Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens | Hamed Abdel-Samad | TEDxKoeln
Übersetzung: Nadine Hennig Lektorat: Angelika Lueckert Leon
Schönen guten Tag, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Ich habe 18 Minuten Zeit. Was wollen Sie gerne hören?
Wollen Sie eine Rede à la Navid Kermani hören?
Oder eine Rede à la Akif Pirinçci?
Ich kann beides.
Oder doch nicht?
Und vielleicht das, was einen Unterschied ausmacht,
dass ich weder der eine noch der andere sein kann.
Ich kann keine Rede halten, bei der es den Menschen warm ums Herz wird;
bei der alle plötzlich einverstanden sind, auch die verfeindeten Kontrahenten,
die nach der Rede aber verfeindet bleiben, aber sie sind mit der Rede einverstanden.
Ich mag solche Reden nicht.
Ich kann auch nicht auf dem Rücken von Menschen,
die sich nicht wehren können, politische Reden halten.
Ich will heute über Flüchtlinge
und über Identität sprechen,
über Werte und über das Grundgesetz.
Dafür brauche ich natürlich mindestens vier Stunden.
Aber die wichtigsten Punkte, weil ich gerade viele Vorträge halte,
und das sind die Fragen, die immer kommen:
Was sollen wir machen? Alles "Bio-Deutsche".
Es gibt ja "Bio-Deutsche" und Beutedeutsche, "Neu-Deutsche".
Wir müssen langsam damit leben können, dass Deutschland immer bunter wird,
und damit natürlich auch problematischer.
Aber irgendein Faden muss ja bleiben,
damit diese Gesellschaft sich zusammenhält.
Friedrich der Große hat mal folgendes Prinzip in die Welt gesetzt:
"Jeder soll nach seiner Façon selig werden."
Das war für Preußen damals sehr kreativ und notwendig,
da Katholiken und Protestanten Probleme miteinander hatten,
Juden und Hugenotten noch dazu kamen.
Da der König die absolute Autorität war,
war alles klar.
Jeder darf machen, was er will, solange er diesem König treu bleibt.
Heute haben wir den König nicht mehr als Souverän, sondern das Volk.
Das Volk aber kann seine Souveränität nicht eigenwillig ausüben
und muss diese Souveränität an staatliche Institutionen weitergeben:
Parlamente, Regierungen, Staatsgewalt halt.
Dahinter versteckt sich etwas,
das sich "Gemeinwesen" nennt.
Gemeinwesen -- das ist das Beste,
das wir Menschen, die zu uns kommen, anbieten können:
die Treue zu diesem Gemeinwesen.
Was macht dieses Gemeinwesen aus?
Ist es das Grundgesetz? Ist es die Demokratie?
Das Grundgesetz, und viele haben das falsch verstanden, garantiert nicht,
dass die Werte im Grundgesetz zur Geltung kommen.
Viele denken, indem wir die 19 Artikel des Grundgesetzes
ins Arabische übersetzen und an Flüchtlinge geben,
dann wird das Zusammenleben wunderbar funktionieren.
Das ist sehr naiv und sehr deutsch noch dazu.
(Lachen)
Weil so sind die Deutschen.
Sie lesen Gebrauchsanweisungen und sagen:
"Jawoll, jetzt wissen wir, wie es funktioniert,
und so geht die Welt."
Ich sage mal "Wir Deutsche" und mal "Wir Araber".
Es ist eine sehr bequeme Position. Da kann ich sehr schnell wechseln.
Das habe ich früher gelernt.
Immer wenn ich von der Polizei angehalten wurde als Student,
habe ich immer gesagt:
"Liegt es daran, dass ich schwarz bin?"
Und dann sagten die: "Absolut nicht."
Und sie haben nicht widersprochen, dass ich nicht schwarz bin.
(Lachen)
Sie haben es akzeptiert, und deshalb ist es immer bequem,
mich mal als Deutscher, mal als Araber zu präsentieren,
je nach Situation.
Es gibt bei beiden immer Vorteile.
Ich kenne keinen einzigen Araber, der Gebrauchsanweisungen liest --
(Lachen) --
und ich habe viele gebildete in meiner Umgebung.
So funktioniert das nicht.
Außerdem verpflichtet das Grundgesetz nicht die Bürger.
