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zdf, Albert Speer und der Traum von Hollywood (1)

Albert Speer und der Traum von Hollywood (1)

(Sprecher) 4. Januar 1977.

Albert Speer, einst Hitlers Architekt, hat Besuch aus Hollywood.

Die Amerikaner wollen einen Film über ihn und Hitler drehen.

Ich war sein Eigentum.

(Sprecher) Lange verschollen,

wurden die Abschriften der Interviews jetzt entdeckt.

516 Seiten. Eine Sensation.

Speer spricht offen und ohne Tabus, so scheint es.

Aber ist es die Wahrheit?

* Fröhliche Swingmusik *

Los Angeles, Hollywood. Hier werden Träume gemacht.

Filme für Millionen weltweit.

Hier lebt Marian Collier, Filmpartnerin von Marilyn Monroe.

Verheiratet mit Hollywood-Autor Jack Neuman.

1976 will ihr Mann mit ihr verreisen.

(Collier auf Englisch) Mein Mann sagte:

"Wir fahren nach Heidelberg, Herrn Speer treffen."

Ich fragte: "Herr Speer, wer ist das?"

Er sagt: "Das war ein Freund Adolf Hitlers."

"Ein Nazi?", sagte ich.

(Sprecher) Und was für einer.

Der Berghof. Hitlers Feriendomizil auf dem Obersalzberg.

Hier darf nur herauf, wer wichtig ist in Hitlers Reich.

Albert Speer ist Dauergast.

Keiner kommt Hitler näher.

Vier Jahrzehnte später. Heidelberg in den 1970ern.

Albert Speer lebt jetzt in der Stadt seiner Jugend, als Rentner.

Doch von der Vergangenheit kommt er nicht los.

Collier und ihr Mann wollen ihn hier treffen.

Good morning.

(Sprecher) Aber wie kontaktiert man einen führenden Ex-Nazi?

Okay.

Der Mann am Empfang sah da überhaupt kein Problem.

Er hat Speer im Telefonbuch gefunden.

(Sprecher) Für jeden erreichbar.

"Hier ist die Nummer", sagte der Concierge.

Mein Mann Jack hat mich dann natürlich wieder anrufen lassen,

und ich habe das Gespräch dann vermittelt.

Good morning, Mr. Speer.

(Sprecher) Speer ist bereit für ein Treffen.

Seit Jahren verhandelt er mit Produktionsfirmen,

die sein Leben verfilmen sollen, ohne Erfolg.

Jetzt also Jack Neuman.

Im Hotel treffen sich die beiden.

Collier aber will auf dem Zimmer bleiben.

Doch ihr Mann braucht sie jetzt.

* Telefon klingelt. *

Hello?

Ich sagte ihm, dass ich überhaupt keine Lust

auf einen gottverdammten Nazi hätte,

und habe den Hörer aufgeknallt.

Und da meldet sich Jack noch mal und sagt:

"Du bewegst besser deinen Hintern hier runter. Jetzt."

"Okay", dachte ich.

"Dann muss ich jetzt wohl doch einen Nazi treffen."

Dann aber treffe ich auf einen eleganten Herrn, sehr höflich.

Handschlag und all das.

(Sprecher) Der Freund von Adolf Hitler.

Ich war von seinem Charme hin und weg.

Das war ein echter Gentleman.

(Sprecher) Ein Gentleman?

* Jubel und Applaus *

Albert Speer wurde 1946 als Kriegsverbrecher verurteilt.

In Nürnberg, zu 20 Jahren.

Als er am 1. Oktober 1966 entlassen wird,

empfängt ihn die Öffentlichkeit wie einen Filmstar.

Mehr Mikrofone als jemals bei Hitler zählt ein Beobachter.

Speer genießt das Rampenlicht.

Wir werden im All... wir werden korrekt und höflich behandelt

und wir bekommen eine sehr...

Bekamen, ich bin noch in der Gegenwart, Entschuldigung.

Bekamen eine gute und reichliche Ernährung.

(Sprecher) Willy Brandt schickt der Familie Blumen.

Wie andere auch hatte der SPD-Parteivorsitzende

sich für eine vorzeitige Entlassung Speers eingesetzt.

Umsonst.

Aus dem Gefängnis zieht Speer in das väterliche Haus in Heidelberg.

Er versteckt sich nicht.

Speer ist jetzt der prominenteste Überlebende

aus Hitlers Führungsriege.

