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SWR2 Wissen, "Mag ich nicht!" – Wie Kinder essen lernen (2)

"Mag ich nicht!" – Wie Kinder essen lernen (2)

Sprecher: Der Psychologe Markus Wilken ist darauf spezialisiert, vor allem Babys und Kleinkinder wieder von der Sonde zu entwöhnen und ihnen das Essen beizubringen. Etwa fünf bis siebentausend Kinder vor allem im Alter von ein bis drei Jahren werden allein in Deutschland per Sonde ernährt, schätzt er beim Gespräch per Videochat.

Hauptsächlich sind es Kinder mit Fehlbildungen des Herzens, der Speiseröhre oder extrem unreife Frühgeborene, aber auch Kinder mit neurologischen Grunderkrankungen und Schluckstörungen. Als Therapeut muss Markus Wilken dann herausfinden, warum das Kind nichts essen möchte. Mit dem Weglassen der Sonde alleine ist es jedenfalls nicht getan.

OT 16: Markus Wilken: Das Problem, was zur Nahrungsverweigerung geführt hat, ist aber noch nicht gelöst. Und sobald man die Sonde zieht oder aufhört zu sondieren, essen die Kinder nicht von sich aus dann die Menge, die man denkt, die die Kinder brauchen oder trinken so viel Flüssigkeit. Das heißt, in dem Moment, wo man die

Sonde aussetzt, erzeugt man dasselbe Problem wie vorher: nämlich dann hat man weiterhin Nahrungsverweigerung, weiterhin ein abnehmendes Gewicht und muss dann wieder die Sonde legen und das setzt sich dann ewig fort.

Sprecher: Markus Wilken, der zum „Essverhalten Frühgeborener“ promoviert hat, gehörte während seiner Ausbildung an der Universitätsklinik Graz zu jenem interdisziplinären Team, das Ende der 90er Jahre mit seiner Forschungsarbeit zur Entstehung des Konzepts NoTube führte. NoTube, zu Deutsch „Keine Sonde“, unterhält heute in Graz eine der bekanntesten Esslernschulen Europas, die auf Sondenentwöhnung spezialisiert sind. An diese Erfahrung knüpft Markus Wilken mit seinem Institut für Sondenentwöhnung in Mühlheim an der Ruhr an. Dabei hat er sich vor allem auf Hausbesuche verlegt.

Atmo: AT 03 kurz freistehen lassen

Sprecher: Um ein besseres Bild von der Situation zu vermitteln, zeigt der Psychologe ein Video, das ihm die Eltern eines Jungen geschickt haben.

OT 17: Markus Wilken Ja, wir sehen ein ungefähr zwölf Monate altes Kind. Mit einer nasogastrischen Sonde, was in einer Wippe liegt und wenn ihm der Löffel angeboten wird, die Lippen zusammenpresst und den Kopf ganz schnell nach rechts und links bewegt und sehr unruhig ist. Das ist so eine ganz typische Variante, dass das Kind nicht weiß, was es machen soll.

Sprecher: Die Mutter bietet dem Jungen Brei an, aber das Kind reagiert sehr ablehnend. Es greift nach dem Löffel, um ihn loszuwerden, schlägt gegen die Flasche, damit die Mutter aufhört, ihn zu füttern.

OT 18: Markus Wilken: [OC Es tut alles, um klar zu machen, das möchte ich nicht. Das will ich nicht, das ist jetzt nicht das richtige für mich. Ende OC] Im Grunde ist das Signal, was das Kind uns sendet: Hör auf! Und das Bedürfnis, was das Kind im Moment hat, ist sich selber zu schützen.

[OC

Sprecher: Die Abwehr gilt weniger Löffel oder Flasche, klärt Markus Wilken auf. Vielmehr hat es mit dem schweren Herzfehler zu tun, infolgedessen das Baby lange auf der Intensivstation war.

OT 19: Markus Wilken: Ein kleines Faktum dazu. Ein durchschnittliches Frühgeborenes, da wissen wir das am genauesten, hat etwa 50 bis 100 negative Erfahrungen pro Tag.

Das heißt hundertmal oder 50-mal eine Blutentnahme, Wickeln - Aber halt auch viele Eingriffe sind im Oralbereich, das heißt es wird abgesaugt, es wird intubiert. Und das Nichtessen ist oft ein Ausdruck davon, dass das Kind versucht, sich zu schützen.