Das Grundgesetz, wenn man die Artikel nochmal liest --
lesen Sie das mal, das lohnt sich --
dann merkt man, das Grundgesetz wurde mit Hintergedanken geschrieben:
Nie wieder Religionskrieg, nie wieder Diktatur,
nie wieder, dass der Staat so stark in die Grundrechte des Menschen eingreift,
und deshalb sind das in erster Linie "Abwehrrechte" und institutionelle Rechte,
die der Staat dem Bürger garantiert,
aber der Staat und das Grundgesetz garantieren nicht,
dass die Menschen diese Werte unter sich
ausleben oder lebendig machen.
Das ist genau das, was fehlt.
Das ist das, was wir machen sollten.
Einige Verlage haben mich --
nachdem ich bei "Hart aber fair" vorgeschlagen hatte,
dass wir den Neuankömmlingen erklären können, wie dieses Land tickt,
wie dieses Land funktioniert, welche Werte [es hat] --
da haben mich viele Verlage gefragt:
"Warum können Sie nicht das Grundgesetz für die Migranten in einem Buch erklären?"
Da habe ich gesagt: "Nein. Ich werde das machen,
aber nicht für Neuankömmlinge.
Sie werden mein Buch nicht lesen.
Ich will das für die Bio-Deutschen machen, was ich unter dem Grundgesetz verstehe,
wie wir diese Abwehrrechte lebendig machen können;
welche deutsche Tugenden wir jetzt dringend brauchen
und von welchen wir uns schnell verabschieden sollten."
Es gibt die Idee "Gesetzestreue".
Das ist bei den Deutschen
[noch] aus der preußischen Zeit sehr verankert.
Das funktioniert heute nicht mehr für Leute, die zu uns kommen, automatisch,
denn ihnen fehlt der Hintergrund und die Erfahrung.
Wir brauchen statt Gesetzestreue,
Treue zum Gemeinwesen, Treue zu den Werten,
dass wir diese Werte nicht als Broschüre
und als Verpflichtung für die Leute anbieten,
sondern als Chance.
Ich bin jemand, der vor genau 20 Jahren nach Deutschland gekommen ist.
Ich konnte damals kein Deutsch.
Ich konnte damals überhaupt nicht begreifen,
wie diese Gesellschaft funktioniert.
Mir kam Deutschland vor wie ein kompliziertes Gerät,
tatsächlich ohne Gebrauchsanweisung, wie ein Geheimbund, wo bestimmte Spielregeln, die nicht geschrieben sind,
unter den Leuten funktionieren.
"Gesunder Menschenverstand", und das ist das, was ich begriffen habe.
Es geht nicht um Gesetze in erster Linie, es geht nicht um Regeln,
sondern es geht um ein Gefühl für das Zusammenleben.
Es geht um den gesunden Menschenverstand.
Als ich zum ersten Mal in meinem Leben in Deutschland den Satz gehört habe:
"Das macht man nicht.", habe ich sehr lange überlegt:
Was ist "das", was man nicht machen sollte,
und wer verdammt nochmal ist "man"?
(Lachen)
(Applaus)
Und genau das hat mir geholfen.
Es gibt in diesem Land
ungeschriebene Gesetze des Zusammenlebens.
Es gibt bestimmte Regeln und Gesetze, die nicht im Gesetz stehen.
Der Rechtsphilosoph Böckenförde hat mal einen sehr interessanten Satz gesagt:
"Der freiheitlich sekuläre Staat lebt von Voraussetzungen,
die er selbst nicht garantieren kann."
Das heißt, der Staat kann garantieren, dass ich wählen gehen darf.
Aber der Staat kann nicht garantieren, dass ich wählen gehe.
Der Staat kann garantieren, dass ich meine Meinung frei äußern kann,
aber der Staat kann nicht garantieren, dass ich von diesem Recht Gebrauch mache
und dass ich auch dabei die Rechte anderer nicht in irgendeiner Form behellige.
Man kann auch im Rahmen des Gesetzes viele Menschen daran hindern,
ihre Meinung frei zu äußern, das gibt es, durch Gesinnungsdiktatur,
durch Vorschriften, die wir nicht kennen.
Und genau das müssen wir miteinander neu verhandeln.
