Flucht-Tunnel Bernauer Straße Ost- nach West-Berlin
Berliner Unterwelten e.V. - Fluchttunnel / Tour M - Brunnenstraße / Ecke Bernauer Straße
Dietmar Arnold: Guten Morgen liebe Zuschauer! Wir stehen hier an der Bernauer Straße im ehemaligen Todes-Streifen.
Hier auf dem Posten-Weg fuhren die DDR-Grenzsoldaten mit ihren Trabis.
Heutiges Thema: Flucht-Tunnel - 11 Flucht-Tunnel in der Bernauer Straße, 3 Tunnel waren erfolgreich
Wir stehen über solch einem Tunnel. 2017 bis 2019 haben wir einen 30 Meter langen Besuchertunnel gebaut, der auf einen originalen Tunnel trifft.
Hier sehen Sie den Todes-Streifen. Links: Reste der Hinterland-Mauer - im Todes-Streifen wurde scharf geschossen.
Es gab Wachtürme.
Eigentliche Mauer verlief dort bei den Stahl-Stangen. Die Mauer wurde 1990 abgerissen. Man kann sie noch einige Meter weiter bei der Mauer-Gedenkstätte sehen.
Am 13. August 1961 wurde die Mauer gebaut. Befehl von Walter Ulbricht mit Billigung der Sowjetunion.
DDR-Wirtschaft blutete wegen der Flüchtigen aus. Zu Beginn nur Stacheldraht
kurz darauf: perfekt organisiertes Grenzregime mit ersten Toten - scharfer Schuss - 140 Mauer-Tote in Berlin
Bernauer Straße war Brennpunkt. Südliche Straßenseite war sowjetischer Sektor. Bürgersteigkante war Staatsgrenze der DDR.
Viele haben die Chance genutzt und sind schnell geflohen. Hochparterre war leicht, ab 1. Stock musste man sich abseilen.
Ab 2. Stock half die West-Berliner Feuerwehr mit Sprungtüchern. Es gab etwa 200 Fenster-Sprünge.
Einige sind versehentlich in den Tod gesprungen. Es gab dramatische Situationen.
Ein Drama: 77-jährige Frieda Schulze hatte ihre Katze schon ins Sprungtuch geworfen.
Sie traute sich aber nicht zu springen. Stasi hat ihre Tür aufgebrochen und will sie hochziehen.
2 West-Berliner Studenten halfen ihr und zogen sie ins Sprungtuch.
September 1961: Zwangs-Umsiedlung von etwa 2.000 Mietern durchgeführt von Polizei, Pionieren und Betriebs-Kampfgruppen
Grenzsoldaten und Pioniere haben dabei mit Spiegeln die Kameras der West-Presse geblendet.
Im September 1961 wurden die Fenster zugemauert.
Gedenkstelle für Ida Siekmann - aus dem 3. Stock gsprungen - erste Mauer-Tote
Danach wurden auch ihre Fenster im 3. Stock vermauert.
1965 wurden die leeren Häuser bis zum Erdgeschoss abgerissen und als Vorderland-Mauer verwendet.
Das war so bis Anfang der 1980er Jahre. Danach wurde die Mauer modernisiert.
Endausbau der Berliner Mauer 1984 - Aufnahme stammt von einem französischen Aufklärungsflug.
Links: französischer Sektor - rechts: sowjetischer Sektor - mitte: städtebauliche Zäsur
Wachtürme - 36 Meter breite Bernauer Straße - 80 Meter breiter Todes-Streifen
Hinterland-Mauer: Für den DDR-Bürger war dort die Welt zu Ende.
Postenweg mit Signalzaun - Todes-Streifen mit doppelter Linie Panzersperren gegen Fluchtversuche mit schweren Fahrzeugen
Lampen zur Beleuchtung des Todes-Streifens - Vorderland-Mauer: 3,6 Meter hoch, oben Asbest-Rohre -> Flüchtlinge rutschten dort ab. Ein Fluchtsystem nannte sich 3-Leiter-Modell: Man nutzte 3 Leitern zum Überwinden der Grenzanlage.
