Peterchens Mondfahrt — Das Schloß der Nachtfee (2)
Eiskristallen an seiner Montur schritt er zum Thron.
Er schlug die Sporen zusammen, grüßte militärisch vor der Nachtfee und schnarrte:
»Gnädigste Nachtfee, melde jehorsamst zur Stelle! Jereist mit jletscherhafter Schnelle.
Zwar für mich unjewöhnliche Zeit; Aber doch eisbärenmäßig jefreut!
Wo alle sich zum Empfang einstellen, Darf Eismax selbstverständlich nich fehlen.
Bitte erjebenst, eines nur: Etwas jekühlte Temperatur'
Und die Sonne, das jreuliche Weib, Mir nich so nahe uff'n Leib.
Kann die Person durchaus nicht vertragen, Krieje Triefaugen und weichen Kragen,
Janzer Anzug schlägt Jammerfalten, Kann Monokel nich mehr halten.
Unausstehlich! ... Na, überhaupt, Denke, daß mir das jeder glaubt!«
Nachdem die Nachtfee ihm versichert hatte, daß er kühl und luftig,
weit ab von der Sonne sitzen solle, klirrte er salutierend wieder mit den Sporen
und legte ein blitzendes Eis- blumensträußchen auf die Thronstufen.
Dann ging er von Platz zu Platz, machte den Anwesenden seine ritterliche Verbeugung
und setzte sich schließlich, nachdem er sich auch den hübschen Sternenmädchen
am Thron der Nachtfee vorgestellt hatte, auf die andere Seite der Frau Holle.
Jetzt quakte und patschelte es draußen: der Wassermann kam nämlich angeschlurft.
Für den war es gewiß eine weite Fahrt gewesen.
Er sah auch sehr angestrengt aus, als er nun auf seinen breiten Entenfüßen hereinwatschelte
und mit den großen Glotzaugen herumstierte wie der Karpfen-Ururgroßpapa auf dem Seegrund.
Wenn der Wassermann nicht im Wasser hockte, war er nämlich ein wenig kurzsichtig,
und so wurde es ihm schwer, sich zurechtzufinden in dem großen Saal.
Als er aber entdeckt hatte, wer da war,
schlenkerte er zur Begrüßung die langen Froscharme nach allen Seiten,
riß sein breites Maul auf und quakte:
»Putsch – patsch – blubber – quax! Putsch – patsch – blubber – quax!
Guten Tax allerseits guten Tax – guten Tax!
War 'ne weite, beschwerliche Fahrt – noaaaaaa! Bin aber – blubber – blubber – trotzdem da.
Bin gefahren – uax – auf dem Muschelschiff, Vom Grunde des Meeres – uax –, wo ich schlief.
Meine Seejungfern tanzten am Ufer Reigen, Spielten Schlickversteckens und Blasensteigen;
Haben mir in einer großen Blase Die Einladung gebracht, Frau Base.
War mir – blubber – blubber – sehr schmeichelhaft, Hab' mir neue – uax – Wasserhosen angeschafft.
Aber ich bitte, vor allen Dingen, Mich – uax – uax – wässerig unterzubringen.
In der Luft ist es sehr unangenehm!« In jeder Hand hatte er einen großen Schwamm;
den drückte er sich dabei über den Kopf aus, um es wenigstens etwas feucht zu haben.
Die Nachtfee aber hatte für alles gesorgt,
und so stand für den Wassermann eine große, silberne Badewanne bereit.
In die kroch er nun auf die Einladung der Nachtfee, vergnügt grunzend, hinein.
Außerdem kam noch ein liebliches Sternenmädchen mit einer gläsernen Gießkanne
auf den Wink der Nachtfee herbei und begoß den dicken Wasserfürsten unermüdlich.
Das gefiel ihm! Er quiekte und quakte wie ein grünes Schweinchen vor Vergnügen.
