Make Sex, not Love? Über die “Scharfstellung” unserer Triebe! | Heike Melzer | TEDxStuttgart
Übersetzung: Marília Correia Lektorat: Joanna Lam
Ein gemütlicher Fernsehabend auf der Couch zu zweit geht zu Ende. Der Film war wirklich kein Höhepunkt.
Die Frau verabschiedet sich ins Bett:
"Du Schatz, ich glaub, ich werde heute nicht mehr alt. Mit mir brauchst du nicht rechnen."
Er ergreift die Chance und verabschiedet sich ins Arbeitszimmer: "Liebling, macht nichts, ich muss eh noch ein bisschen arbeiten." Sobald beide ungestört sind, widmen sie sich dem eigentlichen Höhepunkt des Abends.
Er checkt die ein oder andere Business-E-Mail und switcht dann relativ schnell auf seine favorisierten -- genau -- Porno- und Sex-Seiten.
Was er nicht weiß, ist, dass sie zeitsynchron sich mit dem Sex-Toy ihrer Wahl verwöhnt
und das sie innerhalb von Minuten orgastisch dahinschmelzen lässt. Beide schlafen tiefenentspannt nebeneinander vor Mitternacht ein. Wenn ihr denkt, dass dieses Ritual selten ist in unserem Lande, dann muss ich euch leider enttäuschen -- das ist vielerorts Alltag.
Und wer kennt das nicht?
Da hat man einen Partner, den man liebt
und den man auch noch irgendwie halbwegs attraktiv findet, und dann kommt der Alltag und der legt sich so über die Lust. Und dann gibt es so viele Möglichkeiten, sich alternativ zu vergnügen. Nur ist auch ein bisschen peinlich, darüber zu sprechen,
und man möchte ja auch den Partner nicht kränken oder nachhaltig irritieren. Eins ist Gewiss:
Die Anzahl von Orgasmen ohne Partner,
zumindest ohne verbindlichen Partner,
die hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Lustlosigkeit ist eines der Themen
in meiner Praxis für Paar- und Sexualtherapie.
Aber sind wir wirklich so "overworked" and "underfucked", wie wir immer vorgeben?
Oder sind wir nicht vielleicht schon ein wenig "oversexed" und dadurch bedingt "underworked"?
Wenn man sich die Lustlosigkeit einmal näher anschaut,
stellt man schnell fest,
es ist nämlich keine generelle Lustlosigkeit,
sondern eine partnerbezogene.
Und das liegt unter anderem an dem sogenannten Coolidge-Effekt. Dazu eine kleine Geschichte:
Calvin Coolidge war ein US-amerikanischer Präsident, der vor 100 Jahren mit seiner Gattin Grace eine Hühnerfarm besuchte.
Nach einer getrennten Führung
kam seine Frau ganz aufgeregt auf ihn zu und sagte: „Calvin, stell dir vor, der Hahn treibt es 12 Mal am Tag.“
Daraufhin er: "Grace, mein Schatz, aber nicht immer mit derselben Henne." Sexueller Überdruss, nachlassende sexuelle Funktionen, dieser Effekt tritt leider nicht nur bei Tieren bei fortwährend demselben Partner auf, sondern auch bei uns Menschen. Und das ist ja auch irgendwie ein Dilemma:
Liebe braucht Nähe, aber Erotik braucht Abstand. Wir sehnen uns nach Verbindlichkeit, nach Gut-aufgehoben-Sein, nach Nähe. Und dann sehnen wir uns noch nach Neuigkeit,
Abenteuer und Aufregung.
Wie kann denn das überhaupt zusammenpassen? Der Alltag ist keine gute Leinwand für unsere sexuellen Fantasien. Wir machen jetzt ein kleines Experiment.
Schließt dazu bitte einmal kurz die Augen
und denkt an die schönste Nebensache der Welt, an Sex. Genau.
Und sei einmal neugierig,
was für Bilder da vor deinem inneren Auge kommen und was für Gefühle.
Und was diese Bilder und diese Gefühle mit dir machen. Vielen Dank.
Ich gehe mal davon aus, dass die Wenigsten
an den Akt der Fortpflanzung gedacht haben, an die Zeugung eines Kindes.
Nun ja, ich gehe jetzt davon aus...
Vielleicht schon ein paar mehr ans Liebe machen, so dem Sex in der Partnerschaft.
