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Andrea erzählt (D), Stetten

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 20. Januar 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Gern sage ich Ihnen heute als Erstes, wer den Wettbewerb gewonnen hat: Beat Eckstein aus Moosseedorf erhält einen Gutschein für einen Sprachkurs an der Klubschule Migros im Wert von 1000 Schweizer Franken. Marlies Horvath Engelmann aus Henggart einen im Wert von 500 Schweizer Franken und Ruth Sanchioni aus Luzern einen im Wert von 300 Schweizer Franken. Wir gratulieren Ihnen herzlich und wünschen viel Spass und Erfolg beim Sprachenlernen an der Klubschule Migros! Auch den anderen Teilnehmenden danken wir fürs Mitmachen und wünschen Ihnen allen einen guten Start ins neue Jahr.

In der Schweiz hat jede und jeder einen Heimatort. Das ist der Ort, an den man theoretisch hingehört. Er wird vererbt [1] oder man kann beim Heiraten den Heimatort des Partners übernehmen. Heute ist der Heimatort eigentlich nicht mehr wichtig, er steht einfach noch im Pass. Früher war das anders. Man wohnte meistens auch an seinem Heimatort und hatte dort Verwandte. Mein Heimatort ist Stetten. Das ist ein ganz normales Dorf im Kanton Aargau. Gern erzähle ich Ihnen heute davon. Viel Vergnügen!

***

Viele Menschen waren wahrscheinlich noch nie an ihrem Heimatort. Bei mir ist das etwas anders. Ich war zwar auch schon lange nicht mehr dort. Aber als Kind war ich häufig in Stetten. Mein Grossvater wurde dort geboren. Seine Eltern hatten damals den einzigen Laden im Dorf. Hier konnte man alles kaufen, was man so brauchte. Deshalb haben meine Urgrosseltern sehr viel gearbeitet — und waren ein bisschen wichtig im Dorf. Sie wussten ja von allen Familien, ob diese zahlen konnten oder arm waren.

Mein Grossvater war das jüngste von drei Kindern. Deshalb waren seine Eltern nicht sehr streng [2] mit ihm. Wenn meine Urgrossmutter keine Zeit hatte für ihn, sagte sie einfach: «Geh und hol dir dafür etwas Süsses im Laden.»

Ich weiss, dass man nicht schlecht über seine eigene Familie sprechen sollte. Aber mein Grossvater war kein nettes Kind und später wurde er zu einem bösartigen [3] Mann. Doch weil seine Eltern eben den Laden hatten, waren die anderen Kinder im Dorf trotzdem freundlich zu ihm.

Ich glaube nicht, dass meine Urgrosseltern und ihr Laden allein schuld [4] sind daran, wie er geworden ist. Solche Dinge sind sehr schwierig zu sagen. Denn der eine Bruder meines Grossvaters war zwar gleich wie er, der andere aber war das pure [5] Gegenteil. Er war freundlich und hilfsbereit [6]. Später wurde er Pfarrer und reiste nach Afrika. Dort sollte er eigentlich als Missionar arbeiten. Das heisst: Er sollte Menschen dazu bringen, an den christlichen Gott zu glauben. Aber schon bald sagte er: «Ach, es ist doch völlig egal, an welchen Gott die Menschen glauben. Es ist viel wichtiger, dass sie genug zu essen haben, sauberes Wasser und gute Schulen.» Also half er den Menschen in dem Dorf, das Leben dort zu verbessen. Erst als er alt wurde, kam er wieder in die Schweiz zurück.

Wir liebten diesen Grossonkel sehr. Er war ein lustiger Mann und konnte die spannendsten Geschichten erzählen. Seine Wohnung war voller sonderbarer [7] Bücher, afrikanischer Speere [8] und Masken [9]. Wenn es mehr solche Pfarrer gäbe, wäre ich vielleicht doch noch religiös geworden.

Doch mein Grossvater war ganz anderes als sein Bruder. Und er wurde leider Lehrer – das ist wirklich kein guter Beruf für bösartige Menschen. Bald lernte er meine Grossmutter kennen. Er hatte eigentlich eine andere Frau heiraten wollen. Aber diese liebte ihn nicht. Also sagte er zu meiner Grossmutter: «Wenn sie nicht will, könnte ich ja dich heiraten.» Sie sagte: «Aber du bist doch so gescheit und ich bin so dumm. Stört dich das nicht?» Es störte ihn nicht. Er mochte es, bewundert [10] zu werden. Also heirateten die beiden und für meine Grossmutter begannen sehr harte Jahre. Ihr Leben lang sagte mein Grossvater zu ihr: «Das verstehst du nicht. Dazu bist du zu dumm.»

