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Andrea erzählt (D), Züri Horn

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 17. Februar 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Wir stecken [1] immer noch mitten im Winter. Viele Menschen haben schon genug davon. Oder sie lieben das Skifahren und Snowboarden und freuen sich darüber. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich mag den Winter sehr. Man kann zuhause Bücher lesen oder zeichnen, Spiele spielen oder nähen [2]. Was ich ganz besonders gern habe: Im Winter hat es am See fast keine Leute. Am liebsten gehe ich an das so genannte Züri Horn, das ist der vordere Teil des Parks am Zürichsee. Gern erzähle ich Ihnen heute davon. Viel Vergnügen!

***

Wenn ich in Zürich am Bellevue stehe, denke ich oft: «Der Name passt nicht mehr.» Bellevue ist nämlich Französisch und heisst «schöner Ausblick [3]». Heute hat es hier so viele Trams und Autos, dass der Ausblick nicht mehr wirklich schön ist. Aber wenn man auf die Brücke geht, kann man den Namen immer noch sehr gut verstehen: Auf der einen Seite sieht man den See und manchmal die Berge. Auf der anderen sieht man die Altstadt. Von hier aus kann man wunderbare Spaziergänge am See machen. Links kann man bis zum Züri Horn spazieren. Das ist mein liebster Weg, vor allem im Winter.

Am Anfang gibt es zwei parallele Wege zum Züri Horn. Unten hat es einen breiten Weg für die Fussgänger mit vielen Bänken. Hier war ich früher sehr oft mit meinen Kindern. Ich musste sie nur fragen: «Gehen wir die Schwäne füttern [4]?» Dann waren sie sofort ganz aufgeregt und halfen mir, ihre kleinen Schuhe und Jacken zu holen. Und natürlich das alte Brot. Wir setzten uns auf eine der vielen Bänke am See und warfen Brot ins Wasser. Die Kinder quietschten [5] vor Vergnügen, wenn ein Schwan oder eine Ente ein Stück erwischte [6].

Aber wenn wieder eine Möwe das Brot stibitzte [7] oder ein grosser Vogel einem kleinen etwas wegnahm, riefen sie: «Geh weg, du bist gemein. Du hast schon gegessen. Mama, hilf doch! Der Kleine da drüben hat noch nichts bekommen.» Das hat mich immer sehr fasziniert. Ich habe damals oft gedacht: «Das Gefühl für Gerechtigkeit ist in den Kindern drin. Man muss es ihnen nicht erklären. Man muss nur schauen, dass sie es nicht wieder verlieren.» Ein schöner Gedanke. Aber dann drehte ich mich einmal kurz um, um neues Brot aus der Tasche zu holen – und plötzlich weinte mein Sohn. Ich fragte: «Was ist denn los mit dir.» Er zeigte auf seine grosse Schwester und sagte: «Sie hat mir einfach mein Brot weggenommen, weil sie selbst keines mehr hatte!» Naja, vielleicht hatte ich doch eine etwas zu romantische Vorstellung [8] von Kindern.

***

Wer lieber den oberen Weg nimmt, kann unter wunderschönen Bäumen spazieren. Hier hat es auch ein ganz besonderes Restaurant. Eigentlich sind es nur zwei alte Häuschen und ein paar Tische und Stühle. Eine Freundin von mir hat es vor vielen Jahren aufgemacht. Sie war sehr stolz, als sie es mir erzählte: «Viele grosse Restaurantbesitzer der Stadt wollten den Platz auch haben. Aber ich und ein paar Freunde haben die Chance bekommen!» Am Anfang hatten sie grosse Schwierigkeiten. Immer wieder wurden Dinge zerstört. Niemand konnte beweisen, wer es war. Aber meine Freundin sagten: «Die Polizei glaubt, dass es etwas damit zu tun haben könnte, dass man uns hier weghaben will. Es ist wie eine Rache [9]. Denn es gibt sehr viel Neid [10], dass wir einen der besten Orte in der Stadt bekommen haben.» Es stimmt: Bei schönem Wetter ist es immer voll hier. Aber ich möchte lieber nicht glauben, dass in Zürich solche Mafia-Geschichten passieren. Trotzdem muss ich jedes Mal daran denken, wenn ich hier vorbeikomme.

