Als ich tot war von Vincent O'Sullivan
»Und doch wird mein Herz nicht zugeben,
dass es seine eigene Krankheit beherbergt,
die mein Leben besiegeln wird.«
– Ende gut, alles gut.
Das Schlimmste an Ravenel Hall waren die Gänge, die lang und düster waren, die Räume, die muffig und langweilig wirkten, und selbst die Gemälde erschienen dunkel und ihre Darstellungen verblasst. An Herbstabenden, wenn der Wind rauschte und durch die Bäume im Park fegte, wenn die toten Blätter pfiffen und klapperten, während der Regen an den Fenstern schrie, dann war es kein Wunder, dass Leute mit schwachen Nerven eine Verirrung ihres Verstandes fürchten mussten! Auf dem Deck einer Yacht unter sonnigem Himmel ist ein angegriffenes Nervensystem bereits eine schwere Bürde, aber in Ravenel waren die Nervenstränge viel anfälliger, zu klappern und zu klirren wie auf einem Trauermarsch. Man muss seine Nerven bei Teegesellschaften verwöhnen lassen; und ein Spukgespenst, dem dein Großvater mit einer ordentlichen Priese Port ohne zu erzittern ins Gesicht geblickt hätte, versetzt dich in deiner Nüchternheit, in Schweißausbrüche und Schaudern; oder jenes erfüllt die Erwartungen erst gar nicht, aus Angst (oh, armer Geist! ), weil deine Augen hervorquellen und dein Mund offensteht, weshalb es gar nicht erst erscheint. Also kam ich zu dem Schluss, dass es wohl der Tee war, welcher dazu führte, dass meine Geistererscheinung sich fürchtete auf Ravenel zu bleiben. Sogar Wilvern gab auf; dabei war er in der Garde und ein Polospieler, und seine Nerven sollte wirklich stark genug sein. In der Nacht, bevor er ging, erklärte ich ihm meine Theorie, dass, wenn man einige Tropfen menschlichen Blutes nahe bei sich deponiert, und man dann die Gedanken konzentriert, dann sieht man nach einer Weile einen Mann oder eine Frau, die während der langen Stunden der Nacht bei dir bleiben, und selbst bei Tag manchmal an unerwarteten Orten auf dich treffen werden. Wie ich schon sagte, ich erklärte ihm diese Theorie, als er mich mit Worten unterbrach, welche mich, sinnlos genug, auf eine Mission aussandten, mich mit Fremden zu fechten und zu parieren.
»Ich sage dir, Alistair, mein lieber Junge!«, begann er, »Sie sollten öfter von hier fort und in die Stadt gehen – und sich ein bißchen herumprügeln – das sollten Sie wirklich, wissen Sie?«
»Jaaaa«, antwortete ich, »und in den Hotels durch schlechtes Essen vergiftet werden und in den Clubs durch schlechte Gespräche, nehme ich an. Nein, danke vielmals! Und lassen Sie mich anmerken, dass Ihre Sorge um meine Gesundheit mich sehr nervt.«
»Nun, tun Sie, was Sie nicht lassen können«, erwiderte er und stampfte mit seinen Füßen auf den Boden. »Ich soll erhängt werden, wenn ich hier noch einen Tag länger bleibe. Ich werde schlicht verrückt, wenn ich es tue!«
Er war mein letzter Besucher. Einige Wochen nach seiner Abreise saß ich in der Bibliothek und meine Blutstropfen mit mir. Ich hatte meine Theorie zu diesem Zeitpunkt nahezu perfektioniert; es gab noch eine Schwierigkeit. Die Gestalt, welche ich immer vor mir sah, war die Gestalt einer alten Frau mit gescheitelten Haaren, welches ihr in langen Strähnen auf die Schultern fiel, weiß auf der einen und schwarz auf der anderen Seite. Sie war ein wirklich sehr komplettes altes Weib; aber oh jeh! sie war augenlos, und jedesmal, wenn ich versuchte, ihr Augen zu konstruieren, verschrumpelte sie und rottete vor meinen Augen dahin. Aber heute Nacht konzentrierte ich mich, konzentrierte ich mich, wie ich es noch nie zuvor getan hatte, und ganz langsam krochen die Augäpfel aus dem Kopf heraus. Auf einmal vernahm ich von draußen einen lauten Aufprall, als ob dort ein schwerer Gegenstand heruntergefallen wäre. Plötzlich flog die Tür auf und zwei Hausmädchen traten herein. Sie starrten auf den Teppich unter meinen Sessel, dann wandten sie sich totenbleich ab und riefen ›Gott‹, und drängten hinaus.