Dabei bekam meine Grossmutter acht Kinder. Und mein Grossvater verlor immer wieder seine Arbeit als Lehrer oder probierte etwas Neues aus. Nichts funktionierte und sie waren immer arm. Trotzdem schaffte es meine Grossmutter, dass alle stets genug zu essen hatten und saubere Kleider. Als ich gross wurde, sagte ich einmal zu ihr: «Du bist nicht dumm. Du bist sogar sehr klug. Das einzig Dumme, was du je getan hast, war Grossvater zu heiraten.» Er quälte [11] sie und die Kinder so sehr, dass fast alle für den Rest ihres Lebens grosse psychische Probleme hatten. Aus diesem Grund wollte mein Vater auch nicht, dass wir unseren Grossvater oft sahen.

***

Nach Stetten fuhren wir trotzdem häufig. Denn mein anderer Grossonkel hatte damals den Laden seiner Eltern geerbt und ein altes Bauernhaus etwas ausserhalb von Stetten in der Nähe der Reuss. Das ist ein grosser Fluss. In dem Haus wohnte schon lange niemand mehr. Es war wild und wunderschön. Es heiss «Wildenau», das heisst «wilde Wiese bei einem Wasser». Vor dem Haus war ein grosser Garten voller bunter Blumen.

Ein paar Jahre lang trafen wir uns dort jeden Sommer mit den Geschwistern meines Vaters und meinen 16 Cousins und Cousinen. Diese Tage gehören für mich zu den schönsten, die ich je erlebt habe. Manchmal holten wir im Laden meines Grossonkels Himbeer-Bonbons. Sie waren aus dunkelrosa Zucker und hatten die Form von Himbeeren. Wir assen so viele davon, bis unsere Münder [12] richtig wehtaten. Noch heute muss ich nur ein solches Bonbon essen und kann mich sofort an warme Sommerabende und nackte Füsse im Gras erinnern.

In der Wildenau waren wir Kinder völlig frei. Einmal an einem frühen Morgen ging ich in den Garten. Das Gras war noch feucht [13] und die Luft auch. Man hörte nur die Vögel in den Bäumen beim Fluss. Da sah ich plötzlich eine kleine Maus auf der Wiese. Sie war noch ganz jung. Ich nahm sie in die Hand und streichelte [14] sie. Ich dachte: «Jetzt sind wir Freunde. Ich bin sicher das glücklichste Kind auf der ganzen Welt.» Als meine Cousins und Cousinen aufwachten, war ich ganz stolz. Alle sagten: «Oh, Andrea, darf ich sie auch einmal streicheln?» Und alle durften das arme Tierchen anfassen. Leider war das zuviel für die arme Maus und kurz nach dem Mittag war sie tot. Ich weinte und sagte zu meinem Vater: «Ich bin schuld, dass sie gestorben ist!» Aber mein Vater nahm mich in den Arm und sagte: «Nein, wenn die Maus gesund gewesen wäre, hättest du sie gar nicht auf die Hand nehmen können. Sie wäre weggerannt.» Nun war ich ein bisschen getröstet [15], aber auch trauriger. Ich hatte doch gemeint, dass die Maus nur zu mir gekommen war, weil sie mich gern hatte.

***

Von der Wildenau aus konnte man über eine Wiese zu einem schönen kleinen Wald gehen. Dahinter war die Reuss. Nur etwa zehn Meter vom Ufer weg, hatte es eine kleine Insel im Wasser. Einmal fragte mein Vater uns nach dem Frühstück: «Möchtet ihr heute auf der Insel schlafen?» Natürlich wollten wir! Also packten wir Essen und Schlafsäcke in Plastiksäcke und brachten alles ans Ufer. Mein Vater nahm ein Seil und band es an einen Baum. Dann schwamm er auf die Insel. Dort band er das andere Ende des Seils an einen zweiten Baum. Nun brachte er alle Säcke auf die Insel.

Als alles drüben war, kam er zu uns zurück und sagte: «Jetzt könnt ihr kommen. Immer nur ein Kind aufs Mal. Ihr haltet euch einfach mit beiden Händen am Seil fest und kommt langsam hinüber. Aber passt auf, die Strömung [16] ist stark!» Wir schafften es alle und ich war so stolz auf meinen Vater, der so gut auf uns aufpasste. Am Abend sagte er: «Geht und sammelt [17] Holz. Wir machen ein Feuer.» Bald brannte es und wir brieten [18] Würste. Dann schliefen wir unter dem Sommerhimmel. Diese Nacht gehört zu meinen allerschönsten Erinnerungen. Sie ist für mich ein Symbol für die Sehnsucht [19] nach Freiheit, die wir alle kennen.

