image

Andrea erzählt (D), St. Gallen

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 13. April 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Morgen ist ja Karfreitag. Für die Christen ist dieser Feiertag einer der heiligsten Tage im Jahr. Es ist der Tag, an dem Jesus gekreuzigt [1] wurde. Ich gebe zu: Früher war dieser Tag für mich auch der langweiligste im Jahr. Alle Läden, Kinos oder Bars waren zu. Heute gilt [2] das in Zürich nicht mehr so streng. Aber ich habe Verwandte, die immer noch so strikt [3] christlich leben. Als ich klein war, wohnten sie im Kanton St. Gallen. Aus diesem Grund erzähle ich Ihnen heute vor Ostern von St. Gallen. Viel Vergnügen!

***

St. Gallen ist eine eher kleine Stadt im Osten der Schweiz. Sie ist alt und hat eine lange christliche Tradition. Ihr Name kommt vom heiligen Gallus — dem Sankt Gallus. Er soll hier im 7. Jahrhundert als Einsiedler [4] gelebt haben. Später wurde dort dann ein Kloster [5] gebaut. Seine Bibliothek ist sehr gross und hat viele wichtige und wertvolle Bücher. Deshalb wurde sie sogar von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes [6] aufgenommen.

Meine Tante und mein Onkel lebten damals in einem kleinen Dorf nahe von St. Gallen. Ich weiss ehrlich gesagt nicht mehr genau, wie es heisst. Wie ich Ihnen ja schon erzählt habe, war meine Grossmutter auch sehr katholisch. Aber sie war dennoch offen. Wenn sie es richtig fand, tat sie manchmal die Dinge anders, als es die Kirche wollte. Dann sagte sie jeweils: «Der liebe Gott versteht das bestimmt.» Aber meine Tante und mein Onkel waren da anders. Bei ihnen musste immer alles ganz genau so gemacht werden, wie es die katholische Kirche sagte.

Manchmal ging ich zu ihnen in die Ferien. Meine Cousine Maria und ich waren beste Freundinnen. Für meine Tante muss das schlimm gewesen sein, denn ich bin ohne Religion aufgewachsen — auch wenn ich an Gott glaube. Ich bin sogar sicher, dass es so war. Einmal sagte mir meine Cousine nämlich: «Weisst du, meine Eltern haben es nicht gern, wenn du zu Besuch kommst. Aber das Muetti [7] erlaubt es trotzdem. Es hat nämlich ein bisschen Angst vor deinem Vater.» Ich war schon früher nicht gern bei meiner Tante und meinem Onkel gewesen, aber nachdem ich das gehört hatte, fand ich es dort noch schlimmer.

Das Leben dort war voller Regeln. Als wir zum Beispiel an einem Abend zu Bett gingen, sagte meine Tante: «Geht jetzt nochmals aufs WC. Später kostet es.» Das verstand ich nicht. Maria erklärte es mir: «Wenn ich nochmals aufstehe, bekomme ich zur Strafe weniger Taschengeld [8]. Das Muetti sagt, dass ich dann selber schuld bin.» Das fand ich schrecklich und sagte: «Aber du kannst doch nichts dafür, wenn du zur Toilette musst. Das ist ungerecht!» Meine Cousine fand es aber völlig normal und meinte: «Das Muetti hat recht. Es sagt, dass ich am Abend einfach weniger trinken soll. Dann geht es schon.» Ich erinnere mich gut, wie ich in jener Nacht lange nicht schlafen konnte. Ich lag im dunkeln Schlafzimmer und hatte Heimweh [9] nach meiner Mama. Sie war auch oft streng. Aber hier waren die Dinge noch viel härter als bei uns.

Wegen dieser Strenge habe ich mich bei meiner Cousine nie ganz wohl gefühlt. Auch weil sie sagte: «Der liebe Gott und der Vati wissen alles.» Das machte mir Angst. Und ich fand es dumm. Ich sagte ihr: «Das ist doch unmöglich. Dein Vater weiss nicht alles. Das sagt er nur, damit du nie etwas tust, was er nicht will. Deine Eltern sind blöd. Du solltest nicht auf sie hören.»

Maria verstand mich nicht und sagte: «Doch, es stimmt. Der Vati weiss wirklich alles. Immer, wenn ich etwas Verbotenes [10] tue, sieht oder hört er es.» Das war natürlich logisch. Das Dorf, in dem Maria lebte, war sehr klein. Jeder kannte hier jeden. Und weil mein Onkel Lehrer war, erzählten ihm immer alle alles.

