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Video lessons from YouTube, Ethik 2 - Aristoteles' Tugendethik | SOundSOphie

Ethik 2 - Aristoteles' Tugendethik | SOundSOphie

Heute geht's bei SOundSOphie um Aristoteles und die Tugendethik - ihr wisst schon, die

Strömung der normativen Ethik, die den Handelnden in den Blick nimmt, also fragt: Wie werde

ich ein guter Mensch?

Wisst ihr nicht? Dann schaut ihr euch am besten nochmal die erste Folge SOundSOphie an, da

wird das erklärt. Oder ihr schaut in die Infobox, da ist dieser und alle anderen Fachbegriffe

auch noch mal erklärt.

Ganz allgemein gesprochen kann man sagen, die Tugendethik betrachtet den Handelnden,

fragt also: Wie muss ich sein, um ein tugendhafter Mensch zu sein? Ihr denkt jetzt vielleicht

an preußische Tugenden wie Pünktlichkeit und so, das ist hier aber nicht gemeint! Das

altgriechischen Wort für Tugend: aretḗ bedeutet vielmehr so etwas wie Bestzustand.

Es geht sozusagen um den bestmöglichen Charakter des Menschen. Man kann das zur Veranschaulichung

mal auf Berufe runterbrechen: Auf einen Politiker bezogen müsste die Frage lauten: Was macht

einen guten Politiker aus?

Um die zu beantworten, würde man sich auf die Suche nach den Tugenden oder einfacher

gesagt den Eigenschaften machen, die einen guten Politiker ausmachen. Er sollte zum Beispiel

aufrichtig sein. Ist er aufrichtig und hat diese Eigenschaft, dann würde er zum Beispiel

keine falschen Versprechungen machen.

Jetzt zu Aristoteles. Er fragte nun nicht, welche Eigenschaften ein bestimmter Beruf

haben sollte, sondern welche Eigenschaften der Mensch haben sollte. Aber fangen wir mal

ganz am Anfang an.

Aristoteles ging ganz grundsätzlich davon aus, dass jedes Lebewesen ein Ziel hat, auf

das es “hinarbeitet”. Auf den Menschen bezogen sei dieses Ziel, also das worauf sein

Handeln ausgerichtet ist, die Glückseligkeit – altgriechisch: eudaimonia

Mit Glückseligkeit ist aber nicht einfach Glück im Sinne von “Puh, noch mal Glück

gehabt” oder ein glücklicher Moment gemeint, sondern ein in Gänze gutes und erfülltes

Leben.

Die Glückseligkeit sei deshalb das höchste Ziel, weil nur diese um ihrer selbst willen

angestrebt werde. Alle anderen Handlungen sind letztlich auf dieses Endziel ausgerichtet.

Wenn ich zum Beispiel einen guten Beruf will, dann deshalb, weil ich letztendlich “glücklich”

werden will.

Da stellt sich aber natürlich die Frage: Was ist denn Glückseligkeit inhaltlich, also

wie erreicht man sie? Aristoteles glaubte, für jedes Lebewesen sei es das Beste, seine

spezifische Funktion zu erfüllen. Was er genau damit meint, macht er mit dem so genannten

Ergon-Argument deutlich:

Ergon bezeichnet im Altgriechischen die spezifische Funktion einer Sache: Das Ergon eines Messers

ist es bspw. zu schneiden. Jeder Gegenstand und jedes Lebewesen hat so ein Ergon, also

etwas, das es ausmacht.

Wie gut ein Gegenstand ist, erkennt man nun daran, wie gut er sein Ergon, also seine Funktion,

erfüllt. Ein gutes Messer erkennt man zum Beispiel daran, dass es gut schneidet.

Ihr fragt euch jetzt vielleicht: Was hat all das mit dem geglückten Leben eines Menschen

zu tun? Aristoteles sagt: Wie gut ein Mensch ist und damit wie geglückt sein Leben ist,

erkenne man genauso wie bei den Gegenständen daran, wie gut er sein Ergon erfüllt.

Da stellt sich aber schon die nächste Frage: Was ist das Ergon des Menschen, also die spezifische

Funktion, die ihn ausmacht? Um das heraus zu finden, vergleicht Aristoteles den Menschen

mit den anderen Lebewesen, also Pflanzen und Tieren.

Dabei stellt er fest, das alle drei etwas gemeinsam haben, nämlich ihre lebenserhaltenden

Funktionen. Die Wahrnehmung dagegen kommt nur den Menschen und den Tieren zu. Aristoteles

sucht aber das, was nur den Menschen zukommt und das ist das Denken, also die Vernunft.

Kombiniert man die Überlegungen vom Anfang, nämlich, dass die Güte einer Sache sich

danach bestimmt, wie gut sie ihre spezifische Funktion erfüllt mit der Erkenntnis, dass

die spezifische Funktion des Menschen die Vernunft ist, dann bedeutet das für den Menschen:

Er ist dann gut und sein Leben geglückt, wenn er seine spezifische Funktion - die Vernunft

- gut einsetzt.

Aber was heißt das konkret, seine Vernunft gut einsetzen? Hier kommen die Tugenden ins

Spiel, sie sind sozusagen die Eigenschaften einer gut eingesetzten Vernunft. Aristoteles

unterteilt die Tugenden in zwei Kategorien: die Verstandestugenden und die Charaktertugenden.

