„Avantgarde des Nationalsozialismus“
Im Coburger Stadtarchiv schlummern alte Protokolle, Ordner und Bücher,
einige davon sind für Dr. Eva Karl besonders interessant.
Die Historikerin forscht im Auftrag der Stadt Coburg an einem heiklen Kapitel der Coburger Geschichte:
Es geht um die erste Hälfte des 20.Jahrhunderts, und um das, was in Coburg lange verdrängt wurde:
Jahre vor der reichsweiten Machtergreifung hatte der Nationalsozialismus in Coburg Wurzeln geschlagen.
Dr. Karl geht unter anderem der Frage nach, warum ausgerechtet Coburg die erste nationalsozialistische
Stadt in Deutschland werden konnte.
„Die Grundfrage ist natürlich, warum konnte Coburg die Avantgarde des Nationalsozialismus werden?
Also, warum hat Coburg den Titel „erste nationalsozialistische Stadt“ bekommen?
Wie ist es zu einem dazu gekommen, und weiter wie hat sich die Stadt nach der Machtergreifung,
nach 1933 weiterentwickelt.
War Coburg immer noch Vorreiter?
War das Geschehen in Coburg immer noch besonders radikal?
Dr. Eva Karl ist am Institut für Zeitgeschichte in München angestellt.
Professor Gert Melville, der Sprecher der eingesetzten Historikerkommission,
begleitet das Projekt vor Ort wissenschaftlich.
Zunächst hieß es für die Historikerin, das vorhandene Material zu sichten, um einen
Überblick über die Quellen zu bekommen.
Die befinden sich im In- und Ausland in verschiedenen Archiven, zum Beispiel im Coburger Stadtarchiv.
„Und dann war es ganz wichtig, leitende Fragen zu stellen.
Es geht nicht darum, eine Chronik zu schreiben und nur Daten und Fakten aneinander zu reihen,
sondern mit großen Fragestellungen und Analyseinstrumenten dieses Thema zu bearbeiten.“
Und dazu gehöre die Idee der sogenannten Volksgemeinschaft.
Die Volksgemeinschaft war demnach ein zentraler Bestandteil der NS-Weltanschauung.
Eine Gesellschaftsutopie, die eine glorreiche Zukunft für die ganze Nation versprach,
und die Adolf Hitler propagierte.
Hitlers Besuch in Coburg anlässlich des Deutschen Tages im Jahr 1922
war ein prägender Tag für die Coburger.
Der spätere NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister der Stadt Coburg, Franz Schwede,
habe Hitlers machtvolles und radikales Auftreten in Coburg nachgeahmt.
„Also auffallend, in dem Teil, mit dem ich mich bis jetzt schon auseinandergesetzt habe,
ist besonders die Radikalität mit der Franz Schwede, der Ortsgruppenleiter dann hier in
Coburg wurde, daran ging die Macht hier vor Ort an sich zu nehmen und Einfluss in der zu bekommen."
Die NSDAP zog bereits im Jahr 1924 in den Coburger Stadtrat ein und erreichte fünf
Jahre später die absolute Mehrheit.
Die Nazis fielen bald dadurch auf, dass sie die Arbeit des Stadtrates störten,
sie schikanierten demnach den ersten und zweiten Bürgermeister und drängten diese aus dem Amt.
„Und gerade im Jahr 1929, nachdem die NSDAP die absolute Mehrheit in Coburg bekommen hat
und die erste nationalistische Stadt Deutschlands wurde, ist man dann dazu über gegangen die
komplette Macht an sich zu reisen.“
Schwede habe den Ausdruck geprägt: „Der Name Coburg verpflichtet“.
Und damit sei die Voreiterrolle im Nationalsozialismus gemeint.
Dieser Anspruch habe sich auf das politische und administrative Handeln ausgewirkt,
aber auch auf die einfachen Bürger.
Das Projekt läuft bis zum Jahr 2021.
Die Forschungsergebnisse sollen dann in einem Buch veröffentlicht werden.