Und erzählt gerne seine Version der Vergangenheit.

Es gab ja viele, die einfach auch bei ihm geklingelt haben.

Am Schloss Wolfsbrunnenweg 50, und mit ihm sprechen wollten.

Und er war da immer gesprächsbereit.

Und alle hatten immer den Eindruck:

Vielleicht erzählt er mir ja noch ein besonderes Geheimnis.

(Sprecher) Für Marian Collier ist all das neu.

Smalltalk über dunkle Vergangenheit.

(Collier) Er sagte, er habe in Spandau gelebt.

Ich fragte: "Hier, in der Nähe?"

"Nein", sagte er, "das ist ein Gefängnis."

"Sie waren im Gefängnis?", fragte ich. "Wie lange?"

"20 Jahre", sagte er.

"Sie sprechen aber gut Englisch."

"Das habe ich dort gelernt", sagte er.

"Sehen Sie, dann war es nicht ganz umsonst", sagte ich.

(Sprecher) Der Schauspielerin gefällt der charmante Herr.

Man kommt sich näher.

Macht kleine Ausflüge in die Umgebung.

Mit dabei auch Speers Ehefrau.

Neuman will Speers Leben verfilmen.

Als Mini-Serie fürs Fernsehen.

Ein Wagnis.

(auf Englisch) Hollywood. Ich habe damals in Hollywood gelebt.

Im Fernsehen gab es nur diese Sitcoms.

Ein Film über Nazideutschland war da schon ein Risiko.

Würde das jemanden interessieren?

(Sprecher) Neuman ist das Thema wichtig.

Er legt sich Berge von Fachliteratur zu.

(Collier) Er war ein gründlicher Rechercheur.

Er hatte so um die 65 bis 70 Bücher,

und hat alle gelesen.

Er hat sich da richtig reingefuchst.

So war er, mein Jack.

(Sprecher) "Wie war es möglich,

dass ein guter Familienvater dem Bösen verfällt?",

wird Neumans Film später fragen.

(auf Englisch) Jack Neuman war ein anerkannter Autor.

Im Krieg war er Soldat gewesen bei den Marines im Pazifik.

Es ist also nicht so,

dass da ein junger naiver Hollywood-Produzent ans Werk ging,

um "Inside the Third Reich", Speers Biografie, zu verfilmen.

(Sprecher) In den 70er-Jahren boomt der Buchmarkt

mit Literatur über die Zeit des Nationalsozialismus.

Zeitzeugenberichte, der Schrecken des Krieges

und immer wieder Adolf Hitler.

Jetzt endlich wird die Vergangenheit aufgearbeitet.

Auch Speer hat seine Memoiren geschrieben.

Die "Erinnerungen" und die "Spandauer Tagebücher".

Auf der Basis von Kassibern, die er aus der Haft geschmuggelt hat.

Aber vieles ist von ihm frei erfunden.

Die Bücher werden Bestseller und machen Speer zum Millionär.

Fehlt nur noch Hollywood.

Speer lädt Neuman in sein Haus.

Ein Film über ihn verspricht noch mehr Geld und noch mehr Geltung.

(Thompson) Hollywood, das war der Ritterschlag für Speer.

Sein Name auf Sunset Boulevard. Ruhm und Ehre.

Alles wieder von vorn.

(Sprecher) Für seinen Film will Neuman

Speer ins Kreuzverhör nehmen, wie er sagt.

(auf Englisch) Mein Onkel war fasziniert von Albert Speers Leben.

Er wollte verstehen, was diesen Mann antrieb.

Ich weiß, dass er begeistert war über die Möglichkeit,

mit ihm direkt Kontakt zu haben.

Und sein Drehbuch nicht nur auf die Memoiren stützen zu müssen.

(Sprecher) In der Öffentlichkeit

gilt Speer vielen als Kronzeuge dafür,

dass man unter Hitler anständig bleiben konnte,

von den Verbrechen nichts wissen brauchte.

Die Legende von der eigenen Unschuld.

Neuman will das hinterfragen.

Tagelang reden die beiden miteinander.

I think, we might as well get started. Okay, good.

I have prepared a number of questions for you.

(Sprecher) Zu Hause in Kalifornien werden die Bänder verschriftet.

50 Stunden Material.

Auf Englisch, der Sprache,

die Speer im Gefängnis in Spandau so gut gelernt hatte.