Die meisten werden jedoch
an die triebhafte Seite der Sexualität gedacht haben, die mit Abenteuer, Leidenschaft und Aufregung einhergeht und diesem unwahrscheinlich guten Gefühl im Bauch. Fortpflanzung, Liebe und Triebe, das sind die drei Dimensionen von Sex. In der sexuellen Revolution,
da hat sich die Fortpflanzung von der Sexualität entkoppelt durch die Pille, die eingeführt wurde, und die Straffreiheit von Abtreibung. Sex konnte frei genossen werden, Kinder waren planbar und der Slogan damals war: "Make love, not war." Was heute passiert, ist eine wesentlich brisantere gesellschaftliche Entwicklung. Heute spalten sich die Triebe aus der Liebe ab, und zwar durch einen enormen Sog nach draußen. Wir haben heute Pornos, die laufen 24 Stunden am Tag
in den abenteuerlichsten Genres,
in 3D-Welten,
mittlerweile auch in 4D-Welten, in virtuellen Welten,
und mit einem entsprechenden Ganzkörperanzug. Wir haben Sex-Toys, die werden immer interaktiver. Wir können heute in Timbuktu sitzen und mit jemanden am Nordpol Sex haben. Hinzu kommen Millionen an Menschen,
die über diese zahlreichen Apps und Portale
unverbindliche und käufliche sexuelle Angebote suchen. Viele in verbindlichen Partnerschaften, nebenbei gesagt, und alles aus der heimischen Komfortzone anbahnbar. Wir haben heute die Qual der Wahl.
Sex-Traffic hat sich heute
in die High-Speed-Datenautobahnen des Internets verschoben und sorgt für eine weitere Verkehrsberuhigung
innerhalb der Partnerschaft.
Wenn wir uns den Slogan anschauen "Make love, not war", verändert der sich nicht heute in ein "Make sex, not love"? Und was ist eigentlich mit der Liebe?
Ganz schön einsam.
Hat die Liebe in diesen turbulenten Zeiten überhaupt noch eine Chance?
Wir alle nutzen diese Freiheiten und experimentieren damit. Und diese Freiheiten betreffen uns alle, früher oder später, direkt oder indirekt, in unserer Partnerschaft, in unserer Familie
oder in unserem Freundeskreis.
Und diese Freiheiten verändern sukzessive
unsere sexuellen Fantasien, unsere Skripte,
das, was wir wollen,
und das, was wir überhaupt noch in der Lage sind zu können.
Die Messlatte ist sehr hoch.
Ich arbeite seit 25 Jahren als Neurologin und Psychotherapeutin und natürlich sehe ich mehr die Kehrseite der Medaille. Und dabei beobachte ich in den letzten 10 Jahren deutliche Veränderungen von den Themen,
mit denen Klienten zu mir in meine Praxis kommen.
Es gibt vier große Themenfelder.
Erstens: Alte sexuelle Funktionsstörungen im neuen Gewand. Zu mir kommen junge Männer mit Potenzstörungen und Viagra in der Tasche.
Zu Pornos geht alles prima, beim Partner gar nichts mehr. Orgasmusverzögerung und Orgasmushemmung ist paradoxerweise im Kommen. Und die Männer emanzipieren sich in Lustlosigkeit, aber ihr wisst schon: keine generelle Lustlosigkeit, nur eine partnerbezogene.
Zweitens: Es gibt quantitative Veränderungen. Die Schere geht immer weiter auseinander zwischen den Unberührten, die sich hervorragend im Internet versorgen und schon alles theoretisch wissen,
aber überhaupt keine praktische Erfahrung haben,
und denen, die sich so durch die Betten tindern, ruh- und rastlos.
Die WHO hat zwanghafte sexuelle Störung
mittlerweile als psychische Erkrankung anerkannt. Wir haben allein in Deutschland
nach konservativen Schätzungen eine halbe Million Porno- und Sexsüchtige. Dazu kommt ungefähr die gleiche Anzahl noch mal von indirekt betroffenen Partnern und Kindern. Das ist eine ernstzunehmende Entwicklung.
Drittens: Wir haben qualitative Veränderungen. Was früher Hardcore war, ist heute Blümchensex.
Spezielle außergewöhnliche Praktiken
wie Voyeurismus, Exhibitionismus, Fetischismus und BDSM sind heute Kulturgut;
mittig angekommen, nichts Außergewöhnliches mehr. Und die Themen, mit denen Paare kommen, drehen sich sehr stark ums Smartphone
und dem Begriff der Treue, der unklarer ist als je zuvor. Wir können heute Sex mit anderen haben und treu sein. Wir müssen es halt vorher abgesprochen haben.
