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Video lessons from YouTube, 30 Jahre Mauerfall

30 Jahre Mauerfall

Die Tage davor waren ja schon sehr bewegt und man war innerlich unruhig und aufgeregt.

Dann haben wir natürlich darüber diskutiert und haben den Fernseher angemacht und haben geguckt, was da

abgeht und es konnte eigentlich keiner so wirklich glauben.

Als die Mauer fiel, hat es mich so überwältigt; ich konnte überhaupt nichts sagen, ich habe nur geweint.

Dass es so gut ausgeht, also das hätte auch wirklich anders sein können.

Meine Eltern sind nach West-Deutschland gegangen und ich musste zu dem Zeitpunkt damit rechnen, so, wie die

Situation war, dass ich sie so bald nicht wiedersehe.

Als die Mauer fiel, saß ich zu Hause vor dem Fernseher. Wir haben Nachrichten geschaut und plötzlich wurde

die Mitteilung verlesen, dass ab sofort Besuche im Westteil Deutschlands möglich sind und das habe ich als

Maueröffnung gar nicht so realisiert. Dass dann wirklich die Grenze offen ist, das habe ich nicht so erfasst,

in dem Moment. Dann bin ich am nächsten Tag früh in den Kindergarten und die wussten darüber Bescheid.

Da sagte mir die Kindergärtnerin: Jetzt kannst du deine Eltern besuchen. In dem Moment hat es so richtig

Klick gemacht.

Viele Erzeugnisse, die hergestellt wurden, waren plötzlich nicht mehr gefragt. Dann gab es in den nächsten

Jahren einige Entlassungswellen. Das war früher überhaupt kein Thema. Da gab es kein Konkurrenzdenken

zwischen den Kollegen und das kam dann doch relativ schnell auf. Meine Kollegin und ich, wir haben darüber

gesprochen, sollte es soweit kommen, dass es einen von uns beiden erwischt mit einer Entlassung, dann macht er

dem anderen keine Vorwürfe und dann war es dann plötzlich doch so, dass sie nicht mehr mit mir gesprochen hat.

Da kann man wahrscheinlich vorher alles Mögliche ausmachen und vereinbaren – wenn es einen dann doch

in der Praxis erwischt, ist es dann doch hart. Jede Woche gab es irgendwas, was sich verändert hat. Da musste

man sich schnell drauf einstellen. Mit einem schlechten Gewissen konnte man sich nicht ewig aufhalten.

Eisenhüttenstadt war ja zu Entstehungszeit ein Versprechen in die Zukunft. Eine neue Stadt für neue

Menschen.

Eisenhüttenstadt wurde ja 1950 in Verbindung mit dem Werk gebaut. Die Stadt war auf Wachstum ausgelegt,

1989 waren es 50.000.

Der Mauerfall begann für mich mit dem Zettel von Herrn Schabowski und den Nachrichten. Daraus ergaben sich

eigentlich blanke Fragen.

Nach der Wende war die Atmosphäre in Eisenhüttenstadt so ein bisschen zweigeteilt.

Die Leute waren natürlich euphorisch, die Leute waren in einer Aufbruchsstimmung, auf der einen Seite.

Vor allem die jungen Leute haben die Stadt verlassen, wegen den neuen Möglichkeiten. Auf der anderen Seite aber

die Ungewissheit mit dem Eisenhüttenkombinat-Ost. Diese Stadt hat in den 90er Jahren, sehr leidvoll,

die Privatisierung des Werkes über mehrere Etappen mitmachen müssen. Die Solidarität war damals unheimlich

groß, obwohl auch klar war, dass man die Privatisierung des Werkes nicht schafft, ohne Leute entlassen zu

müssen.

Trotzdem sind natürlich die Leute gegangen, weil sie gesagt haben: Ich habe hier vielleicht keine Zukunft und

da muss ich sagen, dass kann man den Leuten nicht übel nehmen, dass sie dann gesagt haben, ok, woanders

werden wir gebraucht und da gehen wir jetzt hin.

Ich habe mich entschieden zu gehen, weil ich mit den Lebensumständen nicht zufrieden war, dass das wieder los

ging mit 'Uniformtragen'. Das war eine innere Ablehnung. Ich habe mich dann im eigenen Land nicht mehr

wohlgefühlt.

Die Mauer existierte damals noch nicht. Dann kam ich in West-Berlin an. Mein Leben ging von unten nichts,

ich war mit 30 im eigenen Haus, als ich 40 war, war es bezahlt und in der DDR, da ging das in die umgekehrte

Richtung.

