Kapitel 1
Prinz Tamino bekommt von der Königin der Nacht einen Auftrag. Er soll ihre Tochter Pamina aus dem Palast von Sarastro entführen.
ERSTER AKT
1. Auftritt
Die Theaterbühne ist eine felsige Gegend mit wenigen Bäumen und engen Wegen. Im Vordergrund steht ein runder Tempel.
Prinz Tamino ist auf der Jagd. Eine giftige Schlange verfolgt ihn. Er hält einen Bogen in der Hand, aber er hat keinen Pfeil mehr. Die Schlange kommt näher. Tamino springt von einem Felsen herunter. Doch die Schlange folgt ihm.
„Hilfe! Hilfe!“, ruft er. „Gnädige Götter, rettet mich, sonst bin ich verloren!“ Vor Angst fällt er in Ohnmacht.
Da öffnet sich die Tür des Tempels. Drei junge Damen kommen heraus. Jede hat einen silbernen Wurfspieß in der Hand. Sie sehen Tamino in seiner Not und töten die Schlange. Tamino ist gerettet. Sie betrachten Tamino.
„Oh, wie ist der Jüngling schön!“, sagt die erste Dame.
„Ja, wirklich wunderschön!“, wiederholt die zweite Dame.
„Sehr, sehr schön!“, flüstert die dritte. „Kommt, lasst uns zu unserer Herrin, der Königin der Nacht eilen und ihr von dem Jüngling erzählen.“
Aber die erste Dame will bei Tamino bleiben und ihn bewachen.
„Nein, nein!“, ruft die zweite Dame. „Ich bleibe bei ihm!“
„Das geht nicht, ich bleibe alleine hier!“, entgegnet die dritte.
Da sagt die erste Dame mit fester Stimme:
„Keine von uns bleibt hier! Wir gehen alle drei wieder zusammen zurück zum Tempel!“
Die Tür des Tempels öffnet sich und die jungen Damen verschwinden darin.
Tamino wacht auf und sieht sich ängstlich um. „Bin ich am Leben? Träume ich?“
Er steht auf und sieht die tote Schlange zu seinen Füßen.
„Wie? Die bösartige Schlange liegt tot vor mir? Wo bin ich? Ich kenne den Ort nicht.“
Da sieht Tamino von weitem eine männliche Gestalt den Berg herunterkommen und versteckt sich hinter einem Baum.
2. Auftritt
Die Gestalt kommt näher.
„Ein merkwürdiges Wesen“, denkt Tamino, „ganz mit Federn bedeckt, halb Mensch, halb Vogel.“
Der wunderliche Mann trägt einen großen Vogelkäfig mit verschiedenen Vögeln auf dem Rücken. Er hält eine kleine Flöte in den Händen. Er spielt und singt:
„Ich bin der Vogelfänger! Jeder kennt mich. Ich locke die Vögel mit meinem Pfeifen an und fange sie ein!“
Tamino kommt aus seinem Versteck hervor und ruft: „Hallo! Ich habe mich verirrt. Kannst du mir sagen, wo ich hier bin?“
Der komische Mann bleibt stehen, schaut Tamino an und sagt:
„Du bist im Reich der Königin der Nacht.“
„Oh! Du meinst die mächtige Herrscherin? – Und du? Wie heißt du?“, fragt Tamino.
„Ich heiße Papageno! Und wer bist du?“
„Ich bin ein Prinz. Mein Vater ist ein König. Er herrscht über viele Länder und Menschen. Aber was machst du hier?“
„Ich fange für die Königin der Nacht und ihre Damen Vögel. Dafür bekomme ich täglich Essen und Trinken.“
Papageno sieht die tote Schlange: „Du hast Glück! Die Schlange ist tot.“
„Ja, jemand hat sie getötet.“
„Ich habe die Schlange getötet!“, behauptet Papageno frech.
„Oh, wie mutig!“, ruft Tamino. „Vielen Dank! Das vergesse ich dir nie!“
3. Auftritt
Die drei Damen kommen von der Königin der Nacht zurück und sehen Tamino mit dem Vogelfänger sprechen. Sie rufen den Vogelfänger: „Papageno!“
Der Vogelfänger gibt ihnen einen Korb: „Hier, meine Schönen, nehmt die Vögel!“
Die erste Dame reicht ihm eine Flasche Wasser: „Die Königin schickt dir heute keinen Wein!“
Die zweite Dame gibt ihm einen Stein: „Du sollst heute kein Zuckerbrot essen!“
„Was!“, ruft Papageno. „Warum behandelt ihr mich so schlecht?“
Die dritte Dame hängt ihm ein goldenes Schloss vor den Mund.
