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SWR2 Wissen, Warum Menschen Hochstapler sind oder sich dafür halten (1)

Warum Menschen Hochstapler sind oder sich dafür halten (1)

MANUSKRIPT

Musikakzent 1 (aufsteigende Tonfolge) und Musik 1 (Variation davon) Musikakzent 2 (absteigende Tonfolge) und Musik 2 (Variation davon) Musikakzent 1 (aufsteigende Tonfolge)

Sprecher 2: Ein Postbote fälscht Dokumente und arbeitet erfolgreich als Chefarzt. Eine angebliche Oligarchentochter bewegt sich in der High Society und erschwindelt zigtausend Euro.

Musik 1: Schlussakkord frei

Sprecher 1: Über Hochstapler wird gern berichtet, ein bisschen bewundert man sie auch. Viel häufiger jedoch leiden Menschen an einem anderen Phänomen.

Musikakzent 2 (absteigende Tonfolge) frei, dann Musik 2 unterlegen

O-Ton 1 Rohrmann: Sie täuschen nicht irgendetwas vor zu haben oder zu sein, was nicht den Fakten entspricht, sondern es ist genau das Gegenteil. Sie sind erfolgreich, haben aber das Gefühl, dass ihnen dieser Erfolg eigentlich nicht zusteht, weil sie sich nicht als kompetent empfinden, man könnte sie auch als Tiefstapler bezeichnen.

Sprecher 1: Die Rede ist vom „Hochstapler- oder auch Impostor-Phänomen“.

O-Ton 2 Magnet: Krass! (lacht) Das hat einen Namen, das hat mich total verwundert und dann habe ich festgestellt, dass wahnsinnig viele Leute damit zu schaffen haben und nicht nur Leute wie ich, sondern auch berühmte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, CEOs Schauspielerinnen usw.

Musik 2: weg, direkt dran: Musikakzent 2 (absteigende Tonfolge)

Titelansage: Warum Menschen Hochstapler sind oder sich dafür halten. Von Martin Hubert.

Musikakzent 1 (aufsteigende Tonfolge)

Sprecher 1: Wir streben nach Anerkennung. Und in der westlichen Leistungsgesellschaft bekommt man die vor allem über beruflichen Erfolg und einen hohen sozialen Status.

Hochstapelei und das Hochstapler-Phänomen scheinen zwei völlig entgegengesetzte Reaktionen darauf zu sein.

Hochstapler täuschen andere Menschen, um nach oben zu kommen.

Musikakzent 1 (aufsteigende Tonfolge), kurz frei

Sprecher 2: Shimon Hayut aus Israel zum Beispiel gab sich in den letzten Jahren als Waffen-oder Diamantenhändler aus und betrog Frauen als Heiratsschwindler um ihr Geld. Die SPD-Politikerin Petra Hinz erdichtete sich Abitur und Jurastudium. Der deutsche Krankenpfleger Dani. H. gab sich als Arzt aus und behandelte über 1300 Patienten auf einem Kreuzfahrtschiff.

Sprecher 1: In Deutschland hat vor allem der gelernte Postbote Gerd Postel das Hochstapeln zur Perfektion getrieben.

O-Ton 3 Veelen: Herr Postel hat durch geschickten Einsatz von Symbolen, also Worten, Titeln, Papieren, Kleidungsstücken usw. die Mechanismen ausgenutzt, auf die wir angewiesen sind, um in einer komplexen Welt zurecht zu kommen und denen wir in der Regel auch vertrauen können. Zum Beispiel hat er sich den Fachjargon angeeignet, der die legitimen Ärztinnen und Ärzten automatisch glauben machte, er sei einer von ihnen. Und er wusste, welche Kleidung und Sprache zum Akademiker passt, wie er sich zu geben hatte.

Musik 1: unterlegen

Sprecher 2: Gerd Postel legt sich den eindrucksvollen Namen „Doktor Doktor Bartholdy“ zu oder gibt sich als Oberstaatsanwalt „Doktor von Berg“ aus, um gefälschte Dokumente zu erschleichen. Seine Erfolgsbilanz zwischen 1980 und 1998: Arzt in einer Fachklinik für Psychotherapie; leitende Position in einem Rehazentrum; stellvertretender Amtsarzt in Flensburg; Oberarzt im Maßregelvollzug eines psychiatrischen Krankenhauses. In Sachsen bietet ihm das Sozialministerium sogar eine Professur an. Er lehnt ab.

