4 Alltagsbeispiele aus unserem Dialekt *Deutsch in Österreich*
An Guadn! Bin ned haglich. Die Oma ist eine derrisch. Wüs'd schnö heim?
Hallo und herzlich Willkommen! Schön, dass ihr wieder dabei seid. Heute haben
wir vier Alltagsbeispiele aus unserem Dialekt mitgebracht,
die wir auf den Straßen oder in Zeitschriften oder im Internet gefunden haben. Wir werden sie
noch einmal Schritt für Schritt durchgehen und euch erklären, was sie bedeuten. Los geht's!
Beispiel Nummer 1: an Guadn! Dieses Beispiel habe ich in
einer gratis Zeitschrift in Salzburg gesehen. Wir sehen auf dem Foto einen Teller mit Weißwürsten,
Brezel und Senf, und dahinter steht eine Person mit einer Lederhose. Es ist also ein Foto,
das ein sehr traditionelles Bild zeichnet, und genau das ist auch gewollt, denn die Fleischerei,
die hier beworben wird, hat als Slogan "Aus Tradition das Beste." Darüber in
dem roten Balken sehen wir die zwei Wörter An Guadn! Aber was heißt das jetzt, Nathi?
An Guadn!, das ist die Abkürzung für den Satz "I wünsch da an guadn Appetit" oder eben nur "an
guadn Appetit." Es ist also der Satz, den wir typischerweise am Beginn einer Mahlzeit sagen:
guten Appetit! Wie ihr seht, sprechen wir das gut nicht als gut aus, sondern als guad. An Guadn. Das
U in gut wird also zu UA in Guadn. Das passiert auch in Wörtern wie zum Beispiel Bruder, das
zu Bruder wird. Oder Kuh, das zu Kua wird. Oder muss, wie in ich muss, das zu i muas wird. Und da
wir den Satz so reduzieren, dass wir Appetit gar nicht mehr sagen, nominalisieren wir das Adjektiv
gut und dieses wird dann das Nomen. Da Guadn nun als Subjekt verwendet wird, bekommt es auch
einen Artikel. Dieser steht vor dem Wort, denn dieses AN vor Guadn ist nicht die Präposition an,
wie zum Beispiel "das Bild hängt AN der Wand." Nein, hier ist es eben der Artikel und zwar der
unbestimmte männliche Artikel im Akkusativ. Im Standarddeutsch würden wir also sagen: einen guten
Appetit. Und in unserem Dialekt sagen wir: an guadn Appetit, und eben abgekürzt hier an Guadn!
Beispiel 2: Bin ned haglich. In unserem zweiten Beispiel sehen wir wieder ein
Foto von einem Mülleimer in Wien. Diese findet ihr überall in Wien verteilt und alle diese Mülleimer
haben immer eine kurze Botschaft oder Nachricht auf Deutsch. Wenn ihr also einmal in Wien seid,
dann achtet auf diese Mülleimer. So könnt ihr ganz einfach und praktisch im Alltag Deutsch
lernen. Wie ihr seht, steht auf dem Mülleimer "bin nicht haglich." Hier möchten wir mit euch
über drei Dinge sprechen. Erstens, das Verb. Bin, das kommt vom Verb sein und ist die Konjugation
der ersten Person Singular. Ihr seht aber, dass wir in diesem Beispiel gar kein Subjekt haben,
also, dass ich fehlt. Ganz streng genommen brauchen wir aber das Subjekt, also ich,
hier gar nicht, weil wir auch aus dem Verb allein erkennen, dass die erste Person
Singular gemeint ist. Zum Beispiel könnte ich Nathi eine Whatsapp-Nachricht schreiben,
in der ich sage: "Bin am Weg zu dir und in zehn Minuten da." Oder: "Bin noch in der Arbeit, kann
heute nicht." Zweitens möchten wir über das "ned" sprechen. Was heißt dieses "ned"? Das ist die
Verneinung des Verbs und bedeutet "nicht," also "ich bin nicht." Dieses Wort solltet ihr euch auf
jeden Fall merken, denn das verwenden wir wirklich ständig. Zum Beispiel könnten wir auch sagen:
"Na, i konn heid leider ned." Oder "I glaub, wir kennan uns no ned, oda? Und drittens möchten wir
über das Wort "haglich" sprechen. Haglich ist ein Adjektiv und beschreibt eigentlich eine Person,
die sehr wählerisch ist. Haglich oder auch hoaglich, das wird im deutschen Wörterbuch mit
"heiklich" übersetzt. Wenn also eine Person haglich oder hoaglich ist, dann meint man,
dass diese Person wählerisch ist. Und in unserem Beispiel steht eben auf dem Mülleimer
"Bin ned haglich." Das heißt, der Mülleimer ist nicht wählerisch. Damit möchte er ausdrücken,
dass wir jegliche Art von Müll hineinwerfen dürfen, egal ob Plastik, Biomüll oder Restmüll.
Beispiel Nummer 3: Die Oma ist nicht derrisch. Machen wir jetzt weiter mit dem Beispiel Nummer 3,
das ich vor dem Café Vollpension in Wien gefunden habe. Das Café Vollpension ist
ein Generationencafé. Das heißt, dass in diesem Café mehrere Generationen arbeiten. Also hier
arbeiten auch ältere Menschen, die liebevoll von der Vollpension die Omas und Opas genannt werden.