Trotzdem tut mir heute leid, was ich gesagt habe. Das muss sehr schwierig gewesen sein für Maria. Sie liebte ihre Familie und sie liebte mich. Ich hatte kein Recht, so über ihre Eltern zu sprechen. Trotzdem mag ich sie bis heute nicht – und ihnen geht es mit mir genauso.

***

Ich bin sicher, dass die Geschichte mit meiner Cousine auch mit Namen zu tun hatte — damit, wie sie ihre Eltern nennen musste. Ich glaube: Wenn man einer Mama nicht «Mama» sagt, sondern «das Muetti», dann ist auch das Verhältnis [11] zu ihr anders. Die Namen, die wir Menschen einander geben, bestimmen [12] auch unsere Beziehungen. Letzthin habe ich im Fernsehen eine relativ junge Frau gesehen. Sie sprach über ihren Mann, der extrem reich und etwas rundlich war. Dabei nannte sie ihn ständig «Specky», also Speck [13]. Damit sagte sie für mich eigentlich: «Ich respektiere meinen Mann nicht. Ich finde ihn dick und hässlich und liebe nur sein Geld.» Auch das hatte mit dem Namen zu tun, den sie ihm gegeben hatte.

Weil ich Namen und Worte so wichtig finde, wollte ich immer, dass meine Kinder mich «Mama» nennen. Das ist weich und rund. So, wie ich für sie sein möchte.

Apropos Speck: In St. Gallen gibt es natürlich viel mehr zu sehen, als nur ein Kloster. Es gibt auch viele tolle Konzerte und Kultur und eine grosse Landwirtschaftsmesse [14]. Sie heisst «Olma» und hier gibt es die besten Bratwürste der Schweiz. Einmal durfte ich mit meinen Eltern hinfahren und habe zwei ganze Würste gegessen. Dabei fragte meine Mutter: «Bist du ganz sicher, dass zwei nicht zu viel sind für dich?» Ich nickte und ass auch die zweite Wurst. Später im Auto tat mir das dann sehr leid. Ich rief: «Mama, mir ist so übel [15]!» Aber da war es schon zu spät. Ich übergab [16] mich noch im Auto. Es dauerte viele Jahre, bis ich wieder eine Bratwurst essen konnte. Heute gehören sie zu meinen Lieblings-Speisen [17].

***

Dies hier hat nichts mit meinen Verwandten zu tun. Aber die St. Galler haben es manchmal etwas schwer in der restlichen Schweiz. Über ihren Dialekt wird sogar noch mehr gelacht, als über das Zürichdeutsch. Das mag auch keiner. Ich glaube es liegt daran, dass in St. Gallen das «A» ganz hell ausgesprochen wird. Darum klingt der ganze Dialekt immer etwas zu hoch. Als ich jung war, haben wir immer gesagt: «In einen Mann, der St. Gallerdeutsch spricht, kann man sich einfach nicht verlieben. Wenn er sagt: „Ich liebe dich“, muss man doch lachen. Egal, wie schön er ist.»

Nun. Das Leben interessiert sich nicht für die Theorie. Und so ist es mir passiert, dass ich an der Uni einen Mann kennengelernt habe, der den typischen St. Galler Dialekt sprach. Wir mochten ihn alle sehr und machten ab und zu Witze über seinen Dialekt. Das war natürlich blöd von uns. Aber er lachte mit und zeigte uns sogar die lustigsten Wörter aus seiner Heimat. Zum Beispiel: «Aseweeg». Das heisst in etwa: «so» oder «so sehr».

Der Mann war nett, aber ich mochte ihn zuerst nur als Freund. Doch irgendwann merkte ich, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Als er mir dann sagte, dass er mich liebe, musste ich überhaupt nicht lachen. Ich fand es einfach nur wunderbar. An diese kleine Geschichte muss ich oft denken, wenn mir jemand sagt: «Ich könnte mich nie in einen kleineren Mann verlieben oder eine ältere Frau oder in jemand Dickes oder Dünnes.» Dann denke ich jeweils: «Pass auf [18]. Man weiss nie, was noch passiert!»