Musik 1: Schlussakkord frei, dann weg

Sprecher 1: Postel wurde mehrfach enttarnt und bestraft. Ausführlich sprach er vor einigen Jahren mit der Marburger Soziologin Sonja Veelen. Sie hat seine Aussagen neben anderen in ihrem Buch „Hochstapler. Wie sie uns täuschen“ verarbeitet. [OC Postel hat Fachliteratur gelesen, Vorlesungen besucht und sich im akademischen Milieu bewegt, um sich die Verhaltensweisen der Gruppe anzueignen, auf deren Niveau er sich heben wollte. Ende OC] Wie andere Hochstapler verfügt er über große psychologische Fähigkeiten.

O-Ton 4 Veelen: Hochstapler manipulieren unsere Wahrnehmung oder Situationsdeutung oder spinnen uns geschickt emotional ein, damit wir abgelenkt sind von dem, was eigentlich passiert. So wie Zauberer oder Illusionisten das tun. Oder durch Scham und Lob oder Komplimente erschleichen Sie sich unsere Sympathie und dadurch wiederum unser Vertrauen.

Sprecher 1: Wer die Rolle des Oberarztes oder der Staatsanwältin selbstbewusst und selbstverständlich spielt, dem nimmt man diesen Status auch ab. [OC Das ist für Sonja Veelen einer der entscheidenden Gründe dafür, warum Hochstaplerinnen und Hochstapler so erstaunliche Karrieren hinlegen können.

Musikakzent

Ende OC] Sprecher 1: Hochstapler können uns täuschen, weil wir andere Menschen über ihren Habitus, ihr

soziales Auftreten, definieren.

O-Ton 5 Veelen: Wenn einmal die Hürde genommen ist, dass diese falsche Rolle als richtig angesehen wird, der falsche Arzt also ganz faktisch eingestellt ist, dann gibt es kaum mehr Nachfragen zur Qualifikation geschweige denn Überprüfungen. Im Gegenteil.

Selbst wenn es Widersprüchlichkeiten gäbe, dann müssten die extrem auffallend sein, um echte Zweifel zu wecken. Denn unser Gehirn ist meisterhaft darin, dass wir das, was wir sehen, so bewerten, dass es zu dem passt, was wir ohnehin schon glauben. Also es strebt nach Konsistenz und zwar auch am eigenen Urteil. [OC: Zudem hat Gerd Postel sich für Rollen entscheiden, die mit einem sehr hohen Vertrauensvorschuss und viel Autorität einhergehen, was ebenfalls dafür gesorgt hat, dass sein Publikum, seine Opfer, ihn automatisch weniger hinterfragt haben. Ende OC]

Sprecher 1: Berühmte Hochstapler wie Gerd Postel und das neuerdings erforschte „Hochstapler- oder Impostor-Phänomen“. Haben sie mehr miteinander gemeinsam als das Wort

„Hochstapeln?

O-Ton 6 Rohrmann: Ich glaube, dass es qualitativ was anderes ist, ich würde es nicht auf einer Dimension verorten“

Sprecher 1: Die Psychologie-Professorin Sonja Rohrmann von der Goethe-Universität Frankfurt forscht zum „Hochstapler-Phänomen“, also dass Menschen denken, andere würden sie für Hochstapler halten. Sie sieht keine innere Verbindung zur klassischen Hochstapelei. Nur die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen beide

Phänomene besonders gedeihen, scheinen die gleichen zu sein. Studien zeigen nämlich, dass das Hochstapler-Phänomen kulturabhängig ist.

O-Ton 7 Rohrmann: In westlichen, leistungs- und wettbewerbsorientierten Gesellschaften ist es deutlich höher als in Gesellschaften, wo das nicht so eine wirkliche Relevanz hat.

Sprecher 1: Zum Beispiel in asiatischen Ländern, in denen eher Wert auf sozialen Zusammenhang und Harmonie gelegt wird.