Da hörte man leise Harfentöne, und herein kam das Taumariechen;
ein blasses, dunkelhaariges Mädchen, von Silberschleiern und Perlen umfunkelt.
Sie trug eine Trinkschale in ihren kleinen Händen, die aus einem einzigen Diamanten geschnitten war.
Die Harfentöne klangen bei jedem ihrer Schritte in der Luft, wie fallende Tropfen.
Vor dem Thron kniete sie mit unbeschreiblicher Anmut nieder,
neigte ihr Köpfchen leise und sagte mit silberner Stimme:
»Liebe Mutter, ich habe für diese Nacht, Deinem Willen gehorsam, mein Werk vollbracht
Alle dürstenden Gräser und Blüten erquickt, Alle schlafenden Wälder mit Perlen geschmückt;
Hing in Gärten viel Kettlein an Zweig und Baum, Gab den grünen Büschen den Tropfensaum,
Füllte mit segnender Frische die Luft, Strich auf Blätter und Früchte den silbernen Duft;
Hab' alle bunten Wiesen leise gekühlt, Mit den Nebeln über dem See gespielt;
Hab' der Morgenröte das Land geschmückt, Und alle Wesen im Traum erquickt.
Küß mich nun, Mutter, mein Werk ward schön, Und laß mich in deine Augen sehn.«
Damit eilte sie in die Arme der Nachtfee,
die ihr mit einem leisen, zärtlichen Kuß den Scheitel berührte.
Dann setzte sich das Taumariechen auf die Stufen des Thrones,
das liebliche Köpfchen ans Knie der Mutter geschmiegt.
Bis zu diesem Augenblick war in dem großen Saal ein Dämmerlicht gewesen,
in dem die silbernen Säulen gleich Mond- strahlen zwischen den blauen Wolken schimmerten;
nur bei der Ankunft der Blitzhexe, des Regenfritzen und der Frau Holle
hatte sich dies milde Traumlicht, das vom Haupt der Nachtfee auszugehen schien,
für Augenblicke ein wenig geändert.
Jetzt plötzlich flog goldener Schein in diese Dämmerung,
und durch die weite Nacht her kam eine rauschende, ferne, wundermächtige Musik.
Die Nachtfee erhob sich auf ihrem Thron; die Sonne nahte, die Königin des Tages,
die ihr gleich war an Rang und Ansehen. Alle Gäste erhoben sich mit ihr von den Sitzen,
denn, obschon sie die Sonne zum Teil nicht leiden konnten,
mußten sie ihr doch, als einer Königin, die schuldige Ehrfurcht bezeigen.
Da schwoll die Musik heran, wie ein wachsender Sturm.
Die Wolken teilten sich, und – in einem Strom von goldenem Licht
schwebte die Sonne herein mit ihren Töchtern und Söhnen,
der Morgenröte und Abendröte, dem Morgenstern und dem Abendstern.
Wunderschön war die Sonne! Ihre Augen strahlten machtvoll und lieb zugleich.
Als ein Mantel von Flammen lag ihr Lockenhaar um sie,
und in funkelnden Garben brachen die Licht- strahlen aus der Krone auf ihrem Haupt.
An jeder Hand führte sie einen ihrer Söhne,
die Schleppe ihres goldenen Kleides aber trugen ihre lieblichen Töchter.
So stand die Sonne der Nachtfee gegenüber, und der Saal war voll von ihrem Licht.
Langsam kam die Nachtfee von ihrem Thron herab der Sonne entgegen.
Auf ihrem schwarzen Haar schimmerte die blasse Mondkrone.
Sie breitete ihre Arme weit aus und grüßte die Sonne mit ihrer glockenschönen Stimme:
»Willkommen mir, Schwester, Königin!«
Da neigte die Sonne ihr Haupt leise vor der Majestät der Nacht;
dann hob sie es leuchtend und sprach:
»Der Gruß meiner Liebe sei dir gebracht, Du schöne Schwester, du stille Nacht!
