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Ted Talks, Anleitung zum Nichts-Tun | Gabi Junklewitz | TEDxMünchen

Anleitung zum Nichts-Tun | Gabi Junklewitz | TEDxMünchen

Transkribierer: Sonja Hahn Lektorat: Johannes Duschner

Von vielen, mit denen ich spreche,

hör ich diesen Satz:

Gegen Stress kann man nichts tun.

Die meinen, das wär eine schlechte Nachricht.

Sie vielleicht auch?

Ich sag, das ist eine super gute Nachricht.

Gegen Stress kann man ...

nichts tun.

Und zwar täglich.

(Lachen)

(Applaus)

Ja, Sie haben's schon verstanden.

Nichtstun, auch Meditation genannt,

oder Achtsamkeit,

dieses spannende und auch entspannende Thema

möcht ich mit Ihnen unter drei Aspekten erforschen.

Das Erste: Worum geht's eigentlich,

wenn wir uns hinsetzen und nichts tun.

Das Zweite: Wie kann ich's lernen?

Und das Dritte:

Was nützt mir das im Alltag?

Zur ersten Frage möcht ich gar nicht viel erklären.

Ich möcht Sie lieber einladen, es selbst heraus zu finden,

indem Sie jetzt einfach kurz die Augen schließen

und beobachten, was Sie vielleicht in sich bemerken,

wenn Sie folgendes hören:

Thomas geht zur Schule.

Er macht sich Sorgen wegen der Mathe-Stunde.

Er hat keine Ahnung,

wie man die Schüler der 9c unter Kontrolle bringen soll.

Aber das ist ja auch nicht die Aufgabe eines Hausmeisters.

Ja, hat jemand während des Zuhörens irgendetwas in sich bemerkt?

Mal kurz die Hand heben.

Ja. Etwas in uns ist offenbar die ganze Zeit aktiv.

Wir hören etwas

und das Gehirn beginnt sofort diese Informationen auszuwerten,

zu interpretieren, zu vermuten, etwas hinzuzufügen,

was so gar nicht gehört wurde.

Es erzählt so 'ne richtige Geschichte,

die, wie Sie vielleicht bemerkt haben,

die Dinge nicht immer ganz so erfasst,

wie sie wirklich sind, oder?

Schau'n Sie Ihrem Gehirn nochmal live bei dieser Arbeit zu,

die wir Wahrnehmung nennen.

Wie kommt's, dass Ihr Gehirn das lesen kann?

Weil es immer wieder auf das zurückgreift,

was es schon kennt.

Zum einen ist das natürlich oft praktisch.

Aber vielleicht auch nicht immer.

Wie ist das, wenn ein Mensch, den Sie lange kennen,

vielleicht ein langjähriger Kollege,

in so 'ner Verfassung zu Ihnen ins Zimmer kommt.

Kriegen Sie mit, dass der heute so ein bisschen anders wirkt als sonst,

so ein bisschen durcheinander

oder sehen Sie nur das, was Sie abgespeichert haben.

Eww, der!

Ich weiß genau, was der wieder will.

Ja, das ist eine ganz spannende Frage:

Wie wahr ist das,

was wir so leichthin Wahrnehmung nennen?

Die Hirnforscher sind da ganz klar.

Wahrnehmen ist kein bloßes, objektives Abbilden der Realität,

sondern eine höchst subjektive Interpretationsleistung unseres Gehirns.

Weil wir sehr gerne immer wieder

auf die einmal gelernten Sichtweisen zurückgreifen,

bilden sich in unserem Gehirn regelrechte Nervendaten-Autobahnen,

die uns immer wieder dieselben Wahrnehmungen liefern

und so scheinbar, "scheinbar" unsere Sicht der Welt bestätigen.

Das Problem:

Wenn wir nicht achtsam sind,

dann halten wir diese automatisierten Wahrnehmungsmuster

unreflektiert für die Wirklichkeit.

Dann seh'n wir uns gefangen in bestimmten Lebensumständen,

in einer Gesellschaft, in einer Welt,

an der wir nichts ändern können.

Tatsächlich sind wir nur gefangen in unserem Denken.

Genau das ist, laut Stress-Forschung,

die Hauptursache für unser gesamtes Stresserleben.

Warum ist das so?

Weil unser menschliches Denken und Wahrnehmen auf Negatives geeicht ist.

Unser Gehirn ist offenbar nicht dazu entwickelt worden,

glücklich, gelassen und froh vor sich hinzuleben,

sondern um zu überleben.