1. Leiter für die Hinterland-Mauer, 2 Leitern rübergeworfen, 2. Leiter für Signalzaun, 3. Leiter für die Vorderland-Mauer
Tragische Flucht: Leitern verwechselt, 3. Leiter zu kurz - Eine Frau hat es nicht geschafft und wurde auf der Leiter erschossen.
In den 1980er Jahren ist einem Mann mit selbstgebauten Leitern die Flucht gelungen.
Oberirdisch war es sehr gefährlich. Deshalb unterirdisch:
Über 800 Fluchten durch die Kanalisation - wurde aber bald vergittert
Danach wurden Flucht-Tunnel gegraben.
Tunnelbau ist ein großer Aufwand. Warum hat man das gemacht?
Fluchtmethoden: falscher Pass, Doppelgänger, Pass getauscht, umgebaute Autos
Herausforderung: Kleinkinder - ruhig halten oder "Mama, wir heißen doch gar nicht ..."
Durch den plötzlichen Mauerbau waren 13.000 Familien in Berlin getrennt.
Ehemänner wollten über Tunnel ihre Frauen und Kinder nach West-Berlin holen.
Nachbau eines 145 Meter langen Flucht-Tunnels aus 1964 in Originalgröße. Unser Vereinsmitglied Klaus Köppen wollte seine Tochter Simone und Frau Roswitha in die Freiheit holen.
PVC-Rohr für die Belüftung
Alle paar Meter hing eine Glühlampe. Strom wurde aus dem Keller abgezweigt, von dem aus gegraben wurde.
Dünnes Kabel: Feldtelefon - Kommunikation durfte nicht per "Ej, zieh mal den Schutt raus!" geschehen, sondern ganz leise per Feldtelefon.
Wagen bis zu 120 kg wurde mit Seilen durch den Tunnel gezogen - teilweise über 100 Meter.
Sisyphos-Arbeit: mehrere Monate Arbeit bei ungewissem Ausgang - 2 Meter an guten Tage, 0,5 Meter an weniger guten Tagen
Stabiler Mergelboden mit Findlingen aus der Eiszeit
Steine in der Decke waren gefährlich. Steine im Weg = Umweg graben
Selbsttest: Zeitzeugen vom Tunnel 29 konsultiert und selbst gegraben. Hier: Originaltiefe des Einstiegsschachtes
Zuerst: dreieckiges Profil = Sparen beim Abraum, kurz darauf: Umstellung auf viereckiges Profil wegen der Bewegungsfreiheit
Tunnel 29 sollte eine Länge von 160 Metern haben. Bei 130 Metern war er aber schon erfolgreich, weil ein anderes Haus getroffen wurde.
Am 14./15. September 1962 konnten 29 Menschen inklusive vieler Frauen und Kinder durch diesen Tunnel fliehen.
Gewachsener Lehmboden: Sand würde zusammenbrechen, aber Lehm ist extrem stabil. Deshalb keine Holzabsteifung notwendig.
Abraum musste wegen der Grenzposten unterirdisch entsorgt werden.
Große Keller wurden durch den Abraum plötzlich ganz klein. Formel: Je größer der Keller, desto länger der mögliche Tunnel.
Tiefbrunnen der ehemaligen Oswald-Berliner-Brauerei nahe der Brunnenstraße
Grundwasserspiegel liegt bei etwa 15 Metern. Deshalb konnten die Tunnel tief angelegt werden.
In der Innenstadt mussten die Tunnel höher liegen wegen des deutlich höheren Grundwasserspiegels.
Historischer Ort: Gewölbe der ehemaligen Oswald-Berliner-Brauerei, 1862/1863 gebaut, bis 1918 genutzt
1965/1966 wurde auf Befehl der Stasi der Schutt der abgerissenen Häuser hier hineingeschüttet
Sinn der Aktion war die Verhinderung des Tunnelbaus. Durch Schutt hätte man nicht graben können.
2011 haben wir über 2.000 Kubikmeter per Hand herausgeholt - 700 Kubikmeter allein aus diesem Gewölbe.
Danach haben wir einen Besuchertunnel zu einem Tunnel aus 1970/1971 gegraben.