Und es ist die Angst, dass es noch einmal wiederkommt, dass noch mal jemand mir wieder weh tut. Ende OC]

Sprecher: Aber was bedeuten diese Reaktionen für die Eltern? Wenn jedes Mal, wenn sie den Löffel rausholen, sich ihr Kind wegdreht, nicht mehr erreichbar ist? Hat man dann auch als Elternteil selber Angst vor dem Füttern?

OT 20: Markus Wilken: [OC Wenn man dem Ganzen gegenübersieht und jemand schrickt zurück, da ist ja immer die Frage wovor? Und Ende OC] es ist schwer, das nicht zu sehen als: „Er hat Angst vor mir! Er wendet sich von mir ab. Er dreht sich von mir weg!“ Das ist von außen betrachtet leicht zu sehen, okay, das hat jetzt mit dem Löffel zu tun, nichts mit der Mutter. Nur für die Mutter ist das in dem Moment nicht sichtbar. Und das ist halt immer ein Stich ins Herz.

Sprecher: Markus Wilken muss also das Kind therapieren und die Eltern stärken. Der Psychotherapeut zeigt ein zweites Video mit einem anderen Jungen. Auch hier sieht man, wie dieses Kind sich weigert, von seiner Mutter gefüttert zu werden. Einen Tag später zeigt er schon eine ganz andere Reaktion auf die Fütterversuche der Mutter.

Atmo: AT 04

OT 21: Markus Wilken: Man sieht ja im zweiten Video deutlich, wie die Augen irgendwie erst einmal groß werden, so „Oh, da bin ich jetzt sehr skeptisch! Da könnte es auch sein, dass ich wieder Angst bekomme?“ Und sie erstmal mit ihm wieder in Kontakt geht, ihn anguckt und sagt „guck mal, ist doch eigentlich nur ein Löffel, ist nichts Schlimmes, es passiert dir nichts“ und ihn damit wieder ein bisschen runterfährt. Und damit schafft sie wieder die bessere Ausgangsbasis für die nächsten 10 Sekunden. Und damit wieder für die nächsten 10 Sekunden und dann wieder für die nächsten 10 Sekunden.

Sprecher: Denn Essen lernen, betont Markus Wilken, geht in diesen Fällen nur in kleinen Schritten.

OT 22: Markus Wilken: Es geht nicht darum, in einem Rahmen zu denken, wo man denkt, am Ende der Mahlzeit muss die Schüssel leer sein, sondern es geht darum, von Löffel zu Löffel zu denken.

Sprecher: Nicht immer zeigt sich ein Erfolg so schnell. Aber darum geht es für Markus Wilken auch gar nicht. Vielmehr gilt: Vertrauen schaffen, ruhig bleiben, Kontakt halten. Das kann ruhig auch spielerisch sein: Ein Tropfen Brei auf die Nase geben, mal die Lippen mit dem heranfliegenden Löffel kurz berühren. Dabei viel Geduld aufbringen und die Signale des Kindes beachten.

OT 23: Markus Wilken: Wir denken ja gerne in längeren Zeitabständen. Also in Stunden, in Tagen. Und Babys denken in 10 Sekunden. Also unsere Therapieeinheiten sind 10 Sekunden lang, weil sich alle 10 Sekunden das Bedürfnis, das Interesse, die Neugierde verändert. Und je mehr man quasi weit weg ist im Sinne von „Du musst jetzt die Schlüssel leer essen, dann können wir nämlich irgendwann die Sonde rausziehen!“, desto weniger ist man beim Baby, desto weniger ist man im Kontakt.

Desto weniger ist man in der Situation und desto weniger klappt es auch.

Regie: Musikakzent

Sprecher: Vieles von dem, was der Spezialist für Sondenentwöhnung beschreibt, könnte für Hebamme Eva Woltmann auch für das Essen mit Kindern im Alltag gelten: Vertrauen zu den Kindern haben, keinen Zwang ausüben, eine entspannte und freudige Atmosphäre schaffen. Doch hier hapert es oft bei vielen Eltern, beobachtet sie.

OT 24: Eva Woltmann: Also das Thema „Essen“, ob es jetzt das Stillen ist oder Beikost, ist geprägt von, ich finde viel Unsicherheit und versuche den Eltern eher beizubringen, wirklich die Signale des Kindes zu lesen, sich das Kind anzuschauen und nicht auf die Milchmenge nur zu achten, auch gerade bei Flaschenkindern: ‚Hat es jetzt 30 oder 40 Milliliter bei dieser Mahlzeit getrunken‘. Sondern wie sieht es denn aus danach? Sieht es zufrieden aus? Ist es entspannt? Weil das, das können viele Eltern nicht mehr. Also es gibt mittlerweile wirklich ganz viel Anschauungsmaterial auch zu Babysignalen, wie Babys sprechen und was diese Signale bedeuten. Weil das vielen Erwachsenen abhandenkommt.