Und diese Idee gefällt mir. Denn sie verspricht, dass alle Menschen eine Chance auf Liebe haben. Egal, wie sie aussehen oder sprechen. In dem Sinn [19] wünsche ich Ihnen ganz schöne und liebevolle Ostern!

***

Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 28. April wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen meine hundertste Geschichte erzählen. Aus diesem Anlass [20] gibt es ein Überraschungsmärchen. Auf Wiederhören!

Glossaire: Andrea erzählt (D) [1] kreuzigen: eine sehr alte Form der Todesstrafe, bei der jemand mit Händen und Füssen an ein Kreuz aus Holz genagelt wird

[2] gelten: gültig sein, eine Regel sein

[3] strikt: streng

[4] der Einsiedler: Eremit, jemand, der ganz allein lebt, meist aus religiösen Gründen

[5] das Kloster: Ort, an dem Menschen wohnen, die ihr Leben ganz ihrer Religion geben

[6] das Weltkulturerbe: aus den drei Wörtern die Welt, die Kultur und das Erbe zusammengesetzt — etwas sehr Wichtiges für die Welt oder die Geschichte der Menschheit

[7] das Muetti: die Mama (altes Schweizerdeutsch)

[8] das Taschengeld: Geld, das (meist) ein Kind bekommt, um es für sich selbst zu brauchen

[9] das Heimweh: Sehnsucht nach Zuhause, der Heimat

[10] das Verbotene: etwas, das nicht erlaubt ist

[11] das Verhältnis: die Beziehung

[12] bestimmen: einen Einfluss haben, entscheiden

[13] der Speck: sehr fettreiches Stück (Schweine)fleisch

[14] die Landwirtschaftsmesse: eine Messe (Ausstellung/Markt) für Bauern, wo es Tier und Maschinen etc. zu sehen gibt

[15] übel: schlecht, unwohl

[16] sich übergeben: erbrechen

[17] die Speise: bestimmtes Essen

[18] aufpassen: vorsichtig sein

[19] in dem Sinn: mit diesem Gedanken, vor diesem Hintergrund

[20] aus diesem Anlass: aus diesem Grund



Want to learn a language?


Learn from this text and thousands like it on LingQ.

  • A vast library of audio lessons, all with matching text
  • Revolutionary learning tools
  • A global, interactive learning community.

Language learning online @ LingQ

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 13. April 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Morgen ist ja Karfreitag. Für die Christen ist dieser Feiertag einer der heiligsten Tage im Jahr. Es ist der Tag, an dem Jesus gekreuzigt [1] wurde. Ich gebe zu: Früher war dieser Tag für mich auch der langweiligste im Jahr. Alle Läden, Kinos oder Bars waren zu. Heute gilt [2] das in Zürich nicht mehr so streng. Aber ich habe Verwandte, die immer noch so strikt [3] christlich leben. Als ich klein war, wohnten sie im Kanton St. Gallen. Aus diesem Grund erzähle ich Ihnen heute vor Ostern von St. Gallen. Viel Vergnügen!

***

St. Gallen ist eine eher kleine Stadt im Osten der Schweiz. Sie ist alt und hat eine lange christliche Tradition. Ihr Name kommt vom heiligen Gallus — dem Sankt Gallus. Er soll hier im 7. Jahrhundert als Einsiedler [4] gelebt haben. Später wurde dort dann ein Kloster [5] gebaut. Seine Bibliothek ist sehr gross und hat viele wichtige und wertvolle Bücher. Deshalb wurde sie sogar von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes [6] aufgenommen.

Meine Tante und mein Onkel lebten damals in einem kleinen Dorf nahe von St. Gallen. Ich weiss ehrlich gesagt nicht mehr genau, wie es heisst. Wie ich Ihnen ja schon erzählt habe, war meine Grossmutter auch sehr katholisch. Aber sie war dennoch offen. Wenn sie es richtig fand, tat sie manchmal die Dinge anders, als es die Kirche wollte. Dann sagte sie jeweils: «Der liebe Gott versteht das bestimmt.» Aber meine Tante und mein Onkel waren da anders. Bei ihnen musste immer alles ganz genau so gemacht werden, wie es die katholische Kirche sagte.

