Hexensabbat von James Platt - 01
Die Szenerie ist eine dieser grandiosen Gebirgslandschaften, die abgesehen von der Tradition, als der Versammlungsplatz der Zauberer und Hexen wie überhaupt von jener Sorte Volkes, das die Finsternis dem Tag vorzieht, angesehen wird.
Es hätte Elias Berg, oder der Brocken, der mit Doktor Faustus verbunden wird, sein können. Es hätte der Horsel oder der Venusberg des Tannhäuser, oder der Schwarzwald sein können. Genug, es reicht zu wissen, dass es einer von diesen war.
Kein Stern erleuchtete die Gewölbe der Nacht. Nur in der Ferne waren die flackernden Lichter einer Stadt zu erkennen. Tief unten am Fuß des Berges ritt ein Ritter, dicht gefolgt von seinem Knappen. Wir nennen ihn einen Ritter, weil er sich einst im Besitz dieser Auszeichnung befand. Aber eine wilde und blutrünstige Jugend hatte seinen alten Schild zerkratzt, und das hell glänzende Ahnenschwert durch immerwährenden Gebrauch stumpf werden lassen. Schaut ihn euch an, er ist nun wenig mehr als ein Straßenräuber. Zuletzt war er von Grenze zu Grenze gewandert, ohne einen Platz zu finden, wo er und sein treuer Gefährte sich hätten ausruhen können. Alle Obrigkeiten standen bewaffnet gegen ihn. Hageck, der wilde Ritter, wurde in ganz Deutschland gesucht. Mehr Belohnung war auf seinen Kopf ausgesetzt, als sich jemals in seinen Tasche befunden hatte. Pikeniere und Pistoliere hatten seine Gefolgschaft verlassen. Keiner blieb ihm, den er sein eigen nennen konnte, außer dieses Hämpflings, der noch immer tapfer hinter dem Schwanz seines Pferdes herritt. Auch ihn beschwor der Geächtete, wenn auch unter Tränen, diesen von den Sternen und den Menschen so offensichtlich Verfluchten aufzugeben. Aber vergeblich. So protestierte der Junge, dass er kein anderes Zuhause habe, als den Schatten seines Meisters.
Sie waren ein ungleiches Paar. Der Anführer war kriegsversehrt und wettergegerbt. Seine Sündhaftigkeit hatte ihn als Lohn auf ihre ganz eigene Art gezeichnet. Der Knappe an seiner Seite war jung, schlank, und marmorbleich. Er würde mehr im Seidentross großer Damen heimisch gewesen sein, als diesen Fersen zu folgen, von denen die glitzernden Sporen längst abgerissen worden waren. Und doch, selbst die Musik der himmlischen Sphären singt in weniger süßen Harmonien als diese zwei Herzen.
Jener wilde Ritter, Hageck, hatte den Berg jetzt so weit erklommen, wie es mit vierbeinigen Reittieren möglich war. Deshalb hielt er nun sein Pferd an, stieg ab, und wandte sich an seinen Begleiter. Seine Stimme, die dereinst ganze Meutereien zu unterdrücken im Stande war, und zu seiner Zeit den Geschmack von Blut im Mund von verzweifelten Menschen versiegen ließ, klang jetzt ganz sanft.
