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2021 from Youtube, Die Geschichte von Belarus: Zwischen Fremdherrschaft und Unabhängigkeit

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Die Geschichte von Belarus: Zwischen Fremdherrschaft und Unabhängigkeit

Belarus -

das Land wird oft als letzte Diktatur Europas bezeichnet.

Nach der erzwungenen Landung eines Ryanair-Jets vor einigen Tagen

zur Festnahme eines Regimekritikers ist es wieder in aller Munde.

Die Welt denkt über Sanktionen gegen die ehemalige Sowjetrepublik nach.

Schon länger brodelt es im Land.

Seit dem vergangenen Sommer gibt es wieder massive öffentliche Proteste

gegen den Präsidenten Alexander Lukaschenko.

Die Proteste werden oft brutal niedergeschlagen,

Zehntausende Menschen an einem Tag festgenommen.

Viele Demonstranten schwenken weiß-rot-weiße Fahnen.

Dabei ist die Staatsflagge rot und grün.

Was steckt dahinter?

Wir suchen die Antwort in der Geschichte des Landes.

Wir schauen uns an, wie kompliziert sie ist

und wie sie das Land bis heute prägt.

Zum Start eine kurze Erklärung,

damit es keine Missverständnisse gibt.

Einige von euch kennen das Land vielleicht unter "Weißrussland".

Aber der offizielle Name des Landes, der auch immer mehr verwendet wird,

ist Biełarus.

Das ist in erster Linie ein Zugeständnis

zur nationalen Identität des ehemaligen Ostblockstaates.

Denn "Belarus" ist nicht eine Übersetzung von "Weißrussland",

wie viele meinen.

Der Wortbestandteil "Bela" heißt zwar "Weiß",

aber "Rus" heißt nicht "Russland".

Der Begriff bezieht sich auf das slawische Großreich

mit dem Namen "Kiewer Rus".

Das lag in Osteuropa und umfasste Teile der heutigen Staaten

Belarus, Ukraine, Moldau - kennt ihr unter Moldawien -

und Russland.

Da sind wir auch schon mitten in der Geschichte.

Etwa seit dem 10. Jahrhundert waren auch belarussische Fürstentümer

Teil dieses ostslawischen Reiches.

Als das Gebiet der der Kiewer Rus im 13. Jahrhundert zerschlagen wird,

schließen sich die belarussischen Fürsten

dem Großfürstentum Litauen an.

Aber Herrschaftsansprüche und Eroberungszüge

von konkurrierenden Mächten führen zum Zerfall des Großreichs.

Wir fassen jetzt mal viel

von dieser jahrhundertelangen Geschichte zusammen.

Aber auch wenn ich viel vereinfache - Spoiler-Alarm -,

es wird trotzdem ein kompliziertes Hin und Her.

Ihr werdet sehen, wie die Geschichte von Belarus

immer wieder von anderen Mächten bestimmt wird

und wie die Region kaum zur Ruhe kommt.

Das beeinflusst das Nationalgefühl bis heute extrem.

Katharina die Große sichert sich im 18. Jahrhundert

die Herrschaft über Belarus.

Das Land wir Teil des Russischen Kaiserreichs.

Die Zaren führen im 19. Jahrhundert eine sogenannte Russifizierung durch

und wollen ihren Einflussbereich ausbauen.

Und das setzen sie radikal um.

Zum Beispiel wird Russisch zur Amtssprache

und Belarussisch darf öffentlich nicht mehr gesprochen werden.

Am Ende des Ersten Weltkriegs dann eine neue Zäsur:

Truppen des Deutschen Kaiserreichs besetzen das Land.

Der Deutsche Kaiser und der russische Zar

schließen Frieden!

Und sie legen fest,

dass besetzte Länder ein Recht auf Unabhängigkeit haben.

Das nutzen die Belarussen und gründen am 18. März 1918

die freie und unabhängige Volksrepublik von Belarus.

Das solltet ihr euch merken.

Das ist ein entscheidender Abschnitt in der Geschichte des Landes.

Leider sind es nur sechs kurze Monate der Unabhängigkeit,

bevor Belarus wieder für lange Zeit unter fremder Herrschaft steht.

Von anderen Staaten, auch vom Deutschen Reich,

wird die Republik nicht anerkannt.

Erinnert ihr euch?

Ich habe schon am Anfang von den Flaggen gesprochen.

Die weiß-rot-weiße Fahne der Republik

ist bis heute DAS Protestsymbol der Opposition.

Auch weil sie für Freiheit und Unabhängigkeit steht.

Jetzt ist Freiheit immer ein relativer Begriff.

