Die Geschichte der 'Deutschen'
Woher kriegen Länder ihre Namen?
Oft ist der Bezug einfach zu einem ehemals vorherrschenden Volk herzustellen.
Nach England kamen im 5. Jahrhundert die Angeln und heute spricht man dort Englisch.
Im frühen Mittelalter gründeten die Polanen östlich der Oder fleißig Städte
und Heute Sprechen dort die Polen in Polen Polnisch.
Westlich des Rheins begannen die Franken um 800 ein gewaltiges Reich zusammenzuerobern.
Das heutige Frankreich.
Und was ist mit Deutschland?
Hm.
Das sieht noch komplizierter aus, als normale Geschichte.
Wie heißen denn die Größten Gebiete?
Bayern, Böhmen, Schlesien, Pommern ...
Nichts davon klingt sehr nach 'deutsch'.
Also woher kommt dieser verflixte Name?
Sehen wir uns nach Hinweisen um.
Unsere zahlreichen Nachbarn haben ganz unterschiedliche
Bezeichnungen für Deutschland.
Die Slawen nennen die Deutschen 'die Stummen'.
Sie, die slawischen Völker, konnten sich untereinander halbwegs verstehen,
an der Oder war es mit diesem Verständnis vorbei.
Ansonsten stoßen wir in dieser bunten Sammlung tatsächlich auf die Namen von Völkern,
die auch mehr oder weniger mit deutscher Geschichte zu tun haben:
Sachsen, Alemannen, Germanen.
Ausschlaggebend waren diese aber auch nicht;
weder als Wortstamm, noch als Volk.
Moment.
Es gab doch irgendwann einmal die Teutonen!
Die klingen, als hätte sich das Wort 'deutsch' von ihnen abgeleitet.
Das Stimmt.
Die Teutonen zogen 120 v. Chr. nach Süden, um neue Siedlungsgebiete zu finden.
Aber schon 20 Jahre später wurden sie vernichtend besiegt
und so entweder erschlagen oder verstreut.
Und während die siegreichen Römer davon ausgiebig berichteten,
erwähnten sie die Teutonen später mit keinem Wort mehr.
Die Teutonen waren also nicht der Namensgeber.
Aber sie bringen uns vielleicht auf die richtige Spur.
Denn wir werden darauf gebracht nach ähnlich klingenden alten Begriffen zu stöbern.
Und während die Wortherkunft von 'Teutone' nicht gesichert ist,
stoßen wir doch auf das Althochdeutsche 'diot'
mit dem dazugehörigen Adjektiv 'diutisc'
lateinisiert 'theodisc'
und ganz ähnliche Wörter im Alt Irischen,
proto-Germanischen
und Proto-Indo-Europäischen,
was nahezu ganz Europa als Sprachbasis dient.
Damals bedeutete es 'Volk' oder 'Stamm'.
Und davon über Jahrhunderte abgeleitet sind
das litauische Wort für 'Nation',
sowie das isländische und norwegische Wort für 'Nation' bzw. 'Volk'
und Aha!
Das dänische 'tysk',
das norwegische 'tysk',
das schwedische 'tyska'
und das italienische 'tedesco',
die heute allesamt 'deutsch' bedeuten.
Die Urformen europäischer Sprachen enthielten also zuhauf
einen ähnlichen Begriff für 'Volk/Stamm oder Nation'.
Manche Sprachen leiteten sich davon ihre Bezeichnung für die Deutschen ab,
andere behielten die ursprüngliche Bedeutung.
Aber warum hat denn 'deutsch' oft den gleichen Wortstamm, wie 'Volk'?
Im wesentlichen wurde das Wort 'Volk' auf die späteren Deutschen angewandt,
weil sie eine fremde unangepasste Landbevölkerung ausmachten.
Die späteren Deutschen hatten weder eine einheitliche Kultur,
noch viel Freundschaftlichen Kontakt miteinander.
Aber wie den Slawen war auch ihnen aufgefallen,
dass sie mit all ihren Nachbarn nicht gut kommunizieren konnten,
untereinander aber doch recht gut.
Westlich des Rheins lag das romanisierte Frankreich.
Südlich davon Mutter Rom selbst.
Dabei bedeutete im Mittelalter 'römisch' gleichzeitig 'christlich'.
Östlich der Oder wohnten die schon erwähnten Slawen.
Und im Norden waren die Völker entweder sehr ähnlich oder es gab nur Wasser.
Die Deutschen waren also aus zwei Gründen abgegrenzt:
sie sprachen anders und glaubten anders.
Das zweite verschaffte ihnen als Gruppe die Aufmerksamkeit
romanisierter und damit christlicher Nachbarn
und unter dem Sprachaspekt wurden sie zusammengefasst:
Mitte des 4. Jahrhunderts gab es
dank Bischof Wulfila eine Gotische Neuübersetztung der Bibel.
Darin übersetzte er die 'Heiden' erstmals mit dem Wort für 'Volk',
damit die zentraleuropäische Bevölkerung wusste, dass sie gemeint waren.
Karl dem Großen konnte um 800 die Christianisierung seiner Gebiete
gar nicht schnell genug gehen um sein Bündnis mit dem Papst aufrecht zu erhalten:
Da nahezu alle Völker im Osten des Frankenreiches Heiden waren
und ungefähr die gleiche Sprache sprachen, forderte Karl
Predigten entweder in einfachem Latein
oder in der 'Sprache des Volkes' zu halten.
Aus Gemeinsamkeit durch Anderssein
wurde bei den Deutschen bald ein Sinn für Zusammengehörigkeit:
955 vereinigte Otto I viele der unterschiedlichen deutsche Stämme
auf dem Lechfeld, um die Ungarn zu besiegen.
Damit war ein gemeinsamer Feind vertrieben
und eine gemeinsame Identität ein Stück näher.
Wenig später tauchen in einem volkssprachigen Gedicht erstmals
'deutsche Sprecher', 'deutsche Menschen' und ein 'deutsches Land' auf.
Daran ist gut zu erkennen,
wie das ehemalige Wort für 'das Volk'
immer mehr zum Eigennamen wurde und
auch die Schreibweise schon der heutigen ähnelt.
200 Jahre später wurde in der 'Kaiserchronik' die Geschichte
römischer und deutscher Kaiser von Caesar bis zum zeitgenössischen Konrad III
zusammengestellt.
Darin finden sich dann auch erste Verwendungen
der Bezeichnung 'die Deutschen'
für die ehemaligen Ostfranken.
Es dauert aber noch weitere 400 Jahre,
bis definitiv von dem 'Deutschland' gesprochen wird.
Ein langer Weg
vom ur-alten Wort für irgendein unbestimmtes Volk
über die Christianisierung
bis ins 15. Jahrhundert.
Aber seit dem und bis heute
sprechen nicht mehr die zahllosen Stämme des Ostfrankenreiches
die 'Sprache des einfachen Volkes',
sondern die Leute in Deutschland
auf deutsch
von sich als Deutsche.