Sprecher: Das zeigt auch ein Blick in die sozialen Medien. Da wird jede Kleinigkeit in der Entwicklung der Kinder - tut sich was, tut sich nichts - geteilt, gepostet und geliket. Seit kurzem ist hier BLW Thema: Baby-led Weaning, zu Deutsch „Babygesteuertes Abstillen“. Mit anderen Worten: Das Kind kann selbst bestimmen, ab wann es welche Beikost ausprobieren will. Heute lieber Avocado, weiche Birne oder doch gekochte Süßkartoffel? Das Kind entscheidet selbst. Brei jedenfalls gibt es keinen. Auch hier ist die Unsicherheit groß: Weiß denn das Kind instinktiv, welche Nährstoffe ihm gerade fehlen und greift es dann automatisch zu den richtigen Lebensmitteln? Die Antworten fallen unterschiedlich aus: Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt vor möglichem Eisenmangel. Nora Imlau, Stillberaterin und Fachjournalistin für Familienthemen, vertritt in ihrem Blog eine andere Auffassung:

Zitatorin: Babys haben ein angeborenes gesundes Gefühl dafür, wann sie feste Kost brauchen und welche Lebensmittel ihnen in welcher Menge guttun. [OC So konnte die Ärztin Clara Davis schon vor über 100 Jahren nachweisen, dass Babys angesichts einer Auswahl gesunder, ursprünglicher Lebensmittel sich intuitiv optimal ernähren. Ende OC] Auf diese Kompetenz können Eltern grundsätzlich auch heute vertrauen.

Sprecher: Nora Imlau, die eine gefragte Familienexpertin in Deutschland ist, weist jedoch bei der breifreien Ernährung auch darauf hin:

Zitatorin: Eine sorgfältige Gewichtskontrolle bei den U-Untersuchungen sowie ein achtsamer Blick auf den Gesamtzustand des Kindes sind wichtig, um mögliche Mangelerscheinungen erkennen zu können.

Sprecher: Doch über die im Netz oft sehr einseitig geführten Diskussionen um die richtige Menge an Mineralien und Vitaminen, wird für Ernährungswissenschaftlerinnen wie Edith Gätjen ein anderer Aspekt meist völlig vernachlässigt: Der Unterschied zwischen Ernährung und Essen.

OT 25: Edith Gätjen: Das eine ist das was und dafür interessieren sich ganz viele. Und ist ja erst mal einfacher. Einfach sich um die Nährstoffe zu kümmern: Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralstoffe - Da gibt es ohne Ende wirklich Fortbildungen und eben auch Pläne und Bücher und alles. [OC Über das, was Kinder, wenn sie ein Frühchen sind, über das, was Kinder, wenn sie größer sind, kranke Kinder, egal wer - was sie alles essen sollen Ende OC]. Aber um das wie, dass Essen ein Lernprozess ist, dass Essen Beziehung ist, dass Essen Kommunikation ist, das ist etwas, da wird eben nicht so viel drüber gesprochen. Dass eben Essen mehr ist als Ernährung.

Sprecher: Edith Gätjen hat mehrere Ratgeber darüber geschrieben, wie Kinder essen lernen. Sie sagt: Zur Kommunikation zwischen Eltern und Kindern gehört der Perspektivwechsel und das Einsehen, dass Kinder Essen anders erleben als Erwachsene. Weshalb sie auch des Öfteren mit ihrem Essen „flirten“ und zum Beispiel eine Kartoffel in die Hand nehmen, sie beschnuppern und austesten, was passiert, wenn sie sie fallen lassen – ohne wirklich probiert zu haben. Da, so Edith Gätjen, läuft der Flirt einfach über die Augen und schafft Vertrauen.

OT 26: Edith Gätjen: [OC Also ein Flirt ist unverbindlich. Da kommt man nicht auf die Idee, dass man da schon quasi eine Verabredung macht und eine Verabredung wäre ja:

„Okay, ich nehm‘ von dem Essen und leg‘ etwas auf meinem Teller“. Ja, und ob dann eine Beziehung daraus wird, weiß man bei einem Flirt auch nicht. Ende OC]

Das heißt den Kindern die Möglichkeit zu geben, über die Sinne die Lebensmittel wirklich erst mal kennenzulernen. Das Unverbindlichste ist das Auge, dann kommt

das Ohr, dann kommt eben irgendwann auch das Fühlen und auch der Geruch. Und am Schluss kommt dann erst Fühlen im Mund und eben auch Hören im Mund und dann kommt erst das Schmecken.