Musikakzent

Sprecher 1: Nach Anerkennung streben wir alle, aber nur wenige Menschen werden echte Hochstapler. Was treibt sie auf diese schiefe Bahn? Jürgen Margraf, Psychologieprofessor an der Ruhr-Universität Bochum, sieht zwei Gründe. Der erste heißt: Hochstapler sind oft Narzissten.

O-Ton 8 Margraf: Narzissmus heißt, Sie haben eine übertriebene Selbstliebe und eine sehr unkritische Haltung zu sich selbst. Und sie haben ein extremes Bedürfnis nach Anerkennung und Beifall, Applaus. Und dieses kann auch nicht einfach befriedigt werden dadurch, dass sie einmal richtig Anerkennung bekommen, sondern sie brauchen es immer wieder. Die Annahme dahinter ist natürlich, dass sie ein zutiefst unsicherer Mensch sind und dass das deswegen nicht reicht, wenn man ihnen jetzt mal Applaus gibt.

Das müssen sie halt immer wieder haben.

Sprecher 1: Der zweite Grund: Erfolgreiche Hochstapeleien können süchtig machen.

O-Ton 9 Margraf: Wenn Sie eine richtig tolle, positive Erfahrung machen, dann reagiert der Körper genauso wie wenn sie eine Suchtdroge zu sich nehmen, sie haben diese Endorphinausschüttung und das ist ein tolles Gefühl, das wollen sie wieder haben. Und da gibt es halt leider diese Entwicklung, dass sich das abschwächt, sie brauchen mehr desselben, um den gleichen Effekt zu haben.

Sprecher 1: Manche Hochstapler planen nach Ansicht von Jürgen Margraf ihre Karriere daher gar nicht gezielt, sondern geraten über bestimmte Situationen ins falsche Fahrwasser.

Zum Beispiel über eine Bewerbung oder wenn andere Menschen nervig von sich prahlen.

O-Ton 10 Margraf: Dann schwindelt man selbst vielleicht ein bisschen, man stellt sich ein bisschen besser dar als man ist. Und stellen sie sich vor, sie kommen damit durch und stellen fest, die anderen akzeptieren das. Dann werden sie vielleicht ein bisschen mutiger.

Oder aber auch eine Lüge zieht die nächste nach sich, sie kommen da jetzt nicht mehr raus und werden getrieben. Es gibt beide Fälle. Es gibt Leute, die dann nachher beschreiben „Oh, ich bin jetzt froh, dass ich da endlich raus bin aus diesem Lügengebäude“. Aber es gibt andere, die sagen „Nein, das war wunderbar und ich habe so viel Anerkennung bekommen und ich habe auch, finde ich habe das gut gemacht, eigentlich verdiene ich das“.

Sprecher 1: Und die andere Seite, die Menschen mit dem Hochstapler-Phänomen? Es wird auch Hochstapler-Selbstkonzept oder – englisch – Impostor-Phenomenon genannt.

Musikakzent 2 (absteigende Tonfolge) kurz frei, dann unterlegen Musik 2

O-Ton 11 Magnet: Das war ich glaube vor drei Jahren.

Sprecher 2: Die Münchner Autorin, Journalistin und Lyrikerin Sabine Magnet stößt eher per Zufall darauf, dass auch das Gegenteil des Hochstapelns existiert. Und kommt sich dabei allmählich selbst auf die Schliche.

O-Ton 12 Magnet: Meine Freundin Nina und ich telefonierten und sie ist eine sehr tolle Fotografin und sie hatte gerade eine Fotostrecke in einem sehr renommierten Magazin veröffentlicht, die ich gesehen hatte und die ich unfassbar berührend fand und ich habe sie dazu beglückwünscht und sie meinte aber die ganze Zeit so abwehrend eigentlich: Naja, das Licht war halt gut, die Leute waren halt nett.

Sprecher 2: Noch kennt Sabine Magnet den Namen des Phänomens nicht.