Ich muss auch an meine Freundin denken. Sie ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Als sie erfahren [11] hat, dass sie krank ist, hat sie das Restaurant verkauft. Dann hat sie als Schiffsköchin auf allen grossen Meeren der Welt gearbeitet. Sie war ein sehr fröhlicher Mensch und sagte immer: «Wenn ich schon weiss, dass ich nicht lange leben werde, muss ich eben alles etwas schneller tun, als andere Menschen.» Dafür bewundere ich sie bis heute.

***

Weiter vorne kommen die beiden Wege zusammen. Hier stehen viele Bänke. Von da aus kann man gut den Vögeln auf dem Wasser zusehen. Es hat sogar Tafeln, auf denen ihre Namen stehen. Das ist vor allem im Winter spannend. Denn viele Vögel kommen aus dem hohen Norden, um hier um zu überwintern [12]. Zum Beispiel die schönen Eiderenten.

Weiter vorne trinke ich gern einen Kaffee in einem kleinen Pavillon aus farbigem Glas. Er steht gleich neben einer Skulptur des Bildhauers Henry Moore von 1976. Sie heisst «Sheep Piece». Schaf-Stück. Als Kind versuchte ich mal, da hinauf zu klettern. Das war gar nicht so einfach. Meine Mutter sagte mir dann: «Das sind Schafe.» Da habe ich sie ausgelacht und gesagt: «Aber Mami, hast du noch nie ein Schaf gesehen? Die sind doch nicht aus Metall! Und überhaupt sehen sie ganz anders aus.» Nun, mir ging es später mit meinen eigenen Kindern nicht besser. Es ist wohl nicht so einfach, Kindern abstrakte Kunst zu erklären.

Jetzt kommen wir zu einer grossen Wiese. Sie heisst Blatterwiese. Sie und der ganze Park am See wurden 1959 für eine grosse Gartenausstellung gemacht. Als ich klein war, ist man hier nur spaziert. Heute darf man auf den Wiesen auch sitzen und liegen. Als Studenten haben wir hier sogar mal geschlafen. Es war Sommer und sehr heiss. Wir konnten ganz lange nicht einschlafen, überall waren Menschen und Musik. Das war schön, aber ich hatte auch Angst vor den Betrunkenen [13]. Irgendwann sind wir dann doch eingeschlafen. Am nächsten Morgen lag gleich neben uns ein Mann. Er hatte viele Plastiksäcke dabei und fragte: «Wohnt ihr jetzt auch hier?» Ich sagte nein und schämte [14] mich ein bisschen, weil wir ihm seinen Schlafplatz weggenommen hatten. Aber ihn störte das nicht. Dafür luden wir ihn noch zu einem Kaffee im Restaurant vorne am Zürich Horn ein.

Ich liebe diesen Ort sehr. Vor allem die grossen, alten Bäume. Wenn ich unter ihnen stehe, werde ich immer ganz ruhig. Ich erinnere mich gut an den grossen Sturm [15] von Ende 1999. Er hiess «Lothar» und hat in der Schweiz enorm viel kaputtgemacht. Er hat auch einen meiner liebsten Bäume am See zerstört.

Als ich nach dem Sturm das erst Mal am See war, sah ich, dass er am Boden lag. Da konnte ich fast nicht mehr aufhören zu weinen. Es war, als wäre ein liebes Haustier gestorben. Ich hätte nie gedacht, dass man um einen Baum trauern [16] kann. Damals hat mir ein Freund ein Lied gezeigt und gesagt: «Es ist von der deutschen Sängerin Alexandra. Sie hat es 1968 gesungen.» Es heisst «Mein Freund der Baum ist tot» und ich finde es wunderschön.

Noch etwas mag ich hier ganz besonders: Die «Heureka». Das ist eine Maschine aus vielen alten Metallrädern und anderem Abfall. Sie macht eigentlich nichts ausser Lärm. Sie wurde 1964 vom Basler Künstler Jean Tinguely für eine Ausstellung in Lausanne gebaut und dann nach Zürich gebracht. Als ich klein war, sagte ich oft zu meiner Mutter: «Wir müssen wieder einmal zu der lustigen Maschine gehen.» Später wollten auch meine Kinder sie oft besuchen.

Meist gehe ich nun über die Blatterwiese zurück. Hinter ein paar Bäumen steht dort das Heidi-Weber-Haus. Es wurde von dem berühmten Schweizer Architekten Le Corbusier gebaut und sieht aus, wie aus einem Wohn-Heft aus den sechziger Jahren. Leider ist es nur selten offen. Aber ich schaue gern von aussen durch die grossen Fenster hinein. Es erinnert mich an das Haus meiner Grosseltern.