Er hat die Abschriften entdeckt.

Der britische Journalist Douglas Thompson.

Zusammen mit umfangreicher Korrespondenz

von Albert Speer mit Jack Neuman.

Jahrzehntelang lagerten die Papiere unbeachtet

bei der Witwe des Autors in Hollywood.

(auf Englisch) Ich dachte, ich sei der glücklichste Mensch auf Erden.

Das war wie die Entdeckung eines Schatzes.

Stunden über Stunden

von einem der berüchtigtsten und berühmtesten,

auf jeden Fall sehr vielschichtigen Mann der Geschichte.

(Sprecher) Wir haben die Originaltexte

für diesen Film nachsprechen lassen.

(auf Englisch) Hitler hat sich schon sehr für mich interessiert.

(Neuman) Sie waren Hitlers Freund?

Mehr als das. Ich war sein Eigentum.

Okay, that's interesting.

Dazu gehören immer zwei.

Albert Speer wollte in die Nähe von Hitler.

Er wollte Teil der Hitler-Entourage sein.

Albert Speer wollte Nationalsozialist sein.

Er wollte aufsteigen,

er wollte möglichst viele Menschen unter seine Kontrolle bekommen.

(Sprecher) Hitlers Aufmerksamkeit gewinnt der ausgebildete Architekt

und frühe Parteigenosse mit Bühneneffekten.

Der Tag der nationalen Arbeit, 1933.

Speer punktet mit Fahnen und Feuerwerk.

* Alte Aufnahme von Chorgesang *

Die Inszenierung von Volksgemeinschaft.

Bückeburg, das Erntedankfest der Nazis.

Nürnberg, die Stadt der Parteitage.

Großes Theater, das den Einzelnen klein macht.

Der sogenannte Lichtdom aus 130 Flakscheinwerfern.

So was gefällt Hitler.

The next question is...

(auf Englisch) Wenn wir alleine waren,

legte Hitler die Rolle des Staatsmannes ab.

Es war dann eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe von Mann zu Mann.

Alright.

(Sprecher) Die Liebe zur Architektur verbindet sie.

Der Wahn von deutscher Größe

soll sich in bombastischen Bauten widerspiegeln.

Speers Karriere scheint gesichert,

auch wenn vorerst nur wenige Gebäude über die Planungsphase hinauskommen.

Hier ein Haus für SA-Wachen in einem frühen KZ in Norddeutschland.

Nach Ideen des Führers,

ausgearbeitet von Albert Speer.

Berlin als künftige Welthauptstadt.

Ihr Lieblingsprojekt.

Die große Halle wäre das größte Gebäude der Welt.

Die Weltkugel in den Fängen des Reichsadlers.

Architektur mit Herrschaftsanspruch.

(Neuman) Wir müssen im Film

Hitlers Leidenschaft für Architektur rüberbringen.

Ich habe übrigens rund 100 Zeichnungen von Hitler.

Darf ich sie sehen? - Aber sicher.

(Speer) These are the famous sketches,

he handed to me personally.

(Sprecher) Der Triumphbogen für Berlin.

Speer greift Hitlers Zeichnungen aus den 20er-Jahren auf.

Das schmeichelt dem Chef.

Die Weltausstellung in Paris 1937.

Die Sowjets beeindrucken mit einem Kolossalbau.

Speer hält dagegen.

Hakenkreuz gegen Hammer und Sichel.

Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.

Die Propaganda trifft hier den Baumeister der Bewegung.

Wir haben Glück, dass wir Sie hier treffen.

Was gibt es noch zu sagen über die Luitpoldarena?

Wir sind in der Luitpoldarena ja fertig geworden.

Auch die Luitpoldhalle ist fertig.

Aber, äh, alles das, was Sie hier gesehen haben,

ist eigentlich erst ein Anfang einer ganz großen Anlage,

die im Laufe der nächsten Jahre entstehen wird.

(Sprecher) Eine Anlage, die nie vollendet wird.

Bei Kriegsausbruch werden die Arbeiten eingestellt.

Spätestens mit dem Bau von Hitlers neuer Reichskanzlei

ist Speer als führender Nationalsozialist anerkannt.

"Unseren genialen jungen Architekten"

nennt Hitler ihn nun öffentlich.

"Wäre ich Architekt geblieben, hätte man mich nicht verurteilt.