Sind unsre Reiche auch ewig geschieden; Mein ist die Arbeit, dein ist der Frieden;
Schlingen wir doch um die Guten und Bösen Den einen Reigen und segnen die Wesen,
Die auf der wundertiefen Welt Liebe in prunkendes Leben gestellt.«
Und dann umarmten sich die beiden Königinnen.
Als die Nachtfee die Sonne umschlang, ging alle Glut unter in blauen Nebeln,
und tiefe Dämmerung sank in den Raum;
und als die Sonne ihre Arme um die Schultern der Nachtfee legte,
leuchteten alle Dinge umher, in ein Meer von Licht gebadet.
Als diese Begrüßung vorüber war, nahmen beide Herrscherinnen auf ihren Sitzen Platz,
und auch die anderen Gäste setzten sich wieder.
Dabei war es sehr komisch, wie der Eismax hinter den Rock der Wolkenfrau kroch
und wie Frau Holle hinter dem Schirm des Regenfritzen hervorschielte.
Jetzt kam aber plötzlich eine sehr sonderbare Gestalt hereingetölpelt: der Milchstraßenmann.
Er war anscheinend in großer Wut und gar nicht festlich angezogen, wie sich das gehört hätte.
Die Mütze saß ihm schief auf dem Kopfe, seine dicken Mondlederstiefel waren schmutzig,
und einen ungekämmten Schnurrbart hatte er auch.
Unter dem Arm trug er die große Zwillingsmilchflasche,
und an einem Bändchen hinter ihm zottelte der kleine Bär,
den er eigentlich hätte draußen lassen müssen, weil der immer schmutzige Pfoten hatte.
Der kleine Bär hütete nämlich die Mondkälber und biß sie in die Beine,
wenn sie auf einer falschen Himmelswiese grasen wollten.
Jetzt hatte er allerdings einen Maulkorb um.
Die Nachtfee machte ein sehr erstauntes Gesicht über den Milchstraßenmann
und wollte ihm etwas darüber sagen, daß er nicht in solchem Aufzuge kommen dürfe;
aber der ließ sie gar nicht zu Worte kommen, so aufgeregt war er, und polterte sofort los:
»Frau Nachtfee, ich muß mich bitter beklagen! Die Gesellschaft, die du geladen hast,
Ist mir derart über die Milchstraße gerast, Daß sie mir das Pflaster beschädigt haben
Und die Meilensteine, die Bäume, den Graben! Das ist ein Benehmen, unerhört!«
Natürlich taten die Gäste, als wüßten sie von gar nichts,
besonders der Sturmriese und der Donnermann schüttelten ungläubig ihre wilden Köpfe
und taten so unschuldig wie kleine weiße Lämmchen.
Aber der Milchstraßenmann schrie:
»Jawohl, ich hab' mich zu Recht beschwert! Der Sturmriese kommt da mit Saus und Summ
Und wirft mir drei schöne Milchbäume um! Und die Wolkenfrau, die ist auch so eine;
Hat mir alle meine Meilensteine Verwischt mit ihren Plusterröcken!
Wenn nun ein Komet geflogen kommt, So kann er nicht lesen, wie weit es gewesen!
Er verirrt sich, rennt gegen Zäune und Hecken Und bleibt zuletzt noch im Mondberg stecken!
Dann beschwer ich mich über den Regenfritzen; Er macht meine Straße voller Pfützen
Und hat mir die schöne Milch verwässert Mit seiner triefigen Drüppelei!
Es ist eine Schande und Schweinerei!«
Nun wollte sich der Regenfritz auch beschweren:
»Der kleine Bär hat mich aber gebissen, tüp, tüp – und mir meine Hosen zerrissen!«
meinte er weinerlich und zeigte ein groß- mächtiges Loch in seiner neuen Regenhose,
die er sich extra zu dem heutigen Besuch beim Wolkenschneider hatte machen lassen.