Dieser Fokus auf Negatives und die Lust am Katastrophisieren manchmal,

hat in Urzeiten, als sich das entwickelte, ganz viel Sinn gemacht.

Man ging da so lang und es raschelt im Gebüsch:

Hilfe! Ein Säbelzahntiger!

Schnell weg hier, Schatz!

Wer da nicht so wach war,

(Lachen)

der hatte vielleicht gar keine Gelegenheit mehr,

sich mit seinem Schatz auch noch fortzupflanzen.

(Lachen)

Deshalb: Wir sind alle Nachfahren von Spezies,

deren Gehirne so richtig drauf getrimmt waren,

hellwach überall immer das Schlimmste zu vermuten,

und dann auch blitzschnell auf Überlebensmodus umzuschalten.

Ja, Kämpfen, Fliehen oder Totstellen

sind die drei Stressreaktionen,

die bis heute fast unverändert in uns ablaufen.

Wie gesagt, früher extrem sinnvoll.

Wie ist es heute?

Heute sind wir hier nur noch selten von tödlichen Gefahren bedroht.

Dafür wimmelt es von quasi erdachten Gefahren.

Wie muss ich sein?

Was muss ich alles tun, können, leisten, schaffen und machen?

Wie muss ich auch aussehen, damit ich hier in dieser Gesellschaft bestehen kann.

Was, wenn ich's nicht schaffe?

Als hätten wir mit den Problemen nicht schon genug zu tun,

laden wir uns über die Medien fast rund um die Uhr

auch noch all die Probleme und Katastrophen ein,

die grad irgendwo anders auf der Welt passieren.

Mark Twain hat mal was Bemerkenswertes gesagt:

Ich habe in meinem Leben viele schreckliche Dinge erlebt.

Einige davon sind tatsächlich passiert.

(Lachen)

Unser Körper unterscheidet nicht,

ob eine Gefahr real ist, die vom Gehirn gemeldet wird,

oder ob die nur in unserer Phantasie existiert.

Was passiert also, wenn wir all dem, was so in unserem Kopf abläuft,

soviel Aufmerksamkeit und soviel Glauben schenken.

Dann schalten wir unseren Körper chronisch auf Alarmstufe Rot.

Die Stresssituationen, mit denen wir heute zu tun haben,

die können wir auch gar nicht durch Kämpfen oder Fliehen lösen.

Deshalb bleibt der ganze aufgebaute Stress, diese Spannung,

die eigentlich zum Kämpfen und Fliehen da war, im Körper

und macht ihn auf Dauer krank.

Das kann sowas sein wie Rückenschmerzen

oder Bluthochdruck, Herz-Kreislauf,

Konzentrationsstörungen, Schlafmangel,

bis hin zu Erschöpfung, Burn-Out,

bis Herzinfarkt.

Ich hab mal, als ich noch in der Werbung gearbeitet hab,

mir so 'n richtiges Schleuder…, also ein echtes Schleuder-Trauma angetextet:

Präsentation muss fertig werden!

Was können wir also tun,

um aus diesen Mustern auszusteigen?

Sie ahnen's vielleicht schon:

Wir können Nichtstun.

Achtsamkeit üben.

Eine ganz klassische Art, Achtsamkeit zu üben,

dazu möcht ich Sie jetzt gerne einladen,

indem Sie die Augen schließen,

sich so bequem wie's gerade geht hinsetzen

und die Aufmerksamkeit nach innen lenken:

Zu Ihrem Atem.

Wo in Ihrem Körper können Sie das Strömen des Atems

jetzt grade am klarsten fühlen?

Vielleicht an der Bauchdecke?

Oder im Brustraum,

an den Nasenflügeln oder wo auch immer?

Vielleicht ist es möglich,

sich jetzt für ein paar Momente auf diese Bewegung ganz einzulassen,

die sich in Ihrem Körper entfaltet,

ganz von allein,

während der Atem einströmt

und wieder aus.

Den Atem genauso lassen,

wie er ganz natürlich fließt.

Es gibt nichts zu verändern.

Aufmerksamkeit schenken ist gut genug.

Sehr leicht kann es passieren,

dass Sie sich plötzlich ganz unversehens

in irgendwelchen Gedanken oder Geschichten wiederfinden.

Wann immer Sie das bemerken,

nehmen Sie's freundlich zur Kenntnis

und kehren dann zu den Empfindungen zurück,

die der Atem jetzt in diesem Moment im Körper auslöst.

Es gibt nichts zu tun,

nichts gerade zu leisten.

Einfach nur sitzen und atmen.