O-Ton 13 Magnet: Und unserer Diskussion, unser Gespräch wurde immer heftiger und irgendwann meinte ich: Ja sag einmal, was ist denn eigentlich mit uns los, dass wir diese Komplimente nicht annehmen können. Und dann wurde es ganz still in der Leitung und sie meinte so ein bisschen leise zu mir, als könnte da jemand mithören: weißt du Sabine, manchmal habe ich Angst, dass die herausfinden, dass ich nur bluffe.

Sprecher 2: Sabine Magnet fühlte sich irgendwie selbst tief getroffen und beginnt über das Phänomen zu recherchieren. Am Ende steht ihr Buch „Und was, wenn alle merken, dass ich gar nichts kann? Über die Angst, nicht genug zu sein.“

O-Ton 14 Magnet: Und erst im Laufe der Recherche fing es dann so an, dass ich gedacht habe, oh ja, das kenne ich: das bin ich! Also sowas wie diese ganzen Ausreden, die man findet, sowas wie „Naja klar haben die mir jetzt diesen Job gegeben, die finden mich halt

nett (lacht). Oder auch die Art und Weise wie man mit dieser Angst, und das ist im Endeffekt Angst ja, umgeht, da habe ich mich wiedergefunden.

Musik 2: Schlussakkord frei, dann weg

Sprecher 1: Das Hochstapler-Phänomen haben Menschen, die erfolgreich sind, ihren Erfolg aber nicht auf ihre Leistung zurückführen, sondern auf Zufälle, Glück oder andere Umstände. Sie glauben, dass sie ihren Erfolg nicht verdient haben und leben in der ständigen Angst, als Hochstaplerinnen oder Hochstapler enttarnt zu werden. Die Psychologie-Professorin Sonja Rohrmann von der Universität Frankfurt geht davon aus, dass die Betroffenen ein verzerrtes Selbstbild haben, weil sie ihre Leistung und ihren Erfolg falsch wahrnehmen.

O-Ton 15 Rohrmann: Dass sie extrem hohe Maßstäbe an sich stellen und sich immer nur nach oben orientieren, nie nach unten orientieren und denken „Oh ich bin aber besser als der und der“, sondern immer gucken, wer kann vielleicht doch noch mehr und an diesem Maßstab dann quasi immer scheitern.

Musik 2: unterlegen

O-Ton 16 Magnet: Man denkt, ich bin die Einzige, der es so geht. Ich bin nicht gut, alle anderen haben es total raus, wie es funktioniert, egal ob mit dem Job oder mit dem Leben so an sich. Also das war in der Pubertät schon teilweise so, dass ich so eine coole Freundin hatte und immer dachte, wenn die jetzt mal richtig rausfindet, wie ich jetzt so wirklich bin, dann verabschiedet die sich auch.

Musik 2: Schlussakkord frei, dann weg

Sprecher 1: Umfragen besagen, dass etwa ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte vom Hochstaplerphänomen betroffen ist. Sonja Rohrmann bestätigt diese verblüffende Zahl nicht nur, sie toppt sie sogar.

O-Ton 17 Rohrmann: Das ist richtig, genau. Und man weiß, dass es auch unter Wissenschaftlern besonders breit verbreitet ist, dass man sagt, so etwa 70 % auch der Wissenschaftler haben das und insbesondere junge Wissenschaftler sind auch stark betroffen, insbesondere eben Menschen, die höher qualifiziert sind. Aber gerade da, wo das Wissen oder Erfolg nicht so richtig greifbar ist und auch oft eine größere Sicherheit suggeriert werden muss als man vielleicht selber empfindet, die Menschen empfinden das besonders stark.

Sprecher 1: Auch bekannte Schauspielerinnen wie Jodie Forster, Kate Winslet oder Emma Watson haben öffentlich gemacht, dass sie mit dem Phänomen zu kämpfen haben.

Aber natürlich betrifft es auch Menschen in alltäglicheren Berufen, die es verschweigen oder oft gar nicht wissen, um was es sich handelt. Als das Phänomen Ende der siebziger Jahre erstmals in den USA beschrieben wurde, hieß es noch, dass vor allem Frauen darunter leiden. Sonja Rohrmann kann das aber nicht bestätigen.