Der Tunnel war nicht erfolgreich. Kurz vor Fertigstellung war er an die Stasi verraten worden.
Er hat eine Länge von 115 Metern erreicht. Ziel war die Brunnenstraße 142. Der Tunnel war sogar schon unter dem Keller.
2017 bis 2019 haben wir einen Besuchertunnel gegraben: 416 Stahlbeton-Fertigteile, Bodenteile, Seitenteile, Deckenteil.
Wir haben es tatsächlich geschafft, den Original-Flucht-Tunnel zu kreuzen und freizulegen.
Blick in den Tunnel Richtung Ost-Berlin: Nur noch 2,5 Meter nach oben graben und das Ziel wäre erreicht gewesen.
Plötzlich kamen die Grenztruppen mit einem Bagger und haben den Tunnel von oben ausgegraben.
Woher hatte die Stasi die Information? Im Mai 1970 wurde das Tunnel-Ortungssystem 62/10 in Betrieb genommen:
Akustische Überwachung = alle 40 Meter eine 8 Meter tiefe Rohrhülse mit Hochleistungsmikrofonen im Boden
Es wurde nach Grabegeräuschen gelauscht. Dadurch war der Baufortschritt genau zu hören.
In den 1960er Jahren gab es Fallen mit Schießereien, Verletzten und Toten.
Neue Methode: warten, bis der Tunnel mit viel Zeit- und Geldaufwand fast(!) fertiggestellt ist und dann einfach ausgraben.
Bei 2 Flucht-Tunneln sind 2 Grenzsoldaten ums Leben gekommen. Der bekannteste davon ist der Lehrer Egon Schultz.
Er ist beim Tunnel 57 ums Leben gekommen. Propaganda-Lüge: Er sei von West-Berliner Fluchthelfern erschossen worden.
Aber es war Friendly Fire: Nachweislich mit 9 Schuss von eigenen Leuten erschossen worden.
Er wurde zum Helden und Märtyrer stilisiert. Eine Gedenktafel am Tunnelausgang Strelitzer Straße 55 - später Egon-Schutz-Straße
Zweite Gedenktafel wurde 1965 am Haus des Lehrers angebracht. DDR-Jargon = Propaganda-Lüge ablesbar:
... bei der Ausübung seines Dienstes zum Schutz der Staatsgrenze der DDR von West-Berliner Agenten meuchlings ermordet.
Stolpersteine an der Bernauer Straße: Fluchtversuch und Festnahme von Frank K. am 27.01.1986
Fluchtversuch und Festnahme von Gabriele M. am 7.10.1989 - legendärer Tag der Republik
Festnahme von 2 Personen am 11.11.1989 - zwei Tage nach Maueröffnung
Wir stehen wieder am Todes-Streifen.
Kein Schwarz-Weiß: Es gab auf beiden Seiten böse Geschichten.
Verräter innerhalb der Fluchthelfer - schlimmstes Beispiel: studentische Fluchthelfergruppe mit hunderten Verhaftungen
Danach Verurteilung und schwere Haftbedingungen in DDR-Gefängnissen
Gegenbeispiel: Stasi-Chef Erich Mielke hatte in den 1980er Jahren sämtliche Grenzkommandeure zu sich geholt und darüber beschwert,
weil je Flüchtling im Durchschnitt 68 Schuss abgefeuert werden, bis erstmalig getroffen wird.
Das zeigt, dass viele Grenzsoldaten bewusst daneben geschossen haben.
Schwarz und Weiß und jede Menge Grautöne gibt es auf beiden Seiten.
Der Aufwand, den Menschen hier betrieben haben, zeigt den Schnitt, der hier passiert war.
Wir können froh sein, dass das ohne einen einzigen Schuss am 9. November 1989 zu Ende gegangen ist.
Liebe Zuschauer, wir sind am Ende angekommen. Neugier geweckt? Nach Corona freue ich mich auf Ihren Besuch unserer Tour M.
Tour M geht 2 Stunden und behandelt verschiedene unterirdische Fluchtmöglichkeiten.
Vielen Dank und bis zum nächsten Mal! Tschüss!