Die Gesetze kennen wir alle.
Und es ist sehr einfach,
dass alle Araber, Juden, Afrikaner und Elvis-Anhänger,
alle zusammen sagen:
Das Grundgesetz ist wunderbar,
aber der Teufel steckt immer in den Details.
Was bedeutet das konkret?
Ich nehme immer ein Beispiel aus dem Grundgesetz, um das zu erklären,
dass es nicht immer selbstverständlich ist.
Wir haben Artikel 2 und wir haben Artikel 4.
Artikel 2 garantiert jedem Individuum
das Recht auf freie und persönliche Entfaltung,
auf persönliche Freiheit.
Das ist für mich auch das A und O der Demokratie.
Ich finde das Grundgesetz ist wunderbar dramaturgisch aufgebaut.
Zuerst die Würde des Menschen im Allgemeinen,
dann die persönliche Freiheit.
Das ist essenziell; das ist das A und O; das ist die Mutter aller Freiheiten,
die persönliche Freiheit.
Dann kommen natürlich institutionelle Freiheiten,
Gruppenfreiheiten, und Religionsfreiheit gehört dazu:
Einmal als Individuum darf ich meine Religion ausüben,
und egal welche Religion.
Auch wenn ich den Islam kritisiere, bin ich aber immer für Glaubensfreiheit,
bin immer dagegen, dass man Muslimen ihre Würde nimmt
oder ihnen das Existenzrecht abspricht,
und man muss immer trennen zwischen Ideologie und Menschen,
zwischen einer Religion und was Menschen daraus machen können.
Aber garantiert dieser Artikel,
dass ein Vater seine Tochter daran hindert,
am Schwimmunterricht teilzunehmen.
Das ist die große Debatte, die gerade stattfindet.
Aus religiöser Sicht kann man das nachvollziehen.
Aus religiöser Sicht
sollte eine muslimische Frau keinen Badeanzug tragen
oder sie darf nicht vor Männern schwimmen.
Das ist aber auch für mich ein klarer Verstoß gegen Artikel 2.
Denn der Vater, der seine Religion so ausübt,
hindert seine Tochter daran, sich selbst frei zu entfalten.
Sport zu treiben, an Klassenfahrten teilzunehmen
ist Teil dieser persönlichen Entfaltung.
Das Gleiche gilt für Väter,
die ihre Töchter mit sechs oder sieben Jahren zwingen,
ein Kopftuch zu tragen.
Das ist ein moralisches Korsett, ein gesellschaftliches Korsett.
Das Mädchen wird in dieses Korsett hineingezwungen
und kann sich später nicht mehr befreien.
Sie wird mit 18 oder 19 sagen: "Ich trage das Kopftuch freiwillig."
Aber Freiwilligkeit setzt Freiheit voraus.
Es muss Artikel 2 sprechen, lebendig sein,
damit die anderen Artikel danach tatsächlich zur Geltung kommen.
Und das ist die neue Dialektik, die wir brauchen,
nicht jeden Artikel des Grundgesetzes einzeln zu betrachten,
sondern die Gesamtheit.
Was ist die Idee dahinter? Was ist die Wirkung?
Wer profitiert davon, wer leidet darunter?
Das ist etwas, das wir nicht klar genug erklären können.
Wir müssen darüber streiten.
Wir müssen verstehen, dass Menschen, die gerade zu uns kommen,
eine bestimmte Lebensweise hinter sich gelassen haben,
und dass diese Lebensweise auch teilweise für die Misere verantwortlich war.
Das war natürlich nicht die Religion alleine,
aber auch die Religion hatte einen Anteil an diesen Konflikten.
Wir können nicht im Namen der Toleranz und im Namen der Religionsfreiheit
die gleichen Verhältnisse und den gleichen Stoff,
aus dem Bürgerkrieg gemacht wird,
hier noch einmal im Namen der Freiheit staatlich gefördert wiederbeleben.
Das Beste, was wir den Menschen anbieten können,
ist, dass sie tatsächlich Freiheit atmen können,
vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben,
dass sie sich frei entfalten können, dass sie Zugang dazu haben,
auch deutsche Staatsbürger zu sein.
Das hat mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nichts zu tun.