Sprecher: Kinder haben, so Edith Gätjen, ein Recht auf Mitbestimmung, wenn es darum geht, was und wie viel sie essen wollen. Allerdings in Grenzen, denn die Eltern sollten bestimmen, was auf den Tisch kommt. Mal Gummibärchen und Pommes sind ok. Aber Kinder müssen mit der Zeit lernen, gegen die eigene biologisch-genetische Programmierung zu handeln. Was mal vor Urzeiten überlebenswichtig war: Süßes und Fettes in großen Mengen und möglichst schnell zu essen – denn man wusste ja nie, wann man dabei von Konkurrenten gestört wurde – würde heute vor allem zu Übergewicht führen. Laut einer Studie des Robert-Koch-Institutes ist mehr als jedes siebte Kind in Deutschland übergewichtig. Bestimmte Mahnungen sollten sich Erwachsene allerdings trotzdem verkneifen, findet die Ernährungsexpertin.

OT 27: Edith Gätjen: Es gibt nach wie vor diesen Satz, der auch noch ganz viel in Kita in Schule und in vielen Familien gilt: ‚Bevor du nicht einmal probiert hast, kannst du nicht sagen, dass es dir nicht schmeckt. Dieser Satz, den gibt es für mich nicht. Den finde ich übergriffig. Kindern zu sagen, sie müssten etwas in den Mund stecken. Das heißt Kinder müssen die Möglichkeit haben erst mal nur zu flirten. Und der Teller ist privat, der Mund ist intim, da hat niemand anderes was zu suchen.

Sprecher: Zwang, unterstreicht Ernährungsexpertin Edith Gätjen die Kinderrechte am Esstisch, ist kein gutes Mittel. Ebenso wenig wie die Vorstellung, Kinder möglichst schnell und unaufwendig „abzufüttern“. Denn so wird für die vierfache Mutter und Systemische Therapeutin, die Edith Gätjen auch ist, nur der körperliche, nicht aber seelische Hunger gestillt. Denn Kinder wie Erwachsene haben zweierlei Hunger:

OT 28: Edith Gätjen: Wir haben einmal den physiologischen Hunger: Da geht es darum, Energie und Nährstoffe aufzunehmen. Und wir haben den emotionalen Hunger. Und hier ist die psychologische, soziale und pädagogische Bedeutung einer Mahlzeit wichtig. Und im Prozess „Stillen“ werden beide Hunger gleichzeitig, mit dem gleichen Akt sozusagen eben befriedigt.

Sprecher: Wie aber können beide Arten von Hunger später auch noch gestillt werden?

OT 29: Edith Gätjen: Ab dem ersten Lebensjahr, wenn ein Kind dann mehr und mehr am Familientisch isst, dann ist es so, wird der physiologische Hunger über das, was auf dem Teller ist, gesättigt. Und der emotionale Hunger über Kontakt und Kommunikation. Und nur dann, wenn beides da ist, haben wir das Gefühl: ‚Okay, ich bin wirklich satt‘.

Atmo: AT 01 Familie Woltmann: Es gibt heute grünen Spargel und Kartoffeln, ok? – Nein ich mag das nicht? Aber du kannst mal probieren bitte. Probierst du mal Spargel

– Ja. - Ein bisschen nur? - Ja – Das ist toll.

Sprecher: Frisch gebackene Mütter, das nimmt Hebamme Eva Woltmann im Rahmen ihrer Arbeit zunehmend wahr, legen die Latte für die eigenen Ansprüche mitunter sehr hoch, wenn es um eine gute und gesunde Ernährung ihrer Kinder geht. Manchmal auch zu hoch. Das aber ist gar nicht nötig.

OT 30: Eva Woltmann: Also man kann sich ja heute mit Informationen überladen und ich glaube viele blicken nicht mehr durch, was das wesentlich Wichtige jetzt ist und wollen dann allen Dingen gerecht werden und allen Anforderungen gerecht werden. Das schafft ja keine Mama – und das braucht man ja auch nicht. Man soll ja nicht perfekt sein, sondern man soll ja gut genug sein für die Kinder. Und das versuch ich auch zu vermitteln.