»Es wird Zeit, dass wir uns trennen, Enno.«
»Aber Meister, Ihr sagtet doch, wir würden uns niemals trennen!«
»Lass es gut sein, Kind, hast du mich nicht verstehen? Ich hoffe, wie dein eigenes Herz, dass wir uns morgen wieder hier an dem gleichen Lagerplatz wiedertreffen. Aber ich habe dich nicht ohne Grund an so einen verfluchten Ort gebracht. Als ich sagte, wir müssten uns trennen, meinte ich, du musst dich um unsere Pferde kümmern, während ich weiter den Berg hinauf meinem Geschäft nachgehe, das du in deinem eigenen Interesse nicht mit mir teilen darfst.«
»Und ist dies eure Auslegung des Eides unserer Bruderschaft, welchen wir gemeinsam ablegten?«
»Der Eid der Bruderschaft, fürchte ich, wurde mit Wasser geschrieben. Du bist in der Tat, der einzige meiner gesamten Gefolgschaft, der das Vertrauen in mich behalten hat. Aus diesem Grund würde ich niemals zögern, deinen Hals aus der Schlinge, oder deine Glieder vom Streckrad zu befreien. Aber aus genau diesem Grund werde ich deine unsterbliche Seele nicht einer solchen Gefahr aussetzen.«
»Meine unsterbliche Seele! Ist denn dieses Geschäft, dem Ihr nachzugehen gedenkt, so unheilig? Jetzt erinnere ich mich, dass von diesem Berg zu bestimmten Jahreszeiten das Gerücht geht, von bösen Geistern heimgesucht zu werden. Meister, Ihr seid auch an den Eid gebunden, mir alles zu erzählen.«
»Du sollst alles erfahren, Enno. Wären Eide auch billiger, als sie es tatsächlich sind. Du hast es dir durch deine Treue verdient, der Beichtvater deines Freundes zu sein.«
»Freundschaft ist kein passender Name für eine Gemeinschaft wie die unsrige. Ich bin sicher, dass Ihr für mich sterben würdet. Und ich glaube, ich könnte auch für Euch sterben, Hageck.«
»Genug, du bist mir mehr als ein Bruder. Ich hatte einst einen Bruder, ganz nach der weltlichen Art … aber es war seine neidische Hand, die mich hierhin brachte, wo ich jetzt stehe. Das war lange bevor ich dich kannte, Enno, doch es versüßt mir ein wenig meinen Becher, dass, wenn er mich nicht verraten, ich dich ganz bestimmt nicht kennengelernt hätte. Dennoch wirst du zugeben, dass, seit er mich damals des Mädchens beraubte, das ich liebte, dein loyales Herz doch nur ein schlechter Ersatz ist für das, was mir das Schicksal und die Bruderliebe nahm. In Kürze: Wir liebten beide das gleiche Mädchen, aber sie hatte mich erwählt und wollte nicht die seinige werden. Sie war wunderschön, Enno … wie schön, das kann man niemals erahnen, wenn man noch nicht geliebt hat.«
»Ich habe nie eine andere Liebe gefühlt, als die, welche ich für Euch trage.«
»Ruhig, Junge, du weißt nicht, was du sprichst. Aber nun zu meiner Geschichte zurück. Eines Tages lustwandelten wir zusammen – und mein Bruder würde mich erstochen haben. Sie warf sich aber dazwischen und wurde an meiner Brust getötet.«
Er riß seine Kleidung vom Hals und zeigte einen langen verblassten Flecken auf seiner Haut.
»Die Henkersmale werden verblassen«, rief er, »ehe dies hier ausgewaschen wird. Verflucht von der eigenen Mutter, welche mich gebar, sah sie doch, dass sie ihn zuerst geboren! Der Teufel hocke mit ihm in seinen Ruhestunden, liege bei ihm in seinem Schlaf, so wie der Teufel stets bei mir saß und schlief, jeden Mittag bis zur Nacht, seitdem dies alles geschah. Gib niemals der Liebe einer Frau nach, Enno, damit du nicht die, die du liebst, verlierst, denn mit ihr verlierst du das Gleichgewicht deines Lebens.«
»Ach, Hageck, fürchte ich werde das niemals erleben.«
»Seit jenem falschen Tag, der schwärzer als jede Nacht war, weißt du besser als jeder andere, welche Art des Todes im Leben ich geführt habe. Ich hatte das gute oder schlechte Glück, mich mit anderen gebrochenen Männer wie mich zusammen zu tun, Glücksritter und Feinde der vom Glück begünstigten, du als einer unter ihnen. Rotes Blut, blutrotes Gold, das für eine Weile durch ihre Finger rann – dann drehte sich das Rad und, siehe da, meine Männer verstreuten sich in alle Winde, wie diese gerade wehten. – Ich bin ein Flüchtling, mit eine Preis auf meinem Kopf!«
