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Österreich - dies und das, Spaziergang in Wien im Lockdown, 21. Jänner 2021

Spaziergang in Wien im Lockdown, 21. Jänner 2021

Beim Spazierengehen im siebenten und achten Bezirk trifft man viele verschiedene Baustile, vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, abgesehen von einzelnen, wenn auch im Laufe der Zeit veränderten Bauwerken. Die Fassaden sind zum Großteil renoviert und sauber, wenn nicht gerade Graffiti ein meist älteres Haus verunzieren, was aber eher in Gürtelnähe oder außerhalb des Gürtels der Fall ist. Du gehst die Häuserfronten entlang, betrachtest auch die gegenüberliegende Straßenseite, und stellst fest, dass die Häuser meist vier oder fünf hohe Stockwerke haben, manche auch ausgebaute Dachgeschosse. Ganz selten sind Backsteinbauten, die zum Beispiel in Großbritannien oder Belgien die Norm sind. Geschäfte gibt es in den meisten Nebenstraßen wenige, eher kleine Lokale, dafür sind die breiten Boulevards, also die Bezirkshauptstraßen durchwegs Geschäftsstraßen. Auf diese beschränkt sich auch der Durchzugsverkehr. Von einem Bezirk zum anderen im oder gegen den Uhrzeigersinn ist es nicht sehr weit, was dazu anregt eher im Kreis zu gehen. Parks sind nicht häufig, aber fast so häufig wie Kirchen.

Heutzutage tragen viele Fußgänger einen Mund- Nasenschutz, sogar Kinder, vor allem wenn sie gerade aus einer Schule kommen oder an einer Haltestelle stehen oder gerade ausgestiegen sind. Würde man jeden Tag diesen Spaziergang mit leichten Veränderungen des Verlaufs machen, könnte man auch feststellen, was sich ändert. Da ich meist im Winterhalbjahr die meisten Spaziergänge mache, sehe ich nicht so große Unterschiede. An den Menschen erkennt man die Jahreszeit an der wärmeren Kleidung. Abgesehen davon, dass es auch bei kälterer Witterung leicht bekleidete Leute gibt, die eventuell an Bluthochdruck leiden - "mir ist immer heiß" - ist die typische Kleidung altersspezifisch, weniger abhängig von der ethnischen Zugehörigkeit, aber durchwegs an die Temperaturen angepasst. Gesprochen wird auf der Straße nicht viel, Paare oder Mütter mit Kindern sind da die Ausnahme, die haben sich immer etwas zu erzählen. Viele Einzelgänger trotten meist langsam, während des Tages ganz selten mit einem Hund, die Gehsteige entlang. Ganze Straßenzüge sind manchmal leer, dann wieder scheint der Weg von zwei Kinderwägen, einer Traube von Kindern und ihren Erwachsenen verstopft. Immer wieder weichst du dann auf die kaum befahrene Straße aus. Es ist ja Pandemie und auch wenn es im Freien kaum ein Risiko gibt sich anzustecken, ist dir das schon so selbstverständlich geworden, dass es ein automatischer Reflex ist. Du wechselst auch die Straßenseite je nach Verkehr oder Gedränge am Gehsteig. Sie Straßen zu überqueren ist leicht, vor allem, wenn du einfach dort gehst, wo es gerade grün ist oder wird.

Lachen oder Lächeln ist in Wien nicht gerade der Normalfall, wenn sich Menschen begegnen, die sich nicht kennen. Der Trend jeden zu grüßen, der sich am Land in letzter Zeit verstärkt hat, findet in Wien natürlich keine Entsprechung. Die Mobilität der Zu- und Wegwanderer lässt keine Vertraulichkeiten aufkommen. Nur wer ständig hier wohnt und sich durch die Stadtlandschaft bewegt, hat eine Chance die Freuden des Wiedererkennens zu empfinden. Dafür ist die Fluktuation der Wanderer und die Zahl der Bewohner des Viertels zu groß. Was jeder denkt, bleibt ebenso ein Geheimnis wie seine Beziehungen, seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder der Grund seines Umherstreunens.

Während du die Häuser betrachtest, nimmst du Farben und Gerüche ebenso wahr wie die Art des Bodens. Meist ist es Asphalt, fast nur, denn Pflastersteine sind seit langem nur mehr auf öffentlichen Plätzen, die zu Fußgängerzonen geworden sind zu finden. Farben sind vom Wetter anhängig, was im Winter die Grautöne dominieren lässt. Die schönsten Tage sind die Sonnentage im Winter, mit oder ohne Schnee. Die durchschnittlichen Wintertage wirken wie ein Film aus der Anfangszeit der Dokumentation vor mehr als hundert Jahren, grau bis braun vergilbt. Nur die Straßenbahnen blitzen mit ihrem Rot-Weiß heran und weg und die Geschäftsschilder der Gegenwart lassen Rückschlüsse auf die Farben in der Vergangenheit zu, die wohl nicht so grau war, wie man aufgrund der alten Aufnahmen meinen könnte. Zum Glück wirkt auch im schneearmen Winter das Gras im Park aufmunternd.

Wenn du dann nach drei Viertelstunden wieder zu deinem Ausgangspunkt zurückkommst, Kaffeehaus oder Konditorei sind ja nicht geöffnet, freust du dich auf ein warmes Getränk in den eigenen vier Wänden. Beim Fenster rauszuschauen ist keine Alternative zum Rausgehen, was man auch dran merkt, dass man so gut wie nie jemanden aus dem Fenster schauen sieht, wie das in südlichen Ländern normal ist. Derzeit kann man nicht einmal der schlechten Luftqualität die Schuld geben, weil diese ja lockdownbedingt besser ist. Anlässlich eines Spazierganges ergibt sich die Betrachtung der Architektur und die Beobachtung der Menschen auf den Straßen in Wien fast zwangsweise.

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