Collage 01 Eltern und Kinder beim Essen Regie: Bitte entsprechend einkürzen und schneiden, nach Mmh & Lachen dann raus Ich will Kinderschokolade – Nein, erst wenn Du Deinen Teller aufgegessen hast // Ich habe Nudelhunger // Schmeckt der Spinat, ist der gut? – Mmh, mmh (Lachen)



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"Mag ich nicht!" – Wie Kinder essen lernen (2)

Sprecher: Der Psychologe Markus Wilken ist darauf spezialisiert, vor allem Babys und Kleinkinder wieder von der Sonde zu entwöhnen und ihnen das Essen beizubringen. Etwa fünf bis siebentausend Kinder vor allem im Alter von ein bis drei Jahren werden allein in Deutschland per Sonde ernährt, schätzt er beim Gespräch per Videochat.

Hauptsächlich sind es Kinder mit Fehlbildungen des Herzens, der Speiseröhre oder extrem unreife Frühgeborene, aber auch Kinder mit neurologischen Grunderkrankungen und Schluckstörungen. Als Therapeut muss Markus Wilken dann herausfinden, warum das Kind nichts essen möchte. Mit dem Weglassen der Sonde alleine ist es jedenfalls nicht getan.

OT 16: Markus Wilken: Das Problem, was zur Nahrungsverweigerung geführt hat, ist aber noch nicht gelöst. Und sobald man die Sonde zieht oder aufhört zu sondieren, essen die Kinder nicht von sich aus dann die Menge, die man denkt, die die Kinder brauchen oder trinken so viel Flüssigkeit. Das heißt, in dem Moment, wo man die

Sonde aussetzt, erzeugt man dasselbe Problem wie vorher: nämlich dann hat man weiterhin Nahrungsverweigerung, weiterhin ein abnehmendes Gewicht und muss dann wieder die Sonde legen und das setzt sich dann ewig fort.

Sprecher: Markus Wilken, der zum „Essverhalten Frühgeborener“ promoviert hat, gehörte während seiner Ausbildung an der Universitätsklinik Graz zu jenem interdisziplinären Team, das Ende der 90er Jahre mit seiner Forschungsarbeit zur Entstehung des Konzepts NoTube führte. NoTube, zu Deutsch „Keine Sonde“, unterhält heute in Graz eine der bekanntesten Esslernschulen Europas, die auf Sondenentwöhnung spezialisiert sind. An diese Erfahrung knüpft Markus Wilken mit seinem Institut für Sondenentwöhnung in Mühlheim an der Ruhr an. Dabei hat er sich vor allem auf Hausbesuche verlegt.

Atmo: AT 03 kurz freistehen lassen

Sprecher: Um ein besseres Bild von der Situation zu vermitteln, zeigt der Psychologe ein Video, das ihm die Eltern eines Jungen geschickt haben.

OT 17: Markus Wilken Ja, wir sehen ein ungefähr zwölf Monate altes Kind. Mit einer nasogastrischen Sonde, was in einer Wippe liegt und wenn ihm der Löffel angeboten wird, die Lippen zusammenpresst und den Kopf ganz schnell nach rechts und links bewegt und sehr unruhig ist. Das ist so eine ganz typische Variante, dass das Kind nicht weiß, was es machen soll.

Sprecher: Die Mutter bietet dem Jungen Brei an, aber das Kind reagiert sehr ablehnend. Es greift nach dem Löffel, um ihn loszuwerden, schlägt gegen die Flasche, damit die Mutter aufhört, ihn zu füttern.

OT 18: Markus Wilken: [OC Es tut alles, um klar zu machen, das möchte ich nicht. Das will ich nicht, das ist jetzt nicht das richtige für mich. Ende OC] Im Grunde ist das Signal, was das Kind uns sendet: Hör auf! Und das Bedürfnis, was das Kind im Moment hat, ist sich selber zu schützen.

[OC

Sprecher: Die Abwehr gilt weniger Löffel oder Flasche, klärt Markus Wilken auf. Vielmehr hat es mit dem schweren Herzfehler zu tun, infolgedessen das Baby lange auf der Intensivstation war.

OT 19: Markus Wilken: Ein kleines Faktum dazu. Ein durchschnittliches Frühgeborenes, da wissen wir das am genauesten, hat etwa 50 bis 100 negative Erfahrungen pro Tag.

Das heißt hundertmal oder 50-mal eine Blutentnahme, Wickeln - Aber halt auch viele Eingriffe sind im Oralbereich, das heißt es wird abgesaugt, es wird intubiert. Und das Nichtessen ist oft ein Ausdruck davon, dass das Kind versucht, sich zu schützen.

Und es ist die Angst, dass es noch einmal wiederkommt, dass noch mal jemand mir wieder weh tut. Ende OC]

Sprecher: Aber was bedeuten diese Reaktionen für die Eltern? Wenn jedes Mal, wenn sie den Löffel rausholen, sich ihr Kind wegdreht, nicht mehr erreichbar ist? Hat man dann auch als Elternteil selber Angst vor dem Füttern?

