Kapitel 1. Schwere Zeiten
Idyllische Landschaft mit See in den Schweizer Bergen. Das Ufer des Vierwaldstätter Sees ist umgeben von hohen Felsen. Auf den Bergen sieht man Dörfer und Höfe in der Sonne liegen. Ein paar Fischer stehen am Ufer und beobachten die dunklen Wolken am Himmel. „Es wird Gewitter geben!“ Sie ziehen ihre Boote und Netze an Land. Ein Hirte treibt seine Herde ins Tal.
Konrad Baumgarten läuft zu den Fischern. „Bitte, bringt mich schnell ans andere Ufer!“, fleht er, „ich werde von den Reitern verfolgt. Es geht um Leben und Tod!“ Die Fischer schütteln den Kopf und zeigen auf die Gewitterwolken: „Ein Sturm zieht auf, es ist zu gefährlich.“
„Warum musst du denn vor den Reitern fliehen?“, fragen die Fischer. „Ein Vogt wollte meine Frau überfallen. Ich war gerade im Wald und habe Holz gehackt“, berichtet Baumgarten. „Ich kam ihr gerade noch rechtzeitig zu Hilfe.
In der Not habe ich ihn mit der Axt erschlagen.“ „Oh weh, die Reiter werden dich töten, wenn sie dich finden!“
Da kommt Wilhelm Tell vorbei. Er sieht, dass der Mann Hilfe braucht und fährt ihn schließlich mit dem Boot hinüber, obwohl das Unwetter schon heftig tobt.
Kaum sind sie auf dem See, kommen schon die Reiter. Sie sind wütend, weil Baumgarten ihnen entwischt ist. Nun rächen sie sich an den Fischern, die gar nichts getan haben. Die Reiter verbrennen ihre Hütten und töten das Vieh.
Tell und Baumgarten erreichen mit letzter Kraft das andere Ufer. Dort bringt Tell ihn zu Werner Stauffacher, der Baumgarten in seinem Haus versteckt. „Bleib erst mal hier, hier bist du sicher.“
Auch Stauffacher und seine Frau leiden unter den Grausamkeiten der Vögte. Erst kürzlich wollte einer ihr schönes, neues Haus wegnehmen und sie vertreiben. Der Vogt war neidisch und wollte selber darin wohnen.
Gertrud Stauffacher sagt zu ihrem Mann: „Überall passieren jetzt schlimme Dinge. Wir müssen uns wehren. Wenn wir uns mit den Leuten aus den anderen Kantonen verbünden, sind wir stark und können es schaffen.“ „Ja, Gertrud, du hast Recht. So kann es nicht weitergehen. Ich werde mich mit den Männern beraten, was wir gegen die Ungerechtigkeit der Herrscher tun können“, beschließt Stauffacher. „Tell, hilf uns, einen Plan zu entwickeln.“
Aber Tell meidet die Menschen. Er hilft lieber alleine wo er kann. So geht Stauffacher ohne Tell zu seinem Freund Walter Fürst. Tell begleitet ihn ein Stück. Sie kommen an einer Baustelle vorbei. Überall im Land lassen die Vögte große Festungen bauen, um ihre Macht zu demonstrieren. Die Bevölkerung aus den Dörfern soll die schwere Arbeit verrichten, sogar alte und kranke Menschen.
Die neue Festung soll Zwing Uri heißen. Auf dem Gerüst schleppen die Arbeiter Steine, Kalk
und Mörtel hinauf. „Ich kann nicht mehr“, ruft ein alter Mann. „Mein Rücken tut weh. Habt Erbarmen mit mir!“ „Das ist unmenschlich“, protestieren die Arbeiter. „Der alte Mann kann doch selbst kaum laufen.“ Aber der Vogt zeigt kein Mitleid. „Faules Volk, steht nicht herum. Macht weiter!“ „Schneller, schneller, da oben“, ruft der Vogt dem Dachdecker zu, der einen schweren Balken balanciert, „sonst mach ich dir Beine.“
Vom Marktplatz her hört man Trommeln. Männer tragen auf einer langen Stange den Hut des Landvogts Gessler herbei. Mit einer Zeremonie wird die Stange auf dem Marktplatz aufgestellt. „Jeder der hier vorbeigeht, muss von nun an vor dem Hut auf die Knie gehen und sich verbeugen. So als wäre es der Kaiser selbst“, ruft der Vogt. „Wer diese Anweisung nicht befolgt, wird bestraft.“ Der Geselle sagt leise zu seinem Meister: „Sich vor einem Hut verbeugen. Welch ein Unsinn!“
Plötzlich hört man ein lautes Rufen von der Baustelle. „Hilfe, Hilfe! Kommt alle her!
Der Dachdecker ist abgestürzt!“, rufen einige Arbeiter. „Schnell, helft ihm!“ „Was ist mit ihm? Ist er tot?“ Der Meister nickt. „Er hat sich die Knochen gebrochen und bewegt sich nicht mehr.“ Dies ist ein schlechtes Zeichen, ein Fluch wird nun auf dieser Festung lasten.
Im Haus von Walter Fürst hält sich Arnold von Melchthal versteckt, der ebenfalls vor dem Vogt fliehen musste. Der Vogt hat von Melchthal verlangt, seine Ochsen herzugeben. „Gib mir die Ochsen! Dies ist ein Befehl des Vogts“, herrscht ihn der Bote des Vogts an. „Nein! Ich brauche die Tiere für die Feldarbeit. Ich kann sie nicht weggeben“, ruft Melchthal. Als der Bote die Tiere mitnehmen will, schlägt Melchthal ihm mit einem Stab auf die Hand. Dabei bricht er ihm einen Finger. Damit hat er den Vogt verärgert. Wenn die Reiter des Vogts ihn nun erwischen, werden sie ihn dafür bestrafen. Deshalb musste er weglaufen.
Melchthal macht sich nun große Sorgen um seinen alten Vater, der gepflegt werden muss. Er musste ihn bei seiner Flucht zurücklassen. „Oh weh, was wird jetzt nur aus meinem alten, kranken Vater?“
Als Stauffacher das Haus von Walter Fürst erreicht, versteckt sich Melchthal im Nebenzimmer.
Stauffacher und Walter Fürst unterhalten sich über die schrecklichen Dinge, die überall geschehen. Die Vögte bestehlen die arme Bevölkerung und richten Grausamkeiten an. Immer neue Ge-schichten werden bekannt. Stauffacher berichtet, dass die Reiter anstelle von Melchthal nun den alten Vater gefangen genommen haben. „Stell dir vor, die grausamen Knechte haben dem alten Mann mit einem Speer beide Augen ausgestochen! Jetzt ist er blind und sieht nichts mehr. Sie haben ihm sein ganzes Hab und Gut genommen.“
Als Melchthal das nebenan hört, bricht er verzweifelt zusammen. „Mein Vater!“ Er ist ent-setzt über die Brutalität der Herrscher. Stauffacher, Walter Fürst und Melchthal schwören einander Treue auf Leben und Tod. Sie beschließen, weitere Verbündete aus den Kantonen Uri, Schwyz und Unterwalden zu finden. Sie wollen gegen die Unterdrückung kämpfen.