Wir können aber auch mit dem Partner zusammen im Bett liegen und ihn Online betrügen.
Dabei sehe ich, dass der Treubegriff sich verschiebt von dem "Ich bin dir treu" hin zu "Ich bin mir treu".
Probleme sind da durchaus vorprogrammiert.
Und nun die Frage aller Fragen:
Wie können wir diese neuen Freiheiten
so in unser Leben integrieren und genießen, dass wir gesund bleiben und dass unsere Partnerschaft gesund bleibt. Und was machen Sexgourmets anders als Sexaholics, die den Ausschalter nicht mehr finden?
Ein saftiges Tiramisu und ein feuchter Orgasmus sind gar nicht so unterschiedlich.
Ernährung und Sexualität haben ganz viele Ähnlichkeiten. Und ihr wisst wahrscheinlich ganz viel über Ernährung, lest darüber und das könnt ihr transferieren. Und ich möchte euch gerne an diese Analogie ein bisschen was mitgeben heute,
was ihr direkt umsetzen könnt, nach dem Motto "Act, Change, Now". Erstens: Wissen ist die Basis, um sein Verhalten zu verändern. Wenn wir wissen, welche Nahrungsmittel uns gesund halten, auch langfristig, dann können wir den vielen Versuchungen der Nahrungsmittelindustrie, die uns krank und dick machen, eher mal ein Nein erteilen. Genauso ist das mit den sexuellen Superreizen. Wenn ich weiß und mich informiere...
Und wir wissen mittlerweile ganz viel, es gibt viele Forschungsstudien dazu,
coole Bücher und viele Informationen im Internet.
Schaut hin und nehmt dieses Wissen mit auf, weil das wird eine Key-Ressource sein, um sich entsprechend zu positionieren. Viele sind in diesem Graubereich unterwegs
und ich würde mir wünschen von euch,
dass ihr nicht erst aufwacht, wenn ihr krank werdet dadurch. Zweitens: Erhaltet euch rezeptiv für natürliche Reize. Wenn ihr Schokolade, Cola, Junk-Food esst,
dann schmeckt irgendwann kein Apfel und Gemüse mehr. So ist es auch bei der Sexualität.
Irgendwann stumpft man ab.
Schon mal was von Sex-Fasten gehört,
dem freiwilligen Verzicht auf sexuellen Superreize, mal so wenigstens probeweise für eine gewisse Zeit? Zugegebenerweise macht das nicht schlank,
aber wieder sensitiver für natürliche Reize. Es ist überhaupt nicht schlimm, dieses Ganze, was es heute gibt, Pornografie, Sex-Toys,
aber das sind Genussmittel ähnlich wie Süßigkeiten.
Und wir kriegen, wenn wir es zu viel konsumieren, Nebeneffekte. Auch in der Sexualität geht Qualität vor Quantität. Und heute ist manchmal weniger mehr.
Drum, wenn ihr das nächste Mal Mails checkt,
einfach mal die Pornos auslassen, Sex-Toy in der Schublade lassen und beim nächsten One-Night-Stand einfach mal fragen: Bringt mich das jetzt wirklich persönlich weiter? Und last but not least: Unterhaltet euch.
Geht in einen Dialog, in einen echten differenzierten Dialog mit eurem Partner. Das ist wichtig und das kostet Überwindung und Mut. Unterhaltet euch über eure Bedürfnisse, aber auch über eure Ängste. Partnerschaften brauchen Grenzen,
damit sie sich unterscheiden von dem, was da draußen ist. Und wenn man Verträge ausmacht,
sollte man sich auch an diese Verträge halten. Und heute kommt dem Nein eine ganz besondere Bedeutung zu.
Denn was ist ein Ja eigentlich wert ohne ein Nein?
Liebe gibt der Sexualität Bedeutung und Tiefe
und unsere Beziehung ist ganz maßgeblich für unsere Lebensqualität zuständig. Eine sanfte Berührung von einem Partner, der einem wirklich am Herzen liegt, kann sehr viel intimer sein als der 3286. Orgasmus aus der Konserve.
Bei all dem, was heute passiert, bei all den Freiheiten, die wir haben: Denkt auch an die Liebe.
Vielen Dank.
(Applaus)