Die Mauer und ich
Als die Mauer wie eine Welle an den Innerdeutschen Grenzen wegbrach, war ich noch ein Kind.
Kaum ein historisches Ereignis hat mich so berührt
vielleicht, weil ich sie selbst noch erlebt habe.
Nicht den touristischen Gartenzaun an der heutigen East Side Gallery, sondern das Original.
Vor dem 9. November 1989.
Das ist meine persönliche Geschichte vom Mauerfall.
Der Freundeskreis meiner Eltern bestand aus begeisterten Joggern.
Als einige von ihnen am 1. Oktober 1989 am Berlin Marathon teilnahmen, fuhren wir hinterher:
Quer durch zwei deutsche Staaten.
Mein Interesse an Politik war als Kind sehr gering.
Doch über die DDR - dieses andere Deutschland
wusste ich, dass sie von einer Mauer umgeben war.
Menschen versuchten von dort über sie zu fliehen, und manchmal wurden sie dafür erschossen.
Ich hatte Angst, dass man auf uns schießen könnte.
Wir fuhren durch ein gefährliches Land!
Durch meinen älteren Bruder kannte ich Pink Floyd's Film The Wall,
und stellt mir vor, dass so die Mauer wäre:
Gemauert. Groß. Unheimlich.
Nach 5 Stunden Fahrt erreichten wir den Grenzübergang Hirschberg.
Lange Autokolonnen schoben sich im Schritttempo voran.
Dann kamen die Schranken. Ich durfte nichts sagen, sollte mich benehmen,
beide Hände sichtbar, niemanden ansehen,
Ruhig sein.
Die Grenzer durchsuchten Autos bis auf die letzte Schraube,
wenn sich Kinder darin nicht benahmen.
Mit Spiegeln blickten sie unter das Auto, mit finsteren Blick in meinen Kinderpass.
Stempel drauf!
Er war so bunt.
Auf der anderen Seite: Große Betonplatten, die im Sekundentakt gegen die Reifen schlugen.
300km Transitautobahn durch die DDR.
Zwischen den Büschen immer wieder ein Blick aufs Land,
und um uns herum, zwischen blauen Qualmwolken:
Trabis und Wartburgs, die Fahrzeuge des Ostens.
Bis zu 17 Jahre wartete man hier auf sein Auto, und dann solche Kisten!
Mein Vater hatte die Angewohnheit, lustige Worte in fremde Kennzeichen zu lesen,
doch hier hielt er sich mit Witzen zurück.
Meine Mutter kontrollierte den Tacho. Hinter jeder Ecke lauerte die Volkspolizei.
"Devisenbeschaffung durch rigorose Geschwindigkeitskontrollen" nannte man das.
Bloss nichts riskieren.
Nach 1 Stunde machten wir Rast am Intershop - einem Kiosk für Transitreisende.
Ich bekam ein Überraschungsei, gegen Westmark.
Ostgeld wollte hier keiner.
2 Stunden später, gleiches Spiel am Checkpoint Bravo:
Hände sichtbar! Benimm dich, kleiner Manniac.
Dann waren wir da.
Ein großes gelbes Schild:
"Berlin"
Mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir unsere Pension in Lichtenrade.
Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und eine Großstadt wie Berlin
lässt sich mit nichts vergleichen.
Die vielen, Millionen Menschen.
Die geschmacklosen, aber kultigen Sitzbezüge der U- und S-Bahnen.
Mehrstöckige Gebäude, von dem man West und Ost-Berlin überblickte.
Das Kaufhaus des Westens, dessen Namen untrennbar
mit der Geschichte Berlins verschmolzen ist.
Der DDR-Fernsehturm am Alexanderplatz dessen Kugel im Sonnenlicht wie ein Kreuz erstrahlte
und sich deshalb den Spitzennamen "Kreuz des Ostens" eingefangen hatte.
Und natürlich die Mauer, die diese Stadt teilte.
Sie war anders als die Backsteinwand in Pink Floyds The Wall:
3 Meter hoch, mit einem röhrenförmigen Abschluss.
Auf unserer Seite war sie mit Grafitti besprüht.
Botschaften des Westens an den Westen.
Von den Ausblicksplattformen konnte man weit in den Todestreifen hineinblicken.