„So, nun kannst du nicht mehr lügen! Du bist in Wirklichkeit nicht der Retter von dem jungen Mann. Wir haben die Schlange getötet und nicht du! Die Königin bestraft dich. Du sollst nie mehr lügen!“
Dann geben sie Tamino ein Bild: „Das schickt dir die Königin der Nacht. Es ist das Bildnis von ihrer Tochter Pamina. Gefällt dir Pamina, verspricht die Königin dir Glück, Ehre und Ruhm.“
Sie lassen Tamino mit dem Bild allein und gehen zurück zur Königin.
4. Auftritt
Tamino sieht das Bild an. Das junge Mädchen gefällt ihm sofort.
„Dieses Bildnis ist sehr schön. Ich spüre in meinem Herzen ein neues Gefühl. Das brennt wie Feuer. Soll das Liebe sein?“
Dann ruft er mit lauter Stimme: „Ja, ja, es ist die Liebe! Wo kann ich das schöne Mädchen finden? Ich möchte es an meine Brust drücken und küssen!“
5. Auftritt
Die Königin der Nacht hört die Worte von Tamino und schickt ihre Damen wieder zu ihm.
„Tamino, die Königin der Nacht hat deine Worte gehört. Du kannst so liebevoll sein. Bist du auch mutig und tapfer, dann sollst du ihre Tochter Pamina retten und glücklich werden!“
„Retten? Wo ist das schöne Mädchen?“
Die Damen erzählen Tamino die Geschichte von Pamina:
„An einem schönen Tag im Mai gehen die Königin und Pamina in einem Zypressenwäldchen spazieren. Da schleicht sich ein böser Dämon heran und raubt das Mädchen!“
„Oh sagt, wer ist der Tyrann?“
„Er heißt Sarastro. Er ist der Oberpriester der Eingeweihten und Herrscher über das Sonnenreich und lebt mit seinen Anhängern nahe bei unseren Bergen in einem prächtigen Tempelpalast.“
Tamino will sich sofort zur Befreiung Paminas auf den Weg machen. „Kommt, Mädchen, führt mich zu ihm! Ich rette Pamina! Bei meiner Liebe, bei meinem Herzen. Ich töte den Bösewicht! Das schwöre ich!“
Da donnert es.
„Ihr Götter! Was ist das?“
„Der Donner verkündigt die Ankunft unserer Königin!“, erklären die Damen.
Es donnert wieder.
„Sie kommt! Sie kommt!“
6. Auftritt
Die Bühne verwandelt sich in ein glanzvolles Zimmer. Die Königin der Nacht sitzt auf einem strahlenden Sternenthron.
Die Königin der Nacht spricht zu Tamino: „O zittere nicht, mein lieber Sohn! Du bist unschuldig und fromm. Ein Jüngling wie du kann am besten mein trauriges Mutterherz trösten. Pamina, meine Tochter, fehlt mir. Ich bin unglücklich. Ich sehe noch den Bösewicht vor mir, wie er meine Tochter raubt und mit ihr flieht. Ich sehe noch ihr Zittern und ihre Angst. Sie ruft um Hilfe. Aber ich kann nicht helfen. Ich bin zu schwach. Du sollst nun meine Tochter befreien und ihr Retter sein! Gelingt dir das, so ist sie auf ewig dein.“
Nach diesen Worten verschwindet die Königin der Nacht mit den drei Damen.
7. Auftritt
Die Bühne wird wieder zur felsigen Gegend, so, wie sie vorher war.
Tamino steht da und wundert sich: „Ist es Wirklichkeit? War die Königin der Nacht wirklich hier? O, ihr guten Götter, täuscht mich nicht! Schützt meinen Arm, stärkt meinen Mut!“
Er will gehen, aber Papageno stellt sich vor ihn. Er zeigt auf das Schloss vor seinem Mund. Er kann nur: „Hm! Hm! Hm!“ sagen.
Tamino sieht ihn mitleidig an und sagt: „Ich kann dir leider nicht helfen!“