Geben Sie sich jetzt Zeit,

die Aufmerksamkeit wieder so ein bisschen mehr nach außen auszudehnen,

wann immer Sie soweit sind,

auch die Augen wieder zu öffnen.

Willkommen zurück.

Wem von Ihnen ist es denn gelungen,

die ganze Zeit ohne eine Ablenkung nur beim Atem zu sein?

(Lachen)

Super.

Sonst hätt ich mal kurz einen Platzwechsel angeboten.

Ich würde das nämlich auch gerne lernen.

Die gute Nachricht:

Es geht beim Meditieren nicht darum, die Gedanken weg zu kriegen

oder keine Gedanken mehr zu haben.

Es geht vielmehr darum, wach mitzubekommen,

was grade in uns abläuft

und die Aufmerksamkeit immer wieder aus diesen Gedanken-Filmen

in das unmittelbare Erleben dieses Momentes zurückzuholen.

Präsent im Körper, den Atem spürend,

mit wachen, offenen Sinnen hier und jetzt sein.

Immer wieder.

Im Grunde super-simpel, aber nicht leicht.

Sie haben das vielleicht auch gemerkt,

die Tendenz unseres Geistes,

sich von allem Möglichen anziehen zu lassen

und gerne auch wieder

in gewohnte Bewertungen, gewohnte Geschichten zurückzukommen,

die ist sehr, sehr zäh.

Das kann ich Ihnen,

obwohl ich schon lange, lange meditiere,

aus eigener Erfahrung sagen.

Die ist zäh.

Deshalb braucht es regelmäßiges Training.

Das ist wie beim Bodybuilding.

Wenn Sie einmal einen Vortrag gehört haben,

über Hanteln, Körperaufbau, super,

und machen dann einmal so die Hantel

uh, interessante Erfahrung, überschaubare Wirkung.

Wenn Sie jeden Tag über Wochen trainieren,

da tut sich was.

Genauso ist das

mit dem Bewusstheits-Muskel in unserem Gehirn,

den Bereich, der für Aufmerksamkeit und Konzentration zuständig ist.

Auch der stärkt sich nur durch regelmäßiges Üben.

Jetzt denkt es vielleicht gerade in Ihnen,

ich weiß es ja nicht:

Nett, aber was nützt mir das denn konkret im Alltag?

Der erste Nutzen ist definitiv eine bessere Konzentration.

Wir leben ja in einer Zeit, geschäftig, schnell,

sehr komplex und reizüberflutet.

Die Fähigkeit,

die Aufmerksamkeit über eine längere Zeit bei einer Sache zu halten,

ist heute wichtiger denn je

und zugleich weniger vorhanden.

Man hat kürzlich in einer Studie Aufmerksamkeitsspannen gemessen:

Zum einen von Goldfischen.

(Lachen)

9 Sekunden.

Nicht so schlecht.

Und dann von heutigen Jugendlichen.

(Lachen)

8 Sekunden, ja.

Hat noch Potential.

(Lachen)

Das Stärken der Konzentration

führt gar nicht nur zu mehr Leistungsfähigkeit,

was man vielleicht meinen könnte,

sondern es führt auch dazu,

dass wir weniger Stress und mehr Lebensfreude erleben.

Weil eine gestärkte Konzentration

ermöglicht es uns, immer stetiger wirklich bei dem zu sein,

was wir tatsächlich gerade erleben,

zum Beispiel Spazierengehen.

Dadurch hören wir auf, diesen virtuellen Stress zu erleben,

und fangen stattdessen an, zum einen viel mehr Ruhe zu erleben,

und zum anderen auch unser echtes, reales, sinnliches Leben zu leben.

Ja, wenn ich grad spazieren gehe:

Wie fühlt sich das eigentlich an, der Wind auf der Haut

und wie das Rascheln des Laubes unter den Füßen?

Oder wie die Sonne durch die Blätter scheint?

Oder das Lächeln von jemand, der mir entgegen kommt?

Ich bin ganz sicher, Sie kennen das.

Auf so 'ne Art im Leben zu sein, das ist einfach schön.

Eine Studie der Harvard University bestätigt das auch.

Also wer für so was gerne noch einen Beweis hätte ...

Da haben die 2.000 Leute mehrmals am Tag so zufallsmäßig angerufen

und haben ihnen jeweils drei Fragen gestellt.

Die erste war: "Was tun Sie gerade?"

Die zweite:

"Wie präsent sind Sie bei dieser Sache?"

und die dritte:

"Wie geht's Ihnen gerade?"