Wenn ich von einem solchen Spaziergang zurückkomme, bin ich glücklich und kann sehr gut arbeiten. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich hier Natur, Wasser, Kunst und besondere Erinnerungen an einem einzigen Ort erleben kann. Und es ist einer der wenigen Orte in der Stadt unten, von denen aus man wirklich weit sehen kann.

***

Vielleicht haben Sie auch Lust, mal eine Spaziergang zum Züri Horn zu machen. Am schönsten ist es früh am Morgen. Am Sonntag oder im Sommer ist es so voll, dass ich nicht hingehe. Aber wenn Sie gern Sommer, Sonne und viele Menschen haben, wird es Ihnen sicher auch dann gefallen.

Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 3. März wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von «Thun» erzählen. Auf Wiederhören!

Glossaire: Andrea erzählt (D) [1] stecken: festgemacht sein. Kann wörtlich gemeint sein z.B. in einem Loch stecken, oder als Bild – in einer Situation stecken

[2] nähen: mit Nadel, Faden und Stoff Dinge machen, z.B. Kleider oder Kissen

[3] der Ausblick: das Gesamte, was man von einem Ort aus sieht, z.B. Berge, einen See oder eine Strasse

[4] füttern: einem Tier zu essen (fressen) geben

[5] quietschen: hohe Töne machen (eine alte Türe kann quietschen, aber auch ein Kind, wenn es sich freut)

[6] erwischen: es schaffen, sich etwas zu nehmen, schnappen

[7] stibitzen: stehlen (eher liebevoll gemeint)

[8] eine romantische Vorstellung: wenn etwas in Gedanken schöner, besser oder einfacher ist, als in der Realität

[9] die Rache: etwas Schlechtes, was man jemandem antut, weil der einem vorher etwas Schlechtes angetan hat

[10] der Neid: schlechtes Gefühl, weil man etwas möchte, was jemand anderes hat

[11] etwas erfahren: etwas gesagt bekommen, herausfinden

[12] überwintern: den Winter verbringen

[13] der Betrunkene: jemand, der zu viel getrunken hat

[14] sich schämen: etwas ist einem peinlich

[15] der Sturm: wenn es sehr, sehr stark windet, oft auch regnet

[16] trauern: über längere Zeit traurig sein, weil man etwas sehr Wichtiges verloren hat



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Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 17. Februar 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Wir stecken [1] immer noch mitten im Winter. Viele Menschen haben schon genug davon. Oder sie lieben das Skifahren und Snowboarden und freuen sich darüber. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich mag den Winter sehr. Man kann zuhause Bücher lesen oder zeichnen, Spiele spielen oder nähen [2]. Was ich ganz besonders gern habe: Im Winter hat es am See fast keine Leute. Am liebsten gehe ich an das so genannte Züri Horn, das ist der vordere Teil des Parks am Zürichsee. Gern erzähle ich Ihnen heute davon. Viel Vergnügen!

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Wenn ich in Zürich am Bellevue stehe, denke ich oft: «Der Name passt nicht mehr.» Bellevue ist nämlich Französisch und heisst «schöner Ausblick [3]». Heute hat es hier so viele Trams und Autos, dass der Ausblick nicht mehr wirklich schön ist. Aber wenn man auf die Brücke geht, kann man den Namen immer noch sehr gut verstehen: Auf der einen Seite sieht man den See und manchmal die Berge. Auf der anderen sieht man die Altstadt. Von hier aus kann man wunderbare Spaziergänge am See machen. Links kann man bis zum Züri Horn spazieren. Das ist mein liebster Weg, vor allem im Winter.

Am Anfang gibt es zwei parallele Wege zum Züri Horn. Unten hat es einen breiten Weg für die Fussgänger mit vielen Bänken. Hier war ich früher sehr oft mit meinen Kindern. Ich musste sie nur fragen: «Gehen wir die Schwäne füttern [4]?» Dann waren sie sofort ganz aufgeregt und halfen mir, ihre kleinen Schuhe und Jacken zu holen. Und natürlich das alte Brot. Wir setzten uns auf eine der vielen Bänke am See und warfen Brot ins Wasser. Die Kinder quietschten [5] vor Vergnügen, wenn ein Schwan oder eine Ente ein Stück erwischte [6].

