Vater, einer Mutter, einer Tochter und ihrem Bräutigam – und dann noch wir zwei. Oh, ja, ich darf nicht vergessen, dass, als wir schon auf der Holzbrücke waren, die das Goldene Horn nach Konstantinopel überquert, ein Grieche, ein eher jugendlicher Mann, sich zu uns gesellte. Er war wahrscheinlich ein Künstler, nach der Mappe zu urteilen, die er unter dem Arm trug. Lange, schwarze Locken umwallten seine Schultern, sein Gesicht war blass, und seine schwarzen Augen lagen tief in ihren Höhlen. Vom ersten Moment an interessiert er mich, vor allem wegen seines Entgegenkommens und seiner Kenntnis der lokalen Gegebenheiten. Aber er sprach zu viel, und irgendwann wendete ich mich dann von ihm ab.
Umso angenehmer war die polnische Familie. Der Vater und die Mutter waren gutmütige, feine Menschen, der Liebhaber ein hübscher junger Kerl, mit direkten und ausgesuchten Manieren. Sie waren nach Prinkipo gekommen, damit die Tochter, die leicht angeschlagen war, die Sommermonate dort verbringe. Das schöne, blasse Mädchen war dort entweder der Genesung von einer schweren Krankheit wegen – oder eine schwere Krankheit war gerade dabei ihren Griff um sie zu verstärken. Sie lehnte sich an ihren Geliebten, wenn sie spazieren gingen und musste sich dabei sehr oft zur Ruhe setzen. Während sie flüsterte, unterbrach sie häufig ein trockenes Hüsteln. Wann immer sie hustete, legte ihr Begleiter rücksichtsvolle Pausen beim Gehen ein. Er warf dann immer einen Blick voller Mitleidens auf sie und sie schaute zu ihm auf, als ob sie sagen wolle: »Es ist nichts, ich bin glücklich.« – Die Beiden glaubten noch an Gesundheit und Glück.
Auf Empfehlung des Griechen, der uns sofort am Pier verlassen hatte, sicherte sich die Familie ein Quartier im Hotel auf dem Hügel. Der Hotelier war ein Franzose und seine gesamtes Gebäude war komfortabel und künstlerisch ausgestattet, nach dem französischen Stil.
Wir frühstückten zusammen und als die Mittagshitze etwas nachgelassen hatte, begaben wir uns alle in die Höhe, wo wir uns im Hain der sibirischen Stein-Pinien an der Aussicht erfrischen konnten. Kaum hatten wir eine geeignete Stelle gefunden und uns niedergelassen, als der Grieche erneut erschien. Er begrüßte uns unverbindlich, sah sich um und setzte sich nur wenige Schritte von uns entfernt nieder. Er öffnete seine Mappe und fing an zu skizzieren.
»Ich denke, dass er absichtlich mit dem Rücken zum Felsen sitzt, so dass wir keinen Blick auf seine Skizzen werfen können«, sagte ich.
»Das brauchen wir nicht«, sagte der junge Pole. »Wir haben genug vor uns, auf das wir schauen können.« Aber nach einer Weile fügte er hinzu: »Es scheint mir so, dass er uns zeichnet, als eine Art Hintergrund. Naja, lassen wir ihn!«
Wir hatten wirklich genug zu bestaunen. Es gibt keine noch schöner oder glücklichere Ecke der Welt, als dieses ganz besondere Prinkipo! Die politische Märtyrerin Irene, Zeitgenossin von Karl dem Großen, lebte dort für einen Monat im Exil. Wenn ich einen Monat meines Lebens dort verleben dürfte, würde ich mich an dieser Erinnerung für den Rest meiner Tage erfreuen! Ich werde nie vergessen, dass ich diesen einen Tag auf Prinkipo verbrachte.
Die Luft war so klar wie ein Diamant, so weich, so umschmeichelnd, so dass sich jedermanns Seele ganz und gar in die Ferne erhob. Rechterhand über dem Meer erschienen die braunen asiatischen Gipfel; auf der linken Seite in der Ferne in Lila die steilen Küsten Europas. Das benachbarte Chalki, eine der neun Inseln des ›Prinzen-Archipels‹, stieg mit seinen Zypressenwälder in friedliche Höhen – und war wie ein trauriger Traum von einer großen Struktur gekrönt – ein Asyl für jene, deren Gemüter krank sind.