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Warum Menschen Hochstapler sind oder sich dafür halten (1)

MANUSKRIPT

Musikakzent 1 (aufsteigende Tonfolge) und Musik 1 (Variation davon) Musikakzent 2 (absteigende Tonfolge) und Musik 2 (Variation davon) Musikakzent 1 (aufsteigende Tonfolge)

Sprecher 2: Ein Postbote fälscht Dokumente und arbeitet erfolgreich als Chefarzt. Eine angebliche Oligarchentochter bewegt sich in der High Society und erschwindelt zigtausend Euro.

Musik 1: Schlussakkord frei

Sprecher 1: Über Hochstapler wird gern berichtet, ein bisschen bewundert man sie auch. Viel häufiger jedoch leiden Menschen an einem anderen Phänomen.

Musikakzent 2 (absteigende Tonfolge) frei, dann Musik 2 unterlegen

O-Ton 1 Rohrmann: Sie täuschen nicht irgendetwas vor zu haben oder zu sein, was nicht den Fakten entspricht, sondern es ist genau das Gegenteil. Sie sind erfolgreich, haben aber das Gefühl, dass ihnen dieser Erfolg eigentlich nicht zusteht, weil sie sich nicht als kompetent empfinden, man könnte sie auch als Tiefstapler bezeichnen.

Sprecher 1: Die Rede ist vom „Hochstapler- oder auch Impostor-Phänomen“.

O-Ton 2 Magnet: Krass! (lacht) Das hat einen Namen, das hat mich total verwundert und dann habe ich festgestellt, dass wahnsinnig viele Leute damit zu schaffen haben und nicht nur Leute wie ich, sondern auch berühmte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, CEOs Schauspielerinnen usw.

Musik 2: weg, direkt dran: Musikakzent 2 (absteigende Tonfolge)

Titelansage: Warum Menschen Hochstapler sind oder sich dafür halten. Annuncio del titolo: perché le persone sono o pensano di essere degli impostori. Von Martin Hubert.

Musikakzent 1 (aufsteigende Tonfolge)

Sprecher 1: Wir streben nach Anerkennung. Und in der westlichen Leistungsgesellschaft bekommt man die vor allem über beruflichen Erfolg und einen hohen sozialen Status.

Hochstapelei und das Hochstapler-Phänomen scheinen zwei völlig entgegengesetzte Reaktionen darauf zu sein.

Hochstapler täuschen andere Menschen, um nach oben zu kommen.

Musikakzent 1 (aufsteigende Tonfolge), kurz frei

Sprecher 2: Shimon Hayut aus Israel zum Beispiel gab sich in den letzten Jahren als Waffen-oder Diamantenhändler aus und betrog Frauen als Heiratsschwindler um ihr Geld. Die SPD-Politikerin Petra Hinz erdichtete sich Abitur und Jurastudium. Der deutsche Krankenpfleger Dani. H. gab sich als Arzt aus und behandelte über 1300 Patienten auf einem Kreuzfahrtschiff.

Sprecher 1: In Deutschland hat vor allem der gelernte Postbote Gerd Postel das Hochstapeln zur Perfektion getrieben.

O-Ton 3 Veelen: Herr Postel hat durch geschickten Einsatz von Symbolen, also Worten, Titeln, Papieren, Kleidungsstücken usw. O-Ton 3 Veelen: Il signor Postel ha attraverso l'uso sapiente di simboli, cioè parole, titoli, carte, capi di abbigliamento, ecc. die Mechanismen ausgenutzt, auf die wir angewiesen sind, um in einer komplexen Welt zurecht zu kommen und denen wir in der Regel auch vertrauen können. ha sfruttato i meccanismi da cui dipendiamo per far fronte a un mondo complesso e di cui di solito possiamo fidarci. Zum Beispiel hat er sich den Fachjargon angeeignet, der die legitimen Ärztinnen und Ärzten automatisch glauben machte, er sei einer von ihnen. Und er wusste, welche Kleidung und Sprache zum Akademiker passt, wie er sich zu geben hatte.