Aber wenn wieder eine Möwe das Brot stibitzte [7] oder ein grosser Vogel einem kleinen etwas wegnahm, riefen sie: «Geh weg, du bist gemein. Du hast schon gegessen. Mama, hilf doch! Der Kleine da drüben hat noch nichts bekommen.» Das hat mich immer sehr fasziniert. Ich habe damals oft gedacht: «Das Gefühl für Gerechtigkeit ist in den Kindern drin. Man muss es ihnen nicht erklären. Man muss nur schauen, dass sie es nicht wieder verlieren.» Ein schöner Gedanke. Aber dann drehte ich mich einmal kurz um, um neues Brot aus der Tasche zu holen – und plötzlich weinte mein Sohn. Ich fragte: «Was ist denn los mit dir.» Er zeigte auf seine grosse Schwester und sagte: «Sie hat mir einfach mein Brot weggenommen, weil sie selbst keines mehr hatte!» Naja, vielleicht hatte ich doch eine etwas zu romantische Vorstellung [8] von Kindern.

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Wer lieber den oberen Weg nimmt, kann unter wunderschönen Bäumen spazieren. Hier hat es auch ein ganz besonderes Restaurant. Eigentlich sind es nur zwei alte Häuschen und ein paar Tische und Stühle. Eine Freundin von mir hat es vor vielen Jahren aufgemacht. Sie war sehr stolz, als sie es mir erzählte: «Viele grosse Restaurantbesitzer der Stadt wollten den Platz auch haben. Aber ich und ein paar Freunde haben die Chance bekommen!» Am Anfang hatten sie grosse Schwierigkeiten. Immer wieder wurden Dinge zerstört. Niemand konnte beweisen, wer es war. Aber meine Freundin sagten: «Die Polizei glaubt, dass es etwas damit zu tun haben könnte, dass man uns hier weghaben will. Es ist wie eine Rache [9]. Denn es gibt sehr viel Neid [10], dass wir einen der besten Orte in der Stadt bekommen haben.» Es stimmt: Bei schönem Wetter ist es immer voll hier. Aber ich möchte lieber nicht glauben, dass in Zürich solche Mafia-Geschichten passieren. Trotzdem muss ich jedes Mal daran denken, wenn ich hier vorbeikomme.

Ich muss auch an meine Freundin denken. Sie ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Als sie erfahren [11] hat, dass sie krank ist, hat sie das Restaurant verkauft. Dann hat sie als Schiffsköchin auf allen grossen Meeren der Welt gearbeitet. Sie war ein sehr fröhlicher Mensch und sagte immer: «Wenn ich schon weiss, dass ich nicht lange leben werde, muss ich eben alles etwas schneller tun, als andere Menschen.» Dafür bewundere ich sie bis heute.

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Weiter vorne kommen die beiden Wege zusammen. Hier stehen viele Bänke. Von da aus kann man gut den Vögeln auf dem Wasser zusehen. Es hat sogar Tafeln, auf denen ihre Namen stehen. Das ist vor allem im Winter spannend. Denn viele Vögel kommen aus dem hohen Norden, um hier um zu überwintern [12]. Zum Beispiel die schönen Eiderenten.

Weiter vorne trinke ich gern einen Kaffee in einem kleinen Pavillon aus farbigem Glas. Er steht gleich neben einer Skulptur des Bildhauers Henry Moore von 1976. Sie heisst «Sheep Piece». Schaf-Stück. Als Kind versuchte ich mal, da hinauf zu klettern. Das war gar nicht so einfach. Meine Mutter sagte mir dann: «Das sind Schafe.» Da habe ich sie ausgelacht und gesagt: «Aber Mami, hast du noch nie ein Schaf gesehen? Die sind doch nicht aus Metall! Und überhaupt sehen sie ganz anders aus.» Nun, mir ging es später mit meinen eigenen Kindern nicht besser. Es ist wohl nicht so einfach, Kindern abstrakte Kunst zu erklären.

Jetzt kommen wir zu einer grossen Wiese. Sie heisst Blatterwiese. Sie und der ganze Park am See wurden 1959 für eine grosse Gartenausstellung gemacht. Als ich klein war, ist man hier nur spaziert. Heute darf man auf den Wiesen auch sitzen und liegen. Als Studenten haben wir hier sogar mal geschlafen. Es war Sommer und sehr heiss. Wir konnten ganz lange nicht einschlafen, überall waren Menschen und Musik. Das war schön, aber ich hatte auch Angst vor den Betrunkenen [13]. Irgendwann sind wir dann doch eingeschlafen. Am nächsten Morgen lag gleich neben uns ein Mann. Er hatte viele Plastiksäcke dabei und fragte: «Wohnt ihr jetzt auch hier?» Ich sagte nein und schämte [14] mich ein bisschen, weil wir ihm seinen Schlafplatz weggenommen hatten. Aber ihn störte das nicht. Dafür luden wir ihn noch zu einem Kaffee im Restaurant vorne am Zürich Horn ein.