Später wurde die Wildenau verkauft und ich war nie wieder in Stetten. Aber ich war noch oft an verschiedenen Orten an der Reuss.

***

Wenn Sie mal einen Winterspaziergang machen wollen oder eine Sommerausflug: Fahren Sie mit dem Zug nach Bremgarten. Von dort können Sie zu Fuss an viele schöne Stellen an der Reuss gehen. Sie werden staunen, wie verzaubert es dort ist. Sie werden einfach die Zeit vergessen. Und genau das wünsche ich Ihnen für dieses Jahr: Dass Sie ab und zu alles vergessen und ganz zur Ruhe kommen.

Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 3. Februar wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen vom «Schloss Chillon» erzählen. Auf Wiederhören!

Glossaire: Andrea erzählt (D) [1] vererben: von Eltern an die Kinder weitergeben

[2] streng: konsequent, mit klaren, starken Regeln

[3] bösartig: absichtlich böse, unfreundlich, gemein

[4] schuld sein: die Ursache, der Grund für etwas Schlechtes sein

[5] pur: rein

[6] hilfsbereit: zuvorkommend, wenn man gern hilft

[7] sonderbar: seltsam, komisch

[8] der Speer: eine Waffe aus einem langen Stab mit einer Spitze

[9] die Maske: eine Gesichtsbedeckung (für das Theater, den Karneval oder bei bestimmten Völkern auch für Kriege)

[10] bewundern: jemanden bestaunen, toll finden für etwas was er kann oder ist

[11] quälen: plagen, absichtlich sehr gemein sein (körperlich und/oder psychisch)

[12] die Münder: Mehrzahl von Mund

[13] feucht: etwas nass

[14] streicheln: zärtlich mit der Hand darüber fahren

[15] trösten: jemandem helfen, weniger traurig zu sein

[16] die Strömung: starke Wasserbewegung, die in eine bestimmte Richtung zieht

[17] sammeln: zusammensuchen

[18] braten: in einer heissen Pfanne oder direkt über einem Feuer kochen (ohne Flüssigkeit oder nur mit etwas Butter oder Öl)

[19] die Sehnsucht: ein Wünschen, das so mächtig ist, dass es fast körperliche Schmerzen machen kann



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Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 20. Januar 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Gern sage ich Ihnen heute als Erstes, wer den Wettbewerb gewonnen hat: Beat Eckstein aus Moosseedorf erhält einen Gutschein für einen Sprachkurs an der Klubschule Migros im Wert von 1000 Schweizer Franken. Marlies Horvath Engelmann aus Henggart einen im Wert von 500 Schweizer Franken und Ruth Sanchioni aus Luzern einen im Wert von 300 Schweizer Franken. Wir gratulieren Ihnen herzlich und wünschen viel Spass und Erfolg beim Sprachenlernen an der Klubschule Migros! Auch den anderen Teilnehmenden danken wir fürs Mitmachen und wünschen Ihnen allen einen guten Start ins neue Jahr.

In der Schweiz hat jede und jeder einen Heimatort. Das ist der Ort, an den man theoretisch hingehört. Er wird vererbt [1] oder man kann beim Heiraten den Heimatort des Partners übernehmen. Heute ist der Heimatort eigentlich nicht mehr wichtig, er steht einfach noch im Pass. Früher war das anders. Man wohnte meistens auch an seinem Heimatort und hatte dort Verwandte. Mein Heimatort ist Stetten. Das ist ein ganz normales Dorf im Kanton Aargau. Gern erzähle ich Ihnen heute davon. Viel Vergnügen!

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Viele Menschen waren wahrscheinlich noch nie an ihrem Heimatort. Bei mir ist das etwas anders. Ich war zwar auch schon lange nicht mehr dort. Aber als Kind war ich häufig in Stetten. Mein Grossvater wurde dort geboren. Seine Eltern hatten damals den einzigen Laden im Dorf. Hier konnte man alles kaufen, was man so brauchte. Deshalb haben meine Urgrosseltern sehr viel gearbeitet — und waren ein bisschen wichtig im Dorf. Sie wussten ja von allen Familien, ob diese zahlen konnten oder arm waren.

Mein Grossvater war das jüngste von drei Kindern. Deshalb waren seine Eltern nicht sehr streng [2] mit ihm. Wenn meine Urgrossmutter keine Zeit hatte für ihn, sagte sie einfach: «Geh und hol dir dafür etwas Süsses im Laden.»