Klar ist, bis zu einer wirklichen Unabhängigkeit

und internationaler Anerkennung wird es noch einige Jahre dauern.

Mit der Kapitulation des Deutschen Reiches

und dem Vertrag von Versailles 1919

werden die Karten nach dem Ersten Weltkrieg wieder neu gemischt -

zynisch gesagt.

Die Besetzung durch das Deutsche Reich endet endgültig.

In dem Vertrag wird eine Wiederherstellung Polens beschlossen.

Belarus ist das Bauernopfer.

Der Westen geht an Polen.

Den Osten bildet die Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik,

die BSSR,

einer der Gründungsstaaten der Sowjetunion.

Diese zwei Teile entwickeln sich ganz unterschiedlich.

In Polen erhalten die Belarussen als anerkannte Minderheit

einen besonderen Schutz.

Sie dürfen ihre Sprache sprechen, ihren Glauben frei ausüben,

haben eigene Schulen und dürfen an der Politik teilnehmen.

Sie stellen sogar Abgeordnete im Parlament.

Auch wenn die offiziellen Regelungen die Belarussen im Alltag

nicht vor Diskriminierung schützen.

Die Sprache sprechen, den eigenen Glauben haben zu dürfen

und an der Politik teilzunehmen, das hört sich nicht besonders an,

ist es aber, wenn man es mit dem Leben der Belarussen

im sowjetischen Teil später vergleicht.

Am Anfang geht es den Belarussen in der Sowjetunion besser als in Polen.

Sie leben relativ ungestört.

Belarussisch ist neben Polnisch und Russisch eine anerkannte Sprache.

In den 1930er-Jahren verschlechtert sich die Lage aber zunehmend.

Zwischen 1932 und 1933 kommt es vor allem im ukrainischen Teil der UdSSR,

aber auch im angrenzenden Belarus, zu einer Hungersnot.

Millionen Menschen sterben.

Einige sollen aus größter Verzweiflung

sogar zu Kannibalen geworden sein.

Stalin wittert überall Systemfeinde

und lässt Säuberungen - wie er es nennt - durchführen.

Auch in Belarus lässt er einen Teil der "Intelligenzija" ermorden.

Wichtig für euch zur Erklärung:

Mit Intelligenzija sind nicht nur die Intellektuellen gemeint.

Das Wort bezeichnet damals zwar vor allem gebildete Menschen,

aber es hat eine politische Bedeutung.

Es steht nämlich damals in der Sowjetunion

vor allem auch für eine proeuropäische Ausrichtung.

Diese Menschen gelten in der UdSSR als Feinde und werfen verfolgt.

Im Jahr 1939 schließt Stalin einen Pakt mit Hitler.

Im geheimen Zusatzprotokoll zu dem Vertrag

wird ein Angriff auf Polen und dessen Aufteilung beschlossen.

Stalin soll Ostpolen bekommen.

Ihr erinnert euch: Hier wohnen Belarussen.

Mit dem Angriff des Deutschen Reiches auf Polen im Jahr 1939 im September

beginnt der Zweite Weltkrieg.

Ostpolen wird von der Sowjetunion besetzt,

und wieder müssen sich die Belarussen unterordnen.

Es kommt zur sogenannten Sowjetisierung Ostpolens.

Kultur uns Sprache werden vereinheitlicht.

Die nationale Identität der Belarussen leidet.

Wieder werden Menschen als Regimefeinde ermordet.

Als 1941 die Wehrmacht in die Sowjetunion einmarschiert,

beginnt die Jagd auf die jüdische Bevölkerung

und der systematische Massenmord.

Auch die nichtjüdische Bevölkerung wird Opfer der deutschen Truppen,

die Städte und Dörfer zerstören.

Was bei vielen aber heute gar nicht so bekannt ist:

Belarus ist zu der Zeit eines der Länder

mit dem höchsten Anteil jüdischer Bevölkerung.

Es wird zu einem der verheerendsten Schauplätze des Holocaust.

Die belarussischen Juden werden fast vollständig ausgelöscht.

In Minsk entsteht eines der größten Gettos Europas.

Dort sterben Zehntausende Menschen.

Im Vernichtungslagers Osaritschi finden Tausende qualvoll den Tod.

Belarussische Quellen sprechen von 20.000 Opfern.

Bei der sogenannten Wannseekonferenz

gibt der Verantwortliche für dieser Region damit an,

Belarus wäre judenfrei.

1944 erobert die Rote Armee Belarus, aber damit wird nicht alles gut.