Ich liebe diesen Ort sehr. Vor allem die grossen, alten Bäume. Wenn ich unter ihnen stehe, werde ich immer ganz ruhig. Ich erinnere mich gut an den grossen Sturm [15] von Ende 1999. Er hiess «Lothar» und hat in der Schweiz enorm viel kaputtgemacht. Er hat auch einen meiner liebsten Bäume am See zerstört.

Als ich nach dem Sturm das erst Mal am See war, sah ich, dass er am Boden lag. Da konnte ich fast nicht mehr aufhören zu weinen. Es war, als wäre ein liebes Haustier gestorben. Ich hätte nie gedacht, dass man um einen Baum trauern [16] kann. Damals hat mir ein Freund ein Lied gezeigt und gesagt: «Es ist von der deutschen Sängerin Alexandra. Sie hat es 1968 gesungen.» Es heisst «Mein Freund der Baum ist tot» und ich finde es wunderschön.

Noch etwas mag ich hier ganz besonders: Die «Heureka». Das ist eine Maschine aus vielen alten Metallrädern und anderem Abfall. Sie macht eigentlich nichts ausser Lärm. Sie wurde 1964 vom Basler Künstler Jean Tinguely für eine Ausstellung in Lausanne gebaut und dann nach Zürich gebracht. Als ich klein war, sagte ich oft zu meiner Mutter: «Wir müssen wieder einmal zu der lustigen Maschine gehen.» Später wollten auch meine Kinder sie oft besuchen.

Meist gehe ich nun über die Blatterwiese zurück. Hinter ein paar Bäumen steht dort das Heidi-Weber-Haus. Es wurde von dem berühmten Schweizer Architekten Le Corbusier gebaut und sieht aus, wie aus einem Wohn-Heft aus den sechziger Jahren. Leider ist es nur selten offen. Aber ich schaue gern von aussen durch die grossen Fenster hinein. Es erinnert mich an das Haus meiner Grosseltern.

Wenn ich von einem solchen Spaziergang zurückkomme, bin ich glücklich und kann sehr gut arbeiten. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich hier Natur, Wasser, Kunst und besondere Erinnerungen an einem einzigen Ort erleben kann. Und es ist einer der wenigen Orte in der Stadt unten, von denen aus man wirklich weit sehen kann.

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Vielleicht haben Sie auch Lust, mal eine Spaziergang zum Züri Horn zu machen. Am schönsten ist es früh am Morgen. Am Sonntag oder im Sommer ist es so voll, dass ich nicht hingehe. Aber wenn Sie gern Sommer, Sonne und viele Menschen haben, wird es Ihnen sicher auch dann gefallen.

Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 3. März wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von «Thun» erzählen. Auf Wiederhören!

Glossaire: Andrea erzählt (D) [1] stecken: festgemacht sein. Kann wörtlich gemeint sein z.B. in einem Loch stecken, oder als Bild – in einer Situation stecken

[2] nähen: mit Nadel, Faden und Stoff Dinge machen, z.B. Kleider oder Kissen

[3] der Ausblick: das Gesamte, was man von einem Ort aus sieht, z.B. Berge, einen See oder eine Strasse

[4] füttern: einem Tier zu essen (fressen) geben

[5] quietschen: hohe Töne machen (eine alte Türe kann quietschen, aber auch ein Kind, wenn es sich freut)

[6] erwischen: es schaffen, sich etwas zu nehmen, schnappen

[7] stibitzen: stehlen (eher liebevoll gemeint)

[8] eine romantische Vorstellung: wenn etwas in Gedanken schöner, besser oder einfacher ist, als in der Realität

[9] die Rache: etwas Schlechtes, was man jemandem antut, weil der einem vorher etwas Schlechtes angetan hat

[10] der Neid: schlechtes Gefühl, weil man etwas möchte, was jemand anderes hat

[11] etwas erfahren: etwas gesagt bekommen, herausfinden

[12] überwintern: den Winter verbringen

[13] der Betrunkene: jemand, der zu viel getrunken hat

[14] sich schämen: etwas ist einem peinlich

[15] der Sturm: wenn es sehr, sehr stark windet, oft auch regnet

[16] trauern: über längere Zeit traurig sein, weil man etwas sehr Wichtiges verloren hat


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