Im Gegenteil, rassistisch ist es -- positiver Rassismus --
indem man eine schützende Hand auf diese Menschen legt und sagt:
"Man darf sie nicht kritisieren,
sonst fühlen sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt."
Nein! Wir ermöglichen ihnen Zugang zur Menschenwürde,
zu Menschenrechten, zur Freiheit;
das ist das Beste, was man Menschen anbieten kann, die zu uns kommen,
und man sollte sich dafür nicht schämen,
im Gegenteil, man sollte ein paar Schritte nach vorne gehen
und sagen: "Wir stehen dazu."
Ich erwarte das auch von liberalen Muslimen
und es gibt viele davon in diesem Lande.
Statt dass sie Image-Kampagnen für den Islam veranstalten,
dass der Islam mit Gewalt nichts zu tun hat und ...
Solche Floskeln, die kein Mensch mehr glaubt.
Dass sie tatsächlich diesen Menschen helfen,
die zu uns kommen, und sagen:
"Pass mal auf, du hast eine wunderbare Chance hier.
Du kannst das deinen Kinder anbieten,
was dir dein Leben lang enthalten wurde.
Du kannst sie sich frei entfalten lassen.
Du kannst sie Teil dieser Gesellschaft werden lassen.
Ich bin der Meinung, dass Menschen, wenn sie auswandern --
das ist nicht nur meine persönliche Erfahrung,
sondern auch meine Beobachtung von vielen Menschen,
die aus meinem Kulturkreis kommen --
dass sie sich, auch wenn es schwerfällt,
von einem Teil ihrer authentischen Kultur verabschieden müssen,
wenn sie einen Neustart woanders, gerade hier in Europa, starten wollen,
vor allem wenn dieser Teil auch Anteil an der Misere da unten hat.
Sie haben das Wort "Islamkritiker" gehört.
Ich bezeichne mich nicht als Islamkritiker,
ich bin Gesellschaftskritiker,
und ich bin insgesamt Religionskritiker.
Aber die Religion hat immer mehrere Seiten,
eine spirituelle und eine soziale Seite,
die sehr angenehm ist und die die Menschen brauchen,
vor allem die ihre Heimat verlassen haben,
sie brauchen Geborgenheit, sie brauchen Identität.
Diese spirituelle Seite ist wichtig,
aber die Religion, vor allem die Religion des Islam,
hat eine politisch-juristische Seite, die stört, die problematisch ist,
die die Welt in Gläubige und Ungläubige aufteilt,
die davon ausgeht, dass Gott der Gesetzgeber ist und nicht der Mensch.
Man muss sich
von diesem authentischen Teil des Islam verabschieden,
wenn man tatsächlich in diesem Land weiter kommen will.
Man kann seine Religion trotzdem behalten als Privatsache;
es gibt viele Religionen, die in diesem Lande beheimatet sind,
und man braucht nicht zu kommen und zu sagen:
"Der Buddhismus ist Teil von Deutschland."
Oder "Die Elvis-lebt-Gemeinschaft ist Teil von Deutschland."
Es gibt Religionen, bei denen tatsächlich Männer
sich im Wald versammeln, sich nackt ausziehen
und auf einen heißen Stein pinkeln.
Das ist ein religiöses Ritual.
Das ist in Ordnung, solange die Leute das nicht vor dem Dom machen --
(Lachen) --
solange man das nicht in der Schule macht.
Das kann man im Wald gerne machen oder in privaten Räumen.
Das gilt auch für alle Religionen.
Erst die Menschlichkeit, dass wir uns als Menschen begegnen,
und nicht in erster Linie: Ich bin ein Moslem,
ich bin ein Jude, ich bin ein Atheist, nein, ich bin ein Mensch.
Ich bin ein Mensch.
Das ist ein Konzept, das wir anbieten können.
Das ist ein Begleit-Konzept zum Grundgesetz
und zu den Wertvorstellungen.
Ich finde es sehr schade, dass ich mit Ihnen nicht diskutieren kann.
Ich kriege ein Zeichen, dass meine Zeit zu Ende ist,
aber denken Sie weiter, was ich gerade gesagt habe,
was sich nicht zu Ende bringen konnte.
Es hat mich sehr gefreut.
Vielen Dank und schönen Tag noch.
(Applaus)