Die Aare in Bern und Tom auf der Wiese
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Herzlich Willkommen zur Sendung „Zukker im Leben“ vom 22. Juni 2018. Ich bin mit Anna nach Bern gefahren und wir waren in der Aare baden. Das ist der Fluss, der durch die Hauptstadt fliesst. Um ein Haar[1] bin ich nicht mehr aus dem Wasser rausgekommen. Was da los war,erfahren Sie heute. Und dann habe ich Tom, meinen ehemaligen [2] Nachbarn, angetroffen. Davon erzähle ich Ihnen natürlich sehr gerne. Viel Vergnügen!
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Sobald es etwas wärmer ist, geht Anna jeden Tag schwimmen. Sie ist eine richtige Wasserratte [3]. Sie ist extra wegen dem See und den Flüssen von Hamburg nach Zürich gezogen und im Sommer wachsen ihr fast Schwimmhäute [4], weil sie jeden Tag im Wasser ist. Letztes Wochenende sind wir zusammen nach Bern gefahren. Wenn es fast dreissig Grad warm ist, gehe auch ich gerne schwimmen. Die Aare ist bekannt für ihre Strömung [5]. Das ist einerseits mühsam, weil man kaum aus dem Fluss wieder heraus kommt und andererseitsist es der grosse Anreiz [6], weil man sich einfach treiben lassen [7] kann, ohne schwimmen zu müssen. Das Schwimmen in der Aare gehört genauso zu Bern wie das Bundeshaus [8]. Anna kennt sich aus undweiss genau, wo wir in den Fluss springen müssen. Sie sagt zu mir: „Die Aare ist jetzt schon 18 Grad warm.“ Ich lache und sage: „Warm? Das ist kalt, Anna.“ Anna schaut mich an, packt unsere Kleider in den orangen Seesack und sagt zu mir: „Nora, sei kein Frosch [9].“ Wir lassen uns flussabwärts treiben und halten uns beide am Seesack fest. So ein Seesack ist sehr praktisch. Das ist ein wasserdichter Rucksack. Man packt darin die Schuhe und Kleider ein, weil man nicht mehr an der gleichen Stelle aus dem Wasser geht, wo man hinein gegangen ist.Neben uns sitzen Menschen in Schlauchbooten und trinken kaltes Bier.Irgendwann dreht sich Anna zu mir um und sagt: „Hier vorne ist eine kleine Treppe, hier gehen wir raus.“ Ich bin in der Mitte der Aare und weiss wirklich nicht, wie ich ans Ufer komme. Ich bekomme einen Moment Panik, bis mich eine Frau in ihr Schlauchboot zieht und mich zu Anna ans Ufer bringt. Ich setze mich auf mein Badetuch und zittere, weil ich mich sehr erschrocken habe. Anna öffnet uns zwei Flaschen Bier und sagt: „Jetzt kann ich es dir ja sagen. In der Aare sind schon Menschen ertrunken[10]. Die Strömung ist gefährlicher, als man denkt. Deshalb gibt es auch Kurse für Touristen oder Anfänger, die von Rettungsschwimmern [11] lernen, auf was man sich achten [12] muss.“ Ich schaue sie mit grossen Augen an und werde etwas wütend, weil Anna manchmal nicht so sensibel ist. Und sie hört auch nicht auf und sagt zu mir: „Aber das ist ja gerade so aufregend daran. Ein bisschen wie Bungeejumping [13] einfach im Wasser. Ich liebe das Risiko einfach.“
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Gestern habe ich mich auf die Wiese hinter dem Landesmuseum beim Hauptbahnhof gelegt. Früher war der Platzspitz [14] ein ungemütlicher Ort. Dort wurden Drogen verkauft und Junkies haben sich Heroin gespritzt. Als ich ein kleines Mädchen war, ist mein Vater ab und zu mit mir über diese Wiese gelaufen und hat den Junkies und ObdachlosenGutscheine für eine warme Mahlzeit geschenkt. Mein Vater war Pfarrerund kümmerte sich oft um Menschen, die es im Leben nicht einfach hatten. Heute ist es ein schöner Park und auf der Wiese spielen Kinder. Falls Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, in der Nähe vom Hauptbahnhof sind, kann ich Ihnen diese Wiese für eine kurze Pause sehr empfehlen. Ich habe mich also direkt unter die Sonne ins Gras gelegtund höre Musik. Plötzlich legt sich ein Schatten über mich. Es ist keine Wolke, die sich vor die Sonne geschoben hat, sondern ein grosser Mann.Vor mir steht Tom in seiner Polizeiuniform und grinst mich an. Er sagt:„Hallo Nora! Hast du Drogen dabei oder hast du im Sinn, Drogen zu kaufen?