Musik 1: unterlegen

Sprecher 2: Gerd Postel legt sich den eindrucksvollen Namen „Doktor Doktor Bartholdy“ zu oder gibt sich als Oberstaatsanwalt „Doktor von Berg“ aus, um gefälschte Dokumente zu erschleichen. Seine Erfolgsbilanz zwischen 1980 und 1998: Arzt in einer Fachklinik für Psychotherapie; leitende Position in einem Rehazentrum; stellvertretender Amtsarzt in Flensburg; Oberarzt im Maßregelvollzug eines psychiatrischen Krankenhauses. In Sachsen bietet ihm das Sozialministerium sogar eine Professur an. Er lehnt ab.

Musik 1: Schlussakkord frei, dann weg

Sprecher 1: Postel wurde mehrfach enttarnt und bestraft. Ausführlich sprach er vor einigen Jahren mit der Marburger Soziologin Sonja Veelen. Sie hat seine Aussagen neben anderen in ihrem Buch „Hochstapler. Wie sie uns täuschen“ verarbeitet. [OC Postel hat Fachliteratur gelesen, Vorlesungen besucht und sich im akademischen Milieu bewegt, um sich die Verhaltensweisen der Gruppe anzueignen, auf deren Niveau er sich heben wollte. Ende OC] Wie andere Hochstapler verfügt er über große psychologische Fähigkeiten.

O-Ton 4 Veelen: Hochstapler manipulieren unsere Wahrnehmung oder Situationsdeutung oder spinnen uns geschickt emotional ein, damit wir abgelenkt sind von dem, was eigentlich passiert. So wie Zauberer oder Illusionisten das tun. Oder durch Scham und Lob oder Komplimente erschleichen Sie sich unsere Sympathie und dadurch wiederum unser Vertrauen.

Sprecher 1: Wer die Rolle des Oberarztes oder der Staatsanwältin selbstbewusst und selbstverständlich spielt, dem nimmt man diesen Status auch ab. [OC Das ist für Sonja Veelen einer der entscheidenden Gründe dafür, warum Hochstaplerinnen und Hochstapler so erstaunliche Karrieren hinlegen können.

Musikakzent

Ende OC] Sprecher 1: Hochstapler können uns täuschen, weil wir andere Menschen über ihren Habitus, ihr

soziales Auftreten, definieren.

O-Ton 5 Veelen: Wenn einmal die Hürde genommen ist, dass diese falsche Rolle als richtig angesehen wird, der falsche Arzt also ganz faktisch eingestellt ist, dann gibt es kaum mehr Nachfragen zur Qualifikation geschweige denn Überprüfungen. Im Gegenteil.

Selbst wenn es Widersprüchlichkeiten gäbe, dann müssten die extrem auffallend sein, um echte Zweifel zu wecken. Denn unser Gehirn ist meisterhaft darin, dass wir das, was wir sehen, so bewerten, dass es zu dem passt, was wir ohnehin schon glauben. Also es strebt nach Konsistenz und zwar auch am eigenen Urteil. [OC: Zudem hat Gerd Postel sich für Rollen entscheiden, die mit einem sehr hohen Vertrauensvorschuss und viel Autorität einhergehen, was ebenfalls dafür gesorgt hat, dass sein Publikum, seine Opfer, ihn automatisch weniger hinterfragt haben. Ende OC]

Sprecher 1: Berühmte Hochstapler wie Gerd Postel und das neuerdings erforschte „Hochstapler- oder Impostor-Phänomen“. Haben sie mehr miteinander gemeinsam als das Wort

„Hochstapeln?

O-Ton 6 Rohrmann: Ich glaube, dass es qualitativ was anderes ist, ich würde es nicht auf einer Dimension verorten“

Sprecher 1: Die Psychologie-Professorin Sonja Rohrmann von der Goethe-Universität Frankfurt forscht zum „Hochstapler-Phänomen“, also dass Menschen denken, andere würden sie für Hochstapler halten. Sie sieht keine innere Verbindung zur klassischen Hochstapelei. Nur die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen beide

Phänomene besonders gedeihen, scheinen die gleichen zu sein. Studien zeigen nämlich, dass das Hochstapler-Phänomen kulturabhängig ist.

O-Ton 7 Rohrmann: In westlichen, leistungs- und wettbewerbsorientierten Gesellschaften ist es deutlich höher als in Gesellschaften, wo das nicht so eine wirkliche Relevanz hat.