Wieder werden Menschen deportiert,

teilweise auch die, die gerade aus Lagern der Nazis befreit wurden.

Der Vorwurf: Wer so lange so eng mit den Deutschen gelebt hat,

könnte ideologisch umgedreht worden sein.

Mehr als drei Millionen Belarussen lassen im Zweiten Weltkrieg

ihr Leben - ein Drittel der Bevölkerung.

Josef Stalin denkt strategisch und siedelt in dem entvölkerten Land

nach dem Krieg Russen an.

Das hilft, das Land enger an die russisch dominierte UdSSR zu binden.

Als Teil der Sowjetunion entwickelt sich Belarus

zu einer sozialistischen Musterrepublik.

Industrialisierung und Verstädterung halten Einzug.

Die nationale Identität der Belarussen

geht dabei immer weiter verloren.

Grund dafür ist nicht nur der wirtschaftliche Aufschwung,

sondern auch die Furcht vor Repressalien.

Wer sich zu nationalistisch äußert, wird verfolgt.

1985 wird Gorbatschow Generalsekretär der Kommunistischen Partei der UdSSR.

Als Staatschef sorgt er für Reformen und Lockerungen im Osten.

Die Belarussen entdecken ihre Geschichte

und nationale Identität wieder.

Als die Sowjetunion schließlich zerbricht,

wird Belarus 1991 ein unabhängiger Staat.

Mehr als 70 Jahre lang lagen die Geschicke des Landes

in den Händen konkurrierender Mächte.

Jetzt soll Stanislau Schuschkewitsch sie lenken,

als erster Präsident der Belarussischen Republik.

Die Belarussen hoffen mit der politischen Wende

auf einen wirtschaftlichen Aufschwung,

aber das Gegenteil passiert.

Die Löhne sinken bis 1996 um elf Prozent - jedes Jahr.

Im Wahlkampf 1994 tritt Alexander Lukaschenko

als großer Herausforderer an.

Er inszeniert sich geschickt als Kämpfer gegen die Korruption

und er gewinnt die Wahl.

Schon damals zweifelt manch einer an der Richtigkeit des Wahlergebnisses,

aber Lukaschenko kann das nicht mehr aufhalten.

Einmal im Amt baut er seine Machtbefugnisse ständig weiter aus.

Er wandelt das Land in eine Präsidialrepublik um,

in der er selbst das Recht hat, Gesetze zu erlassen.

Und Präsidialrepublik ist für viele noch beschönigend!

In einem Interview 1995 sagt er,

Hitler sei für ihn das Idealbild eines Präsidenten.

Trotz Kritik nimmt er das Zitat nicht zurück.

Auch wenn ihm Manipulation bei Abstimmungen vorgeworfen wird,

für viele Belarussen garantiert Lukaschenko

dem Land zumindest eine gewisse Stabilität.

Die Frage ist aber: zu welchem Preis?

Lukaschenko greift durch, konsequent und radikal.

Kritiker der Regierung werden unterdrückt.

Zwischen 2000 und 2016 gibt es im belarussischen Parlament

keinen Abgeordneten der Opposition.

Kandidaten werden oft nicht einmal zur Wahl zugelassen.

Bei der Wahl 2010 kommt es das erste Mal zu Protesten.

Als es bei der Wahl 2020 wieder zu Massenprotesten kommt,

lässt Lukaschenko sie blutig niederschlagen.

Die Demonstranten schwenken die weiß-rot-weißen Fahnen

der ersten Belarussischen Republik und der Zeit nach 1991.

Lukaschenko hat genau diese Fahne in einem Referendum abschaffen lassen.

Er wollte die Rückkehr zu der rot-grünen Flagge

und versprach, an das Gute der Sowjetzeit anzuknüpfen.

Ich hoffe, dieses Video hat euch geholfen,

die aktuellen Ereignisse besser zu verstehen.

Wie so oft, wie auch in Israel, im Irak, in Teilen Afrikas,

wurzelt der Konflikt in der komplexen Geschichte des Landes,

einer Geschichte der Fremdherrschaft, des Krieges, der Verbrechen,

mit der Hoffnung auf Frieden und Freiheit.

Was denk ihr: Wie geht's weiter in Belarus?

Was kann man aus der Geschichte anderer Länder lernen?

Schreibt in die Kommentare und bitte bleibt fair.

Neben mir findet ihr das Video zu den Protesten in Belarus,

das ich auf meinem Kanal gemacht habe.

Darunter gibt es ein Video zum Ende der Sowjetunion,

das passt da auch ganz gut, schaut mal rein.

Danke fürs Zuschauen, bis zum nächsten Mal.

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