Manchmal ging ich zu ihnen in die Ferien. Meine Cousine Maria und ich waren beste Freundinnen. Für meine Tante muss das schlimm gewesen sein, denn ich bin ohne Religion aufgewachsen — auch wenn ich an Gott glaube. Ich bin sogar sicher, dass es so war. Einmal sagte mir meine Cousine nämlich: «Weisst du, meine Eltern haben es nicht gern, wenn du zu Besuch kommst. Aber das Muetti [7] erlaubt es trotzdem. Es hat nämlich ein bisschen Angst vor deinem Vater.» Ich war schon früher nicht gern bei meiner Tante und meinem Onkel gewesen, aber nachdem ich das gehört hatte, fand ich es dort noch schlimmer.

Das Leben dort war voller Regeln. Als wir zum Beispiel an einem Abend zu Bett gingen, sagte meine Tante: «Geht jetzt nochmals aufs WC. Später kostet es.» Das verstand ich nicht. Maria erklärte es mir: «Wenn ich nochmals aufstehe, bekomme ich zur Strafe weniger Taschengeld [8]. Das Muetti sagt, dass ich dann selber schuld bin.» Das fand ich schrecklich und sagte: «Aber du kannst doch nichts dafür, wenn du zur Toilette musst. Das ist ungerecht!» Meine Cousine fand es aber völlig normal und meinte: «Das Muetti hat recht. Es sagt, dass ich am Abend einfach weniger trinken soll. Dann geht es schon.» Ich erinnere mich gut, wie ich in jener Nacht lange nicht schlafen konnte. Ich lag im dunkeln Schlafzimmer und hatte Heimweh [9] nach meiner Mama. Sie war auch oft streng. Aber hier waren die Dinge noch viel härter als bei uns.

Wegen dieser Strenge habe ich mich bei meiner Cousine nie ganz wohl gefühlt. Auch weil sie sagte: «Der liebe Gott und der Vati wissen alles.» Das machte mir Angst. Und ich fand es dumm. Ich sagte ihr: «Das ist doch unmöglich. Dein Vater weiss nicht alles. Das sagt er nur, damit du nie etwas tust, was er nicht will. Deine Eltern sind blöd. Du solltest nicht auf sie hören.»

Maria verstand mich nicht und sagte: «Doch, es stimmt. Der Vati weiss wirklich alles. Immer, wenn ich etwas Verbotenes [10] tue, sieht oder hört er es.» Das war natürlich logisch. Das Dorf, in dem Maria lebte, war sehr klein. Jeder kannte hier jeden. Und weil mein Onkel Lehrer war, erzählten ihm immer alle alles.

Trotzdem tut mir heute leid, was ich gesagt habe. Das muss sehr schwierig gewesen sein für Maria. Sie liebte ihre Familie und sie liebte mich. Ich hatte kein Recht, so über ihre Eltern zu sprechen. Trotzdem mag ich sie bis heute nicht – und ihnen geht es mit mir genauso.

***

Ich bin sicher, dass die Geschichte mit meiner Cousine auch mit Namen zu tun hatte — damit, wie sie ihre Eltern nennen musste. Ich glaube: Wenn man einer Mama nicht «Mama» sagt, sondern «das Muetti», dann ist auch das Verhältnis [11] zu ihr anders. Die Namen, die wir Menschen einander geben, bestimmen [12] auch unsere Beziehungen. Letzthin habe ich im Fernsehen eine relativ junge Frau gesehen. Sie sprach über ihren Mann, der extrem reich und etwas rundlich war. Dabei nannte sie ihn ständig «Specky», also Speck [13]. Damit sagte sie für mich eigentlich: «Ich respektiere meinen Mann nicht. Ich finde ihn dick und hässlich und liebe nur sein Geld.» Auch das hatte mit dem Namen zu tun, den sie ihm gegeben hatte.

Weil ich Namen und Worte so wichtig finde, wollte ich immer, dass meine Kinder mich «Mama» nennen. Das ist weich und rund. So, wie ich für sie sein möchte.

Apropos Speck: In St. Gallen gibt es natürlich viel mehr zu sehen, als nur ein Kloster. Es gibt auch viele tolle Konzerte und Kultur und eine grosse Landwirtschaftsmesse [14]. Sie heisst «Olma» und hier gibt es die besten Bratwürste der Schweiz. Einmal durfte ich mit meinen Eltern hinfahren und habe zwei ganze Würste gegessen. Dabei fragte meine Mutter: «Bist du ganz sicher, dass zwei nicht zu viel sind für dich?» Ich nickte und ass auch die zweite Wurst. Später im Auto tat mir das dann sehr leid. Ich rief: «Mama, mir ist so übel [15]!» Aber da war es schon zu spät. Ich übergab [16] mich noch im Auto. Es dauerte viele Jahre, bis ich wieder eine Bratwurst essen konnte. Heute gehören sie zu meinen Lieblings-Speisen [17].