OT 20: Markus Wilken: [OC Wenn man dem Ganzen gegenübersieht und jemand schrickt zurück, da ist ja immer die Frage wovor? OT 20: Markus Wilken: [OC Quando affronti l'intera faccenda e qualcuno si tira indietro, c'è sempre la domanda su cosa? Und Ende OC] es ist schwer, das nicht zu sehen als: „Er hat Angst vor mir! Er wendet sich von mir ab. Er dreht sich von mir weg!“ Das ist von außen betrachtet leicht zu sehen, okay, das hat jetzt mit dem Löffel zu tun, nichts mit der Mutter. Nur für die Mutter ist das in dem Moment nicht sichtbar. Und das ist halt immer ein Stich ins Herz.

Sprecher: Markus Wilken muss also das Kind therapieren und die Eltern stärken. Der Psychotherapeut zeigt ein zweites Video mit einem anderen Jungen. Auch hier sieht man, wie dieses Kind sich weigert, von seiner Mutter gefüttert zu werden. Einen Tag später zeigt er schon eine ganz andere Reaktion auf die Fütterversuche der Mutter.

Atmo: AT 04

OT 21: Markus Wilken: Man sieht ja im zweiten Video deutlich, wie die Augen irgendwie erst einmal groß werden, so „Oh, da bin ich jetzt sehr skeptisch! Da könnte es auch sein, dass ich wieder Angst bekomme?“ Und sie erstmal mit ihm wieder in Kontakt geht, ihn anguckt und sagt „guck mal, ist doch eigentlich nur ein Löffel, ist nichts Schlimmes, es passiert dir nichts“ und ihn damit wieder ein bisschen runterfährt. Und damit schafft sie wieder die bessere Ausgangsbasis für die nächsten 10 Sekunden. Und damit wieder für die nächsten 10 Sekunden und dann wieder für die nächsten 10 Sekunden.

Sprecher: Denn Essen lernen, betont Markus Wilken, geht in diesen Fällen nur in kleinen Schritten.

OT 22: Markus Wilken: Es geht nicht darum, in einem Rahmen zu denken, wo man denkt, am Ende der Mahlzeit muss die Schüssel leer sein, sondern es geht darum, von Löffel zu Löffel zu denken.

Sprecher: Nicht immer zeigt sich ein Erfolg so schnell. Aber darum geht es für Markus Wilken auch gar nicht. Vielmehr gilt: Vertrauen schaffen, ruhig bleiben, Kontakt halten. Das kann ruhig auch spielerisch sein: Ein Tropfen Brei auf die Nase geben, mal die Lippen mit dem heranfliegenden Löffel kurz berühren. Dabei viel Geduld aufbringen und die Signale des Kindes beachten.

OT 23: Markus Wilken: Wir denken ja gerne in längeren Zeitabständen. Also in Stunden, in Tagen. Und Babys denken in 10 Sekunden. Also unsere Therapieeinheiten sind 10 Sekunden lang, weil sich alle 10 Sekunden das Bedürfnis, das Interesse, die Neugierde verändert. Und je mehr man quasi weit weg ist im Sinne von „Du musst jetzt die Schlüssel leer essen, dann können wir nämlich irgendwann die Sonde rausziehen!“, desto weniger ist man beim Baby, desto weniger ist man im Kontakt.

Desto weniger ist man in der Situation und desto weniger klappt es auch.

Regie: Musikakzent

Sprecher: Vieles von dem, was der Spezialist für Sondenentwöhnung beschreibt, könnte für Hebamme Eva Woltmann auch für das Essen mit Kindern im Alltag gelten: Vertrauen zu den Kindern haben, keinen Zwang ausüben, eine entspannte und freudige Atmosphäre schaffen. Doch hier hapert es oft bei vielen Eltern, beobachtet sie.

OT 24: Eva Woltmann: Also das Thema „Essen“, ob es jetzt das Stillen ist oder Beikost, ist geprägt von, ich finde viel Unsicherheit und versuche den Eltern eher beizubringen, wirklich die Signale des Kindes zu lesen, sich das Kind anzuschauen und nicht auf die Milchmenge nur zu achten, auch gerade bei Flaschenkindern: ‚Hat es jetzt 30 oder 40 Milliliter bei dieser Mahlzeit getrunken‘. Sondern wie sieht es denn aus danach? Sieht es zufrieden aus? Ist es entspannt? Weil das, das können viele Eltern nicht mehr. Also es gibt mittlerweile wirklich ganz viel Anschauungsmaterial auch zu Babysignalen, wie Babys sprechen und was diese Signale bedeuten. Weil das vielen Erwachsenen abhandenkommt.