Meine Cousine hatte studiert und hatte einen hervorragenden Abschluss gemacht. Sie wurde auch gleich

Laborleiterin und eines schönen Tages sagte sie zu mir, du hast nicht studiert und dir geht es besser

als mir.

Wir haben eben 40 Jahre lang auf zwei Schienen gelebt und das braucht noch ein bisschen länger, bis es sich

angleicht.

Als die Mauer fiel, war ich ein halbes Jahr alt. In meiner Biographie hat der Mauerfall nicht den höchsten

Stellenwert. Eher, was die Familie betrifft, wenn ich meine Großeltern anschaue, die deswegen Berufe verloren

haben, weil sie West-Bekannte hatten und die illegaler Weise getroffen haben. Das ist natürlich etwas, was

auch mich geprägt hat, aber nicht direkt.

Bei den Jugendlichen erlebe ich das Thema, ob es noch einen Ost-West- Konflikt gibt, gar nicht mehr.

Die Schüler nehmen sich auch gar nicht als Ost-Deutsche wahr, sondern als Deutsche oder als Europäer.

Ich würde mir von der Politik wünschen, dass das Thema 'Ost-West' nicht mehr auf den Schultern der Kinder

ausgetragen wird.

Wenn Kinder sich begegnen oder auch Jugendliche, dann thematisieren die nicht als erstes Andersartigkeit,

sondern Gemeinsamkeiten, die sie haben. Vielleicht ist das auch etwas, was man von Jugendlichen lernen kann.

Ich habe 2001 mein Abitur gemacht. Ich bin dann nach Hessen gegangen zu einem Tourismusstudium. Das war für

mich erstmal die große Freiheit. Ich wollte unbedingt etwas Neues kennenlernen, neue Menschen, neue Leute,

auch eine neue Umgebung haben. Aber ich habe Heimweh gehabt und ich habe mich dann auch mit meiner Identität

auseinandergesetzt, das erste Mal, dass ich aus dem Osten komme und musste mich dann auch erstmal ein bisschen

durchkämpfen.

Ich habe mich dann 2009 entschieden, nach Finsterwalde zurückzukehren. Ich hatte auch hier wieder

Herausforderungen, um hier wieder Fuß zu fassen. Ich habe keinen Job gefunden. Ich habe über 145 Bewerbungen

geschrieben. Dann habe ich mich im Arbeitsmarkt weitergebildet und bin quereingestiegen.

Ich habe 2012 die Rückkehr-Initiative Comeback Elbe-Elster gegründet und ich denke, dass man jetzt auch

sieht, dass sich hier etwas bewegt. Die Wirtschaft hat sich hier auch verbessert. Vor 10 Jahren, als ich

hierhergekommen bin, gab es kaum Jobs, aber jetzt habe ich das Gefühl, es geht voran. Ich denke, dass

'Ost-West' hoffentlich kein Thema mehr ist, wenn meine Kinder Kinder bekommen. Das ist mein großer

Wunsch. Ich denke, dass man da aber auch ganz viel tun muss dafür. Ich hoffe, dass wir das in den nächsten

30 Jahren hinbekommen.

Für mich ist es immer wichtig gewesen in allererster Linie Musik zu machen und das damit zu verbinden,

diese Musik mit Inhalten zu füllen, die mir wichtig sind.

Damals wurde für demokratische Grundwerte gestritten. Diese demokratischen Grundwerte sind erstritten worden.

Das heißt, wir leben heute hier nicht mehr in einem Willkür-Staat, sondern in einem Staat, in dem jeder

sagen kann, was er will. Auch, wenn sofort wieder Leute reingrätschen und sagen, wir dürfen heute nicht mehr

sagen, was wir wollen. Das ist ein Irrtum. Jeder darf sagen, was er will. Jeder darf seine Meinung äußern.

Das müssen wir erstmal ganz klar festhalten. Dass sich da so vieles zum Guten verändert hat. Dass wir froh

sein sollten, alle miteinander, dass das so ist. Dass nicht alles Gold ist, was glänzt, das wissen wir auch

und dass die Demokratie ein zartes Gebilde ist, das täglich gestreichelt und gepflegt werden muss, das

sollten wir uns immer wieder hinter die Ohren schreiben. Wir sollten immer darauf achten, dass Menschlichkeit,

Humanität und Demokratie die Oberhand behalten und nicht Hate Speech und dieser ganze Wahnsinn, der passiert.

Ich mache mir Gedanken darüber, schreibe Lieder drüber und versuche damit auf meine Art klarzukommen und

Leute zu ermutigen, selbst klar und gerade zu stehen.

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