»Wie könnt ihr es wagen, meine Bibliothek auf diese Weise zu betreten?« verlangte ich streng zu wissen. Aber von ihnen kam keine Antwort zurück, so dass ich die Verfolgung aufnahm. Ich fand alle Hausangestellten in einem Haufen am Endes des Ganges versammelt.
»Mrs Pebble,« befahl ich höflich der Haushälterin, »Ich will, dass diese beiden Frauen morgen entlassen werden. Das ist ein Skandal! Sie sollten vorsichtiger sein.« Aber sie achtete meiner gar nicht. Ihr Gesicht verzog sich statt dessen vor Schrecken.
»Ah herrje, ach herrje!« rief sie. »Wir sollten besser alle gemeinsam zur Bibliothek gehen«, sagte sie zu den anderen.
»Bin ich denn nicht mehr der Herr über mein eigenes Haus, Mrs Pebble?« frug ich und schlug meine Knöchel hart auf den Tisch, dass es knallte.
Keiner von ihnen schien mich zu sehen, noch zu hören. Ich hätte genauso gut in einer Wüste herumkreischen können. Also folgte ich ihnen den Gang hinunter, und verbot ihnen energisch, die Bibliothek zu betreten.
Aber sie strömten einfach an mir vorbei, und standen in wildem Durcheinander rund um den Kaminteppich. Dann begannen drei oder vier von ihnen ein Ziehen und Heben, als ob sie einen hilflosen Körper hochhieven würden, und stolperte schließlich mit ihren imaginären Bürde zum Sofa. Der alte Soames, der Butler, blieb in der Nähe.
»Der arme junge Herr!« erwiderte er unter Schluchzen. »Ich kannte ihn, seit er ein Baby war. Und nun von ihm als an einen Toten zu denken, wo er doch noch so jung war!«
Ich durchquerte den Raum. »Was soll das alles, Soames!« rief ich, ihn grob an den Schultern schüttelnd. »Ich bin nicht tot! Ich bin hier – hier!« Doch als er sich nicht rührte, bekam ich es ein wenig mit der Angst. »Soames, alter Freund!« sagte ich. »Mach das nicht mit mir. Erkennst du den kleinen Jungen nicht, mit dem du gespielt hast? Sagen Sie nicht, dass ich tot bin, Soames, bitte, Soames!«
Er beugte sich hinüber und küsste das Sofa. »Ich denke, einer der Männer sollte zum Dorf reiten und den Arzt holen, Mr. Soames«, schlug Mrs. Pebble vor; und so schlurfte er davon, um den entsprechenden Befehl zu geben.
Nun, dieser Arzt war ein ignoranter Hund, den ich gezwungen hatte, das Haus zu verlassen, weil er meinte, seinen Glauben an einen rettenden Gott verkünden zu müssen, während er sich selbst zur gleichen Zeit als einen Mann der Wissenschaft bezeichnete. Er, dazu war ich entschlossen, sollte nie wieder über meine Schwelle treten, und so folgte ich Mrs. Pebble durch das ganze Haus und schrie dabei Verbote. Aber ich bekam weder ein Stöhnen von ihr, noch ein Kopfnicken, noch einen Blick aus den Augenwinkeln als Bestätigung, dass sie mich vernahm.
So traf ich dann an der Tür zur Bibliothek auf den Doktor. »Nun«, spottete ich und schleuderte meine Hand in sein Gesicht, »sind Sie gekommen, um mir einige neue Gebete beizubringen?«
Er strich an mir vorüber, als spüre er den Schlag nicht, und kniete neben dem Sofa nieder.