Sprecher: Das zeigt auch ein Blick in die sozialen Medien. Da wird jede Kleinigkeit in der Entwicklung der Kinder - tut sich was, tut sich nichts - geteilt, gepostet und geliket. Seit kurzem ist hier BLW Thema: Baby-led Weaning, zu Deutsch „Babygesteuertes Abstillen“. Mit anderen Worten: Das Kind kann selbst bestimmen, ab wann es welche Beikost ausprobieren will. Heute lieber Avocado, weiche Birne oder doch gekochte Süßkartoffel? Das Kind entscheidet selbst. Brei jedenfalls gibt es keinen. Auch hier ist die Unsicherheit groß: Weiß denn das Kind instinktiv, welche Nährstoffe ihm gerade fehlen und greift es dann automatisch zu den richtigen Lebensmitteln? Die Antworten fallen unterschiedlich aus: Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt vor möglichem Eisenmangel. Nora Imlau, Stillberaterin und Fachjournalistin für Familienthemen, vertritt in ihrem Blog eine andere Auffassung:

Zitatorin: Babys haben ein angeborenes gesundes Gefühl dafür, wann sie feste Kost brauchen und welche Lebensmittel ihnen in welcher Menge guttun. [OC So konnte die Ärztin Clara Davis schon vor über 100 Jahren nachweisen, dass Babys angesichts einer Auswahl gesunder, ursprünglicher Lebensmittel sich intuitiv optimal ernähren. Ende OC] Auf diese Kompetenz können Eltern grundsätzlich auch heute vertrauen.

Sprecher: Nora Imlau, die eine gefragte Familienexpertin in Deutschland ist, weist jedoch bei der breifreien Ernährung auch darauf hin:

Zitatorin: Eine sorgfältige Gewichtskontrolle bei den U-Untersuchungen sowie ein achtsamer Blick auf den Gesamtzustand des Kindes sind wichtig, um mögliche Mangelerscheinungen erkennen zu können.

Sprecher: Doch über die im Netz oft sehr einseitig geführten Diskussionen um die richtige Menge an Mineralien und Vitaminen, wird für Ernährungswissenschaftlerinnen wie Edith Gätjen ein anderer Aspekt meist völlig vernachlässigt: Der Unterschied zwischen Ernährung und Essen.

OT 25: Edith Gätjen: Das eine ist das was und dafür interessieren sich ganz viele. Und ist ja erst mal einfacher. Einfach sich um die Nährstoffe zu kümmern: Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralstoffe - Da gibt es ohne Ende wirklich Fortbildungen und eben auch Pläne und Bücher und alles. [OC Über das, was Kinder, wenn sie ein Frühchen sind, über das, was Kinder, wenn sie größer sind, kranke Kinder, egal wer - was sie alles essen sollen Ende OC]. Aber um das wie, dass Essen ein Lernprozess ist, dass Essen Beziehung ist, dass Essen Kommunikation ist, das ist etwas, da wird eben nicht so viel drüber gesprochen. Dass eben Essen mehr ist als Ernährung.

Sprecher: Edith Gätjen hat mehrere Ratgeber darüber geschrieben, wie Kinder essen lernen. Sie sagt: Zur Kommunikation zwischen Eltern und Kindern gehört der Perspektivwechsel und das Einsehen, dass Kinder Essen anders erleben als Erwachsene. Weshalb sie auch des Öfteren mit ihrem Essen „flirten“ und zum Beispiel eine Kartoffel in die Hand nehmen, sie beschnuppern und austesten, was passiert, wenn sie sie fallen lassen – ohne wirklich probiert zu haben. Da, so Edith Gätjen, läuft der Flirt einfach über die Augen und schafft Vertrauen.

OT 26: Edith Gätjen: [OC Also ein Flirt ist unverbindlich. Da kommt man nicht auf die Idee, dass man da schon quasi eine Verabredung macht und eine Verabredung wäre ja:

„Okay, ich nehm‘ von dem Essen und leg‘ etwas auf meinem Teller“. Ja, und ob dann eine Beziehung daraus wird, weiß man bei einem Flirt auch nicht. Ende OC]

Das heißt den Kindern die Möglichkeit zu geben, über die Sinne die Lebensmittel wirklich erst mal kennenzulernen. Das Unverbindlichste ist das Auge, dann kommt

das Ohr, dann kommt eben irgendwann auch das Fühlen und auch der Geruch. Und am Schluss kommt dann erst Fühlen im Mund und eben auch Hören im Mund und dann kommt erst das Schmecken.