Das Ergebnis war,

der Grad von Glück und Zufriedenheit dieser Leute hing nicht davon ab,

ob die gerade was machten, was ihnen Spaß macht,

sondern tatsächlich davon,

wie präsent sie bei dem waren,

was immer sie gerade taten.

Ja, Präsenz macht glücklich,

jetzt auch wissenschaftlich erwiesen,

und hat eine weitere grandiose Wirkung,

die sehr befreiend ist.

Präsenz schafft,

so wie wir die ja in der Meditation üben,

einen ganz heilsamen Abstand zu unseren Gedanken.

In der Meditation können wir das ganz unmittelbar erleben,

dass wir nicht unsere Gedanken sind,

dass Gedanken so ganz flüchtige Ereignisse sind,

die irgendwie in unserem Geist auftauchen,

für ein Weilchen da sind und dann auch wieder verschwinden,

so ähnlich wie so Wolken am Himmel vorüberziehen.

Wir können die in Ruhe anschauen.

Ohne alles glauben zu müssen,

was da so in unserem Geist auftaucht,

und ohne allem folgen zu müssen.

Diese Fähigkeit, die wir in der Meditation üben und kultivieren,

die ist ganz besonders auch in Stresssituationen extrem hilfreich.

Es gibt ja zur Achtsamkeit inzwischen zig tausende Studien

und viele von diesen Studien bestätigen,

dass ein achtsamkeitsgeschulter Geist viel, viel besser in der Lage ist,

die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind

und auf dieser Basis klare, authentische und mitfühlende Entscheidungen zu treffen.

Und auch innere Qualitäten zu entwickeln,

wie Geduld, Gelassenheit,

Nichtwerten die ganze Zeit, Akzeptieren.

Schon nach acht Wochen täglicher Meditationspraxis

zeigen die Gehirn-Scans von Meditierenden,

dass der Bereich im Gehirn,

der für Aufmerksamkeitssteuerung und Emotionsregulierung zuständig ist,

mehr graue Substanz hat.

Schon nach acht Wochen!

Der Bereich, der bei Angst und Stress aktiviert wird,

der hat nach acht Wochen weniger Substanz.

Diese Wirkung ist also physisch messbar

und damit ist vielleicht auch bewiesen,

dass es sich bei Achtsamkeit

nicht um irgendein esoterisches Walle-Gewand

und Räucherstäbchen handelt,

sondern, dass es eine ganz fundierte Bewusstheitsschulung ist.

Und das Integrieren von dem, was wir da beim Meditieren so entdecken,

das Integrieren von dem ins tägliche Leben

führt uns zu sehr viel mehr als zu einer besseren Stressbewältigung

oder Persönlichkeitsentwicklung.

Das öffnet uns wirklich für das ganze Potential,

das uns als Menschen zur Verfügung steht.

Wir sind so viel mehr,

als so ein rauchender Verstand auf zwei Beinen und mit Armen,

die das alles schnell erledigen.

Wir haben auch 'nen Bauch und ein Herz,

enorme Sinnlichkeit,

die Begabung zu Kreativität und Begeisterungsfähigkeit,

Sinn für Schönes,

eine mitfühlende Verbindung zueinander und auch zu was Größerem.

Manche sagen Natur oder Kosmos oder Gott.

All das, was uns Menschen so ausmacht,

erfahren wir nur, wenn wir uns öffnen,

weit über dies begrenzende Denken hinaus.

Können wir vielleicht auch wieder ganz hier hin zurückkommen

und einen Punkt machen.

Einen Punkt möcht ich Ihnen auch gerne für Ihren Alltag mitgeben.

Ich hab' den auf der Rückseite Ihres Namensschildes versteckt.

Wenn das Licht angeht, können Sie den vielleicht sehen.

Der ist ziemlich klein.

Ich lade Sie mit diesem Punkt ein,

den kann man ablösen und wieder hinkleben,

eine Achtsamkeits-Insel in Ihrem Alltag zu schaffen.

Indem Sie sich einfach eine Tätigkeit auswählen,

irgendwas, was Sie jeden Tag machen,

Zähneputzen, den Computer hochfahren oder den ersten Kaffee trinken.

Kleben Sie diesen Punkt an die Stelle,

als Erinnerung daran, ab sofort, ab heute,

bei dieser einen Sache, nichts zu tun,

außer Sie wach, mit allen Sinnen, präsent zu erleben.

Ich wünsche Ihnen

ganz, ganz viele achtsame, präsente, selbstbestimmte und glückliche Momente.

Vielen Dank.

(Applaus)

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