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Märchen der Völker — Don Quixote, Märchen der Völker — Don Quixote: II. Der Ritterschlag

Märchen der Völker — Don Quixote: II. Der Ritterschlag

Zuerst machte er sich daran, eine alte Rüstung,

die von seinen Vorfahren her bestaubt

und rostig zwischen Bodenrummel lag, zu reinigen und zu putzen.

Als er jedoch dabei war, bemerkte er mit nicht geringem Schrecken,

daß der wesentlichste Teil, nämlich der Helm, fehlte.

Er kramte die Polterkammer um und um und fand schließlich eine alte Pickelhaube,

die einem gewöhnlichen Knappen gehört haben mußte.

Mit mühevoller Arbeit fabrizierte er aus diesem Ding einen würdevollen Helm,

der nun zur Hälfte aus Pappe bestand.

Tränen quollen aus seinen Augen hervor, als er bemerken mußte,

daß dieses Machwerk einem Hieb seines Schwertes nicht standhielt,

sondern in Trümmer ging.

Nach vielem Kopfzerbrechen verband er die Pappe mit Draht

und eisernen Stäbchen und erklärte jetzt diese umgearbeitete Pickelhaube

für den tüchtigsten und vollkommensten Helm der Welt.

Nun zog er die fertige Rüstung an

und suchte nach einem wohlklingenden Namen für seinen dürren Klepper,

der mehr Gebrechen hatte, als der Taler Pfennige.

Er stöberte in seinen Heldengeschichten

und fand den lieblichen Namen Rosinante für sein zukünftiges Schlachtroß.

Sich selber, als mannhaften und tapferen Ritter,

nannte er Don Quixote von la Mancha.

Nach dieser Haupt- schwierigkeit sagte er sich:

„Ein irrender Ritter ist ein Nichts ohne ritterliche Liebe.

Ich muß eine Herrin meiner Gedanken und meiner Seele finden,

für die ich kämpfen kann.“

In der Nähe seines Dorfes in einem Flecken lebte ein rotbackiges Bauernmädchen,

auf das er lange heimlich ein Auge geworfen hatte; diese war die Richtige,

er erkor sie zur Königin seines Herzens und nannte sie Dulcinea von Toboso. —

Nun hieß es nicht länger säumen,

vielmehr das kühne und großartige Vorhaben sofort ins Werk zu setzen.

Don Quixote von la Mancha griff nach Schild, Schwert und Lanze,

schwang sich auf seine Rosinante

und ritt durch die Hintertür seines Hühnerhofes ins Freie.

Unterwegs besann er sich, daß er noch einen Schildknappen brauche,

und da er gerade bei seinem Nachbarn,

einem ehrlichen Bauern mit wenig Verstand, vorbeiritt,

versuchte er, diesen für seinen Plan zu gewinnen.

Anfangs wollte Sancho Pansa, so hieß der kleine dicke Bauer,

von Rittertum und Irrfahrten nichts wissen.

Aber Don Quixote machte große Versprechungen und versicherte ihm,

daß er kurz über lang ein Königreich oder eine Insel erobern würde,

auf der Sancho Pansa als König oder Statthalter eingesetzt werden sollte.

Der gute Bauer wurde wankel- mütig und, trotz Frau und Kindern,

entschloß er sich endlich, den edlen Ritter zu begleiten.

Sancho Pansa bestieg seinen Esel,

der noch außer ihm einen wohlgefüllten Schnappsack zu tragen hatte,

und verließ still und heimlich,

ohne von seinen Angehörigen Abschied zu nehmen,

mit seinem zukünftigen Herrn und Gebieter das Dorf.

An der ersten Schenke, die am Wege lag,

sagte Don Quixote zu seinem Knappen:

„Hier wohnt ein mir bekannter, doch heruntergekommener Edelmann,

der heute das üble Geschäft eines Schankwirtes betreibt.

Ich werde ihn herausbitten,

damit er mich unter Gottes freiem Himmel zum Ritter schlägt.“

Der Wirt, eines Bauernknechtes Sohn,

fand dieses Anliegen sehr originell und zeigte sich bereit.

Er holte zwei Gänsemägde und einen Küchenjungen als Zeugen,

damit die Sache ein feierliches Aussehen bekäme;

hierauf ließ er den verrückten Ritter niederknien,

bat sich dessen Schwert aus und versetzte ihm mit der flachen Klinge

ein paar so kräftige Hiebe über die Schulter,

daß ein anderer als der standhafte Don Quixote

bei solchem Ritterschlag laut aufgeschrien hätte.

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