“ Wir lachen beide und er setzt sich neben mich ins Gras. Er sieht gut aus. Die Augenringe [15] sind etwas grösser geworden, aber das finde ich eigentlich ganz attraktiv. Er macht mir ein Kompliment für meine Sommersprossen [16] und erzählt, dass er seit zwei Monaten wieder Single sei. Mein Vater hat mir nicht nur früh schon Angst vor Drogen gemacht, sondern mir auch viel über die Liebe erklärt. Er sagte einmal: „Nora, wenn du dich im Mai oder Juni verliebst, dann hält das nie lange, weil uns die Hormone einen Streich spielen [17] und sich einfach freuen, dass es wieder Frühling ist. Wenn du dich im November oder Dezember verliebst, könnte es etwas werden.“ Ich habe nie viel von der Küchenpsychologie [18] meines Vaters gehalten, aber jetzt musste ich gerade daran denken. Ohne lange nachzudenken sage ich zu Tom: „Ich finde, wir zwei sollten nächste Woche ein Bier trinken.“Tom freut sich sehr und schlägt direkt den Montagabend vor. Ich stehe auf und sage ihm, dass ich mich sehr freue. Ich weiss natürlich, dass Tom alles andere als eine gute Partie [19] ist, aber irgendwie ist diese Geschichte für mich noch nicht zu Ende. Dann rufe ich meinen Vater an und schlage ihm vor, dass wir unbedingt wieder einmal zusammen Gutscheine für warme Mahlzeiten bei obdachlosen Menschen verteilen sollten. Und dann erzähle ich ihm von Tom und meiner Übersprunghandlung [20] gerade eben. Mein Vater lacht und sagt: „Ach mein Kind, du machst es dir wirklich gerne selber kompliziert.“ Das Schöne am Erwachsensein, ist ja auch, dass man endlich zugeben [21] kann, dass die Eltern manchmal eben doch Recht haben und das auch überhaupt nicht schlimm ist.
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Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen wieder am 6. Juli auf podclub.ch und in der App aus meinem Leben erzählen darf. Die Fussball WM hat angefangen. Ich bin zwar Doppelbürgerin [22], also zur Hälfte Schweizerin und zur anderen Hälfte Deutsche, aber wenn‘s um Fussball geht, bin ich nur Fan der deutschen Mannschaft. Nur macht man sich damit nicht besonders beliebt. Davon erzähle ich Ihnen das nächste Mal gerne. Schauen Sie doch in der Zwischenzeit bei Instagram unter #PodClubNora und #zukkerimleben vorbei und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Auf Wiederhören! Glossaire: Zukker im Leben (D) [1] um ein Haar: beinahe, fast
[2] ehemalig: früherer, vorheriger
[3] die Wasserratte: jemand der sehr gerne im Wasser ist
[4] die Schwimmhäute: Haut zwischen den Zehen von Tieren
[5] die Strömung: fliessende Bewegung von Wasser
[6] der Anreiz: hohes Interesse
[7] sich treiben lassen: ohne viel Bewegung vorwärts kommen
[8] das Bundeshaus: Parlamentsgebäude der Schweiz
[9] sei kein Frosch: trau dich (Redewendung)
[10] ertrinken: im Wasser sterben
[11] der Rettungsschwimmer: Menschen, die andere aus dem Wasser retten
[12] sich auf etwas achten: aufpassen
[13] das Bungeejumping: Extremsportart bei der man mit dem Kopf voran in die Tiefe stürzen
[14] der Platzspitz: Ort, wo Limmat und Sihl in einer Spitze zusammentreffen; Park in Zürich hinter dem Hauptbahnhof
[15] die Augenringe: Schatten unter den Augen, Zeichen der Müdigkeit
[16] die Sommersprosse: braune Punkte auf der Haut
[17] jemandem einen Streich spielen: jemanden hereinlegen
[18] die Küchenpsychologie: mit Alltagswissen psychologische Phänomene erklären
[19] eine gute Partie sein: ein guter Partner (Redewendung)
[20] die Übersprunghandlung: unüberlegte Handlung
[21] etwas zugeben: ehrlich sein und sagen, dass etwas stimmt
[22] der Doppelbürger: eine Person, die zwei Staatsangehörigkeiten hat