Sprecher 1: Zum Beispiel in asiatischen Ländern, in denen eher Wert auf sozialen Zusammenhang und Harmonie gelegt wird.

Musikakzent

Sprecher 1: Nach Anerkennung streben wir alle, aber nur wenige Menschen werden echte Hochstapler. Was treibt sie auf diese schiefe Bahn? Jürgen Margraf, Psychologieprofessor an der Ruhr-Universität Bochum, sieht zwei Gründe. Der erste heißt: Hochstapler sind oft Narzissten.

O-Ton 8 Margraf: Narzissmus heißt, Sie haben eine übertriebene Selbstliebe und eine sehr unkritische Haltung zu sich selbst. Und sie haben ein extremes Bedürfnis nach Anerkennung und Beifall, Applaus. Und dieses kann auch nicht einfach befriedigt werden dadurch, dass sie einmal richtig Anerkennung bekommen, sondern sie brauchen es immer wieder. Die Annahme dahinter ist natürlich, dass sie ein zutiefst unsicherer Mensch sind und dass das deswegen nicht reicht, wenn man ihnen jetzt mal Applaus gibt.

Das müssen sie halt immer wieder haben.

Sprecher 1: Der zweite Grund: Erfolgreiche Hochstapeleien können süchtig machen.

O-Ton 9 Margraf: Wenn Sie eine richtig tolle, positive Erfahrung machen, dann reagiert der Körper genauso wie wenn sie eine Suchtdroge zu sich nehmen, sie haben diese Endorphinausschüttung und das ist ein tolles Gefühl, das wollen sie wieder haben. Und da gibt es halt leider diese Entwicklung, dass sich das abschwächt, sie brauchen mehr desselben, um den gleichen Effekt zu haben.

Sprecher 1: Manche Hochstapler planen nach Ansicht von Jürgen Margraf ihre Karriere daher gar nicht gezielt, sondern geraten über bestimmte Situationen ins falsche Fahrwasser.

Zum Beispiel über eine Bewerbung oder wenn andere Menschen nervig von sich prahlen.

O-Ton 10 Margraf: Dann schwindelt man selbst vielleicht ein bisschen, man stellt sich ein bisschen besser dar als man ist. Und stellen sie sich vor, sie kommen damit durch und stellen fest, die anderen akzeptieren das. Dann werden sie vielleicht ein bisschen mutiger.

Oder aber auch eine Lüge zieht die nächste nach sich, sie kommen da jetzt nicht mehr raus und werden getrieben. Es gibt beide Fälle. Es gibt Leute, die dann nachher beschreiben „Oh, ich bin jetzt froh, dass ich da endlich raus bin aus diesem Lügengebäude“. Aber es gibt andere, die sagen „Nein, das war wunderbar und ich habe so viel Anerkennung bekommen und ich habe auch, finde ich habe das gut gemacht, eigentlich verdiene ich das“.

Sprecher 1: Und die andere Seite, die Menschen mit dem Hochstapler-Phänomen? Es wird auch Hochstapler-Selbstkonzept oder – englisch – Impostor-Phenomenon genannt.

Musikakzent 2 (absteigende Tonfolge) kurz frei, dann unterlegen Musik 2

O-Ton 11 Magnet: Das war ich glaube vor drei Jahren.

Sprecher 2: Die Münchner Autorin, Journalistin und Lyrikerin Sabine Magnet stößt eher per Zufall darauf, dass auch das Gegenteil des Hochstapelns existiert. Und kommt sich dabei allmählich selbst auf die Schliche.

O-Ton 12 Magnet: Meine Freundin Nina und ich telefonierten und sie ist eine sehr tolle Fotografin und sie hatte gerade eine Fotostrecke in einem sehr renommierten Magazin veröffentlicht, die ich gesehen hatte und die ich unfassbar berührend fand und ich habe sie dazu beglückwünscht und sie meinte aber die ganze Zeit so abwehrend eigentlich: Naja, das Licht war halt gut, die Leute waren halt nett.

Sprecher 2: Noch kennt Sabine Magnet den Namen des Phänomens nicht.

