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BibelProjekt: Wie man die Bibel liest?, Teil 4: Jüdische Meditationsliteratur - YouTube

Teil 4: Jüdische Meditationsliteratur - YouTube

Die Bibel ist eine Sammlung von Büchern, die in verschiedenen literarischen Stilen

wie Erzählung, Poesie und Prosa geschrieben wurden. Und die meisten von uns sind mit dieser

Art von Literatur vertraut. Ja, wir alle kennen eine Erzählung, wenn

wir eine sehen, wie Die Tribute von Panem oder Der große Gatsby.

Die meisten Menschen können Poesie als solche erkennen, ob es sich um Walt Whitman oder

die Lieder von Bob Dylan handelt. Und jeden Tag sind wir von Prosa umgeben – in

Form von Zeitungsartikeln oder Essays. Nun, all diese Beispiele sind moderne amerikanische

Literatur, da sie aus dieser Zeit und dieser Region der Welt stammen.

Aber es gibt auch mittelalterliche, englische Literatur von einem anderen Ort in der Zeit

oder altgriechische Schriften von eben diesem Ort in dieser Zeit.

Jede Zeitperiode und Kultur bringt also eine eigene, einzigartige Art von Literatur hervor.

Und um die Bibel gut lesen zu können, müssen wir uns vor Augen halten, dass sie aus diesem

Teil der Welt stammt und in dieser grundlegenden Zeitperiode entstanden ist.

Was ist also einzigartig an der alten jüdischen Literatur?

Nun, ein wesentliches Merkmal ist, dass ihr viele der Details fehlen, die der moderne

Leser in Geschichten und Gedichten erwartet. Und dadurch scheint es echt einfach zu sein.

Aber in Wirklichkeit ist das sehr anspruchsvolle Literatur. Jedes Detail, von dem wir lesen,

ist wichtig. Und das ist großartig, aber der Mangel an

Details bedeutet, dass die Geschichten oft voller Unklarheiten sind. Zum Beispiel eine

der ersten Geschichten: Adam und Eva im Garten. Woher kam diese sprechende Schlange? Und warum

durfte sie dort sein? Warum sind Adam und Eva nicht auf der Stelle gestorben, so wie

Gott es gesagt hat? Und wer ist dieser Nachkomme der Frau, der die Schlange vernichten wird,

aber von ihr gebissen wird? Ja, so viele Rätsel in dieser Geschichte.

Und einige dieser Fragen sind zwar da, aber nicht wichtig für das, worauf sich der Autor

konzentriert. Aber einige dieser Unklarheiten sind absichtlich.

Absichtlich? Führt das nicht zu schlechten Interpretationen, indem die Menschen die Lücken

mit ihren eigenen Antworten füllen? Nun, das ist ein Risiko, das die biblischen

Autoren eingegangen sind, als sie es so aufgeschrieben haben.

Wir alle neigen dazu, der Bibel unsere eigenen kulturellen Annahmen aufzuerlegen, aber sie

dachten anscheinend, es sei das Risiko wert. Diese Eigenartigkeiten sind in Wirklichkeit

Einladungen zu einem Abenteuer durch Lesen und Entdecken.

Was meinst du? Nun, zum Beispiel das seltsame Versprechen

über den Nachkommen der Frau, der die (von der) Schlange zerquetscht und von ihr gebissen

wird. Dieses Wort „Nachkomme“ ist ein Hinweis

darauf, auf die Stammbäume zu achten, die sich, siehe da, durch die gesamte biblische

Erzählung ziehen. Sie verfolgen den Stammbaum von Eva bis hin zu König David und seinen

Nachkommen. Und im Neuen Testament ist Jesus mit den Nachkommen

dieses königlichen Stammbaums verbunden. Lies dann in den Propheten, wie Jesaja diesen

König mit dem leidenden Knecht verbunden hat, der für sein Volk sterben würde. Und

dann gibt es im Buch der Offenbarung diese symbolische Vision.

Und rate mal(!): Es geht um eine Frau und ihren Nachkommen. Es geht um Jesus und seine

Anhänger, die den Drachen besiegen, indem sie ihr Leben geben.

Ja. Jeder Teil der Geschichte ist also voller Unklarheiten, aber alles zusammen ergibt Sinn.

Und das ist das literarische Genie der Bibel. Sie zwingt dich dazu, weiter zu lesen und

dann jeden Teil vor dem Hintergrund der anderen Teile zu interpretieren.

Das scheint kompliziert zu sein. Ich weiß nicht, ob ich das alles kann.

Nun, es wird eigentlich nicht erwartet, dass du das alles alleine oder auf einmal wahrnimmst.

Diese dichte Art des Schreibens zwingt dich dazu, langsamer zu werden und dann sorgfältig

zu lesen und dich auf diesen interaktiven Entdeckungsprozess durch die gesamte biblische

Erzählung über ein ganzes Leben des Lesens und Nochmal-Lesens einzulassen.

Ah, okay, Meditationsliteratur. Ja. In Psalm 1 lesen wir vom idealen Bibelleser.

Es ist jemand, der Tag und Nacht über der Heiligen Schrift meditiert. Im Hebräischen

bedeutet das Wort „meditieren“ wörtlich „murmeln“ oder „leise sprechen“.

Die Idee ist, dass du dir selbst für den Rest deines Lebens jeden Tag langsam und ruhig

die Bibel laut vorliest und dann mit deinen Freunden darüber sprichst, über die Rätsel

nachdenkst, Verbindungen herstellst und herausfindest, was es alles bedeutet.

Und während du die Bibel sich selbst interpretieren lässt, geschieht etwas Bemerkenswertes. Die

Bibel beginnt, dich zu lesen, weil die Verfasser der Bibel letztlich wollen, dass du diese

Geschichte als deine Geschichte annimmst. Dieser alte jüdische Schreibstil muss also

einzigartige Stile der Erzählung, der Poesie und der Prosa erschaffen?

Ja. Und wir werden all diese literarischen Stile erforschen, wobei wir als nächstes

mit der biblischen Erzählung beginnen.

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