Wenn jemand aus dem Osten floh, galt Schiessbefehl.
Ob für Kinder, die den Grenzern lange Nasen zeigten, auch Schiessbefehl galt,
da war ich nicht sicher.
Am Brandenburger Tor richteten Touristen ihre Kameras in den Osten.
Die Grenzer blickten durch Ferngläser zurück.
Ein großes Schild warnte: "Achtung, Sie verlassen jetzt West-Berlin!"
"Wie denn?" stand darunter patzig die Antwort.
Etwas später donnerte ein Rosinenbomber über unsere Köpfe.
Am abend meldete RIAS-TV: Zum Gedenken an die Luftbrücke vor 40 Jahren,
in der die Berliner gegen die sowjetische Blockade versorgt wurden.
Vom Berlin Marathon, dem eigentlichen Grund unseres Besuchs, weiß ich kaum noch etwas.
Nur an den Zieleinlauf erinnere ich mich, und an die vielen Kameras auf Höhe der Gedächtniskirche
- nicht weit von dort, wo ich heute wohne.
Wahrscheinlich gibt es noch heute in den Fernseharchiven eine Aufnahme,
auf denen ein kleiner Manniac in die Kamera winkt.
Selbst gesehen habe ich sie jedoch nie.
Am selben Tag ging die Fahrt zurück. Noch einmal über die Transitautobahn,
quer durch den anderen deutschen Staat.
Natürlich waren damals schon Anzeichen des bevorstehenden Mauerfalls sichtbar:
Die Massenanstürme flüchtender DDR-Bürger auf die deutschen Botschaften in Warschau und Prag.
Die Züge nach Nürnberg.
Diplomatische Verhandlungen vor und hinter den Kulissen
und das ansteckende Hibbeln der Tagesschausprecher,
die von immer neuen sich überschlagenden Ereignissen berichteten.
Als die Mauer tatsächlich nur 5 Wochen später fiel, war das für mich nicht nur ein historisches,
sondern auch ein persönliches Ereignis.
Ich war ja irgendwie dabei gewesen!
Vor dieser Mauer hatte ich gestanden, in Angst vor den Scharfschützen auf der anderen Seite.
Und nun standen dort hunderte Menschen auf ihr, und sangen, weinten, feierten.
Unsere Lehrer schmissen ihre Lehrpläne an den Tagen danach über den Haufen.
Meine Gemeinschaftskundelehrerin erzählte unter Tränen von den Schikanen, denen sie
und ihre Verwandten im Osten ausgesetzt waren.
Schnell erreichten die ersten Ostdeutschen meine Klasse: Die neuen Schüler hießen Cindy
oder Ronny, sprachen Thüringisch oder Sächsisch.
Mit der neuen Umgebung und ungewohnten Fächern, wie Englisch
standen sie vor großen Herausforderungen.
Aber bei uns waren sie willkommen.
Kurz darauf wurde die Mauer endgültig entsorgt, und Pink Floyd schenkte uns eine neue:
„The Wall“ - eines der größten Konzerte, welche Berlin je erlebt hat.
Dann, am 3. Oktober 1990, wurden die beiden Deutschen Staaten wiedervereinigt,
und Berlin die Hauptstadt.
16 Jahre später verschlug es dann auch mich dort hin.
Heute sind die Reste der Mauer Touristenattraktionen.
Sie stehen an der East Side Gallery, an der Bernauer Straße
oder am Potsdamer Platz.
Einzelne Stücke gelangten im Privatbesitz und sind heute über die ganze Welt verstreut.
Die Mauer und ihr Fall sind Geschichte.
Und ich war als Kind dabei.
Was verbindet ihr heute mit dem Mauerfall?
Oder, wie haben eure Eltern das Ereignis erlebt?
Schreibt es unten in die Kommentare!
Ich freue mich über einen Daumen hoch, wenn euch meine Geschichte gefallen hat
Ein zusätzliches Video zum Mauerfall habe ich hier zusammen mit KWiNK gezeichnet.
Mehr zum Thema Mauerfall von anderen bekannten YouTubern gibt es in dieser Playlist.
Und zum Schluss erfahrt hier in meinem Draw My Life,
was ich sonst noch als Kind erlebt habe.
Viel Spaß beim Anschauen und bis zum nächsten Mal!