Nachgefragt: Was ist Zeit?
“Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber
einem Fragenden erklären sollte, weiß ich es nicht.” (Augustinus) Albert Einstein
beantwortet die Frage etwas anders. “Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.” Doch
diese Antworten, so richtig sie auch sind, werden wohl keinen von uns hier zufriedenstellen.
In der Philosophie gibt es seit Jahrtausenden eine Debatte darüber, ob Zeit nur
durch menschliche Wahrnehmung erschaffen wird oder aber auch unabhängig vom Menschen, als objektive
Eigenschaft des Universum existiert. Einige Philosophen und Naturwissenschaftler
wie Isaac Newton oder Ernst Mach teilten letztere Ansicht. Durch die Erkenntnisse Einsteins
geht man in der modernen Physik davon aus, dass die Krümmung der Raumzeit, genau wie
z.B. Masse oder Temperatur nichts anderes als eine Eigenschaft eines Objektes ist. Physiker
definieren die Zeit als eine physikalische Größe, die die Abfolge von Ereignissen beschreibt.
Sie verläuft nur in eine Richtung und ist nicht umkehrbar. Doch entgegen dem alltäglichen
Empfinden von Zeit und den Lehren Newtons vergeht die Zeit nicht überall gleich schnell.
Denn wie Einstein erkannte, ist Zeit relativ. Das heißt sie ist abhängig vom Beobachter
und der Masse von Objekten. Sie verläuft zwar überall in eine Richtung allerdings
je nach Ort im Universum unterschiedlich schnell. In der Relativitätstheorie bildet Sie mit
dem Raum die vierdimensionale Raumzeit und die Krümmung dieser ist dann die Eigenschaft
eines Objektes. Doch bei dieser naturwissenschaftlichen Betrachtung bleibt ein Aspekt außen vor:
Das menschliche Bewusstsein. In der Philosophie grenzt man den naturwissenschaftlichen
Zeitbegriff vom Wesen der Zeit ab. Bei dieser Betrachtung bekommt dann das Bewusstsein eine
zentrale Bedeutung. Viele Philosophen wie beispielsweise Augustinus
von Hippo (354 - 430) sehen Zeit nur als eine Art Erfindung des Menschens. “Weder Vergangenheit
noch Zukunft gibt es, sondern es gibt eine Gegenwart der vergangenen Dinge, ferner eine
Gegenwart der gegenwärtigen Dinge, schließlich eine Gegenwart der zukünftigen Dinge. Diese
drei Zeitformen nehmen wir in unserem Geiste wahr, aber sonst nirgendwo.” Nach ihm ist
Zeit nur ein Phantasiegebilde der Menschen. Aus der Sicht Gottes hingegen gibt es keine
Zeit. Er würde alle Ereignisse mit allen Kausalitäten im Universum mit einmal sehen.
Auch in der Physik debatiert man über eine ähnliche Ansicht nach der Zeit aus Sicht
von höherdimensionalen Spezien nur eine vierte räumliche Dimension ist.
Immanuel Kant ging anders vor. Er überlegte sich, wie sähe das Universum aus, wenn es
in ihm keine Zeit gäbe? Er kam auf keine Antwort. Daraus schlussfolgerte er, dass wir
uns schlicht weg nicht vorstellen können, was Zeitlosigkeit bedeutet. Zeit ist demnach
ein grundlegendes Element unserer Psyche auf das wir nicht verzichten können.
Inzwischen spielen bei dieser Diskussion natürlich auch andere Wissenschaften eine immer größere
Rolle. Psychologen und Hirnforscher würden Kants Vorstellung von Zeit vermutlich teilen.
Sie gehen davon aus, dass unser Bewusstsein, unsere Gedanken und unser Zeitgefühl unmittelbar
miteinander verbunden sind und nur gemeinsam existieren können.
Dass unser Zeitgefühl stark mit unserem Bewusstsein verbunden ist, merken wir eigentlich andauernd.
Beispielsweise die Zeitdehnung, die man erlebt, wenn man besonders auf die Zeit achtet. Gleichzeitig
fließt die Zeit nur so davon, wenn man sich stattdessen auf eine Tätigkeit konzentriert.
So kommt es uns, wie eine Ewigkeit vor, wenn wir in einer langweiligen Schulstunde sitzen
und voller Sehnsucht auf die Pausenklingel warten. Wenn wir uns dann aber zu einem spannenden
Film im Kino treffen, scheint die Zeit plötzlich wie im Flug zu vergehen.
Unsere Zeitwahrnehmung hängt noch von vielen weiteren Faktoren ab. Einer davon ist unser
Alter. Älteren Menschen kommt es so vor, dass die Zeit schneller vergeht. Allerdings
wirken neuartige Ereignisse im Nachhinein, die meistens aus unseren Jugendzeiten stammen,
wesentlich länger und bleiben uns detailreicher in Erinnerung.
Letztendlich reicht eine rein physikalische Betrachtung der Zeit nicht aus. Denn selbst
wenn die Zeit in Anführungsstrichen “nur” eine physikalische Größe ist, so hängt
zumindest unsere Wahrnehmung der Zeit stark von unserem Bewusstsein ab. Und einige Fragen
bleiben immer noch offen: Warum fließt Zeit scheinbar nur in eine Richtung? Und lässt sich diese Richtung womöglich umkehren???