»Ein Riss in einem Blutgefäß des Gehirns, nehme ich an«, meinte er kurze Zeit später zu Soames und Mrs Pebble. »Er ist bereits seit einige Stunden tot. Armer Kerl! Es wäre wohl am besten, seiner Schwester zu telegrafieren, und ich sende derweil nach dem Bestatter, um den Körper herzurichten.«
»Lügner!« schrie ich. »Sie jammervoller Betrüger! Wie können Sie sich die Unverschämtheit herausnehmen, meinen Bediensteten zu erklären, ich sei tot, während Ich Ihnen doch hier von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehe?«
Er war schon ein ganzes Stück den Korridor hinunter, mit Soames und Mrs Pebble dicht auf den Fersen, ehe ich geendet hatte, und nicht einer der drei drehte sich zu mir um.
Während der ganzen Nacht saß ich in der Bibliothek. Seltsamerweise verspürte ich weder den Wunsch zu schlafen, noch, während der ganzen Zeit, die folgte, das Bedürfnis zu essen. Am Morgen kamen Männer herein, und obwohl ich ihnen befahl, draußen zu bleiben, verrichteten sie ihren Dienst an etwas, das ich nicht sehen konnte. So blieb ich also den ganzen Tag in der Bibliothek oder wanderten durch das Haus, und als in der Nacht darauf die Männer wiederkehrten und einen Sarg mitbrachten, da gestattet ich mir einen Scherz, meinte ich doch; es wäre sehr schade, so einen feiner Sarg leer stehen zu lassen. Also legte ich mich hinein und schlief in dieser Nacht einen sanften, traumlosen Schlaf – der friedlichste Schlaf, den ich je genossen. Als die Männer am nächsten Tag zurückkamen, blieb ich einfach still liegen, und der Bestatter rasiert mich. Was für eine seltsame Angelegenheit!
Am Abend danach ging ich treppab, denn ich bemerkte etwas Gepäck in der Halle, und so erfuhr ich von der Ankunft meiner Schwester. Ich hatte diese Frau seit ihrer Heirat nicht mehr gesehen, denn ich verabscheute sie mehr, als ich jede andere Kreatur in dieser schlecht organisierten Welt. Sie war sehr hübsch, denke ich – groß und dunkel, und gerade wie ein Rammbock – und sie besaß eine unbändige Leidenschaft für Skandale und Kleider. Ich vermute, der Grund, warum ich sie so intensiv nicht mochte, war, dass sie die Gewohnheit besaß, einem jeden ihre Gegenwart aufs Äußerste bewußt zu machen, selbst wenn sie noch mehrere Meter entfernt war. Um halb 9 Uhr erschien meine Schwester in einem sehr charmanten Wickelkleid in der Bibliothek, doch nicht lange und ich fand heraus, dass sie so unempfindlich gegenüber meiner Anwesenheit schien, wie alle anderen. Ich zitterte vor Wut dabei zusehen zu müssen, wie sie neben dem Sarg niederkniete – neben meinem Sarg; aber als sie sich niederbeugte, um das Kissen zu küssen, da verlor ich die Kontrolle.
Ein Messer, das dazu verwendet worden war, Bänder durchzuschneiden, lag noch auf einem Tisch. Ich ergriff es und fuhr ihr damit in den Hals. Sie floh schreiend aus dem Zimmer.
»Kommt, kommt hierher!« rief sie, und ihre Stimme zitterte vor Angst. »Die Leiche blutet aus der Nase.«
Da verfluchte ich sie.
Am Abend des dritten Tages herrschte starker Schneefall. Gegen elf Uhr bemerkte ich, dass sich das Haus mit schwarzgekleideten stummen Leuten aus der Grafschaft füllte, um der Trauerfeier beizuwohnen. Ich ging in die Bibliothek, setzte mich still nieder und wartete. Bald darauf kamen Männer, verschloss den Deckel des Sarges und trugen ihn auf ihren Schultern hinaus. Doch ich blieb sitzen und fühlte mich ziemlich niedergeschlagen, so als ob etwas von mir fortgenommen worden wäre. Ich war mir allerdings nicht ganz sicher, was. Für eine halbe Stunde oder so – begann ich zu träumen, träumen, und dann wandelte ich durch die Eingangstür hinaus. Es fand sich keine Spur einer Beerdigung mehr; aber nach einer Weile wurde ich eines schwarzen Fadens ansichtig, der langsam über die weiße Fläche geweht wurde.
»Ich bin nicht tot!« stöhnte ich und rieb mein Gesicht in dem reinen Schnee, dann warf ich ihn in meinen Nacken und auf das Haar. »Lieber Gott, ich bin nicht tot!«