Ausgelacht wurde er oben- drein vom Milchstraßenmann.
Als der Donnermann aber auch lachen wollte, weil das Loch in der Hose des Regenfritzen sehr komisch aussah,
fuhr der Milchstraßenmann herum, wie von einer Wespe gestochen; und nun ging's los:
»Der Donnermann braucht hier gar nicht zu lachen Und sich über die anderen lustig zu machen!
Er hat sich furchtbar schlecht betragen, Hat blödsinnig gebumst und gedonnerkracht
Und die Himmelsziegen mir scheu gemacht! Das ist ihm nicht aus Versehen passiert;
Er hat sich so vorlaut aufgeführt, Daß man wirkliche Angst vor dem Bullern bekam!
Und nun erst sein Weib: wie die sich benahm?! Kam immer so zickzack dahergeschlenkert
Und hat mir die ganze Allee verstänkert! Ist das ein anständiges Ehepaar?«
Er war ganz außer Atem vor Zorn geraten und sah puterrot im Gesicht aus.
Natürlich wollten ihm alle Gäste widersprechen, aber er ließ niemanden zu Worte kommen und tobte weiter:
»Frau Nachtfee, ich schwöre, alles ist wahr! Sie haben noch viel mehr angerichtet:
Der Hagelhans hat mir die Schoten vernichtet, Und der Wassermann kam da angeplanscht,
Hat mir alle Gräben übergepanscht, Hat vier Wiesen am Tausee überschwemmt,
Und ich hatte sie so schön eingedämmt. Auch der Eismax muß sich bescheidener führen,
Er darf nicht so viel mit den Sporen klirren; Drei Mondkälbern hat er den Kopf verdreht!
Und Frau Holle hat ein Stück Straße verweht! Sie tun mir Unrecht zu ihrem Vergnügen,
Frau Nachtfee! Man kann das Lütütü kriegen Vor Ärger, wenn man es richtig bedenkt!
Und keiner hat mir ein Trinkgeld geschenkt!« Weiter konnte er nicht mehr schimpfen;
die Stimme schnappte ihm über, und er mußte husten, so aufgeregt war er.
Die Nachtfee aber machte ein sehr böses Gesicht, weil der Milchstraßenmann im Recht war;
denn es ist gewiß nicht sehr höflich, wenn man eingeladen wird,
solchen Unfug auf der Straße zum Schloß des Gastgebers zu machen.
Als die wilden Gäste sahen, wie ernst die Nachtfee wurde,
beeilten sie sich sehr, den Milch- straßenmann um Entschuldigung zu bitten,
und versicherten ihm alle durcheinander, daß sie den Schaden gern ersetzen würden,
wie die Nachtfee es wünschte.
Damit war denn der gute Milchstraßenmann auch beruhigt;
besonders ein großes Trinkgeld vom Eismax besänftigte ihn sehr,
und er trottete mit dem kleinen Bären zufrieden ab.
Der Ärger des Milchstraßenmannes war wirklich sehr begründet gewesen.
Draußen auf der Milchstraße hatte der Brave jetzt nämlich viel zu tun.
Die Unordnung, die alle diese heran- tobenden Naturgewalten mit ihrem Ungestüm
an dem schönen Nachthimmel an- gerichtet hatten, war sehr groß,
und der Nachtfee verantwortlich für die Ordnung dort war der Milchstraßenmann.
Es war seine Schuld, wenn auf der Milchstraße nicht alles blitzeblank
und gut gefegt war mit dem Himmelsbesen, wenn die Meilensteine nicht richtig funkelten
und wenn die Himmelsziegen und Mond- kälber den falschen Nachtklee grasten
oder gar ein kleines Lämmerwölkchen in die Silberwolle zwickten,
daß es an der Stelle trübe Fleckchen bekam. Jaja, groß sind die Sorgen des Milchstraßenmannes!