O-Ton 13 Magnet: Und unserer Diskussion, unser Gespräch wurde immer heftiger und irgendwann meinte ich: Ja sag einmal, was ist denn eigentlich mit uns los, dass wir diese Komplimente nicht annehmen können. Und dann wurde es ganz still in der Leitung und sie meinte so ein bisschen leise zu mir, als könnte da jemand mithören: weißt du Sabine, manchmal habe ich Angst, dass die herausfinden, dass ich nur bluffe.

Sprecher 2: Sabine Magnet fühlte sich irgendwie selbst tief getroffen und beginnt über das Phänomen zu recherchieren. Am Ende steht ihr Buch „Und was, wenn alle merken, dass ich gar nichts kann? Über die Angst, nicht genug zu sein.“

O-Ton 14 Magnet: Und erst im Laufe der Recherche fing es dann so an, dass ich gedacht habe, oh ja, das kenne ich: das bin ich! Also sowas wie diese ganzen Ausreden, die man findet, sowas wie „Naja klar haben die mir jetzt diesen Job gegeben, die finden mich halt

nett (lacht). Oder auch die Art und Weise wie man mit dieser Angst, und das ist im Endeffekt Angst ja, umgeht, da habe ich mich wiedergefunden.

Musik 2: Schlussakkord frei, dann weg

Sprecher 1: Das Hochstapler-Phänomen haben Menschen, die erfolgreich sind, ihren Erfolg aber nicht auf ihre Leistung zurückführen, sondern auf Zufälle, Glück oder andere Umstände. Sie glauben, dass sie ihren Erfolg nicht verdient haben und leben in der ständigen Angst, als Hochstaplerinnen oder Hochstapler enttarnt zu werden. Die Psychologie-Professorin Sonja Rohrmann von der Universität Frankfurt geht davon aus, dass die Betroffenen ein verzerrtes Selbstbild haben, weil sie ihre Leistung und ihren Erfolg falsch wahrnehmen.

O-Ton 15 Rohrmann: Dass sie extrem hohe Maßstäbe an sich stellen und sich immer nur nach oben orientieren, nie nach unten orientieren und denken „Oh ich bin aber besser als der und der“, sondern immer gucken, wer kann vielleicht doch noch mehr und an diesem Maßstab dann quasi immer scheitern.

Musik 2: unterlegen

O-Ton 16 Magnet: Man denkt, ich bin die Einzige, der es so geht. Ich bin nicht gut, alle anderen haben es total raus, wie es funktioniert, egal ob mit dem Job oder mit dem Leben so an sich. Also das war in der Pubertät schon teilweise so, dass ich so eine coole Freundin hatte und immer dachte, wenn die jetzt mal richtig rausfindet, wie ich jetzt so wirklich bin, dann verabschiedet die sich auch.

Musik 2: Schlussakkord frei, dann weg

Sprecher 1: Umfragen besagen, dass etwa ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte vom Hochstaplerphänomen betroffen ist. Sonja Rohrmann bestätigt diese verblüffende Zahl nicht nur, sie toppt sie sogar. Sonja Rohrmann non solo conferma questo numero sorprendente, ma lo supera anche.

O-Ton 17 Rohrmann: Das ist richtig, genau. Und man weiß, dass es auch unter Wissenschaftlern besonders breit verbreitet ist, dass man sagt, so etwa 70 % auch der Wissenschaftler haben das und insbesondere junge Wissenschaftler sind auch stark betroffen, insbesondere eben Menschen, die höher qualifiziert sind. Aber gerade da, wo das Wissen oder Erfolg nicht so richtig greifbar ist und auch oft eine größere Sicherheit suggeriert werden muss als man vielleicht selber empfindet, die Menschen empfinden das besonders stark.

Sprecher 1: Auch bekannte Schauspielerinnen wie Jodie Forster, Kate Winslet oder Emma Watson haben öffentlich gemacht, dass sie mit dem Phänomen zu kämpfen haben.

Aber natürlich betrifft es auch Menschen in alltäglicheren Berufen, die es verschweigen oder oft gar nicht wissen, um was es sich handelt. Als das Phänomen Ende der siebziger Jahre erstmals in den USA beschrieben wurde, hieß es noch, dass vor allem Frauen darunter leiden. Sonja Rohrmann kann das aber nicht bestätigen.

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