»Und einem Gefährten, dem, glaubt mir, jeder Reichtum zu gering ist, um ihn zu kaufen.«
»Ein Herz wertvoller als Rubine. Wie dem auch sei, allein einem solchen kann ich meine gegenwärtigen Ansicht gestehen. Du musst wissen, dass mein Bruder ein Lehrling der magischen Künste war und einen nicht unerheblichen Ruf genoß, und mir, bevor wir uns gestritten hatten, einen kurzen Einblick in deren Mysterien gewährte. Jetzt, angesichts dessen, dass ich am Ende meiner Irrfahrt bin, habe ich diese kleine Wissen zusammengerafft, und bin entschlossen, einen verzweifelten Versuch auf diesem Berg der Verzweiflung zu beginnen. Mit einem Wort, ich beabsichtige mit meiner toten Liebsten ein letztes Gespräch zu führen, bevor ich sterbe. Der Teufel mag mir dabei helfen, und sei es aus Liebe, die er für mich in sich trägt.«
»Ihr würdet den Feind der ganzen Menschheit heraufbeschwören?«
»Ihn und keinen anderen. Aye, schaudere nicht, noch versuchen, mich davon abzubringen. Ich habe immer und immer wieder darüber nachgesonnen. Die Pforten der Hölle werden nicht fester sein als diese meine Entschlossenheit.«
»Gott möge die Hölle von Euch fern halten, wenn Ihr ihn herbeiruft!!«
»Ich fürchtete, meine wissenschaftlichen Kenntnisse wären zu elementar, um einen solche Beschwörung unter weniger als den allergünstigsten Umständen durchführen zu können. Daher unsere Reise hierher. Dieser Ort ist einer von denjenigen, wo die Parlamente des Bösen abgehalten werden, wo sich die Toten und die Lebenden auf gleicher Ebene begegnen. Diese Nacht ist die auserwählte Nacht des großen Sabbats. Ich schlage vor, dich hier mit den Pferden zurückzulassen, während ich die oberste Spitze erklimme, einen Kreis um mich ziehe, damit ich für meine Verteidigung einstehe, und mit all der Macht der unerwiderten Liebe, um die Erfüllung meines Wunsches flehe.«
»Mögen alle guten Engel mit Ihnen sein!«
»Nein, mit solchen habe ich gebrochen. Dein guter Wunsch, Enno, ist mir genug.«
»Aber haben wir im Dorf nicht das Gerede über einen Einsiedler vernommen, der sein Leben auf dem Berg verbringt aus Sühne für einige Sünden, in täglichem Gebet und Kasteiungen? Kann diese böse Gesellschaft, von der Ihr eben spracht, ihre Sitzungen an einem Ort abhalten, der von einem guten Mann im Namen des Himmels besetzt wurde?«
»Von einem Eremiten wusste ich nichts, bis wir die Stadt erreichten. Es war dann zu spät, um eine andere Wirkungsstätte zu suchen. Sollte, was du sagst, richtig sein, und dieser heilige Mann hat diesen heimgesuchten und geplagten Ort gereinigt, dann kann es mir nicht schlechter ergehen, als dass ich die Nacht mit ihm gemeinsam verbringen muss, und dann zu dir zurückkehre. Aber sollten die Praktiken der Hexen und Zauberer weitergehen wie zuvor, dann wird durch die Mächte des Bösen meine Liebste zu mir hingezogen, wo immer sie auch sei. Aye, und sei es auch der geheimsten Winkel des Himmels, an den sich Gott zum Weinen zurückzieht, und wohin auch die Erzengel sich nicht einzutreten getrauen.«
»Oooh, möge nur alles gut werden mit Euch!«
»Leb wohl, Enno, und falls ich nicht zurückkomme, so ist meine Seele doch nicht so verloren, dass du nicht ab und an ein Gebet für sie sprechen könntest, wenn Du Zeit dafür hast.«
»Ich werde Euch nicht überleben!«
Die leidenschaftlichen Worte waren für Hageck, der bereits weit außer Hörweite gestiegen war, verloren. Er vernahm nur vage, dass ihm etwas nachgerufen wurde und winkte als Antwort mit der Hand über seinen Kopf. Höher und höher stieg er. Die Zeit verging. Der Anstieg wurde schwieriger. Endlich erschöpft, aber innerlich erhöht, erreichte er den Gipfel. Dieser war von großem Umfang und sehr uneben. Das erste, was unserem Held auffiel, war die Höhle des Eremiten. Es konnte sich um nichts anderes handeln, obwohl sie mit einer Eisentür verschlossen war. Dies ist ein unerwarteter Fund, dachte Hageck bei sich selbst, als er auf die Tür mit dem Knauf seines Schwertes einhämmerte – eine Einsiedlerzelle, die in eine Festung verwandelt wurde.
»Öffnet, mein Freund«, rief er, »im Namen Gottes, oder in dem des anderen Ortes, wenn es Euch so besser gefällt.«