Das Marmara-Meer war etwas unruhig und spielte in allen Farben wie ein glitzernder Opal. In der Ferne schien die See so weiß wie Milch, dann wieder rosig, zwischen den beiden Inseln ein stärker werdendes Orange und unter uns war es wunderschön grünlich-blau, wie ein transparenter Saphir. Es wirkte in seiner eigenen Schönheit besonders üppig. Nirgendwo gab es größeren Schiffe – nur zwei kleine Holzboote eilten unter englischer Flagge am Ufer entlang. Eines war ein Dampfboot, so groß wie das der Küstenwache, das zweite hatte etwa zwölf Ruderer, und wenn sie ihre Ruder gleichzeitig erhoben, tropfte es wie geschmolzenes Silber von ihnen herab. Zutrauliche Delfine schossen an und unter ihnen vorbei, und glitten wie Tauben in langen Flügen über die Wasseroberfläche hinweg. Durch den blauen Himmel schwebten ab und zu ruhig Adler auf ihrem Weg, den Raum zwischen zwei Kontinenten durchmessend.
Der gesamte Hang unter uns war mit blühenden Rosen bedeckt, deren Duft die Luft erfüllte. Von dem Kaffee-Haus in der Nähe des Meeres wurde Musik bis zu uns durch die klare Luft getragen, welche durch den Abstand aber etwas gedämpft tönte.
Die Wirkung war bezaubernd. Wir saßen alle ganz still und dieses Bild des Paradieses durchdrang vollständig unsere Seelen. Das junge polnische Mädchen lag im Gras, den Kopf auf den Schoß ihres Geliebten gestützt. Das blasse Oval ihres zarten Gesicht war leicht in sanfte Farben getaucht, doch aus ihren blauen Augen quollen plötzlich Tränen hervor. Ihr Geliebter verstand, beugte sich über sie und küsste Träne über Träne fort. Auch ihre Mutter war zu Tränen gerührt, und ich – ja auch ich – fühlte einen seltsamen Stich.
»Hier müssten der Geist und der Körper genesen«, flüsterte das Mädchen. »Was für ein glückliches Land dies ist!«
»Gott weiß, ich habe keine Feinde, aber wenn ich welche hätte, hier würde ich ihnen vergeben!« sagte der Vater mit zitternder Stimme.
Und wieder verstummten wir. Wir waren in einer so wunderlichen Stimmung – so unsagbar süß war all dies! Jeder fühlte für sich eine ganze Welt voller Glück und jeder würde sein Glück auch mit der ganzen Welt geteilt haben. Alle fühlten das gleiche – und dadurch störte niemand den anderen. Wir hatten kaum bemerkt, dass der Grieche nach einer Stunde oder so, aufgestanden war, seine Mappe zusammengefaltet und mit einem leichten Kopfnicken Abschied genommen hatte. Wir blieben.
Endlich, nach mehreren Stunden, als sich die Ferne immer mehr mit einem dunkleren Violett überzog, so magisch schön im Süden, erinnerte uns die Mutter daran, dass es Zeit zum Aufbruch sei. Wir standen auf und ging mit leichten, federnden Schritten, die für Kinder so typisch sind, in Richtung des Hotels hinunter. Dort setzten wir uns auf die schöne Veranda.
Kaum hatten wir uns niedergelassen, als wir unter uns den Lärm von einem Streit und Flüche hörten. Wir lauschten um der eigenen Unterhaltung Willen dem Gerangel zwischen dem Griechen und unserem Hotelier.
Aber diese Belustigung hielt nicht lange an. »Ich hab noch andere Gäste«, knurrte der Hotelier, und stieg die Stufen zu uns empor.
»Ich bitte Sie, mir zu sagen, Sir«, fragte der junge Pole den sich nahenden Hotelier, »wer dieser Herr ist? Wie ist sein Name?«
»Eh – wer weiß schon, welchen Namen dieser Kerl hat?«, brummte der Hotelier, und er blickte giftig nach unten. »Wir nennen ihn den Vampir«.
»Ein Künstler?«
»Pah, von wegen. Er zeichnet nur Leichen. Sobald jemand in Konstantinopel oder hier in der Nachbarschaft stirbt, hat er an genau jenem Tag ein Bild des Toten fertiggestellt. Der Kerl malt sie vorher – und er macht nie einen Fehler – genau wie ein Geier!«
Die alte Polin kreischte verängstigt auf. In ihren Armen lag ihre Tochter, bleich wie Kreide. Sie war ohnmächtig geworden.
Mit einem Satz sprang der junge Liebhaber die Treppe hinunter. Mit einer Hand packte er sich den Griechen und mit der anderen versuchte er, an die Mappe zu gelangen.
Wir liefen ihm nach. Beide Männer rollten über den Sand. Der Inhalte der Mappe wurden in alle Richtungen verstreut. Auf einem der Blätter, skizziert mit einem Zeichenstift, war der Kopf der jungen Polin zu sehen, mit geschlossenen Augen und einem Myrtenkranz auf ihrer Stirn.