Ich weiss, dass man nicht schlecht über seine eigene Familie sprechen sollte. Aber mein Grossvater war kein nettes Kind und später wurde er zu einem bösartigen [3] Mann. Doch weil seine Eltern eben den Laden hatten, waren die anderen Kinder im Dorf trotzdem freundlich zu ihm.

Ich glaube nicht, dass meine Urgrosseltern und ihr Laden allein schuld [4] sind daran, wie er geworden ist. Solche Dinge sind sehr schwierig zu sagen. Denn der eine Bruder meines Grossvaters war zwar gleich wie er, der andere aber war das pure [5] Gegenteil. Er war freundlich und hilfsbereit [6]. Später wurde er Pfarrer und reiste nach Afrika. Dort sollte er eigentlich als Missionar arbeiten. Das heisst: Er sollte Menschen dazu bringen, an den christlichen Gott zu glauben. Aber schon bald sagte er: «Ach, es ist doch völlig egal, an welchen Gott die Menschen glauben. Es ist viel wichtiger, dass sie genug zu essen haben, sauberes Wasser und gute Schulen.» Also half er den Menschen in dem Dorf, das Leben dort zu verbessen. Erst als er alt wurde, kam er wieder in die Schweiz zurück.

Wir liebten diesen Grossonkel sehr. Er war ein lustiger Mann und konnte die spannendsten Geschichten erzählen. Seine Wohnung war voller sonderbarer [7] Bücher, afrikanischer Speere [8] und Masken [9]. Wenn es mehr solche Pfarrer gäbe, wäre ich vielleicht doch noch religiös geworden.

Doch mein Grossvater war ganz anderes als sein Bruder. Und er wurde leider Lehrer – das ist wirklich kein guter Beruf für bösartige Menschen. Bald lernte er meine Grossmutter kennen. Er hatte eigentlich eine andere Frau heiraten wollen. Aber diese liebte ihn nicht. Also sagte er zu meiner Grossmutter: «Wenn sie nicht will, könnte ich ja dich heiraten.» Sie sagte: «Aber du bist doch so gescheit und ich bin so dumm. Stört dich das nicht?» Es störte ihn nicht. Er mochte es, bewundert [10] zu werden. Also heirateten die beiden und für meine Grossmutter begannen sehr harte Jahre. Ihr Leben lang sagte mein Grossvater zu ihr: «Das verstehst du nicht. Dazu bist du zu dumm.»

Dabei bekam meine Grossmutter acht Kinder. Und mein Grossvater verlor immer wieder seine Arbeit als Lehrer oder probierte etwas Neues aus. Nichts funktionierte und sie waren immer arm. Trotzdem schaffte es meine Grossmutter, dass alle stets genug zu essen hatten und saubere Kleider. Als ich gross wurde, sagte ich einmal zu ihr: «Du bist nicht dumm. Du bist sogar sehr klug. Das einzig Dumme, was du je getan hast, war Grossvater zu heiraten.» Er quälte [11] sie und die Kinder so sehr, dass fast alle für den Rest ihres Lebens grosse psychische Probleme hatten. Aus diesem Grund wollte mein Vater auch nicht, dass wir unseren Grossvater oft sahen.

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Nach Stetten fuhren wir trotzdem häufig. Denn mein anderer Grossonkel hatte damals den Laden seiner Eltern geerbt und ein altes Bauernhaus etwas ausserhalb von Stetten in der Nähe der Reuss. Das ist ein grosser Fluss. In dem Haus wohnte schon lange niemand mehr. Es war wild und wunderschön. Es heiss «Wildenau», das heisst «wilde Wiese bei einem Wasser». Vor dem Haus war ein grosser Garten voller bunter Blumen.

Ein paar Jahre lang trafen wir uns dort jeden Sommer mit den Geschwistern meines Vaters und meinen 16 Cousins und Cousinen. Diese Tage gehören für mich zu den schönsten, die ich je erlebt habe. Manchmal holten wir im Laden meines Grossonkels Himbeer-Bonbons. Sie waren aus dunkelrosa Zucker und hatten die Form von Himbeeren. Wir assen so viele davon, bis unsere Münder [12] richtig wehtaten. Noch heute muss ich nur ein solches Bonbon essen und kann mich sofort an warme Sommerabende und nackte Füsse im Gras erinnern.