***

Dies hier hat nichts mit meinen Verwandten zu tun. Aber die St. Galler haben es manchmal etwas schwer in der restlichen Schweiz. Über ihren Dialekt wird sogar noch mehr gelacht, als über das Zürichdeutsch. Das mag auch keiner. Ich glaube es liegt daran, dass in St. Gallen das «A» ganz hell ausgesprochen wird. Darum klingt der ganze Dialekt immer etwas zu hoch. Als ich jung war, haben wir immer gesagt: «In einen Mann, der St. Gallerdeutsch spricht, kann man sich einfach nicht verlieben. Wenn er sagt: „Ich liebe dich“, muss man doch lachen. Egal, wie schön er ist.»

Nun. Das Leben interessiert sich nicht für die Theorie. Und so ist es mir passiert, dass ich an der Uni einen Mann kennengelernt habe, der den typischen St. Galler Dialekt sprach. Wir mochten ihn alle sehr und machten ab und zu Witze über seinen Dialekt. Das war natürlich blöd von uns. Aber er lachte mit und zeigte uns sogar die lustigsten Wörter aus seiner Heimat. Zum Beispiel: «Aseweeg». Das heisst in etwa: «so» oder «so sehr».

Der Mann war nett, aber ich mochte ihn zuerst nur als Freund. Doch irgendwann merkte ich, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Als er mir dann sagte, dass er mich liebe, musste ich überhaupt nicht lachen. Ich fand es einfach nur wunderbar. An diese kleine Geschichte muss ich oft denken, wenn mir jemand sagt: «Ich könnte mich nie in einen kleineren Mann verlieben oder eine ältere Frau oder in jemand Dickes oder Dünnes.» Dann denke ich jeweils: «Pass auf [18]. Man weiss nie, was noch passiert!»

Und diese Idee gefällt mir. Denn sie verspricht, dass alle Menschen eine Chance auf Liebe haben. Egal, wie sie aussehen oder sprechen. In dem Sinn [19] wünsche ich Ihnen ganz schöne und liebevolle Ostern!

***

Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 28. April wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen meine hundertste Geschichte erzählen. Aus diesem Anlass [20] gibt es ein Überraschungsmärchen. Auf Wiederhören!

Glossaire: Andrea erzählt (D) [1] kreuzigen: eine sehr alte Form der Todesstrafe, bei der jemand mit Händen und Füssen an ein Kreuz aus Holz genagelt wird

[2] gelten: gültig sein, eine Regel sein

[3] strikt: streng

[4] der Einsiedler: Eremit, jemand, der ganz allein lebt, meist aus religiösen Gründen

[5] das Kloster: Ort, an dem Menschen wohnen, die ihr Leben ganz ihrer Religion geben

[6] das Weltkulturerbe: aus den drei Wörtern die Welt, die Kultur und das Erbe zusammengesetzt — etwas sehr Wichtiges für die Welt oder die Geschichte der Menschheit

[7] das Muetti: die Mama (altes Schweizerdeutsch)

[8] das Taschengeld: Geld, das (meist) ein Kind bekommt, um es für sich selbst zu brauchen

[9] das Heimweh: Sehnsucht nach Zuhause, der Heimat

[10] das Verbotene: etwas, das nicht erlaubt ist

[11] das Verhältnis: die Beziehung

[12] bestimmen: einen Einfluss haben, entscheiden

[13] der Speck: sehr fettreiches Stück (Schweine)fleisch

[14] die Landwirtschaftsmesse: eine Messe (Ausstellung/Markt) für Bauern, wo es Tier und Maschinen etc. zu sehen gibt

[15] übel: schlecht, unwohl

[16] sich übergeben: erbrechen

[17] die Speise: bestimmtes Essen

[18] aufpassen: vorsichtig sein

[19] in dem Sinn: mit diesem Gedanken, vor diesem Hintergrund

[20] aus diesem Anlass: aus diesem Grund


×

We use cookies to help make LingQ better. By visiting the site, you agree to our cookie policy.