Damit soll ein Berührungspunkt für Alt und Jung geschaffen werden und den älteren Menschen die
Möglichkeit geboten werden, noch etwas Geld in der Pension zu verdienen und auch ein wertvolles und
aktives Mitglied der Gesellschaft zu bleiben. Falls ihr einmal in Wien seid und in das Café
Vollpension gehen möchtet, wir stellen euch den Link in die Videobeschreibung. Auf dem Schild
sehen wir den Kopf einer älteren Dame, der Oma, die ein Hörrohr an ihr Kopf hält. Nebenbei steht
"Die Oma is ned derrisch" und weiter unten steht "Bitte Psst - lautes Sprechen und Musizieren
ist untersagt." Pssst! oder Pschhht!, das ist ein Geräusch, das wir manchmal auch mit dieser
Geste Psst! machen, um Leuten zu signalisieren, dass sie leise oder leiser sein sollen. Das
Schild ist am Eingang des Kaffees angebracht und soll Gäste also dazu auffordern, vor allem
am späten Abend nicht mehr zu laut zu sein, damit Anrainer und Anrainerinnen nicht gestört werden.
So, jetzt kennen wir den Kontext. Was heißt nun der Satz "Die Oma is ned derrisch"? Der
Anfang ist eigentlich recht leicht. Das Subjekt in unserem Satz ist die Oma. Dann kommt das
Verb. Und hier sehen wir "is." Is, das kommt vom Verb sein und das ist die konjugierte Form der
dritten Person Singular. Also sie, die Oma, ist wird zu is. Wir lassen in unserem Dialekt also
einfach das T am Ende weg. Danach kommt ned und das haben wir gerade in unserem zweiten
Beispiel gehört. Erinnert ihr euch? Genau! Das ist die Verneinung und bedeutet einfach "nicht."
So, dann bleibt uns nur mehr das Wort derrisch. Was heißt das denn nun? Derrisch ist ein Wort
aus unserem Dialekt und bedeutet so viel wie schwerhörig. Schwerhörigkeit, das wird oft mit
älteren Menschen verbunden, weshalb wir auch die
ältere Dame auf dem Schild sehen. Wenn jemand schwerhörig ist, neigen wir dazu,
mit dieser Person lauter zu sprechen. Und genau das sollen wir eben vor dem Café Vollpension
nicht tun. Denn wir wollen ja nicht zu viel Lärm machen. Das Schild sagt also den Gästen,
dass die Oma nicht schwerhörig ist und dass es deshalb nicht nötig ist, laut zu
sprechen. So werden die Gäste auf humorvolle Art und Weise aufgefordert, leiser zu sein.
Und kennt ihr jemanden, der derrisch ist oder
jemanden der hoaglich ist? Oder seid ihr vielleicht sich selbst
derrisch oder hoaglich? Lasst uns das gern unten in den Kommentaren wissen!
Beispiel 4: Wüs'd schnö heim? Und das letzte Beispiel für heute habe
ich in einer U-Bahn in Wien gefunden. Es ist eine Werbung der Wiener Linien, also dem städtischen
Verkehrsbetrieb in Wien. Es wird eine App beworben, mit der man E-Mopeds oder auch andere
Fahrzeuge reservieren, dann abholen und benützen und danach wieder zurückgeben kann. Wir sehen,
dass in der Überschrift die Frage gestellt wird "Wüs'd schnö heim?" Hier sehen wir drei spannende
Dinge, die wir in unserem Dialekt machen. Erstens, das Verb. Das Verb hier ist "wüs'd." Wenn ihr
unsere Serie zu den Modalverben gesehen habt, dann kommt euch wüs'd vielleicht bekannt vor, denn
wüs'd ist das Verb woin im Infinitiv. Und woin, das heißt wollen. Wüst ist also wollen konjugiert
in der zweiten Person Singular, du willst, oder in unserem Dialekt, du wüst. In unserem
Fall handelt es sich also um eine Ja-Nein-Frage mit dem Modalverb wollen: willst du? Was wir
hier auch noch sehen ist, dass das du und das wüst zusammengezogen werden. Warum? Ganz einfach, weil
es sprachökonomischer ist. Das heißt, wir können es schneller aussprechen und es ist nicht nötig,
das du extra auszusprechen. Wir können es einfach weglassen, ohne dass Bedeutung oder Verständnis
verloren geht. Wir sagen also ganz einfach wüs'd und wir wissen, dass willst du gemeint ist.
Dann machen wir weiter mit den nächsten zwei Wörtern, schnö heim. Heim, das ist euch
sicher bekannt. Das bedeutet ganz einfach "nach Hause" also, "ich möchte nach Hause" oder "ich
möchte heim." Und schnö, das heißt ganz einfach "schnell." Ihr seht, dass das -ell aus schnell
zu einem Ö wird. Das passiert auch bei anderen Wörtern in unserem Dialekt, zum Beispiel bei:
Welt wird zu Wöd, Geld wird zu wird Göd, oder melden wird zu mödn. Die Werbung fragt also:
"willst du schnell heim?" Und wenn die Antwort der Leserin oder des Lesers Ja ist,
dann fordert die Werbung uns eben dazu auf, dass wir doch diese GOsharing-App
einmal ausprobieren und so ganz einfach und schnell nach Hause, also heim, kommen.
Wenn euch dieses Video gefallen hat, dann klickt gleich auf dieses Video,
indem ihr weitere spannende Beispiele aus unserem Alltag lernen könnt. Danke
fürs Zusehen. Wir sehen uns beim nächsten Video wieder und bis dahin nicht vergessen:
gemeinsam nach Deutschlernen doppelt so viel Spaß! :)