Man hätte mich nicht einmal angeklagt."

Sagt Speer, der Parteigenosse.

Und gesteht...

(Englisch) Diese Bauten, die ich plante,

dienten schon Hitlers Verherrlichung.

Und sollten auch nach seinem Tod

von seiner Größe künden.

(Sprecher) Für ihn geschaffen: das Amt des Generalbauinspektors.

Nur Hitler unterstellt.

Propagandaminister Goebbels ernennt Speer zum Professor.

Speer verklärt das später als harmlos.

Neuman fragt nach.

(Englisch) Bevor Sie Rüstungsminister wurden,

hatten Sie kaum etwas oder gar nichts mit der SS zu tun?

Richtig.

Sie waren nur Hitlers Architekt? - Ja. Nur sein Architekt.

(Brechtken) Ja, das ist ein typischer Dialog,

der zeigt, wie Speer sofort checkt,

wie viel Ahnung der Mensch gegenüber hat.

Denn wer bauen will, braucht Steine.

Für die Steine braucht man entweder große Ziegelfabriken

oder Steinbrüche.

Dafür braucht man Menschen, die da arbeiten.

Diese Menschen hatte Heinrich Himmler

in seinen Konzentrationslagern.

(Sprecher) Lagern wie Mauthausen bei Linz in Österreich,

wenige Tage nach Österreichs Anschluss

an das Deutsche Reich gegründet.

Ein Lager der Kategorie drei.

Das bedeutet: Vernichtung durch Arbeit.

Arbeit im Steinbruch.

Hier wird Granit gebrochen für Speers Bauten.

Unter unmenschlichen Bedingungen.

Die Todesstiege.

Die Häftlinge müssen die Quader hier hochschleppen.

Zehntausende sterben.

Speer hat mit SS-Chef Himmler ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

Speer hat die Finanzmittel, Himmler die Arbeitssklaven.

Himmler wie auch Speer inspizieren regelmäßig die Lager ihrer Opfer.

Neuman weiß von den Gräueln in den KZs.

(Speer) I'm getting a little tired now.

(Sprecher) Aber er kann dies nicht

mit seinem freundlichen Gegenüber in Verbindung bringen.

I'm very proud of my daughters.

(Thompson auf Englisch) Für Neuman ist dieses Thema schwierig.

Er war selbst im Krieg,

und nun sitzt er Hitlers Komplize gegenüber.

Kannten Sie Hitlers Haltung zu Juden?

Klar.

Haben Sie gesehen, was um Sie herum los war, Herr Speer?

Schon,

aber wie die meisten von uns glaubte ich,

Hitlers Antisemitismus sei so eine Art vulgäres Überbleibsel

aus seiner Zeit in Wien.

(Sprecher) Dabei nutzt Speer den Staats-Antisemitismus

für eigene Zwecke.

Im Zentrum von Berlin lässt er ganze Stadtteile abreißen.

Platz für Hitlers Lieblingsprojekt, die Welthauptstadt.

Damit macht er Tausende obdachlos.

(Brechtken) Also hat sich Albert Speer gefragt:

"Wo bekomme ich denn Wohnungen her,

damit ich diese Menschen unterbringen kann?"

Er hat dafür auf einer Konferenz im September 1938,

also knapp zwei Monate vor dem Pogrom,

vorgeschlagen, dass man doch bitte

die Berliner Judenwohnungen registrieren solle,

damit man feststellen könne,

wie viele Juden leben in Berlin.

In welchen Wohnungen.

(Sprecher) Das Protokoll dieser Konferenz ist erhalten.

Es zeigt, dass die Registrierung jüdischer Wohnungen

Speers Vorschlag war.

Und dass er dafür nicht einmal

Hitlers Einverständnis eingeholt hatte.

(Brechtken) Und er hat betont,

das ist eigentlich ein sehr wichtiger Aspekt, er hat betont:

"Bitte prüfen Sie diesen Vorschlag.

Ich werde den anschließend mit Hitler besprechen.

Ich habe mit Hitler noch nicht darüber gesprochen,

aber ich lasse mir von Hitler Unterstützung geben."

Das heißt, die Initiative ist nicht von Hitler ausgegangen,

sondern sie ging von Albert Speer aus.

(Sprecher) Als während des Krieges die Deportationen anlaufen,

liegen Speers Listen der Berliner Juden bereit.

Im Interview dazu kein Wort.

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