Fangen wir mit den Verstandestugenden an. Zu diesen gehören zum Beispiel Weisheit,

Einsicht und Klugheit. Nach Aristoteles sind dies die höchsten Tugenden, weil diese direkt

der spezifischen menschlichen Fähigkeit, also der Vernunft, entspringen.

Deshalb sei das beste Leben für einen Menschen auch das Leben, in dem er sich nur dem Denken

widmet, das heißt nur von seiner Vernunft und seinen Verstandestugenden Gebrauch macht,

also zum Beispiel Wissenschaft betreibt oder philosophiert.

[Grillen zirpen]

Okay, klingt erstmal ziemlich weltfremd. Der Mensch wird doch nicht glücklich, wenn er

nur rumsitzt und nachdenkt. Das hat auch Aristoteles eingesehen.

Denn der Mensch ist nicht nur zur Vernunft fähig, er hat auch Emotionen, Begierden und

Bedürfnisse. Diese sind untrennbar mit ihm und seinem Leben verbunden. Aber in ihnen

liegt auch die Gefahr, sich falsch zu verhalten.

Das passiert nach Aristotele, immer dann, wenn ein Mangel oder Übermaß an Emotionen

herrscht. Tugendhaft sei es den Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen zu gehen.

Versuchen wir mal, das an einem Beispiel deutlich zu machen:

Wenn jemand, der selbst nicht schwimmen kann, einen ertrinkenden Menschen sieht, dann hat

er vielleicht das Bedürfnis, ins Wasser zu springen und die Person zu retten oder bei

ihm überwiegt die Angst und er will einfach weg gehen.

Beides wäre in Aristoteles Augen falsch. Sich selbst in Gefahr zu begeben wäre “leichtsinnig”,

einfach weiter zu gehen “feige“. Das rechte Maß zwischen diesen beiden Extremen ist nun

die Tapferkeit.

Die Tapferkeit ist ein Beispiel für eine Charaktertugend. Charaktertugenden sind sozusagen

das Ergebnis der vernünftigen Betrachtung und Regulierung unserer Emotionen.

Tapfer wäre der Handelnde in unserem Beispiel, wenn er klug überlegt, wie er der ertrinkenden

Person wirklich helfen kann - zum Beispiel, indem er in der Nähe bleibt und jemanden

zur Hilfe ruft, der schwimmen kann anstatt einfach seiner Angst nach zu geben und sich

der Situation zu entziehen.

Aristoteles legt eine ganze Liste von Tugenden an, die ich jetzt nicht alle aufzählen werde,

ich habe sie euch aber in die Infobox gepackt.

Eine besondere Charaktertugend sei aber noch erwähnt: die Gerechtigkeit. Sie ist im Gegensatz

zu den anderen Charaktertugenden nicht die Mitte zwischen zwei Übeln, sondern an sich

gut, ihr Gegenteil, die Ungerechtigkeit, an sich schlecht.

Fassen wir mal zusammen: Der Mensch strebt nach Glückseligkeit.Die erreicht er, wenn

er seine spezifische Funktion – die Vernunft – benutzt und mit Hilfe der Vernunft bestimmt

er nun die Tugenden, die einen guten Charakter ausmachen.

Ein tugendhaftes und damit geglücktes Leben besteht nach Aristoteles nun darin, zu versuchen,

einen möglichst guten Charakter zu entwickeln. Dabei spielt Gewöhnung eine große Rolle.

Es reicht nicht, einmal gut zu handeln. Tugendhaft zu sein, muss man durch ständige Anwendung

erlernen.

Man formt sozusagen durch viele Wiederholungen seinen Charakter zu einem tugendhaften Charakter

und den zu haben, das sei die wahre Glückseligkeit, weil man dann die spezifische Funktion des

Menschen in ihrer besten Form zu Geltung bringt.

So und jetzt kommt der große Knackpunkt: Damit all das funktioniert, muss man der aristotelischen

Vorannahme, dass es für den Menschen gut ist, seine spezifische Funktion zu erfüllen,

zustimmen. Tut man das nicht, dann erschließt sich auch nicht, warum es für den Menschen

gut sein sollte, einen tugendhaften Charakter zu entwickeln.

Neben dieser Schwäche hat die aristotelische Tugendethik aber auch eine große Stärke:

Sie berücksichtigt die Umstände des Einzelnen. An unserem Beispiel von vorhin kann man das

ganz schön verdeutlichen: Ein Kind sollte natürlich nicht ins Wasser springen, ein

Rettungsschwimmer hingegen würde sich nicht in zu große Gefahr bringen - Je nach den

eigenen Umständen empfiehlt die Vernunft andere Handlungen.

Deontologische Ethiken, wie die Pflichtethik Kants, die wir beim nächsten Mal betrachten,

sind da weit weniger flexibel – warum, das sehen wir dann.

Freunde der Weisheit, ihr seid dran: Findet ihr Aristoteles' Ansatz plausibel? Habt ihr

Fragen oder Anmerkungen? Diskutiert in den Comments, aber bitte nicht charakterlos!

Ich bin der Ben, das war SOundSOphie.

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