Sprecher: Kinder haben, so Edith Gätjen, ein Recht auf Mitbestimmung, wenn es darum geht, was und wie viel sie essen wollen. Allerdings in Grenzen, denn die Eltern sollten bestimmen, was auf den Tisch kommt. Mal Gummibärchen und Pommes sind ok. Aber Kinder müssen mit der Zeit lernen, gegen die eigene biologisch-genetische Programmierung zu handeln. Was mal vor Urzeiten überlebenswichtig war: Süßes und Fettes in großen Mengen und möglichst schnell zu essen – denn man wusste ja nie, wann man dabei von Konkurrenten gestört wurde – würde heute vor allem zu Übergewicht führen. Laut einer Studie des Robert-Koch-Institutes ist mehr als jedes siebte Kind in Deutschland übergewichtig. Bestimmte Mahnungen sollten sich Erwachsene allerdings trotzdem verkneifen, findet die Ernährungsexpertin.

OT 27: Edith Gätjen: Es gibt nach wie vor diesen Satz, der auch noch ganz viel in Kita in Schule und in vielen Familien gilt: ‚Bevor du nicht einmal probiert hast, kannst du nicht sagen, dass es dir nicht schmeckt. Dieser Satz, den gibt es für mich nicht. Den finde ich übergriffig. Kindern zu sagen, sie müssten etwas in den Mund stecken. Das heißt Kinder müssen die Möglichkeit haben erst mal nur zu flirten. Und der Teller ist privat, der Mund ist intim, da hat niemand anderes was zu suchen.

Sprecher: Zwang, unterstreicht Ernährungsexpertin Edith Gätjen die Kinderrechte am Esstisch, ist kein gutes Mittel. Ebenso wenig wie die Vorstellung, Kinder möglichst schnell und unaufwendig „abzufüttern“. Denn so wird für die vierfache Mutter und Systemische Therapeutin, die Edith Gätjen auch ist, nur der körperliche, nicht aber seelische Hunger gestillt. Denn Kinder wie Erwachsene haben zweierlei Hunger:

OT 28: Edith Gätjen: Wir haben einmal den physiologischen Hunger: Da geht es darum, Energie und Nährstoffe aufzunehmen. Und wir haben den emotionalen Hunger. Und hier ist die psychologische, soziale und pädagogische Bedeutung einer Mahlzeit wichtig. Und im Prozess „Stillen“ werden beide Hunger gleichzeitig, mit dem gleichen Akt sozusagen eben befriedigt.

Sprecher: Wie aber können beide Arten von Hunger später auch noch gestillt werden?

OT 29: Edith Gätjen: Ab dem ersten Lebensjahr, wenn ein Kind dann mehr und mehr am Familientisch isst, dann ist es so, wird der physiologische Hunger über das, was auf dem Teller ist, gesättigt. Und der emotionale Hunger über Kontakt und Kommunikation. Und nur dann, wenn beides da ist, haben wir das Gefühl: ‚Okay, ich bin wirklich satt‘.

Atmo: AT 01 Familie Woltmann: Es gibt heute grünen Spargel und Kartoffeln, ok? – Nein ich mag das nicht? Aber du kannst mal probieren bitte. Probierst du mal Spargel

– Ja. - Ein bisschen nur? - Ja – Das ist toll.

Sprecher: Frisch gebackene Mütter, das nimmt Hebamme Eva Woltmann im Rahmen ihrer Arbeit zunehmend wahr, legen die Latte für die eigenen Ansprüche mitunter sehr hoch, wenn es um eine gute und gesunde Ernährung ihrer Kinder geht. Manchmal auch zu hoch. Das aber ist gar nicht nötig.

OT 30: Eva Woltmann: Also man kann sich ja heute mit Informationen überladen und ich glaube viele blicken nicht mehr durch, was das wesentlich Wichtige jetzt ist und wollen dann allen Dingen gerecht werden und allen Anforderungen gerecht werden. Das schafft ja keine Mama – und das braucht man ja auch nicht. Man soll ja nicht perfekt sein, sondern man soll ja gut genug sein für die Kinder. Und das versuch ich auch zu vermitteln.

Collage 01 Eltern und Kinder beim Essen Regie: Bitte entsprechend einkürzen und schneiden, nach Mmh & Lachen dann raus Ich will Kinderschokolade – Nein, erst wenn Du Deinen Teller aufgegessen hast // Ich habe Nudelhunger // Schmeckt der Spinat, ist der gut? – Mmh, mmh (Lachen)

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