In der Wildenau waren wir Kinder völlig frei. Einmal an einem frühen Morgen ging ich in den Garten. Das Gras war noch feucht [13] und die Luft auch. Man hörte nur die Vögel in den Bäumen beim Fluss. Da sah ich plötzlich eine kleine Maus auf der Wiese. Sie war noch ganz jung. Ich nahm sie in die Hand und streichelte [14] sie. Ich dachte: «Jetzt sind wir Freunde. Ich bin sicher das glücklichste Kind auf der ganzen Welt.» Als meine Cousins und Cousinen aufwachten, war ich ganz stolz. Alle sagten: «Oh, Andrea, darf ich sie auch einmal streicheln?» Und alle durften das arme Tierchen anfassen. Leider war das zuviel für die arme Maus und kurz nach dem Mittag war sie tot. Ich weinte und sagte zu meinem Vater: «Ich bin schuld, dass sie gestorben ist!» Aber mein Vater nahm mich in den Arm und sagte: «Nein, wenn die Maus gesund gewesen wäre, hättest du sie gar nicht auf die Hand nehmen können. Sie wäre weggerannt.» Nun war ich ein bisschen getröstet [15], aber auch trauriger. Ich hatte doch gemeint, dass die Maus nur zu mir gekommen war, weil sie mich gern hatte.

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Von der Wildenau aus konnte man über eine Wiese zu einem schönen kleinen Wald gehen. Dahinter war die Reuss. Nur etwa zehn Meter vom Ufer weg, hatte es eine kleine Insel im Wasser. Einmal fragte mein Vater uns nach dem Frühstück: «Möchtet ihr heute auf der Insel schlafen?» Natürlich wollten wir! Also packten wir Essen und Schlafsäcke in Plastiksäcke und brachten alles ans Ufer. Mein Vater nahm ein Seil und band es an einen Baum. Dann schwamm er auf die Insel. Dort band er das andere Ende des Seils an einen zweiten Baum. Nun brachte er alle Säcke auf die Insel.

Als alles drüben war, kam er zu uns zurück und sagte: «Jetzt könnt ihr kommen. Immer nur ein Kind aufs Mal. Ihr haltet euch einfach mit beiden Händen am Seil fest und kommt langsam hinüber. Aber passt auf, die Strömung [16] ist stark!» Wir schafften es alle und ich war so stolz auf meinen Vater, der so gut auf uns aufpasste. Am Abend sagte er: «Geht und sammelt [17] Holz. Wir machen ein Feuer.» Bald brannte es und wir brieten [18] Würste. Dann schliefen wir unter dem Sommerhimmel. Diese Nacht gehört zu meinen allerschönsten Erinnerungen. Sie ist für mich ein Symbol für die Sehnsucht [19] nach Freiheit, die wir alle kennen.

Später wurde die Wildenau verkauft und ich war nie wieder in Stetten. Aber ich war noch oft an verschiedenen Orten an der Reuss.

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Wenn Sie mal einen Winterspaziergang machen wollen oder eine Sommerausflug: Fahren Sie mit dem Zug nach Bremgarten. Von dort können Sie zu Fuss an viele schöne Stellen an der Reuss gehen. Sie werden staunen, wie verzaubert es dort ist. Sie werden einfach die Zeit vergessen. Und genau das wünsche ich Ihnen für dieses Jahr: Dass Sie ab und zu alles vergessen und ganz zur Ruhe kommen.

Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 3. Februar wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen vom «Schloss Chillon» erzählen. Auf Wiederhören!

Glossaire: Andrea erzählt (D) [1] vererben: von Eltern an die Kinder weitergeben

[2] streng: konsequent, mit klaren, starken Regeln

[3] bösartig: absichtlich böse, unfreundlich, gemein

[4] schuld sein: die Ursache, der Grund für etwas Schlechtes sein

[5] pur: rein

[6] hilfsbereit: zuvorkommend, wenn man gern hilft

[7] sonderbar: seltsam, komisch

[8] der Speer: eine Waffe aus einem langen Stab mit einer Spitze

[9] die Maske: eine Gesichtsbedeckung (für das Theater, den Karneval oder bei bestimmten Völkern auch für Kriege)

[10] bewundern: jemanden bestaunen, toll finden für etwas was er kann oder ist

[11] quälen: plagen, absichtlich sehr gemein sein (körperlich und/oder psychisch)

[12] die Münder: Mehrzahl von Mund

[13] feucht: etwas nass

[14] streicheln: zärtlich mit der Hand darüber fahren

[15] trösten: jemandem helfen, weniger traurig zu sein

[16] die Strömung: starke Wasserbewegung, die in eine bestimmte Richtung zieht

[17] sammeln: zusammensuchen

[18] braten: in einer heissen Pfanne oder direkt über einem Feuer kochen (ohne Flüssigkeit oder nur mit etwas Butter oder Öl)

[19] die Sehnsucht: ein Wünschen, das so mächtig ist, dass es fast körperliche Schmerzen machen kann


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